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Tapas: Spanische Happen oder asketische Disziplin?

Tapas: Spanische Happen oder asketische Disziplin?

Von Katharina Goßmann

Disziplin. Schon das Wort strengt an. Es klingt nach harten Zeiten, in denen man, unabhängig von Bedürfnissen und Empfindungen, durchhalten muss. Tapas dagegen! Das klingt herrlich nach spanischer Lebens- und Sinnesfreude. Im Yoga sind beide Begriffe ein und dasselbe.

“Tapas” ist Sanskrit und bedeutet “Disziplin”, ja, sogar noch schlimmer: “Askese”. Es taucht in den Yogasutras des Weisen Patanjali auf, eine der vier wichtigsten Schriften des Yoga. Patanjali sagt, Disziplin könne Geist und Körper kontrollieren. Kontrolle – noch so ein anstrengendes Wort. Muss wirklich alles die Frucht harter Arbeit sein? Reicht es nicht, mit offenem Herzen und dankbarer Freude durch die Welt zu gehen?

Grundsätzlich: Ja. Jedoch ist es nicht einfach, in jeder Lebenslage ein offenes Herz zu behalten. Das weiß jeder, dem schon mal der Liebste weggelaufen ist, eine Tasche gestohlen oder auch nur ein Parkplatz weggeschnappt wurde. Plötzlich ist der Vorsatz, alles mit den Augen der Liebe zu betrachten und stets das Positive zu sehen, wie weggeblasen. Traurigkeit, Wut, Verzweiflung verzerren den Blick. Und den Gefühlen folgt das Handeln: Schuldige werden ausgemacht und “bestraft” – von Nicht-Beachtung bis Rache scheint plötzlich alles gerechtfertigt, und nicht selten teilt man an Unbeteiligte (Gatten, Kinder, Verkäuferinnen etc.) aus.

Wäre es nicht großartig, auch in schwierigen Phasen der faire Kollege, die liebevolle Mutter, die verständnisvolle Ehefrau bleiben zu können? Wenn wir unabhängig von der momentanen Verfassung einen klaren Kopf behalten und dadurch verantwortungsvoll unsere Pflichten erfüllen könnten – statt das eigene Ungemach/Unglück an andere weiterzugeben? Das ist nicht nur für unsere Umwelt das beste, auch wir profitieren: Die Fähigkeit, eigene Emotionen voll wahrnehmen zu können und aus ihnen zu lernen, ohne ihr Sklave zu sein, macht die Gestaltung des eigenen Lebens deutlich leichter.

Das allerdings klappt nicht ohne – ta-daa! – Disziplin. Davon brauchen wir nämlich eine ordentliche Portion, um die Unannehmlichkeiten des Alltags, um persönliche Krisen und Schicksalsschläge mit klarem Geist durchzustehen. Und bei Irritationen nicht sofort zum Misanthropen zu werden, sondern uns Zeit zu nehmen, die Situation zu betrachten und erst dann zu entscheiden, wie wir damit umgehen wollen. Diese Fähigkeit entwickelt sich nicht von heute auf morgen. Sie braucht Training. Musiker erbringen nur dank konstanten Übens Höchstleistungen, Mediziner operieren erst nach Jahren am Herzen – und wir alle müssen uns geduldig und diszipliniert in der Kunst des gesunden Körpers und des klaren Geistes üben. Nicht, um es uns schwer zu machen. Sondern um uns und unserer Umwelt mehr Glück zu schenken. Dafür ist ein bisschen Disziplin doch nicht zu viel verlangt.

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