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Titelbild: YogaEasy.de | weitere Bildnachweise am Textende

Die Philosophie des Yoga – von Karma bis Sutra

Von Kristin Rübesamen

Wie alle Philosophen stellten sich auch die ersten Yogis ganz einfache Fragen: Wie will ich leben? Wie werde ich glücklich? Worin besteht der Sinn meines Lebens?

Egal, welchen der alten, sogenannten „Quellentexte yogischer Philosophie” du aufschlagen wirst, du wirst nur vordergründig in einer anderen Epoche landen. In Wirklichkeit wirst du immer auf eine Stimme treffen, die zeitlos klingt. Denn, so komisch es klingt, die Menschen vor vielen Tausend Jahren hatten ähnliche Probleme wie wir. Sie empfanden die Trennung von Körper und Geist als schmerzhaft und wollten sie überwinden. Selbst religiöse Akte wie Opferrituale oder Ekstasehandlungen gibt es heute, wenn auch in säkularisierter Form. Du musst nur in eine Shopping Mall gehen oder ins Berghain in Berlin.

Wie wollen wir leben?

Klimagipfel in Paris, Syrienkrieg, Giftschlamm in Brasilien: Geht es uns Yogis an, in welcher Gesellschaft wir leben, welche Politik wir mitmachen, wie wir unseren Planeten behandeln? Oder ziehen wir uns auf unsere Matte zurück, Augen und Ohren geschlossen? Entscheide selbst, aber wann, wenn nicht jetzt, wo existentielle Entscheidungen über unsere Zukunft in großer Hast getroffen werden, ist der ideale Zeitpunkt, um sich jene elementaren Fragen zu stellen, die die Menschen seit jeher bewegen. Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir Yogis in uns gehen, um nach Lösungen für die Zukunft zu suchen? Die Yogaphilosophie ist ein großes, unüberschaubares und spannendes Gebiet. Manchmal hält sie Antworten parat, manchmal liefert sie Markierungen für unseren Weg, manchmal schütteln wir auch einfach nur den Kopf über unsere Vorfahren.

Denk' dran: Wir liefern hier lediglich eine Einführung. Nachdenken musst du selbst!


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Yoga-Philosophie: Veden und Upanishaden

Yoga ist eines der sechs alten Denksysteme der indischen Philosophie, der Darshana, die allesamt existentielle Fragen formulieren und sich dabei auf die Veden – altindische, sogenannte „heilige“ Schriften - beziehen. Die Upanishaden, ein Teil der Veden, gelten als älteste Textquelle des Yoga. Wichtige Themen sind bereits Atemregelung und Meditationsratschläge, wie und wo man sitzen soll.

Die Upanishaden belegen, dass Yoga in seiner frühesten Form im Zusammenhang mit religiösen Opferritualen und Ekstasehandlungen geübt wurde. Die Datierung dieser durch Jahrhunderte mündlicher Überlieferung weitergegebenen Hymnen ist schwer. 1.000 vor Christus ist eine Zahl, die herumschwirrt. Viele mündliche Texte sind, so behaupten die linguistischen Wissenschaften, deutlich älter. 

Die Rolle der Brahmanen

Die Überlieferung übernahm die bis heute höchste Gesellschaftskaste Indiens, die Priester und Weise, die sogenannten Brahmanen, stellte. Besonders die Upanishaden, der philosophische Teil oder auch die Metaphysik hinter den Veden, hatte den Ruf einer Geheimlehre und wurde von Lehrer zu Schüler in einem engen Lehrverhältnis übergeben. Zur Freude späterer Sprach- und Literaturwissenschaftler galten die Worte der Veden als göttliche Offenbarung, die die Brahmanen in tiefer Meditation empfingen. Sie durften nicht verändert werden und mussten mündlich rezitiert auswendig gelernt werden. Das Ziel der Opferrituale und Anrufungen bestand darin, sich von den Fesseln einer „Sinnenwelt“ zu lösen, den Geist „klar zu waschen“ (Arthur Schopenhauer) und auf diese Weise die Götter für sich einzunehmen.

