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Bild: istockphoto.com

Freisein mit Patanjali - die Yoga Sutra

Von Kristin Rübesamen

Menschen haben seit jeher das Bedürfnis, Leiden zu vermeiden und in Frieden zu leben. Dass wir uns dabei oft selbst im Weg stehen und unser größter Feind sind, hat bereits der wichtigste Denker des Yoga vor über 2000 Jahren erkannt: Patanjali. In der Yoga Sutra stellt Patanjali den Geist, so wie er beschaffen ist und wie wir Einfluss auf ihn nehmen können, in den Mittelpunkt. Yoga wird beschrieben als Technik, unseren Geist auszurichten, ohne Ablenkung - eine sehr moderne Sichtweise.

Sutra heißt Faden und gilt als klassische Dichtungsform des Sanskrit. Als Sutra wird sowohl der ganze Text als auch jeder einzelne Vers bezeichnet. Die Sutra datieren vermutlich zurück auf 400 bis 200 v. Christus.

In 195 knappen Lehrversen („Sutren“) sammelt Patanjali seine Ideen und Erfahrungen und legt den Schwerpunkt auf die Kontrolle des Geistes. Obwohl er den Körper und die Sinne eher als Hindernisse auf dem Weg zum Glück versteht - eine für uns schwer verständliche Sicht - sind seine Einsichten in die Funktionsweise unseres Denkens zeitlos. Sie können uns heute, gerade in der unprätentiösen Form kurzer Merksätze, in denen Erfahrungen gebündelt werden, inspirieren, einen klaren Weg aus schwierigen Situationen zu finden.

Die vier Kapitel des Sutra

1. Samadhi - Zustand

In diesem Kapitel definiert Patanjali, was er unter Yoga versteht: Yoga ist die Erkenntnis, die wir haben, wenn unser Geist still und ausgeglichen ruht. Unser Geist kann unterschiedliche Qualitäten annehmen, die uns jeweils entsprechend beeinflussen. Patanjali sagt, dass wir die Art und Weise, wie der Geist wirkt, beeinflussen können, und gibt ganz konkrete Hinweise.

Er beschreibt im ersten Kapitel auch die Hindernisse, die wir erfahren, und zeigt, wie wir Klarheit und Erkenntnisfähigkeit entwickeln können.

2. Sadhana - Weg

In diesem Kapitel wird Yoga als Übungsweg beschrieben, der die unterschiedlichen Ebenen des menschlichen Lebens berücksichtigt. Wir lernen die drei Grundprinzipien kennen, die wir auf diesem Weg brauchen: tapas, svadhyaya und ishvarapranidhana (Disziplin, Selbstreflexion und Hingabe).

Patanjali benennt auch fünf Ursachen, die für unser Leid verantwortlich sind, allen voran avidya, die falsche Kenntnis, oder, salopp gesagt, Ignoranz oder Vorurteile.

Außerdem werden die ersten fünf "Glieder" des berühmten achtgliedrigen Pfades (s. nächster Punkt) vorgestellt.

3. Vibhutipada - Ergebnisse durch die Praxis

Zuerst erklärt Patanjali die letzten drei "Glieder" von Ashtanga Yoga, des achtgliedrigen Weges (s. nächster Punkt), angefangen mit Meditation. Dann erfahren wir, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten wir erreichen, wenn wir es schaffen, unseren Geist klar und ruhig zu stellen. Achtung: die verlockende Aussicht auf "übermenschliche" Fähigkeiten stellt, so warnt Patanjali am Schluss des Kapitels, wieder eine "Anhaftung" an, sprich innere Unruhe, von der wir uns eigentlich befreien wollen.

4. Kaivalyapada - Freiheit als Ziel

Was bedeutet es tatsächlich, wenn wir über einen vollkommen klaren Geist verfüngen? Patanjali macht nochmal klar, wie genau dieser Zustand vollkommener Freiheit aussehen würde, und dass es möglich ist, ihn zu erreichen.

