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Pssst: Warum wir innere und äußere Stille brauchen
Andreas Chu auf Unsplash

Pssst: Warum wir innere und äußere Stille brauchen

Von Katharina Goßmann

Wenn du in einer Großstadt lebst, ein paar (nicht perfekt dressierte) Kinder zu Hause hast, in einem hellhörigen Allbau wohnst oder im Großraumbüro arbeitest, weißt du: Alltagslärm kann eine echte Belastung sein. Und nicht nur das. Erwiesenermaßen sind Menschen, die dauerhaft einer überdurchschnittlichen Lärmbelastung ausgesetzt sind, anfälliger für Herzinfarkte und Bluthochdruck. Und Versuche legen nicht nur nahe, dass Lärm die akute intellektuelle Leistungsfähigkeit reduziert, sondern auch, dass Babys bei Lärm bestimmte Reifeprozesse des Gehirns verzögert durchlaufen – nämlich dann, wenn es wieder ruhiger ist.

Warum uns Lärm krank macht

Warum das so ist? Meine Lieblingstheorie blickt auf die Evolution und vermutet, dass wir schlicht für reizärmere Verhältnisse konzipiert sind. Wenn es in vorvergangenen Zeiten mal laut wurde, war das aufgrund eines brüllenden Säbelzahntigers, einer Lawine oder eines schweren Gewitters. Deshalb löst äußerer Lärm bei uns einen Kampf-oder-Flucht-Reflex aus – es werden Stresshormone ausgeschüttet, der ganze Körper geht in Habachtstellung.

Dann wurde unsere Welt lauter: Während vor 100 Jahren die meisten Menschen noch ohne Radio und Telefon, geschweige denn Autos, Waschmaschinen und Co. aufwuchsen, sind wir heute den ganzen Tag von lärmendem Technik-Gerät umgeben – ach, und auch gut drei Mal mehr Menschen (s. Bevölkerungsexplosion). Weshalb der lärmbedingte Stress-Reflex bei uns deutlich häufiger ausgelöst wird – und das ist, vor allem auf Dauer, sehr anstrengend für Körper und Psyche.

Tatsächlich strömten früher insgesamt deutlich weniger Reize auf unsere Sinnesorgane ein – was natürlich auch weniger „inneren Lärm” verursachte: Wir chatten und telefonieren von früh bis spät, hören Spotify, Radio und Podcasts, rufen pausenlos Online-Nachrichten ab, checken Social-Media-Kanäle und netflixen bis in die Puppen (von Multitasking-Orgien zwischen Familie, Job und Haushalt fange ich jetzt gar nicht an) – während man bis vor Kurzem den Weg zum Marktplatz auf sich nehmen musste, um Neuigkeiten zu erfahren, und als Abendunterhaltung fungierten – wenn man Glück hatte! – Oma und ihr Talent zum Geschichtenerzählen.


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Die Folgen des Lärms

Es muss nicht gleich ein Hörsturz, ein Burn-out oder eine Erschöpfungsdepression sein, die uns nach Jahrzehnten innerer und äußerer Lärmbelastung in die Knie zwingt. Vielleicht sind wir auch „nur” dauererkältet, ständig gereizt oder immer latent erschöpft. Denn wenn wir von Dauer-Lärm und Dauer-Überreizung umgeben sind, dann belastet das unseren Körper und unsere Psyche massiv – und sorgt dafür, dass unser Stoffwechsel, unser Immunsystem und vieles andere in uns nicht mehr gut funktionieren (s. Allgemeines Anpassungssyndrom).

Falls du gerade dringend Ruhe bräuchtest, aber keine bekommst, kann Yoga dabei helfen, deinen Körper und deinen Geist zu beruhigen. Falls du dich aktuell überfordert fühlst vom inneren und äußeren Trubel, empfehle ich dieses Tagesprogramm gegen Burn-out von Anna Trökes:

Yoga Video Yoga gegen Burn-out: TagesprogrammYogaEasy-Video abspielen

Wege aus dem inneren wie äußeren Lärm

Was aber tun? Müssen wir jetzt alle in die Berge ziehen und Schafe züchten? Zum Glück (für die armen Schafe) nicht.

