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Die Vorteile einer sanften Yogapraxis

Weniger ist mehr: Vorteile von sanftem Yoga

Von Birgit Feliz Carrasco

Yoga und unsere Gesellschaftsnormen

Betrachten wir die letzten 20 Jahre unserer Gesellschaftsform, so sind zwei Entwicklungsströme auffallend: Zunehmender Leistungsdruck sowie die Beschleunigungen von Arbeits-, Kommunikations- und Lebensweisen einerseits, gleichzeitig die Entstehung facettenreicher Angebote von Entschleunigungs- und Selbstfindungsmethoden. Zu letzterem gehören auch Yoga und Meditation. Es scheint, als wäre die heutige Popularität von Yoga und seine Renaissance eine Folge der beschleunigten und leistungsgeprägten Lebensweise des modernen Menschen.

Aber wie das Gewohnheitstier Mensch nun mal so ist: Einmal auf etwas geprägt, kommt er nur schwer wieder davon los. Und so ist es auch mit Leistungsdenken, Leistungsanspruch an sich selbst und dem Ehrgeiz, stets das Höchste erreichen zu wollen. Und so übertragen viele YogiNis diese übernommenen Formen - vermutlich unbewusst - auf ihre Yoga-Praxis, die ja eigentlich der Ruhe, Entschleunigung und Einheitsfindung dienlich sein sollte.

Hier eine wunderbare Yin Yoga-Sequenz von Wanda Badwal, die dir hilft, wirkliche Entschleunigung zu erfahren: 

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Ist die Yogaszene eine Leistungsszene?

Neben vielen motivierend und achtsam vermittelten Yoga-Richtungen, gibt es nicht wenige Stile, Yogalehrende und Gurus, deren Maxime „schneller, höher, weiter“ zu sein scheint. Ich habe europäische und indische Yogis erlebt, deren Ego und akrobatischer Selbstdarstellungsdrang enorm groß ist. Ich frage mich, ob hier die Balance zwischen Körper und Verstand nicht auf der Strecke bleibt? Und welche Ideale vermittelt so ein leistungsorientierter Yogaunterricht den KursteilnehmerInnen? Haben diese LehrerInnen vergessen, dass der Weg des Yoga ein Weg der Ego-Minimierung statt Ego-Maximierung ist? Denn im Grunde wird hier das klassische dualistische Bewertungssystem zwischen gut und schlecht - im Sinne von „Schau mal! Ich bin besser als du!?" - vermittelt. 

Wo liegt dann der Unterschied zwischen Yoga und Leistungssport oder Leistungsdruck aus der Arbeitswelt?  Wird es demnächst auch Yoga-Burnout-Fälle geben?


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Back to the roots - zurück zu den yogischen Wurzeln

Patanjali lehrte uns in seinem „Yoga Sutra“ das philosophische Konzept des Yoga, mit dem alte Prägungen gemindert und der Mensch sich selbst in seinen Wesen verfeinern, klären und sich seinem reinen, bewertungsfreien und bescheidenen Herzen näher zu bringen vermag. Grundlegend sind dabei die Yama und Niyama: Jeder, der Yoga liebt und im Sinne des Yoga leben und handeln möchte, hat mit diesen Verhaltensregeln für den Umgang mit den Umwelt und sich selbst ein pragmatisches Rüstzeug für Lebensstil und Yoga-Praxis - denn darin sind die Wurzeln der Menschlichkeit beschrieben. Und die sind eben nicht verstandsbetont, nicht egohaft und nicht ehrgeizig.

Wer Yoga ernst nimmt, strebt nach Höherem - damit ist  jedoch nicht die Beherrschung akrobatischer Asana gemeint. Auch das sportliche, ehrgeizige Dauertraining ist damit nicht gemeint, das neuerdings in Form von „Yoga-Triathlon”-Angeboten und ähnlichem vermittelt wird, sondern das Streben nach höherem Bewusstsein, nach allumfassender Erkenntnis, das Erwachen aus der Ego-Verstrickung. Die Praxis von Asana allein wird uns diesem Ausgang des Yoga-Pfades nicht näher bringen, denn auch wenn jemand auf der Yogamatte exzellente und ausdauernde Akrobatik vollführen kann, sich jedoch außerhalb des Yogastudios gänzlich unyogisch verhält, ist die Unterjochung des Körpers eben nur das und hat mit Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber als Kern der Yogalehre wenig gemein.

„Yoga zu üben bedeutet, eine passende Anstrengung auf uns zu nehmen, um uns dem Ziel, dem Zustand des Yoga zu nähern, diesen Zustand zu erreichen und diesen Zustand aufrechtzuerhalten.“

 

Patanjali, Yoga-Sutra 1.13

Auch Yogameister Krishnamacharya (1888-1989) empfahl bezüglich der Asana-Praxis seinen Yogaschülern eine dem individuellen Körper angepasste Übungspraxis - wohlwissend, dass unpassende Asanas dem Organismus mehr schaden als nutzen. Ein bisschen mehr „Back to the roots“ wäre empfehlenswert für die moderne Yogaszene, eine Förderung des natürlichen Selbstgefühls wünschenswerter als die Vermittlung narzisstischer Ego-Herrlichkeit.
 

„Yoga (Asana-Praxis) muss sich dem Menschen anpassen und nicht der Mensch dem Yoga“

Krishnamacharya
 

Wer Gelegenheit hat, sich mit älteren Yoga-Gurus und über lange Zeit Körperyoga-Lehrenden zu unterhalten, wird erstaunt sein, dass nicht wenige von Abnutzungssymptomen oder sogar chronische Schmerzen (zum Beispiel in den Gelenken der Ellbogen, Hüften oder Knie) berichten, die aus überfordernder Hatha-Praxis entstanden sind - genau wie ehemalige Leistungssportler. 

