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Interview: Meditation im Fokus der Neurobiologie
Bild: istockphoto.com, Foto Britta Hölzel: M. Stobrawe

Interview: Meditation im Fokus der Neurobiologie

Von Kristin Rübesamen

In den letzten 20 Jahren hat sich eine ungeahnte Allianz gebildet zwischen Neurowissenschaftlern und Buddhisten, die beide mit unterschiedlichen Mitteln dasselbe Ziel verfolgen: Wie können wir unseren Geist so schulen, dass wir mit mehr Aufmerksamkeit, ohne ständig abgelenkt zu werden, ans Werk gehen?

Die Beziehung zwischen beiden „Schulen” oder „Disziplinen” war keine Liebe auf den ersten Blick. Während die Buddhisten von „Leid“ sprachen, forschten die Neurobiologen nach „habituellen Denkmustern“. In einem 2005 erstmalig stattfindenden Dialog zwischen Wolf Singer, dem international bekannten Hirnforscher, und Matthieu Ricard, Molecularbiologe und buddhistischer Mönch, wurde dabei der entscheidende Gedanke formuliert: Es genügt nicht, darüber nachzudenken, wie der Geist funktioniert, so wie es Freud getan hat, sondern wir müssen herausfinden, wie wir unser Bewusstsein trainieren können, um uns von den „mentalen Kettenreaktionen“ (Ricard) befreien können, die uns davon abhalten, glücklich zu sein. Die Hirnforschung soll dabei die Brücke schlagen zwischen kontemplativen (östlichen) und wissenschaftlichen (westlichen) Erkenntnismethoden und Beweise für die Wirksamkeit von Meditation vorlegen. Nicht schlecht, wenn diejenigen, die dabei helfen, wissen, wovon sie reden, fanden wir und baten eine der führenden Achtsamkeitsforscher Deutschland, Dr.Britta Hölzel, um ein Interview.

Britta Hölzel wollte schon als Schülerin nach Indien und ging nach dem Abitur in einen Ashram, um dort zu lernen, wie man meditiert. Was mit unserem Geist genau passiert, wenn wir still werden, erforschte sie seitdem an der Harvard Medical School in Boston, an der Berliner Charite und zur Zeit an der TU München.

YogaEasy: Wann saßen Sie zuletzt ganz still und wie lange?

Dr. Britta Hölzel: Gestern Abend für eine halbe Stunde.

Fersensitz oder Schneidersitz?

Im Grunde kann man in jeder Haltung achtsam sein. Aber ein aufrechter Sitz kann helfen, weil er die Wachheit des Geistes unterstützt und eine gute Durchblutung und Entspannung ermöglicht.

Wie schwer ist Ihnen gefallen, still zu werden?

Ich bemühe mich gar nicht primär darum, still zu werden. Ich versuche, mein Erleben im Hier und Jetzt bewusst und nicht-verurteilend wahrzunehmen. Dann wird es oft von selbst stiller.

Früher ging man zum Meditieren ins Kloster, heute gibt es Achtsamkeitsseminare an jeder Ecke. Wie unterscheidet sich MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) vom einfachen Stillsitzen?

Es geht vor allem um die innere Haltung, mit der wir unserem Erleben begegnen. Sie kennzeichnet sich durch eine offene, neugierige, mitfühlende und nicht-verurteilende Haltung. Mit dieser Haltung begegnen wir dem, was wir im jetzigen Moment erleben.

Jon Kabat-Zinn, der Gründer dieser Methode, sagt: „Achtsamkeit beinhaltet, aufmerksam zu sein, bewusst im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu bewerten“. Wie hilft das „Nicht werten“ gegen Stress?

Ob wir etwas als "stressig" empfinden, kommt zum großen Teil auf die innere Einschätzung der Situation an. Oft erschaffen wir uns selbst zusätzlichen Stress, weil wir Dinge anders haben wollen, als sie gerade sind. Eine nicht-wertende Haltung hilft uns dabei, die Perspektive zu erweitern und neue Handlungsmöglichkeiten zu finden.

Wie lässt sich diese Hypothese eines Buddhisten neurowissenschaftlich belegen?

Die Forschung hat gezeigt, dass wir unter Stress weniger kreative Lösungen finden, sondern auf gewohnte Pfade zurückgreifen. Dafür gibt es auch neurowissenschaftliche Anhaltspunkte.

Die psychologische Forschung beschreibt, dass wir verschiedene Optionen haben, Informationen zu verarbeiten, und entsprechend unterschiedlich Situationen bewerten. Wenn wir bei der Informationsverarbeitung den längeren Weg über den Kortex nehmen, haben wir eine Chance, automatische Muster zu verändern. Klingt fürchterlich anstrengend, was ist falsch an Routine?

Routine ist in vielen Situationen sinnvoll, aber manchmal schleifen sich Verhaltensweisen ein, die nicht mehr die besten für uns sind.

In einem berühmten Experiment, für das 2008 an der Universität von Wisconsin von tibetischen Mönchen eine Kernspinntomografie des Gehirns gemacht wurde, hat man herausgefunden, dass Meditation tatsächlich die Hirnaktivierungen ändern kann. Was konnte man da im Detail sehen?

Antoine Lutz und seine Kollegen haben sich die Hirnaktivierung von Mönchen angesehen, die im Scanner eine Mitgefühls-Meditation praktiziert haben. Dabei wurden ihnen Klänge von leidenden Menschen vorgespielt. Bei den Mönchen sah man höhere Aktivierungen in Hirnregionen, die fürs Mitfühlen wesentlich sind.

Damals variierten die Scans je nach Meditationspraxis. Weiß man mittlerweile, wie lange man mindestens sitzen muss, um etwas zu ändern?


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Es gibt dazu kaum systematische Studien. Und natürlich kommt es darauf an, was man ändern möchte. Viele Achtsamkeitsprogramme sind 8 Wochen lang und im Anschluss daran lassen sich viele positive Effekte im Befinden und neurowissenschaftliche Veränderungen zeigen. Es gibt aber auch Studien, die Veränderungen schon nach wenigen Stunden Praxis zeigen können.

Sie selbst waren für Forschungsprojekte zum Thema Meditation an der Harvard Medical School in Boston. Um was ging es?

In unserer Arbeitsgruppe haben wir Kernspintomographie-Studien durchgeführt, um den Einfluss der Achtsamkeitsmeditation auf die Struktur und die Funktionsweise des Gehirns zu untersuchen. Wir haben unter anderem gefunden, dass eine Teilnahme am 8-wöchigen Mindfulness-Based Stress Reduction  Kurs zu Veränderungen in der Dichte der grauen Substanz im Gehirn führt, sowie bei Angstpatienten zu Veränderungen in der Hirnaktivierung während der Emotionsregulation. Meine Kollegen beschäftigen sich dort unter anderem mit den Fragen, wie Achtsamkeitspraxis die Verarbeitung von Schmerzerleben im Gehirn beeinflusst, und wie ältere Menschen von der Praxis profitieren können.

Alle Informationen über Britta Hölzel und ihre Bücher, darunter auch das jüngste, „Achtsamkeit mitten im Leben”, findest du unter hier. Hier gibt es mehr Informationen zu Kursen von Britta Hölzel. 

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