Die Rigveda

In der Rigveda, dem als wichtigsten Teil der Veden, werden in einzelnen Kreisen, „Mandalas“ genannt, Anrufungen im Zusammenhang mit dem Opferritual gruppiert. Bis in unsere Zeit hat sich zumindest sprachlich das Wort für eine Art Göttertrank gerettet, „Soma“ (germanisch „Met“, oder Amrita), das aus dem 9. Kreis stammt: der Hymne an den Inspirationsrausch.In der Rigveda werden bereits 2.000 Jahre vor Christus elementare Fragen formuliert, die wir uns bis heute stellen: Wie ist die Welt entstanden? Existiert ein Gott? Weiß er, wie die Welt entstanden ist? Wie können wir überhaupt etwas wissen?

Die ersten Niederschriften der Veden um 1.000 v. Chr. erlaubten einem größeren Publikum, Einblick in das Geheimwissen zu nehmen.

Außerdem findet sich hier der zentrale Gedanke, der unser heutiges Verständnis von Yoga als Einheit prägt, dass nämlich alles Eins ist, und Gott in allem und alles in Gott ist: „Das Selbst (âtman) ist die göttliche Substanz (brahman), und die göttliche Substanz ist Alles (sarvam).”

Darin steckt emanzipatorischer Zündstoff: Wenn die Yogapraxis dazu dient, durch Meditation das wahre Selbst („Atman“) zu erkennen und seine Verbindung zu Gott, ist es gar nicht mehr so wichtig, eine Götterwelt für sich zu gewinnen. Denn Gott steckt in allem, und wer das sieht, gewinnt seine Souveränität zurück. In der Stunde seiner Geburt ist der spirituell Suchende also fast so etwas wie ein Anarchist.

Die Mahabharata (die „indische Ilias”)

Die indischen Epen Ramayana und Mahabharata, geschrieben um ca. 300 v. Christus, gelten als weiterer zentraler Text in der Entstehungsgeschichte des Yoga. Beide in Sanskrit verfassten Geschichtszyklen nehmen denselben einzigartigen Stellenwert für die indische Literatur ein wie Homers „Odyssee“ und „Ilias“ (wenn auch die Mahabharata sieben Mal so lang ist wie die Odyssee und die Ilias zusammen). Yoga wird hier als praktische Weiterführung des philosophischen Systems des Samkhya erwähnt.

Die Bhagavad Gita fragt: Was ist Karma?

Die Bhagavad Gita gilt als „heilige“ Schrift.  Als sechstes, vergleichsweise kurzes Kapitel der Mahabharata, wird sie als episches Gedicht über Yoga verstanden und hat sich zu einem der drei wichtigsten Hauptquellen für die Philosophie des Yoga (zusammen mit Patanjalis Yoga Sutra – s.u. – und den Hatha Yoga Pradipika) entwickelt. Die einzelnen Kapitelüberschriften der Gita unterscheiden bereits zwischen unterschiedlichen Arten von Yoga wie Karma-Yoga oder Jnana-Yoga.

Es ist vor allem der spannende Dialog zwischen dem Gott Krishna, der sich als Wagenlenker „verkleidet“ hat und seinem Chef, dem Helden Arjuna, der nicht in den Krieg ziehen will, der die „Gita“ zum Lieblingstext aller Yogis, aber auch Denker wie Humboldt oder Schopenhauer werden ließ. Die Frage, wie wir handeln wollen und müssen, was unsere Pflicht ist, und welche Rolle die Konsequenzen unserer Handlungen spielen, hat eine ethische Diskussion angestossen, die unter dem Begriff „Karma-Yoga“ zusammengefasst heute auch Nicht-Yogis geläufig ist.

In der Bhagavad Gita werden etwa achtzehn verschiedene Arten von Yoga aufgezählt. Heute kennt man davon noch jnana yoga (Suche nach dem wirklichen Wissen), bhakti yoga (Yoga der Hingabe an eine höhere Macht, vergleiche dazu auch das Konzept von Ishvara Pranidhanani), mantra-yoga (Yoga der magischen Silben, vergleiche die Bedeutung von Mantra als „das, was denjenigen beschützt, der es erhalten hat“), raja yoga (wenn das klare Bewusstsein „König“ = raja ist), kriya-yoga (alles, was wir üben können), hatha, kundalini – und tantra yoga (allen dreien liegt das Konzept der Kundalini zugrunde) und karma-yoga.

