Du verwendest einen veralteteten Browser (Other 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.

Erlebe deine Lieblingslehrer beim Allstars Retreat auf Korfu vom 29.09. bis 06.10.2018!  >> Hier mehr erfahren...

Large yogi evolution
Bild: iStockphoto.com | YogaEasy.de

Vom Anfänger zur Brezel: Die Lernkurve im Yoga

Von Kristin Rübesamen

Egal, was wir anpacken, welchen Job, welche Leidenschaft, welchen Sport - in der Regel wollen wir es zu etwas bringen. Das ist im Yoga nicht anders. Auch wenn uns die Yoga-Schriften etwas anderes weismachen wollen, aber dazu später. Manchmal verläuft die Lernkurve nach einem rasanten Aufschwung im Sand, manchmal macht sie unvorhersehbare Schlenker, und nur selten verläuft sie in einer stetig ansteigenden Linearen Richtung Nirwana. Manchmal gibt es überhaupt keine Lernkurve trotz jahrelanger Praxis und sehr selten ist das auch so gewollt. Ihr seht, alles ist möglich, wie immer im Yoga. Für den Großteil von uns verläuft die Lernkurve im Yoga aber im wesentlichen in etwa in drei Etappen:

Phase 1
Anfänger: 0 – 6 Monate

Du hast einen Gutschein bekommen. Du begleitest eine Freundin. Du hast Schlaf-, Rücken-, Verdauungs-, und/oder Stoffwechselprobleme und deprimiert fühlst Du dich auch. Was machst Du? Du machst jetzt doch, weil man ja auch soviel darüber liest, Joga, äh, Yoga.

Du musst wissen, wir Lehrer lieben Dich, wir lieben alle Anfänger: Ihre Zuversicht, der Schwung, die Hoffnung, ein anderer Mensch zu werden, aber auch das Zögernde, Skeptische, das sie umgibt. Egal, welches Alter sie haben, man erkennt sie sofort. Sie lassen ihre Socken an, legen ihre Matten schief, kompensieren ihre Schüchternheit durch extreme körperliche Verausgabung. Manchmal antworten sie auch auf die rhetorischen Fragen des Lehrers („Könnt ihr das Brustbein weg vom Nabel ziehen und noch mehr Öffnung spüren?" - „Nee? Welches Bein?“) und bringen diesen dadurch aus dem Konzept.

Anfänger haben großes Glück. Sobald sie ihre neue quietschende Matte betreten und in der Stille ankommen, werden sie ein ganzes Feuerwerk an Empfindungen erleben. Ja, „in der Stille ankommen“ ist plötzlich kein esoterischer Quatsch, sondern eine handfeste Erfahrung. Sie beginnen, ihrem Atem zuzuhören, vielleicht Atem und Bewegung zu koordinieren, ihren Geist in den Körper zu schicken. Wer hätte gedacht, dass es so eine Herausforderung sein könnte, auf „Kleinigkeiten“ zu achten und „achtsam“ zu sein?

Die ersten Yogamonate sind der Beginn eines wunderbaren Abenteuers und in jeder Stunde wird ein neuer Aussichtspunkt erreicht. Denk daran, dich zu entspannen.

Im Yoga geht es nicht um Erfolg oder wie etwas aussieht. Du hast viel Zeit. Diese erste Phase ist so schön, dass wir sie auch den Fortgeschrittenen ans Herz legen, wenn wir sagen: Bewahrt euch euren Anfängergeist.

Irgendwann wirst Du zustimmen. Für Yogis gilt: Aller Anfang ist leicht.

 

Phase 2
Level 1/Intermediate: 6 Monate bis 2 Jahre

Du weißt jetzt, wo die Matten sind, die Klötze und der Gurt. Du weißt, was Savasana ist, und dass man während der Yogapraxis nicht telefoniert und nicht direkt vorher einen Schweinebraten verdrücken soll. Du hast dir auch schon die erste gemusterte Yogahose gekauft und mit dem Gedanken gespielt, mit Meditation anzufangen, ihn aber wieder verworfen.

Du rollst mindestens einmal, eher zweimal in der Woche die Matte aus. Noch steht Kuhmilch in deinem Kühlschrank und gelegentlich rauchst Du eine Zigarette, aber besser geht es dir eindeutig an den Tagen, an denen Du übst.

Kollegen finden, du siehst frischer aus, und du hast tatsächlich eine bessere Haltung und einen besseren Teint bekommen. Zum ersten Mal überlegst Du, ob Du statt dem üblichen Ibiza-All-Inclusive-Rave in dieses Yoga-Retreat im Hinterland fahren sollst...hhm. Du müsstest noch eine zweite Hose kaufen. Erstmal den Lehrer googeln.

