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Alles über Atmung
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Alles über Atmung

Von Kristin Rübesamen

Haut, Darm und selbst die Nebenniere stehen im Rampenlicht. Was ist eigentlich mit der Lunge? Ohne sie wären wir nichts. Warum wir trotzdem oft atemlos sind und was unsere Atmung über unsere Gefühle weiß.

Unsere Lunge: Was sie tut

Leise und unermüdlich versorgt sie das Blut mit Sauerstoff und transportiert Kohlendioxid ab: eine Menge Stoff, wir atmen täglich nämlich 10.000 bis 20.000 Liter Luft ein und aus. In jeder Minute fließen dabei bis zu sechs Liter Blut durch die Lunge. Streiken die Lungen und setzt die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff aus, kann das Gehirn nur maximal zwölf Minuten überleben.

Während Babys fast ausschließlich Bauchatmung nutzen, begnügen Erwachsene sich mit Brustatmung, die in der Regel nur die oberen zwei Drittel der Lunge füllt. Die Bauchatmung lüftet dagegen nicht nur die gesamte Lunge, sondern wirkt durch die kontinuierliche Bewegung des Zwerchfells auch verdauungsfördernd und entspannt angeblich sogar die Rückenmuskulatur.

Atmet die Haut wirklich mit?

Ein wenig Unterstützung bekommt die Lunge durch die Haut, wenn auch nur 0,4 % des Sauerstoffbedarfs. Dafür geht Sauerstoff aus der Luft, wie Wissenschaftler herausgefunden haben, tiefer unter die Haut als gedacht. Doch weil Hautatmung äußere Atmung ist oder „Perspiration“, wie sie Mediziner nennen, und diese, Verzeihung, Ausdünstungsprozesse über die Poren der Haut stattfinden, gilt zwar atmungsaktive Kleidung, aber auch, wer von Kopf bis Fuß in Kunststoff steckt, wird nicht ersticken.

Eine gepresste Stimme, ein stockender Atem, das Gefühl, keine Luft zu bekommen: Wir müssen nur die Qualität unserer Atmung feststellen, wenn wir wissen wollen, wie wir uns fühlen. Das berühmte Aufatmen am Ende eines langen Tages, die flache Atmung bei akutem Stress, um schnell reagieren zu können: meistens macht der Körper alles richtig. Interessant wird es jedoch, wenn wir versuchen, durch Atemübungen die Qualität unseres Bewusstseins zu beeinflussen. Wir Yogis glauben natürlich, dass der Atem zur Kraftquelle werden kann, ja sogar Depression und Burnout vorbeugen kann. Aber am besten versuchst du es selbst mal und beobachtest ganz nüchtern, was passiert.

Atemschulen: Die Pionierinnen am Anfang des 20. Jahrhunderts

Ohne Frauen gäbe es die moderne Atemtherapie nicht. Vor über hundert Jahren war es die Beschäftigung mit Gesang und Stimme, die einige Lehrerinnen dazu brachte, sich mit dem Atem zu beschäftigen, um ihre Stimme zu verbessern wie z.B. die Schule der Sängerinnen Schlaffhorst und Andersen. In den 20er-Jahren rebellierten Frauen im Rahmen der Lebensreform-Bewegungen nicht nur gegen Korsetts, für Naturheilkunde und Landkommunen, sondern ahnten, dass auch der Atem bei der Bewegung eine wesentliche Rolle spielen könnte. Sie hießen Lilly Ehrenfried, Elsa Gindler, Hedwig Kallmeyer und entwickelten eine Gymnastik mit Fokus auf Atmung und Gefühl. Zur selben Zeit, bestärkt durch das Bekanntwerden von fernöstlichem Wissen über Atem, begannen Psychoanalytiker und Protagonisten der Leib- und Atemarbeit zusammen zu arbeiten und entwickelten den „atempsychologischen Weg“ des ehemaligen Sängers und späteren Atemlehrers und Tiefenpsychologen Cornelis Veeing. Er inspirierte seine Schülerin Ilse Middendorf, die wichtigste Atemtherapeutin des 20.Jahrhunderts, ihre Methode des „Erfahrbaren Atems“ zu entwickeln.

