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Alles über Samadhi: Die Definition der Erleuchtung
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Alles über Samadhi: Die Definition der Erleuchtung

Von Dana Pukowski
Mein persönlicher Geisteszustand ist eher eine schräge Sinfonie aus Tönen und Klangpausen – nichts passt zusammen, von inniger Verbundenheit bis hin zu rastlosem Wahnsinn ist alles dabei. Kurzum: Von Erleuchtung keine Spur.

Yoga: Gut bei Stress – und für tiefe Erkenntnisse

Stress ist in der heutigen Zeit markant, allgegenwärtig und unsichtbar. Rollen und Aufgaben optimal zu orchestrieren – in einer Zeit, die offenbar keine Geschwindigkeitsgrenze kennt –, erscheint mir wie die Quadratur des Kreises. Das Quadrat passt nicht in den Kreis, egal wie du es drehst und wendest. Das Problem scheint unlösbar. Trotzdem gebe ich nicht auf.

Meinen Verspannungen begegne ich mit einer täglichen Portion kreativer Asana-Praxis, aufgewühlte Gefühle beruhige ich mit den heilsamen Methoden von Pranayama. Einfach wunderbar. Und je länger ich Yoga praktiziere, desto häufiger erlebe ich unerwartete Lichtblicke. Die Stress-Symptome verblassen, es entsteht Raum für Selbstreflexion: Warum will ich den Erwartungen der Zeit genügen? Warum glaube ich, verschiedene Rollen zu haben und diese erfüllen zu müssen? Welche Erwartung oder Intention steckt hinter meinem Handeln?

Dieser Wunsch nach Selbsterforschung, die Erkenntnis, dass Yoga mehr ist, als Körper und Geist gesund zu halten, öffnet das Tor zur Yoga-Tradition – und ihren Geheimnissen.

Der Yoga-Weg: Samadhi ist der (unerreichbare) Gipfel des Übungswegs

Der achtgliedrige Pfad nach Patanjali ist lang, verschlungen, voller Hindernisse und Widerstände. Alles hängt zusammen, das eine kann nicht ohne das andere, nichts ist gesichert. Endlos scheint der Weg ständigen Übens – eigene Muster zu erkennen, negative Konditionierungen zu akzeptieren und sie mühevoll in das Gegenteil zu transformieren. Der Geist ist verführerisch und machtvoll. Immer wieder bringt er dich vom Weg ab, zerstreut dich – kurz: führt sich wie ein frecher Affe auf (daher auch der Begriff „Monkey Mind“).

Nur durch kontinuierliches Üben kannst du deine Praxis auf eine höhere Ebene bringen – eine Stufe, die das tiefe Verständnis deines Handelns ersetzt. „Nichts geschieht durch mich“ und „nichts für mich“. So magisch und erlösend dieses Mantra wirkt, so geheimnisvoll ist es auch.


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Wir alle werden von Gefühlen wie Hass, Neid, Wut, Begehren, Selbsttäuschung oder Arroganz heimgesucht.  Diese Gefühle sind ein klarer Fall von übertriebenem Verhaftetsein. Wir sehen uns als Handelnde und im Zentrum dessen, was passiert, geraten so in den ewigen Kreislauf aus Hindernissen (Kleshas) und daraus entstehenden negativen Gefühlen (dukha). Keine Panik, das ist vollkommen gesund, macht uns aber leider komplett blind. Grandios ist ja schon mal das Verständnis überhaupt und die Einsicht, dass wir nicht zu besseren Menschen auf dem Yoga-Weg werden, sondern im besten Fall einfach zu uns selbst zurückkehren.

Der krönende Abschluss dieses herausfordernden Wegs ist dann – wenigstens laut der Yoga-Philosophie – die Erleuchtung. Auch Samadhi genannt, ist diese Erleuchtung die achte und letzte Stufe des Yogawegs nach Patanjali sowie der Gipfel all unserer Bemühungen: eine magische Verbindung aus Körper, Geist und Seele. Ein Zustand ohne jede Dualität. In dem es kein du, kein ich, kein wir mehr gibt. Keine Zweifel, keine Fragen. In dem alles verbunden ist. Alles Sinn ergibt, wie es ist.

Samadhi nach Patanjali, oder: Kann es eine Definition von Erleuchtung geben?