 

Der achtgliedrige Pfad und die wichtigsten Begriffe

Der achtgliedrige Pfad des Patanjali besteht aus folgenden acht Aspekten, die gemeistert werden müssen:

  1. Yama: Haltung gegenüber der Umgebung
  2. Niyama: Haltung uns selbst gegenüber
  3. Asana: Körperübungen
  4. Pranayama: Atemübungen
  5. Pratyahara : Das Nach-Innen-Ziehen der Sinne
  6. Dharana: Konzentration
  7. Dhyana: Meditation
  8. Samadhi: Die vollkommene Erkenntnis

 

Die wichtigsten Sutren

Sutra 1.2.
Yogash chitta vrtti nirodhah

„Yoga ist der Zustand, in dem die Bewegungen des Geistes in eine dynamische Stille übergehen.“ (Übersetzung von Sriram)

„Yoga ist die Fähigkeit, sich ausschließlich auf einen Gegenstand, eine Frage oder einen Inhalt auszurichten und in dieser Ausrichtung ohne Ablenkung zu verharren.“ (T.K.V. Desikachar)

Dem spirituell Suchenden, der sich traditionell als Reisender im Wagen seiner körperlichen Hülle versteht, gibt Patanjali mit seinem achtgliedrigen Pfad (ash = acht, anga = Glied) eine genaue Wegbeschreibung. In diesem Bild ist der Körper der Wagen, der Verstand der Kutscher, die fünf Sinne die Pferde und der Fahrende die Seele. Hier kommt auch die Metapher von Yoga (= Geschirr) zum Tragen: Nur, wenn es gelingt, die Pferde (alle Sinne) unter ein Joch (yui= anschirren, zusammenbinden) zu bringen, hat der Reisende eine Chance, sein Ziel (Samadhi) zu erreichen.

Patanjali hat sich außerdem über den Übungsweg des Yoga Gedanken gemacht und drei Elemente gefunden, die auf dem Weg zur Erleuchtung entscheidend sind:

Sutra 2.1.
Tapah svadhyaya ishvarapranidhanidhanani kriyayogah

"Mit Bereitschaft zum Verzicht, leidenschaftlich zu handeln, dabei durch Rücksicht auf die eigenen Kräfte und Grenzen über sich selbst zu lernen und dem Unvorhersehbaren gegenüber offen zu sein, das wird Kriya-Yoga genannt." (Übersetzung von Sriram)

Oder kurz gesagt: Leidenschaft, Selbsterforschung und Hingabe.

Fünf Widerstände (Kleshas) müssen auf diesem Weg überwunden werden:

  1. Avidya: falsches Wissen oder Verwechslung)
  2. Asmita: Egoismus
  3. Raga: blinde Zuneigung
  4. Dvesha: blinde Abneigung
  5. Abhinivesha: unbegründete Angst oder Angst vor dem Tod

Um nicht zu scheitern, brauchen wir laut Patanjali: Beharrliches Üben (Abjyasa) und Gleichmut (Vairagya).

Wer war dieser Patanjali?

Über Patanjali kursieren, wie es einem großen Weisen gebührt, diverse Legenden. So soll er seiner Mutter, einer als Einsiedlerin lebenden Asketin, die den Sonnengott Surya um einen Schüler anflehte, in Form einer kleinen Schlange in die Hand gefallen sein, die sich in einen Jungen und damit den ersehnten Schüler verwandelte. Anderen Quellen zufolge ist er als Schlange in die Hände des Grammatikers Panini gefallen. In jedem Fall soll er (wie es sich für einen großen Star gehört) mit seinen Schülern durch einen Schleier getrennt kommuniziert haben und seinem Publikum bei Todesstrafe gedroht haben, einen Blick auf ihn zu werfen. Als sich dann noch einmal ein Schüler nach vorne wagte und den Vorhang hob, verbrannten zur Strafe alle bis auf einen kleinen Jungen, der gerade auf dem Klo war - er war dann auch der Einzige, der das wertvolle Wissen von Patanjali schließlich weitergeben konnte.

Patanjali ist bis heute der einzige Yoga-Weise oder Acharya, der es in einen Popsong von Madonna geschafft hat: Madonna singt die klassische Anrufung Patanjalis, wie es in der Ashtanga-Tradition zu Beginn der Praxis üblich ist.