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Die Geschichte der Mantras

Von Anna Trökes

Grundsätzlich gibt es für den Gebrauch in Yoga und Meditation hinduistische und buddhistische Mantras. Sie unterscheiden sich nur dadurch, dass sie unterschiedliche Aspekte des Bewusstseins, der göttlichen Energie oder allumfassenden Weisheit erwecken.

Mantras in der hinduistischen Tradition

Der Hinduismus ist – entgegen einem im Westen weitverbreiteten Missverständnis – keine Religion, sondern eine Zusammenschau unterschiedlicher Glau­bensrichtungen wie Shivaismus, Vishnuismus und anderen. Das, was alle diese Glaubensrichtungen eint, ist die Ansicht, dass es jenseits unserer Welt der Phä­nomene etwas gibt, was alles durchdringt und damit zusammenhält: Das ist das Absolute, das Eine, auch Brahman genannt.

Dieses Eine zeigt sich in der äußeren Welt als eine unüberschaubare Vielfalt, symbolisiert durch die unüberschaubare Vielfalt der indischen Götterwelt. Die Vielfalt macht es möglich, dass jeder Mensch in ihr irgendetwas findet, was ihn persönlich anspricht und berührt. Aus diesem Berührtsein heraus wird – so sagen die Inder – die Erfahrung des Göttlichen möglich.

Dementsprechend wurden unzählig viele Mantras erschaffen, deren Zweck nur darin besteht, die Menschen zu berühren und ihnen den Zugang zu dem Einen, das hinter all der Vielfalt steht, zu eröffnen. Alle Menschen, die dem Hinduis­mus verbunden sind, glauben, dass durch die spezielle Schwingung eines Man­tras genau der Aspekt des großen Ganzen erfahren werden kann, der einen Menschen dazu bringt, sich mit der Schwingung des Einen, des Brahman, zu verbinden. Sie glauben, dass dadurch die individuelle mit der absoluten (oder kosmischen) Seele in Einklang kommt und der Mensch die Einheit mit Brah­man erfahren kann.

Im Buddhismus wurde dieser Gedanke noch wesentlich erweitert durch den sehr speziellen Gebrauch von Ritualen und Visualisierungen von Buddhas während der Mantra-Rezitation, in der Mantras lediglich ein Bestandteil der Übungspraxis sind.

Mantras: Ursprung in den Veden

Die Veden (veda = Wissen) sind die ältesten überlieferten Zeugnisse indischer Spiritualität. Zur Zeit ihrer Entstehung ab etwa 1500 v. Chr. wurden die teilweise äußerst umfangreichen Sammlungen spirituellen Wissens ausschließlich münd­lich überliefert, und zwar hauptsächlich in Form der sogenannten „Vedischen Gesänge“. Die Mantras sind Teile der Veden in Form von Anrufungen und Gebeten, die die Rituale und Opfer, die zu dieser Zeit üblich waren, begleiteten. Jedes Mantra besaß in der Weltsicht der Inder die Kraft, den Menschen mit bestimmten Aspekten des Göttlichen in Beziehung zu setzen, sofern man sie richtig auszusprechen und passend einzusetzen wusste.

Da man annahm, dass nur durch die passende Anrufung der Kontakt zwischen Göttern und Menschen vermittelt werden könne, wurde das Wissen um den richtigen Wortlaut und die korrekte Aussprache von den Priestern (Brahmanen) als Geheimlehre gehütet. Das berühmteste Mantra der Veden ist das Gayatri-Mantra, das das äußere Licht, das Sonnenlicht, als Widerspiegelung unseres inneren Lichtes preist.

Der Gebrauch der Mantras in den Upanishaden

Die Upanishaden entstanden am Ende der vedischen Zeit ab ca. 600 v. Chr. Ge­nau wie die Veden gelten auch sie als geoffenbartes Wissen, das bis heute als ewig gültig, zeitlos und unzerstörbar – und damit auch als nicht hinterfragbar – angesehen wird. Die Upanishaden sind Weisheitsschriften, die den Menschen helfen sollen, ihren innersten Wesenskern zu erkennen. Die tiefsten Erkenntnis­se der Upanishaden wurden in sogenannten „bedeutenden Lehrsätzen“ (maha­vakyas) zusammengefasst. Das bekannteste Mahavakya ist „Tat tvam asi – Das bist du“. Tat (das) bezeichnet das Absolute, das vollkommene und grenzenlose allumfassende Bewusstsein, die kosmische Seele, und tvam asi bezeichnet den Menschen, sein individuelles Bewusstsein und seine individuelle Seele. Dieser Satz soll wie ein Mantra unablässig gemurmelt werden, bis der Geist des Übenden völlig von dieser Aussage durchdrungen ist und das Verstehen aufleuchtet, dass das Absolute und jeder einzelne Mensch nur ein unterschiedlicher Ausdruck der einen Wahrheit und der einen Wirklichkeit sind. Das Mahavakya in Form eines Mantras ermöglicht dem Übenden die Erfahrung von advaita, der Nicht-Zweiheit, und damit der Einheit.

Auch die Bedeutung und der Gebrauch des wohl berühmtesten Mantras OM wurden zum ersten Mal in den Upanishaden dargelegt; ja, man könnte sogar sagen, dass in ihnen die „Wissenschaft des Urklangs OM“ begründet wurde, die bis heute gültig ist.


