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Ich-Ich-Ich: Macht zu viel Pratyahara neurotisch?

Von Kristin Rübesamen

„Pratyâhâhara geschieht, wenn der Geist in der Lage ist, seine gewählte Richtung beizutragen und die Sinne nicht wie gewöhnlich mit den Objekten, die sie umgeben, verbinden. Im Zustand von Pratyâhâhara folgen die Sinne dem Geist in seiner Ausrichtung.“
Patañjali, Yoga-Sûtra 2.54.

Pratyahara bedeutet das Zurückziehen der Sinne. In unserer Zeit der Reizüberflutung wird das Bedürfnis danach immer größer.

Für viele von uns bedeutet Yoga vor allem eine Technik für körperliches Wohlbefinden, seelisch und geistige Klarheit und Ruhe. Für andere bedeutet Yoga jedoch mehr. Es stellt den Versuch dar, nicht nur eine physische, sondern vor allem eine innerliche Transformation anzustreben, so wie es Yoga als spirituelle Disziplin traditionell in allen historischen Quellentexten als Ziel formuliert hat. Pratyahara steht bei dem vor einigen tausend Jahren vom Philosophen Patanjali formulierten achtgliedrigen Pfad an fünfter Stelle, an einer Art Drehkreuz zwischen körperlicher und mentaler Praxis. Als „Zurückziehen der Sinne“ beschrieben, wäre Pratyahara die Vorbedingung für jede Form der Achtsamkeits- und Meditationspraxis.

Was heißt Pratyahara?

Das Wort Pratyahara besteht aus zwei Sanskrit-Wörtern: prati und ahara. „Ahara“ bedeutet “Nahrung”, also etwas, was von außen kommt. „Prati“ heißt übersetzt soviel wie „gegen” oder „weg”. Pratyahara könnte man demnach als eine Technik beschreiben, mit der wir lernen, äußere Einflüsse und Sinneseindrücke auszublenden. Soweit, so gut.

Warum überhaupt die Sinne zurückziehen?

Entscheidend ist die Frage, aus welchem Motiv heraus wir diesen „Rückzug der Sinne“ anstreben. Wir üben, den Straßenlärm, die Geräusche der Außenwelt, den Vibrationsalarm des Handys zu ignorieren und unsere Aufmerksamkeit ohne Ablenkung auf unserer Atmung, einer Asana oder einem Mantra ruhen zu lassen. Das Motiv dahinter wäre ganz schlicht, die Zeit, in der wir kontinuierlich nach „innen“ schauen, zu verdichten und aus dieser Erfahrung heraus ein Gefühl von Klarheit und Ruhe zu stärken. Worüber auch immer wir bei dieser Innenschau stolpern, wir nehmen es wahr, neutral und wach.

Oder leitet uns bei dieser Innenschau die Sehnsucht nach Trost und Liebe bzw. das Gefühl eines Defizits? Wenn das so wäre, dann bestünde das Motiv darin, sich Trost zuzusprechen sprich uns etwas zuzuführen, was fehlt. Im Grunde eine wunderbare Maßnahme zur Selbstheilung.

Pratyahara: Zu viel Nabelschau macht neurotisch

Die Erfahrung zeigt folgendes: Je mehr wir uns nach innen wenden auf der Suche nach Defiziten, auf der Suche nach dem, was nicht funktioniert, desto mehr werden wir finden. Wenn die Introspektion mit der Absicht erfolgt, die eigene Befindlichkeit auf Probleme hin zu durchleuchten, wird das Ergebnis des Seelenscans immer positiv sein: Wir finden was. Wenn wir die Nabelschau im Ton des Selbstmitleids, der unkontrolliert in Selbsthass umschlagen kann, betreiben, wird das Ergebnis sein, dass wir nicht gelassener, sondern hysterischer werden. Die Frage ist also, wer zuschaut und wie.

Der innere Beobacher: Der CIA des Yoga?

Er wohnt im vorderen Gehirnlappen, dem präfontalen Kortex, man könnte sagen, in exklusiver Hanglage, und sieht alles. Anstatt sich ins Getümmel zu werfen und im Strom der Ereignisse unterzugehen, behält er schön die Ruhe und den Überblick. Während sich die anderen die Köpfe einschlagen, bleibt er idealerweise unparteiisch, cool, aber fair.

Als die zentrale Bewertungsinstanz gilt das limbische System, eine der drei Hauptregionen im Gehirn, und verantwortlich für die Verarbeitung von Emotionen und die Ausschüttung von Endorphinen.  Nach einer guten Yogastunde fühlen wir uns auch deshalb so wohl und klar im Kopf, weil eben jenes limbische System durch die Praxis stimuliert und harmonisiert wurde. Wenn wir versuchen, beim Zurückziehen der Sinne cool zu bleiben und Pratyahara nicht als Einfallstor für Wehleidigkeit und Selbstgerechtigkeit missverstehen.

Das könnte klappen, wenn wir das Zurückziehen der Sinne so üben, wie es ursprünglich vorgesehen ist:

  1. Das Abziehen von physischer Nahrung, die uns nicht gut tut. In unserer Zeit heißt das vermutlich vor allem: Weniger oder für eine gewisse Zeit eine Mono-Diät wie das ayurvedische Kichary.
  2. Das Abziehen von sinnlichen Eindrücken. In unserer Zeit heißt das, der visuellen Überforderung mit Enthaltsamkeit zu begegnen. Nach Pranayama können wir alle Sinnesorgane des Kopfes (Augen, Ohren, Nasenlöcher und Mund) mit den Fingern schließen im Yoni-Mudra, oder aber uns bewusst für Eintönigkeit entscheiden und vor natürlichen Objekten wie Meer, Baum, Fels meditieren. Ebenso hilft „Medienfasten“ als bewusste Abkehr von Reizüberflutung. Das Ziel ist nicht, alle Sinneseindrücke auszuschalten, sondern generell zu reduzieren und die richtigen wählen um den Geist zu klären.
  3. Das Abziehen von Beziehungen, die uns nicht guttun. In unserer Zeit wäre das die Reduktion auf wenige echte Beziehungen anstatt vieler virtueller.