Philosophie: Was die Welt seit jeher in Atem hält

Wer uns atmen lässt, wie also Leben und Atmen zusammenhängen, weiß nicht mal die CIA. In der Antike behauptete der Naturphilosoph Demokrit, dass die Seele Atem sei, und Atem aus Atomen bestünde, so dass auch die Seele aus Atomen bestünde. Wo diese Atemseele, genannt pneuma, sitzt, wussten die Gelehrten allerdings nicht. Auch in anderen Kulturkreisen ging man davon aus, dass dem Körper erst mit dem Atem das Leben „eingehaucht“ werde. In der Bibel steht das Wort „Odem“ für den Geist Gottes. Das alte Sanskritwort „prana“ heißt sowohl Atem als auch Leben, und das Wort für Seele, „atman“, ist direkt mit dem Wort „Atem“ verwandt. Ob Pneuma, Odem, Prana, das chinesische Qi oder der christliche „Spiritus“: Wie bei allen Wundern suchen wir Menschen auch bei der Entstehung der Atmung nach einer Erklärung und einige von uns vermuten zumindest, dass der Atem eine irgendwie „göttliche“ Bedeutung hat.

Gibt es die Marathonlunge?

Die Lunge ist das einzige Organ, dessen Rhythmus wir steuern können. Wenn Spitzensportler Spitzenleistungen erbringen, dann vor allem deshalb, weil ihre ausdauertrainierten Muskelzellen dem vorbeiströmenden Blut mehr Sauerstoff entnehmen als wir Spaziergänger. Die Zeit, in der asthmakranke Kinder vom Sport befreit wurden, ist vorbei. Im Zwerchfell steckt nämlich jede Menge Potenzial. Wer sie regelmäßig trainiert, kann ihre Leistung um bis zu 300 Prozent steigern.

Umgekehrt gilt: Sauerstoffmangel schützt. Jogger machen zum Beispiel oft schlapp, weil die Atemmuskulatur aufgegeben hat, obwohl die Beine noch laufen könnten. Doch wenn das am Atmen beteiligte Zwerchfell ermüdet, tritt der Körper gewissermaßen auf die Notbremse,  um sich vor Sauerstoffmangel zu schützen: Ein Reflex des Nervensystems verhindert den Blutfluss in den Beinen. Einem allgemeinen Missverständnis zum Trotz steigern wir übrigens nicht das „Lungenvolumen“, das genetisch bedingt ist, sondern für eine bessere Sauerstoffaufnahme nur die sogenannte „Vitalkapazität“, sprich die maximale Atemmenge, die nach einem Atemzug wieder ausgeatmet werden kann. Wie? Ganz einfach: Jedes Ausdauertraining steigert die Sauerstoffaufnahme.

Atmen wir alle falsch? Das weiß die Lungenmedizin

Nein. Trotzdem gibt es einen Anstieg bei Atemwegserkrankungen und Asthma. Lungenheilkundler behaupten, Übergewicht, Schadstoffe in der Luft und das Ansteigen von Allergien seien schuld daran und setzen Prävention. Saubere Luft ist sicher ein wichtiger Punkt, das beinhaltet aber auch die Verwendung von Atemschutz bei Staub belastenden Arbeiten, daneben sind eine ausgewogene, vitaminreiche Ernährung und maßvoller Ausdauersport sinnvolle Maßnahmen zur Erhalt der Lungengesundheit.

Diese Namen solltet Ihr kennen:

  • Ilse Middendorf, Gründerin der Methode des „Erfahrbaren Atems“ und Grande Dame der deutschen Atemtherapie, die glaubt, sobald wir uns unserer Atmung bewusst werden, ohne sie zu kontrollieren, können wir Einfluss auf unseren körperlichen und geistigen Zustand nehmen. („Der Erfahrbare Atem in seiner Substanz“. Paderborn 1998)
  • Anna Trökes, Yoga – und Meditationslehrerin, YogaEasy-Lehrerin und oft auf Tour. Kaum jemand ist so präzise in ihren Anweisungen, spirituell und bescheiden zugleich. Achtung, ein Workshop mit ihr könnte dein Leben verändern.
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