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Die Entfaltung der Mantra-Wissenschaft im Tantrismus

Der Tantrismus entstand ab etwa 600 n. Chr. vor allem in Kaschmir. Seine Weltsicht wurde die Grundlage für viele Lehrtraditionen des Yoga, zum Beispiel für den Hatha Yoga. Die tantrische Weltsicht besagt, dass am Beginn allen Seins die göttliche Schöpfungskraft (Shakti) zuerst einen Klang erschuf, aus dem heraus sich dann alles andere entfaltete. Viele tantrische Schulen sagen deswegen, dass die Welt im Grunde Klang und Schwingung ist und dass wir uns in der Erfahrung des Klangs mit dem Pulsieren und Schwingen verbinden können, das auch nach aktuellen physikalischen Erkenntnissen der Urgrund aller Materie ist. Im Tantrismus geht es dabei weniger um den äußeren Klang, der von Instrumenten oder Stimmen erschaffen wird, als vielmehr um die Erfahrung des inneren Klangs, der im ständigen Pulsieren der Energie im Raum immer da ist. Folgerichtig will man bei den tantrischen Mantras nicht so sehr etwas oder jemanden anrufen. Als wichtig gilt vielmehr, über das Nach-innen-Lauschen zu erfahren, wie etwas im Inneren schwingt.

Im Tantrismus hat jeder Aspekt des Göttlichen eine ihm eigene Schwingung. Diese kann mittels verschiedener „Keimsilben“ (Bija-Mantras) – zum Beispiel durch das Tönen der Silben hrim, ham, hum – spürbar gemacht werden. Jede Silbe „erweckt“ eine andere Schwingungserfahrung und damit eine jeweils spezielle energetische Stimmung in uns. Manche Silben schwingen ganz fein (wie hrim), andere sind eher dicht (wie hum).

Im Tantra werden jeder Gottheit ganz bestimmte Mantras zugeordnet, von denen es heißt, dass sie die Energie des jeweiligen Aspekts des einen großen Gött­lichen (Brahman) in uns zum Schwingen und damit zur Entfaltung bringen. So verbindet man sich sowohl tönend als auch lauschend ganz tief mit der Kraft – der Shakti – des Göttlichen und wird zum Gefäß beziehungsweise Instrument, über das sich die göttliche Energie auszudrücken vermag.

Die buddhistische Tradition

Nachdem der Buddha Shakyamuni im 5. Jahrhundert v. Chr. Erleuchtung erlangt hatte, predigte er den Weg zur Befreiung aus dem Leiden, ba­sierend auf den vier edlen Wahrheiten:

1. Leben ist dem Leiden unterworfen.

2. Die Ursachen des Leidens sind die Geistesgifte wie Gier, Hass und Unwissenheit.

3. Die Befreiung aus dem Leiden ist möglich: Wenn die Geistesgifte überwunden werden, erlöschen die Ursachen des Leidens.

4. Dies geschieht, wenn man einen spirituellen Weg geht, der auf einem Geistestraining beruht, dessen Grundlage der „edle achtgliedrige Pfad“ mit Anweisungen zum rechten Denken und Handeln ist.

Buddhas Lehren wurden auf der Grundlage der mündlichen Überlieferung sei­ner Schüler etwa 100 Jahre nach seinem Tod im Pali-Kanon und erst viel später in Sanskrit aufgezeichnet. Sie verbreiteten sich in ganz Asien. Der Theravada­Buddhismus (heute besonders in Sri Lanka, Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha präsent), der auf dem Pali-Kanon basiert, ist die älteste buddhistische Schule. Sie kennt keine Mantras, dafür jedoch die Textrezitation.

Mantras im tantrischen Buddhismus

Ihren Einzug in die buddhistische Praxis hielten Mantras erst etwa 1200 Jahre nach Buddhas Tod. Anfang des 7. Jahrhunderts beginnt die Entwicklung des tantrischen Buddhismus, der wesentliche Anregungen vom indischen Tantris­mus erhielt und sich bis heute zu einem komplexen System (dem Mantrayana) weiterentwickelt hat.

Eine reiche Bilderwelt entfaltete sich über Jahrhunderte, vor allem in Tibet. Ver­schiedenen Buddhas werden spezielle Attribute und Energien sowie Mandalas zugeordnet, in deren Zentrum sie wohnen. Jeder Buddha oder Bodhisattva ebenso wie jede tantrische Gottheit erhält ein eigenes Mantra und meist auch eine Keimsilbe (Bija). Wer sie singt oder rezitiert, verbindet sich direkt mit erleuchteten Qualitäten und holt deren Kraft und Inspiration ins Leben. Einen Höhepunkt hatte diese Entwicklung im 8. Jahrhundert, als der sa­genumwobene Padmasambhava – ein tantrischer Lehrer, Autor des berühmten Tibetischen Totenbuchs ­– zusammen mit indischen Gelehrten den Buddhismus in Tibet etablierte. Es entsteht der Vajrayana-Buddhismus, auch Mantrayana genannt, das sogenannte Diamantfahrzeug, in dem die Mantra-Rezitation einen hohen Rang einnimmt.

Über die Jahrhunderte bis zur Gegenwart verbreiteten sich buddhistische Man­tras in Asien. Sie wurden und werden musikalisch immer wieder neu interpretiert oder heute filmisch gestaltet, damit sie moderne Menschen ansprechen und inspirieren.