Finde heraus, wer du bist – finde heraus, was du brauchst

Nicht jeder Tag ist gleich und so ist auch dein Körper nicht jeden Tag gleich leistungsfähig – weder im Alltag noch in der Freizeit. Lange heiße Sommer etwa machen fühlbar, dass unsere Körper keine Maschinen sind, die unablässig funktionieren können. Und so sollte auch deine Yogapraxis nicht das Ziel haben deinen Körper stetig weiter „hochzutunen” - wie einen Motor. Und wenn du nicht weißt, was dein Körper sich wünscht, um gesund und um als ein ganzheitliches Wesen zufrieden zu sein, probiere und fördere dich durch kleine Yogasessions ohne Akrobatik und Ego-maximierenden Ehrgeiz.

Übe zum Beispiel diese ruhige Morgensequenz mit Anna Trökes:

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10 Tipps, wie du dein Leben und dein Yoga yogisch gestalten kannst

  1. Probiere verschiedene Kurse, Stile und Lehrende aus und entscheide nach deinem Gefühl, welche Yogaform zu dir passt – egal ob du Anfänger oder bereits geübt bist.
  2. Erspüre für dich, welcher Zeitrahmen und welche Frequenz für deine Yogapraxis passend und ohne Leistungsdruck ist. Einmal wöchentlich, dreimal oder täglich ein bisschen?
  3. Kombiniere Yogakurse mit eigener Praxis zu Hause, z.B. mit Videoanleitung, so dass der Gang ins Yogastudio keinen Stress für dich bedeutet und du eine heimische Alternative hast, die du - im Gegensatz zur Teilnahme in einer Yogaklasse - jederzeit beenden kannst.
  4. Passe deine Yogapraxis deinem Charakter an. Bist du ein Typ für feste Termine oder benötigst du Flexibilität?  Eher faul? Dann feste Termine. Gut strukturiert? Dann kannst du deine Yoga-Dates flexibel gestalten, da du dich ja selbst datest.
  5. Aufwärmende Übungen, Lockerungen der Muskeln und Gelenke gehören zu jeder qualitativ hochwertigen Yoga-Stunde – für Anfänger und Geübte. Dies bedeutet, dass zum Beginn der Yoga-Sessions nicht gleich Asanas positioniert werden, sondern durchaus Fußübungen, Nacken- und Schulterlockerungen und sanfte Dehnungen des Rückens sowie der Wirbelsäulen praktiziert werden müssen. Das ist gelebter Respekt gegenüber deinem Körper.
  6. Übe Asanas Basis-Übungen. Positionen wie Berg, Hund, Katze, Krokodil, Dreieck, Kniekuss sitzend und stehend, Baum sowie Schulterstand sind essentiell für die Gesundheit deines Körper und vereinen generell alle Heilwirkungen des Hatha-Yoga in sich. Diese Basis-Übungen solltest du beständig und gegebenenfalls in Varianten praktizieren. Je akrobatischer Yoga-Positionen werden, desto weniger spezifische Heilwirkungen kommen hinzu, die die Basis-Übungen deinem Körper auf profunde und achtsame Art sowieso schenken.
  7. Saubere und sichere Ausführung der Basis-Asanas sind das Fundament für Flows, also fließende Yoga-Bewegungen und Vinyasas. Diese Stile solltest du nur dann praktizieren, wenn die Basis-Übungen beherrscht werden. Flows entsprechen zwar unserem schnelllebigen und rhythmischen Bewegungsdrang, bergen jedoch die Gefahr der inkorrekten Ausführung einzelner Positionen mit entsprechendem Abnutzungs- und Verletzungspotenzial.
  8. Was andere können ist egal. Auf der Yogamatte geht es nur um dich, deinen Körper, deinen Geist und dein Wohlgefühl. Lass dich nicht von der Gruppendynamik oder der Matten-Nachbarin (die alles kann) verwirren.
  9. Strebe mit Bedacht, denn es gibt ein „Naturgesetz des Yoga“: Deine körperliche Flexibilität wird auf natürliche Weise und nachhaltiger gefördert, wenn du mit Bedacht und Eigengespür deine Fähigkeiten kennenlernst und geduldig nährst, statt der Diktatur  deiner Ego-Stimme im Kopf zu hören, die suggestiv und penetrant flüstert „Das musst du jetzt schaffen!“
  10. Bedenke, es geht immer um Lebensfreude im Lebensalltag, wie auch im Yoga. Alle Bewegungen und Asanas, die du mit authentischem Herzensgefühl machst und mit Liebe zu dir selbst ausführt, werden dich in deiner Gesundheit, deiner Menschlichkeit und in deiner Bewusstheit fördern … und das ist das, was du, wir und die Welt brauchen.

Dem deutschen Dichter Christoph Martin Wieland (1733 – 1813) aus der Zeitepoche der Aufklärung wird der Ursprung der Weisheit „Weniger ist mehr“ zugeschrieben, die er wie folgt formulierte:

„Verzeiht, wenn es zu lange währet.
Ich lieb in allen Sachen zwar den nächsten
Weg, wiewohl er zweimal oft so weit als
jener ist, den andre Wandrer machen.
Ein guter Weg ist einen Umweg wert,
denn minder ist oft mehr.“

Christoph Martin Wiegand

Frage dich einfach jeden Tag: Leistest du noch oder yogierst du schon?

Love and Light,
Birgit Feliz Carrasco

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