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Bild: shutterstock.com

Tausendmal geübt: Vorsicht bei Hüftöffnern

Von Kristin Rübesamen

Theoretisch wissen wir es alle: Yoga ist in erster Linie eine Technik, um Körper und Geist zusammenzubringen, und kein Leistungssport. Wer mit Leistungsdruck übt, gefährdet seine Gesundheit, strapaziert seine Gelenke und erreicht das Gegenteil von dem, was mit Yoga eigentlich erzielt werden soll. Gerade Yogis, die schon länger üben, fühlen sich pauschalen Ratschlägen aber überlegen. Falscher Ehrgeiz? Ich doch nicht.

Instagram- und Promi-Yogi Kino MacGregor

Gerade sorgte eine Verletzung der US-amerikanischen Ashtanga-Yoga-Lehrerin Kino MacGregor im Netz für Diskussion. Kino, eine begnadete Lehrerin, ist nicht nur mit einem unglaublich starken und flexiblen Körper gesegnet, sondern auch mit einem großen Talent, diesen Körper in den Social Media zu präsentieren. Ihre akute Verletzung jedenfalls nahm sie zum Anlass, ihren Followern einerseits den Prozess der Heilung darzustellen, andererseits die tieferliegenden Ursachen der Verletzung komplett zu ignorieren. Wir sind irritiert. Aber der Reihe nach.

 

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Was ist die Hüfte?

Zunächst die Anatomie. Beginnen wir mit dem Hüftgelenk: Es ist wie das Schultergelenk ein Kugelgelenk und kann sich dreidimensional bewegen. Der Hüftkopf liegt in der Hüftpfanne des Beckens. Gegen ein Auskugeln ist das Hüftgelenk durch sehr starke Bänder gesichert. Sowohl Hüftkopf als auch Hüftpfanne sind von einer dicken Knorpelschicht überzogen. Die Gelenkflüssigkeit, die Gelenkschleimhaut bildet, sorgt dafür, dass die Gelenke gut „geschmiert werden“. Am Ende des Oberschenkelhalses setzen zwei große Muskelgruppen an, der Trochanter Major und der Trochanter Minor, die für die Beweglichkeit des Beckens sorgen. Das klingt alles sehr vernünftig. Warum wollen wir Yogis dieses Konstrukt, von uns als „Hüfte“ bezeichnet, nun unbedingt öffnen? Dafür gibt es mehrere Gründe.

Warum wollen wir im Yoga die Hüfte öffnen?

  • Weil unser Lebensstil uns zwingt, auf Stühlen zu sitzen und daher unsere gesamte Rumpfmuskulatur zu Verspannung und Verkürzung neigt. Dazu dann noch Marathon-Jogging, und fertig sind die Rückenschmerzen.
  • Weil wir aus Erfahrung wissen, wie gut sich eine hüftöffnende Praxis anfühlt. Die Mobilisierung der Hüfte hilft der Verdauung, unserem Schlaf und auch der Durchblutung unserer Sexualorgane.
  • Was auch immer es ist, das darüberhinausgehend in diesem wohlgeordneten Chaos an Bändern, Gelenken, Knochen und entscheidenden Organen sitzt: Es scheint uns gutzutun, Bewegung und Weite hineinzubringen.
  • Um schnell etwas zu fühlen, gehen wir, sobald es um Hüftöffnungen geht, in der Regel in die Außenrotation und drehen die Oberschenkel nach außen, wie im Krieger 2, dem Seitwinkel, der Taube, allen Lotushaltungen etc. Topseller unter den gefühlsverstärkenden Hüftöffnern ist alles, was den Hüftbeugemuskel Psoas major dehnt, der die Vorder-und Rückseite des Körpers, oben und unten verbindet. Daran ist, solange diese Haltungen mit Sorgfalt geübt werden, nichts verkehrt. Eine sanfte Dehnung wirkt in der Tat wohltuend. Wer tatsächlich dem Kugelgelenk Rechnung tragen will, sollte zwischen Innen- und Außenrotation die Balance halten.
  • Hüftöffnungen sind schwierig, sehen oft extrem aus und beziehen auch daher ihren elitären Status. Sie sind so was wie der Porsche unter den Asanas.

Die Hüfte aus yogischer Sicht: Ein Sammelbecken an Bändern & esoterischem Quatsch (obwohl...)

Für die Überdehnung und Überbeanspruchung ist sowohl die spirituelle Überfrachtung dieser Region als auch unsere Sucht, immer mehr und tiefer zu spüren, verantwortlich. In der typischen Mischung aus esoterischer Wichtigtuerei und anatomischer Ignoranz wird die Hüfte sogar als „Friedhof begrabener Emotionen“ bezeichnet (mein Favorit). Wenn das kein Grund für brutale Hüftübungen ist? Also quälen wir uns in endlosen Hüftöffnern, die besonders die große Menge an Yogis, die keine Vergangenheit im klassischen Ballett hinter sich hat, garantiert zur Verzweiflung bringen kann.