Patanjali beschreibt Samadhi im Yoga Sutra, Vers 3.55:

„Sattva-puruṣayoḥ śuddhisāmye kaivalyam.“

Frei übersetzt nach T.K.V. Desikachar heißt das: „Wenn unser Geist mit dem in uns, was erkennt, vollständig identisch ist, herrscht Freiheit.“

sattva = Reinheit, Sein, klar, göttlich 
puruṣayoh = Bewusstsein, Mensch, Seele, wahres Selbst
śuddhi = Reinheit, Läuterung, Klarheit
sāmye = Gleichheit, Übereinstimmung, Ähnlichkeit
kaivalyam = Befreiung, absolute Glückseeligkeit


Nirbijah Samadhi ist der höchste Zustand des Seins, die vollkommene Vereinigung mit einem „Objekt“, über das wir meditieren. Es ist ein Bewusstseinszustand, der über all das hinausgeht, was wir begreifen können. Stell dir vor, dein Denken hört auf, du bist frei von jeder Art von Unruhe in jedem Augenblick. Du bist nicht länger Geisel deines Geists. Du bist vollkommen durchlässig, frei von jeder Farbe, frei von all dem, was du bereits erlebt hast und ohne jede Erwartung an die Zukunft. Dein Körper und deine Sinne ruhen, aber du schläfst nicht. Mental bist du vollkommen wach, bewusst und lebendig. Du bist eins mit dem Universum, durchdringst alles, was dich umgibt. Ein Zustand vollkommener Klarheit und Wachheit.

Du spürst gerade so gar keine Klarheit darüber, was Samadhi nun genau ist? Unser Verstand hindert uns, diese Grenzenlosigkeit zu erfassen, unsere Physis begrenzt unser Vorstellungsvermögen, unsere Worte können nicht ausdrücken, was Samadhi tatsächlich bedeutet. Sogar alte Yogameister versinken in tiefes Schweigen bei dem Versuch, ihre Erfahrung von Samadhi mit anderen Erfahrungen zu vergleichen. Weder unser Denken noch unsere Worte genügen. Warum also etwas eingrenzen, nur um es aufzuschreiben? Um es mit den Worten der Yogameister abzuschließen: „Neti, Neti!” – „Es ist nicht dies, es ist nicht das!“

Samadhi Drehsitz

Flow-Zustand: Mein persönlicher Erleuchtungsmoment

Indien 2016. Ich sitze in Hampi im Bundesstaat Karnataka in Indien auf einem Hügel namens Hemakuta. Vor mir liegt der Hindu-Tempel Virupaksha, eingebettet in einer fast surrealen Landschaft. Die Sonne steht tief am Himmel, die Felsen unter mir sind warm, der Geruch von Feuerstellen liegt in der Luft. Die Gesänge der Hindus schwappen in sich wiederholenden Klangwellen den Hügel hinauf, die Ruinen am Fluss lassen ein längst vergangenes Königreich erahnen.

Ich sitze einfach nur da, erwarte nichts, bin einfach hier gestrandet, ein Sonnenuntergang, so schön wie alle anderen, die ich sehen durfte. Und doch ist dieser hier besonders. Mein Blick ist direkt auf die Sonne gerichtet, zeitlos, ohne es zu wollen, verweile ich, ohne es zu bemerken, verbinde ich mich, nichts spielt eine Rolle – wo ich bin, wer ich bin, was ich sein will, woher ich komme, was hinter mir liegt. Ein Gefühl von Frieden durchströmt mich. Und kaum dass ich bemerke, was gerade passiert, ist es auch schon wieder vorbei.

Für dieses Erlebnis musst du natürlich nicht auf einem Hügel in Indien sitzen. Berchtesgaden oder Wuppertal genügen vollkommen. Und nein, das ist auch kein Samadhi-Zustand, aber es ist eine Mini-Idee dessen, wohin die Reise geht.

In der Psychologie wird dieses Phänomen als Flow-Erlebnis bezeichnet. Ein Zustand, in dem wir vollkommen vertieft und restlos in einer Tätigkeit aufgehen. Du kennst das Gefühl vielleicht vom Basteln, Wandern oder Gärtnern. Tätigkeiten, die uns fordern, aber leicht von der Hand gehen, zu unserem Wesen passen und uns vertraut sind. Da vergisst man schon einmal die Welt um sich, konzentriert sich nur auf den Augenblick, ist total entspannt und trotzdem bei der Sache. Alles geschieht einfach, wir werden eins mit dem, was wir tun, werden von der Tätigkeit absorbiert. Dopamin wird ausgeschüttet, Kortisol (Stresshormon) abgebaut. Das ist heutzutage, wo wir unter Dauerbeschuss stehen, überlebenswichtig. Mal abgesehen davon, dass volle Konzentration auf und Anwesenheit in der Gegenwart die einfachste Methode ist, ein achtsames Leben zu führen, Abstand von unseren Sorgen zu gewinnen und über die Begrenzungen unseres Selbst hinauszuwachsen.

Diese Flow-Erlebnisse sind letztlich nichts anderes als der Zustand, den wir mit unserer Yoga-Praxis anstreben. Spirituell sprechen wir von der Erleuchtungserfahrung, aber es gibt unzählige Nuancen und Vorstufen. Ich bin mir ganz sicher, dass du so etwas selbst schon erlebt hast. Denk nicht zu groß, die Erfahrung kann nur ein winziger Augenblick sein. Deswegen ist er aber nicht weniger kostbar und ein Vorgeschmack auf das, was vor dir liegt.

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