Auch wenn unsere Gesellschaft auf Hyperaktivität, Dauererreichbarkeit und Elektronik-Blings aufgebaut ist: Du kannst das Ausmaß dieser Phänomene in deinem Leben regulieren. Übernimm Verantwortung für deine Nerven und deine Gesundheit. Beschränke deinen Medienkonsum, entscheide bewusst, wo du dich mit Freunden triffst (laute Bar oder Spaziergang um den Waldsee), fahr statt mit dem Auto mit dem Fahrrad zum Einkaufen (und zwar die schöne, ruhige Strecke). Ja, und vielleicht willst du tatsächlich aufs Land ziehen? Homeoffice sind jetzt schließlich alle gewöhnt.

Warum bekomme ich Angst, wenn es still wird?

Ich weiß nicht, ob du das kennst: Du buchst dir ein einsames Haus in der Natur und freust dich wahnsinnig auf deinen Urlaub dort. Kaum angekommen, möchtest du sofort wieder abfahren – zurück in dein lärmiges Großstadt-Zuhause. Oder: Jahrelang hast du dir gewünscht, dein Zuhause möge doch wieder mal deutlich ruhiger, konkret: ein kleines bisschen kinderloser, sein. Und dann ziehen die Kinder aus – und du verfällst in eine spontane Depression.

Unsere aktuelle Gesellschaft ist so fokussiert auf Aktivität, Produktivität und Kreativität, dass die wenigsten von uns noch an Momente innerer und äußerer Stille gewöhnt sind. Wir können sie nicht als das genießen, was sie eigentlich sind – dringend notwendige Pausen für unser ganzes System , sondern empfinden sie vielmehr als verunsichernd.

Denn Stille hat eine reinigende Funktion. Alles, was zu leise war, um gehört zu werden, kommt jetzt zum Vorschein. Alles, was sich verstecken wollte hinter Trubel und Lärm, kann sich nicht mehr verkriechen, wenn es plötzlich ruhig wird. Gefühle, Gedanken, die seit Langem gehört werden wollen, drängen sich dann auf.

Je länger du keine wirkliche Ruhe, keine echte Stille in dir und um dich hattest, umso mehr wird wahrscheinlich hochkommen. Das kann sich verwirrend und überwältigend anfühlen: Warum zweifle ich plötzlich an meinem Job? Warum denke ich so intensiv an meine verstorbene Oma, dass mir Tränen übers Gesicht laufen? Dein Instinkt wird sein, schnell für Zerstreuung zu sorgen und dich abzulenken, deine unangenehmen Gefühle in Lärm zu ersticken.

Gefühle und Gedanken brauchen Ruhe

Mein Tipp dagegen: Lass alles einfach zu. Oder, wie wir Yogis sagen: „Sit with it.” – frei übersetzt: Sitz es aus. Lass die Gefühle und Gedanken fließen, wie sie wollen. Du solltest dich gar nicht groß mit ihrem Inhalt beschäftigen, und bitte reagiere nicht auf sie.

Mach dir einfach nur bewusst, was für ein Luxus es ist, die Zeit und den Raum zu haben, mal alle verstaubten und versteckten Gefühle und Gedanken hochzulassen und anzugucken. Mach dir klar, dass du vor Gefühlen und Gedanken keine Angst haben musst – egal, wie schrecklich und unerträglich sie dir gerade vorkommen. Denn deine Gedanken und Gefühle sind nicht „die Wahrheit”, weder über dich noch über die Welt. Sie sind deine Konstrukte, deine Kompensationsstrategien, sie repräsentieren die Art und Weise, wie in deiner Familie gefühlt und gedacht wurde, und wie du darauf aufbauend die Ereignisse in deinem Leben eingeordnet hast. Mit dir, mit deiner Essenz, haben sie nichts zu tun.