Level 1-Schüler erkennt man an durchgestreckten Beinen (sie weigern sich, sie leicht anzubeugen), an wackligen Kopfständen, an schiefen Rädern (hier wiederum sollten die Arme gestreckt sein) und abenteuerlichen Variationen.

Man erkennt sie auch an Weinschüben, die sie regelmäßig in Hüftöffnern bekommen. Wird dort alter emotionaler Ramsch verwaltet, wie viele Yogalehrer erzählen, oder ist es eher der Iliopsoas, der sich nicht dehnen will? Egal, die Praxis führt oft zu Gefühlsausbrüchen, nach denen man sich deutlich besser fühlt. Beim Schulterstand verschmähst Du die Decke, obwohl es der Lehrer empfiehlt. Ach ja, du unterschreibst deine Mails mit „Namaste“ und wünschst dir ein veganes Kochbuch von deiner Familie mit dem Argument, dass da auch Rezepte für veganen Rinderbraten drinstehen.

Level 1 könnte eine schöne Phase der Kontemplation und des langsamen Reifens sein, ist aber in unserer rastlosen Zeit oft das Gegenteil. Wer diese Phase überlebt und nicht beim Osteopathen landet, bleibt für immer beim Yoga.

Lass’ dir Zeit. In den ersten Jahren wird es Rückschläge hageln, wenn Du es übertreibst. Yoga ist dazu da, einen Gegenpol zu deinem Leben zu schaffen. Wenn Du im Yoga genauso aufs Gas trittst und es allen zeigen willst, werden sie vor allem eins zu sehen bekommen: Getapte Schultern, eine entzündete Rotatorenmanschnette und einen Verband wegen Karpaltunnelsyndrom.

Falls Du weinen musst, mach' dir keine Sorgen. Wir Lehrer haben das schon tausend Mal erlebt. Es gehört dazu. Selbst uns ist manchmal noch danach.

 

Phase 3
Level 2/ Fortgeschrittene: 2 Jahre bis lebenslänglich

Du gehst jetzt mindestens dreimal die Woche auf die Matte. Du planst dein Sozialleben nach deiner Praxis. Deine Praxis geht vor. Abends um 21 Uhr noch eine Pizza? Natürlich nicht. Zu spät, und dann noch mit Käse? Man kann schön mit dir Tee trinken und sich mittags beim Vietnamesen verabreden.

Du wirst still, sobald du auf der Matte sitzt. Du stehst auf Pranayama (Atemübungen) und kannst jetzt mitreden, wenn von Meditation die Rede ist. Du kannst auf einem Bein balancieren und du flippst nicht aus, wenn jemand über deine Matte läuft.

Du nimmst beim Schulterstand eine Decke. Du kannst den Kopfstand vermutlich für 20 Atemzüge halten. Du hast sogar Bauchmuskeln, aber sie interessieren dich nicht. Du hast einen Jahresvertrag und wenn du auf Reisen bist, übst Du weiter. Du bist, wenn Du nicht übst, unausstehlich.

Was deine physische Praxis anbelangt, machst Du schon länger keine wesentlichen Fortschritte mehr. Schlimmer, du hast dich schon dabei ertappt, dich zu langweilen. Ja, um die Wahrheit zu sagen, und der Wahrheit fühlst du dich laut Patanjali, der Dir auch kein Unbekannter mehr ist, verpflichtet: Die Phasen der Langeweile sind unübersehbar. Du hast ein paar klasse Yoga-Selfies von Dir und bist kurz davor, sie auf Facebook zu stellen.

Wenn Du die Langeweile in Kauf nimmst, wird sie dir ans Herz wachsen. Du wirst ein Plateau erleben, das sich über Jahre hinziehen kann. Es ist, wie unter einer geschlossenen Wolkendecke zu wandern. Total ok, aber eben nur ok. Dann irgendwann, wenn du es am wenigsten erwartest, reisst die Decke auf und es wird hell. Dann wieder Wolken, dann wieder Sonne. Irre, dass Du beides gleich liebst.

Obwohl du die Yoga-Metaphorik und sogar ein wenig Sanskrit beherrscht, malst Du nicht mehr überall ein OM-Zeichen hin.

Du verstehst auf diesen Zwischengipfeln dennoch eine grundlegende Wahrheit über dich und das Leben, die wir hier nicht verraten können. Nur so viel: Es lohnt sich.

Diese Videos passen zum Thema