Während die Fee neben uns in den Spagat sinkt, mühelos und mit einem leicht abwesenden Lächeln im Gesicht, haben wir bereits Mühe, mit dem hinteren Knie aufgebettet das vordere Bein auszustrecken, ohne schreiend davon zu laufen. Gut, wenn dann der Lehrer kommt und uns ordentlich hinunterdrückt! Wer will schon zum Totengräber seiner Emotionen werden?

Andrerseits: Was ist falsch daran, sein Bewusstsein während bestimmter Asanas auf Gefühle zu lenken und mittels physischer Anstrengung nicht nur körperliche, sondern auch emotionale Knoten zu lösen. Was so abstrakt klingt, funktioniert, deshalb machen wir es. Warum nicht bei Hüftöffnern die jüngste schiefgelaufene Beziehung friedlich „bestatten”. Gehört das Thema nicht genau in diese Region? Es sollte nur nicht übertrieben werden. Also zurück zur Anatomie.

Yoga gegen existierende Hüftschmerzen

Als Yogis interessiert uns die Prophylaxe. Wir wollen bis ins hohe Alter gesund und unabhängig leben, uns selbst die Schuhe zubinden können und zu Fuß Treppen steigen. Hüftgelenksschmerzen können so stark sein, dass sie unsere Bewegungsfreiheit stark einschränken. Wir können nicht mehr in die Hocke gehen, können unser Bein nicht zur Seite spreizen und haben sogar Beschwerden beim Gehen.

Nur die wenigsten Schmerzen in der Hüfte rühren tatsächlich von einem kaputten Hüftgelenk her, sondern sind vielmehr Schmerzen, die aus verspannte Hüftmuskeln oder dem Bindegewebe kommen. Morgens, wenn die Hüfte steif ist, melden sich die Hüftmuskel mit einem dumpf bohrenden Schmerz, der durch Bewegung und Wärme geringer wird und ganz verschwinden kann.

Viele können Schmerzen außen an der Hüfte ganz punktuell lokalisieren. Oft haben sich die Muskelansätze am großen Trochanter verspannt. Oder aber die Schmerzen ziehen ins Gesäß, kommen also weiter hinten, sitzen aber ebenfalls außen an der Hüfte. Was zieht, sind die Ansätze der Bein-Außenrotatoren. Hüft-Bindegewebsschmerzen wiederum sind großflächiger, mehr beidseitig als einseitig und können nicht genau lokalisiert werden. Hüftgelenkschmerzen wiederum besitzen eine stechende Qualität und melden sich aus der Leiste.

Fazit: Beweglichkeit in der Hüfte ist gut, eine Bindegewebsschwäche nicht

Wir öffnen unsere Hüften, um die Beweglichkeit in der gesamten Region zu erhalten oder wiederherzustellen. Tun wir das nicht, kann aus langanhaltenden Verspannungen eine Hüftgelenksarthrose entstehen, die zunächst den Knorpel und später die Knochen angreift. Sanfte Mobilisierung tut also gut.

Unser Bindegewebe aber wollen wir nicht unbedingt „dehnen“. Es ist ein zentraler Teil unserer Bewegungsapparats und übernimmt eine wichtige Stützfunktion. Die Festigkeit des Bindegewebes hängt von der Zusammensetzung der Interzellularsubstanz und damit letztlich vom Stoffwechsel ab. Haben wir zum Beispiel zu wenig Kieselsäure, fehlt es an Festigkeit und Elastizität des Bindegewebes, was zu lockeren Gelenken und sogar so einer Skoliose führen kann (einen Mangel an Kieselerde oder auch Kalziummangel kann man gut mit Schüsslersalzen in den Griff bekommen).

Extreme Praxis und Snapchat

Kino MacGregor hat uns alle teilhaben lassen an ihrer Verletzung: War es nun eine Funktionsstörung des Iliosakralgelenks oder doch nur eine Entzündung des Schleimbeutels in der Hüfte? Während sie den Heilungsprozess auf Snapchat veröffentlichte, zeigte sie auf Instagram Fotos von sich in einem Spagat, bei dem der Öffnungsgrad zwischen den Beinen größer als 180 Grad ist.

Zu unserer Sympathie für die charismatische Lehrerin gesellte sich irgendwann etwas Irritation. Denn in all der Offenbarungsflut wurde eine potenzielle Verletzungsursache nicht mal in Erwägung gezogen: Kinos „Hardcore“-Praxis und der dahinter liegende Teufelskreis. Ob es nun die Darstellungsfreude der Lehrerin (anders gesagt: ihr Narzissmus) war, der sie zum Zwecke der Veröffentlichung zu immer schwierigeren Asanas trieb, oder aber ihre Fans, die das von ihr erwarten, bleibt offen.

Möglicherweise ist es die nackte materialistische Not, die von Yogalehrern in den USA dieses Social-Media-Marketing verlangt, wenn sie auf dem Yogamarkt überleben wollen, möglicherweise nur Eitelkeit oder Gier. Diese Art von Marketing finden wir in Deutschland, ohne uns als Moralapostel aufzuspielen, jedenfalls befremdlich. Noch.

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