Wenn du es schaffst, alles, was hochkommt, zuzulassen, wirst du merken, wie befreiend es ist, nicht mehr vor seinen eigenen Gedanken und Gefühlen davonlaufen zu müssen. Ja, es erfordert Mut und ist anstrengend, aber du bekommst auch einiges dafür: Bestimmte Dinge wirst du klarer fühlen können, manches ungelöste Thema endlich innerlich abhaken können, einige Weichen in deinem Leben in Zukunft besser stellen können. Denn wenn man Gedanken und Gefühle in Ruhe ansieht, merkt man meistens, dass sie einem etwas zeigen wollen. Vielleicht nicht das, was sie vorgeben – aber wenn du dir Zeit nimmst, und nicht auf sie reagierst, wirst du ihre wahre Botschaft entschlüsseln.

Sehr hilfreich dabei, in Stille zu sein und die emotionalen und gedanklichen Wallungen auszusitzen, die dabei hochkommen, ist Meditation. Am effektivsten ist es, täglich einige Minuten zu meditieren (vielleicht willst du mal Anna Trökes' Basis-Meditationsprogramm probieren, das ist optimal für Einsteiger geeignet). Aber auch wenn du es nicht regelmäßig schaffst, wirst du merken, wie gut Meditieren tut. Probier doch mal diese tolle Meditation von Nina Heitmann für innere Stille:

Yoga Video Meditation für innere StilleYogaEasy-Video abspielen

ACHTUNG:
Wenn du schwere psychische Probleme bzw. traumatische Erfahrungen hinter dir hast, wird es dir wahrscheinlich nicht guttun, dich alleine mit belastenden Erlebnissen auseinanderzusetzen. Auch Meditation kann kontraindiziert sein. Bitte kläre das mit deinem Therapeuten oder betreuenden Arzt ab.

Kleines Ruhe-Retreat für zu Hause

Damit du in Zukunft mehr Ruhepausen einbauen kannst (und sich kein Haufen unangenehmer Gefühl-Gedanken anstauen kann), haben wir ein kleines, entspanntes Ruhe-Retreat für dich zusammengestellt.

Wenn du normalerweise vielen inneren und äußeren Lärm-Faktoren ausgesetzt bist, jetzt gerade aber dank Homeoffice weder im Berufsverkehr feststeckst noch dem Trubel im Büro ausgesetzt bist, könnte das die perfekte Gelegenheit sein, um dir eine echte „Ruhepause” zu gönnen. Oder andersrum: Wenn du gerade mit vier wilden Kleinkindern in einer kleinen Wohnung festsitzt, könnte unsere kleine Ruhekur deine Rettung sein...

Unser Ruhe-Retreat soll dir richtig guttun und nicht noch zusätzlich Stress machen, deshalb besteht es aus folgenden simplen Elementen:

1. Schaffe dir einen Ruhe-Ort

Egal, wie klein dein Zuhause ist, egal, wie viele Leute dort leben – irgendwo in deiner Bude wirst du eine Ecke für dich finden, die deine persönliche Ruhe-Oase werden kann. In der es ruhig ist (oder relativ ruhig), die du dir in sanften Farben, mit beruhigenden Deko-Elementen ausstatten kannst. Vielleicht ist es die Badewanne, vielleicht dein Bett, vielleicht wirklich eine mit Vorhängen abgehängte Ecke.

Und an diesen Ort gehst du von nun an immer, wenn du merkst, dass der äußere oder innere Lärm zu viel wird. Und atmest.

2. Lege eine tägliche Ruhe-Zeit fest

Überlege dir, wann deine Familie, dein Job (und wer/was sonst noch Anspruch auf dich hat) dich am besten entbehren können. Nach dem Mittagessen ist eine tolle Zeit – dann kannst du in Ruhe verdauen und das typische Mittagstief so nutzen, wie Körper und Geist es sowieso einfordern.

Lege die Dauer deine Pause fest: 30 Minuten sind toll, eine Stunde ist besser.