Die Bhagavad Gita erklärt, was Karma (= Handeln) für uns bedeutet: Wir müssen handeln, denn das ist unsere Bestimmung im Leben, sollen es aber tun, ohne nach den Ergebnissen unserer Handlung zu schielen. Unsere Handlungen sollen also nicht durch bestimmte Erwartungen motiviert werden. Wir handeln aus Liebe.

Patanjalis Yoga Sutra

Der weise Yogi Patanjali hat mit der Yoga Sutra den wichtigsten Grundlagentext der Yoga Philosophie geliefert, den entscheidenden Leitfaden für Yoga („Sutra“ heißt übersetzt Faden). Als Sutra wird sowohl der ganze Text als auch jeder einzelne Vers bezeichnet. Die Sutra datieren vermutlich zurück auf 400 bis 200 v. Christus.

In 195 knappen Lehrversen („Sutren“), eingeteilt in vier Kapitel, untersucht Patanjali den Geist und geht der Frage nach, wie wir unser Bewusstsein beeinflussen können, um frei zu sein. Konkret: Der Mensch soll frei sein von allem, was er denkt, fürchtet, erhofft, erinnert und bereut - und sich so vollkommen frei mit seinem Bewusstsein verbinden.

Die Überzeugung des Yoga Sutra, dass alles, was wir wahrnehmen, nur eine Illusion ist, und es jenseits dieser Welt eine tatsächliche und wahrhaftigere Welt gibt, kennt man aus anderen Philosophien. Der Ansatz, unseren unsteten Geist zum einen zu beruhigen, um ein schärferes Bild von der wahren Welt zu bekommen, und dabei gleichzeitig den Geist als solchen zum Gegenstand unserer Betrachtung werden zu lassen, ist sehr modern. Wir wissen, dass wir unseren Gedanken, die sich ständig ändern und nur relative Wahrheiten produzieren, nicht zu sehr trauen können, gleichwohl setzen wir unseren Geist ein, um hinter die Fassade zu blicken.

Auch wenn angenommen wird, dass Patanjali bereits bestehendes Wissen gesammelt hat und nicht selbst erdacht, hat er es geschafft, dieses Wissen so zu systematisieren, dass es gebündelt seinen Weg bis ins 21. Jahrtausend machen konnte und bis heute das maßgebliche Werk des Yoga ist. Wenn es nur ein Buch gibt, dass man über Yoga Philosophie lesen möchte, dann sollte es, da ist sich die Mehrheit aller Yogis einig, das Yoga Sutra von Patanjali sein. Wie bei allen Quellentext unterscheiden sich die Übersetzungen massiv. Wir empfehlen die von Sriram und T.K.S. Desikachar (dem Sohn von T.K.S. Krichnamacharya, dem Wegbereiter des modernen Yoga im 20.Jahrhunderts).

Die vier Kapitel des Sutra gliedern sich in:

1. Zustand (Samadhi)

2. Weg (Sadhana)

3. Ergebnisse durch die Praxis (Vibhutipada)

4. Freiheit als Ziel (Kaivalyapada)

Die meisten von uns üben in der Tradition Patanjalis, allerdings vor allem Asana. Patanjalis Definition von Yoga hat unser Verständnis von Yoga gerade in der unmissverständlichen Knappheit, in der die Sutren formuliert sind, wesentlich geprägt. Gleich mit der zweiten Sutra sagt er ganz klar, was den Menschen offensichtlich bereits von mehr als 2.000 Jahren ein Anliegen war:

1.2. Yogash chitta vrtti nirodhah

„Yoga ist der Zustand, in dem die Bewegungen des Geistes in eine dynamische Stille übergehen“. (Übersetzung von Sriram)

„Yoga ist die Fähigkeit, sich ausschließlich auf einen Gegenstand, eine Frage oder einen Inhalt auszurichten und in dieser Ausrichtung ohne Ablenkung zu verharren.“ (T.K.V. Desikachar)

Dem spirituell Suchenden, der sich traditionell als Reisender im Wagen seiner körperlichen Hülle versteht, gibt Patanjali mit seinem achtgliedrigen Pfad (ash = acht, - anga = Glied) eine detaillierte Wegbeschreibung. In diesem Bild, in dem der Körper der Wagen, der Verstand der Kutscher, die fünf Sinne die Pferde und der Fahrende die Seele ist, kommt auch die Metapher von Yoga ( = Geschirr) zum Tragen: Nur, wenn es gelingt, die Pferde (alle Sinne) unter ein Joch (yui = anschirren, zusammenbinden) zu bringen, hat der Reisende eine Chance, sein Ziel (Samadhi) zu erreichen.

