Du verwendest einen veralteteten Browser (Other 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.
Large shutterstock 85848001 900x508px
Bild: shutterstock.com

Sehnsucht nach Stille: Warum Yoga plötzlich boomt

Von Kristin Rübesamen

Noch nie war in der westlichen Welt unser Lebensstandard so hoch wie heute, noch nie haben so viele Menschen die Möglichkeit gehabt, ein Leben in Frieden und Wohlstand zu führen. Dennoch steigt die Unzufriedenheit und das Gefühl von Überforderung stetig. Kein Wunder also, dass sich selbst Menschen für Yoga interessieren, die früher eine Kuchenschlacht oder einen Einkaufsbummel für die beste Erholung gehalten haben, und das ist gut. "Willkommen im Club!" sagen wir alten Yogis (die wir uns dennoch gerne ein Stück Erdbeertorte genehmigen).

Krise als Auslöser

Manchmal ist es eine Krankheit, manchmal eine seelische Krise, oft einfach nur das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, das dafür sorgt, dass wir schlagartig begreifen, dass sich etwas in unserem Leben ändern muss. Etwas, das uns dabei hilft, dass wir uns wieder wohl in unserer Haut fühlen, dass wir durchschlafen, dass wir Momente von Ruhe ertragen ohne in Panik zu verfallen. Fragen Sie sich einfach: Wann war das letzte Mal, dass Sie ohne Smartphone, ohne Zeitung, ohne Fernseher, ohne irgendeine Beschäftigung einfach nur still waren, ganz mit sich allein?

Selbst ist der Guru

Die gesundheitliche Wirkung von Yoga hat sich herumgesprochen. Wer eine Methode gefunden hat, die den eigenen Bedürfnissen entspricht, wird schnell eine Verbesserung spüren. Doch welche Methode ist die richtige? Yoga gilt als Erfahrungswissenschaft. Was wie eine Paradox klingt, bringt die Eigenheit von Yoga auf den Punkt. Man kann eine Menge über die einzelnen Vor- und Nachteile der diversen Methoden von Yoga reden und schreiben, am Ende entscheidet der Praktizierende, was ihm oder ihr gut tut. Für den einen ist es eine körperlich herausfordernde Methode wie Ashtanga, für den anderen eine Disziplin wie Iyengar Yoga, in der sehr auf anatomische Ausrichtung geachtet wird, der eine neigt zum Schütteln und Wiegen wie im Kundalini, zum spirituellen Schwitzen wie im Jivamukti und so weiter. Methoden, die sich besonders gut für Anfänger eignen, sind Anusara Yoga und Iyengar Yoga, weil in beiden Methoden viel erklärt wird.

Sofortige Steigerung der Lebensqualität

Physiologisch wirkt Yoga auf das Herz-Kreislauf-System und auf die Atmung. Yoga senkt ebenfalls den Blutdruck. Generell kann man von einem "Schaufel-Phänomen" sprechen. Während der Übungen, besonders bei fließenden Yoga-Stilen, beschleunigt sich die Herzrate, und die Atemfrequenz kann steigen, aber in den wichtigen Entspannungsphasen zwischendurch und am Schluss einer Sequenz absorbiert der Körper gewissermassen die Anstrengungen, und das ganze System, die gesamte homöostatische Regulation wird dynamisert. Die homöostatische Regulation hilft dem Organismus, im Gleichgewicht zu bleiben. Vielleicht spricht man deshalb von den "Selbstheilungskräften" des Yoga, weil im Yoga genau dieser Prozess angestossen wird: subjektiv erfahrbar als Gefühl von Frieden und Ruhe am Ende der Praxis.

Wissenschaftlich belegt

Yoga als subjektive Erfahrungswissenschaft ist seit vielen Jahren Gegenstand empirischer Untersuchungen. Weil Yoga lindernd vor allem bei chronischen und Zivilisationskrankheiten wirkt, untersuchen Mediziner gezielt die therapeutische Wirkung dieser Jahrtausende alten Disziplin. Im Fokus stehen sowohl psychische Erkrankungen wie Rückenleiden, Multiple Sklerose und ADHS. Schon eine Stunde in der Woche kann ein Gefühl für den Körper wecken und einem die Erfahrung bescheren, dass Körper und Geist eins sind und nicht getrennt. Denn das ist gemeint, wenn von integrativem Yoga die Rede ist. Darum geht es uns im Yoga. Wir blenden nichts aus, wir lügen uns nicht in die Tasche.

Beispiel Brustkrebs

Gerade, weil es möglich ist, sich im Yoga die eigene, oft rigide Selbstwahrnehmung und Aburteilung (zu dick, zu unflexibel, zu schwach, zu dumm) vor Augen zu führen, hilft Yoga z.B. bei Brustkrebspatientinnen, ein vermindertes Selbstbewußtsein wieder aufzubauen mit dem Ziel, sich selbst zu lieben und anzuerkennen. Zu Achtsamkeit und Aufmerksamkeit kommt also ein positives Erleben des Körpers, vielleicht sogar die Empfindung von Dankbarkeit.

Yoga als Prävention

Dass Yoga die Lebensqualität zweifellos steigert, spricht auch für die präventive und langzeitliche Wirkung von Yoga. Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber zu üben, ist - auch wenn in diesem Punkt wissenschaftliche Studien noch ausstehen - in jedem Fall eine gute Option, sich den Unwägsamkeiten der Zukunft zu stellen. Wer auf der Matte durch regelmäßiges Üben beispielsweise auf einem Bein balancierend lernt, mit Angst und Panik umzugehen, hat besseren Chancen, auch im "echten Leben" die Ruhe zu bewahren.

Die moderne Antwort auf Stress

Vor allem in der Mitte der Gesellschaft ist die Erfahrung, nie abschalten zu können, eine endlose Liste abzuarbeiten und niemals innehalten zu dürfen, zentral. Die mobile Gesellschaft verlangt von uns, ständig in Bewegung zu sein. Errungenschaften wie das "Home Office" befördern die Selbstausbeutung und auch im Privaten sorgt die Forderung nach Optimierung so für Stress, dass selbst die Wahl des Fitnessprogramms anstrengend wird, denn woher wissen wir, dass es auch das Beste ist? Egal, in welchem Yogastudie oder in welcher Yogastunde im Gym wir dagegen landen, eine Erfahrung ist garantiert: Wir werden ruhig. Und wir müssen ruhig werden, um in diesen Zeiten überleben zu können. Ein gesteigertes Körperbewußtsein, Fitness, Koordination, die Fähigkeit zur Entspannung und zur Lebensfreude folgen.

Die anderen

Und noch etwas. Wer Angst davor hat, neue Menschen kennen lernen zu müssen, oder in eine Sekte zu geraten, das Schlimmste, was Ihnen passieren kann ist, dass man Sie duzt. Wir sind sicher, das macht Dir nichts, oder?