Dann verkünde allen, die es interessiert, dass du zu dieser Zeit nicht gestört werden möchtest. Auch, wenn es anfangs schwierig ist, dich auszuklinken: Nach einer Weile werden alle deine Familienmitglieder wissen, dass du während deiner Ruhezeit einfach nicht ansprechbar bist.

In deiner Ruhezeit machst du bitte wirklich nur Pause. Da meditierst du nicht, denkst nicht an deine To-Do-Liste, hörst nicht auf die streitenden Kinder – sondern du machst das, was für dich zu einer Pause gehört: auf der Parkbank sitzen, Mittagsschläfchen, von der Hängematte in den Himmel gucken...

Wenn es dir schwerfällt, abzuschalten, dann konzentriere dich auf deine Atmung, nutze Ohrstöpsel, zähle Schäfchen (wenn wirklich nötig, ist tibetische Klangschalenmusik erlaubt).

3. Stelle deine innere Lärmquelle Nr. 1 ab

Wir alle haben günstigere und weniger günstige Gewohnheiten. Oft können wir unser Leben deutlich zum Positiven wenden, wenn wir unsere Aufmerksamkeit der ungünstigsten Gewohnheit zuwenden: Was verursacht in deinem Inneren den größten Lärm, die größte Unruhe? Ist es der Eindruck, nicht gut genug zu sein, wenn du Instagram checkst? Ist es die Tatsache, dass du zu jeder Tages- und Nachtzeit deine Arbeits-E-Mails checkst? Oder ist es deine viel zu volle To-do-Liste?

Was auch immer es ist, geh das Problem jetzt an – und sei dabei ruhig mutig: Lösche deine Instagram-Account, informiere deine Kollegen, dass du deine Mails nur noch innerhalb deiner Arbeitszeiten checkst und gib die Hälfte deiner Aufgaben an andere Familienmitglieder ab. Du denkst, das geht nicht? Doch, tut es. Versprochen.

4. Bonus-Tipp: Mehr Schlaf

Und hier kommt noch ein Tipp: Kaum etwas hilft dabei, die innere und äußere Lärmbelastung so zu reduzieren, wie langer, tiefer Schlaf. Versuche deinen Abend so zu organisieren, dass alle deine Pflichten spätestens um 20 Uhr erledigt sind. Danach solltest du nichts mehr essen und möglichst keine Medien konsumieren, sodass du noch Zeit hast, runterzukommen, zu entspannen, vielleicht Abend-Yoga zu machen oder in dein Tagebuch zu schreiben. Und dann gehe früh – ich empfehle 21 bis 22 Uhr – ins Bett. Ok, wenn du eine genuine Nachteule ohne Kind(er) bist, bekommst du von mir eine Sondergenehmigung bis Mitternacht – aber da liegst du dann auch im Bett und das Licht ist aus, bitteschön!

Du solltest mindestens acht Stunden schlafen, gern auch mehr. Es ist ziemlich einfach, herauszufinden, wie viel Schlaf du brauchst: Genügend Schlaf bekommst du nur dann, wenn du ohne Wecker erholt zu der Zeit aufwachst, die für dich passt. D.h. wenn du später aufwachst, kannst du langsam deine Zu-Bett-geh-Zeit immer weiter nach vorne verschieben und so deinen Schlafbedarf ermitteln.

Und bitte lass Radio, kein Handy und Co. dann nach dem Aufstehen mindestens eine Stunde lang aus. Sonst versaust du dir den schönen Erholungseffekt nämlich wieder. Lieber mit einem Tee ans Fenster setzen, Morgen-Yoga machen oder dir schöne Gedanken zum kommenden Tag machen bei einem warmen Frühstück.

Wie lange du das Ruhe-Retreat durchführen sollst? Was hältst du davon: solange, bis du innerlich und äußerlich eine so große Ruhe verspürst, dass es sich für dich einfach nur toll anfühlt.

Viel Freude bei der Ruhekur!

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