Der achtgliedrige Pfad und die wichtigsten Begriffe

Der achtgliedrige Weg besteht aus folgenden Stationen, die nacheinander aber auch simultan gemeistert werden müssen:

  1. Yama: Unsere Haltung gegenüber unserer Umgebung
  2. Niyama: Unsere Haltung gegenüber uns selbst
  3. Asana: Die Praxis der Körperübungen
  4. Pranayama: Die Praxis der Atemübungen
  5. Pratyahara : Das Nach-Innen-Ziehen der Sinne
  6. Dharana: Konzentration
  7. Dhyana: Meditation
  8. Samadhi: Die vollkommene Erkenntnis

Patanjali hat sich ebenfalls Gedanken gemacht über den Übungsweg des Yoga und drei Aspekte gefunden, die auf dem Weg zur Erleuchtung, von entscheidender Bedeutung sind.

2.1. Tapah svadhyaya ishvarapranidhanidhanani kriyayogah

„Mit Bereitschaft zum Verzicht, leidenschaftlich zu handeln, dabei durch Rücksicht auf die eigenen Kräfte und Grenzen über sich selbst zu lernen und dem Unvorhersehbaren gegenüber offen zu sein, das wird Kriya-Yoga genannt.” (Übersetzung von Sriram)

Kurz: Leidenschaft, Selbsterforschung und Hingabe.

Fünf Widerstände (Kleshas) muss der Reisende auf diesem Weg überwinden:

  1. Avidya: falsches Wissen oder Verwechslung)
  2. Asmita: Egoismus
  3. Raga: blinde Zuneigung
  4. Dvesha: blinde Abneigung
  5. Abhinivesha: unbegründete Angst oder Angst vor dem Tod

Um auf diesem Weg nicht zu scheitern, lässt Patanjali keinen Zweifel daran, was wir brauchen: Beharrliches Üben (Abjyasa) und Gleichmut (Vairagya).

Die Hatha Yoga Pradipika

Dieser Yogatext aus dem 15. Jahrhundert von Swatmarama zählt ebenfalls zu den wichtigsten Yogaschriften, die wir kennen. In vier Kapiteln werden die Techniken des Hatha Yoga vorgestellt: asana, pranayama, mudra und nada.

Anders als Patanjali besteht der Ansatz der Hatha Yoga Pradipika darin, vom Körper auszugehen und die Reinigung desselben zur Grundbedingung für jede weitere spirituelle Entwicklung zu machen. Swatmarama sind ethische und moralische Gesichtspunkte egal, er kümmert sich wenig um Selbstkontrolle und Disziplin. Zuerst kommt die Reinigung. Dennoch darf „Reinigung“ nicht mit unserem heutigen Sauberkeitsfimmel und Hygienewahn verwechselt werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Wort „Hatha“: Gewalt. Entsprechend kraftvoll sind vor allem einige der sechs Reinigungstechniken (kriyas), genannt shatkarmas (neti, dhauti, kappalabathi, trataka und nauli), wie z. B. das Einführen eines Stückes Stoff um die Atemwege zwischen Mund und Nase zu reinigen oder auch die Darmspülung.

Vedanta

Außer Yoga ist heute von den sechs Denkschulen der Antike nur mehr Vedanta bekannt, ein non-dualistisches System, oder einfacher gesagt, die Philosophie der Einheit. Die Philosophie des Yoga, soweit sie auf die Yoga Sutra von Patanjali zurückgeht, ruht auf dem dualistischen System von Samkhya, eine der sechs Darshana-Denkschulen, die auf der einen Seite unser Bewusstsein (Purusha) und auf der anderen die Welt oder Natur (Prakriti) als Gegensatzpaar identifiziert. Purusha, das reine Bewusstsein, leidet an der Welt, die es als Chitta (Individuum) erlebt, dabei notgedrungen den Überblick verliert und nur mehr das Falsche sieht (Avidya).

 

Bildnachweise

Rigveda: via Wikimedia Commons
Relief der Bhagavad Gita: tantrik | Shutterstock.com
Patanjali: via Wikimedia Commons by en:Rpba