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Yoga und Perfektionszwang
Bild: iStockphoto.com

Yoga und Perfektionszwang

Von Kristin Rübesamen

Wir sind perfekt

Wir sehen perfekt aus. Die Zähne kann man bleachen, die Brüste vergrößern, den Bauch verkleinern, die Wangenknochen betonen, den Haarausfall verbergen, die Augenbrauen liften, das Fettdepot senken.

Wir sind perfekte Arbeiter. Wir können überall arbeiten, zu jeder Zeit Mails beantworten, haben von jedem Ort aus Zugriff auf die Welt, und wenn wir nichts zu tun haben, dokumentieren wir auch das mit einem hübschen Foto einer Kichererbsensuppe auf Facebook.

Wir sind perfekte Lover. Immer lässig, unverbindlich, gutgelaunt, einsatzbereit, auch bereit zu verzichten - zur Not können wir immer noch Kinder adoptieren, so wie Angelina Jolie und Brad Pitt.

Wir sind perfekte Freunde, jeder liebt uns, wir trennen den Müll, besuchen die Oma, spenden gelegentlich, singen im Kirchenchor. Wir meinen es gut, und wenn uns doch mal die Geduld verlässt, richtet uns unser Therapeut wieder auf.

"Perfekte" Yogis?

Und... wir sind tolle Yogis, verpassen nie eine Stunde, quälen uns begeistert in Ardho Baddha Padma Paschimottanasana, begeben uns trotz Nackenschmerzen in den Kopfstand, reinigen stundenlang unsere Nadis, bringen die Chakras in Balance, machen die Brücke, auch wenn wir die Arme nicht strecken können. Alles andere kommt nicht in Frage, denn wer will schon ein Loser sein?

Der Zwang zur Optimierung, der uns alle im Griff hat, macht auch vor Yogaschulen nicht halt. Dabei wäre die Yogamatte der erste Platz, diesem Wahn Einhalt zu gebieten, Rücksicht zu nehmen auf den Rücken, Nachsicht zu haben mit den müden Knochen, dem wirren Geist milde zu begegnen, der traurigen Seele Trost zu spenden. Darin liegt die ureigene Qualität des Yoga: mit sich selbst ins Reine zu kommen, die Prioritäten zurecht zu rücken, das richtige Bewusstsein wiederzufinden.

Zu dünn, zu reich?

Man kann nie zu dünn sein oder zu reich, läßt der amerikanische Autor Bret Easton Ellis seinen Helden in „American Psycho“ sagen. Möglich. Viel schlimmer aber ist, wenn man andere für sich entscheiden lässt, was perfekt ist.

Das ist kein Plädoyer gegen Disziplin. Das heißt nicht, dass wir nicht regelmäßig schwitzen und üben sollen. Oder faule Entschuldigungen akzeptieren. Das heisst einfach nur, genau hinzuschauen: Will ich das? Die 876 Freunde auf Facebook, die ich gar nicht kenne? Den stahlharten Beachbody, obwohl ich eigentlich lieber einen dicken Roman lesen würde? Permanent verfügbar zu sein, obwohl ich mich danach sehne, mein Handy für immer auszuschalten?

Machen wir uns nichts vor, die Sehnsucht nach Perfektion war schon immer da. Wir können sie in griechischen Tempeln, ägyptischen Pyramiden, Höhlenmalereien finden: die Sehnsucht nach Schönheit, nach Symmetrie, nach Erhabenheit gibt es seit es uns Menschen gibt.

Die Sehnsucht nach Perfektion, die Fitness-Studios, Plastische Chirurgie und Shopping Malls am Leben erhält, schickt uns dagegen auf einen endlosen Trip, an dessen Ende alle gleich aussehen, gleich gut, gleich langweilig.

Die Griechen hatten ein Wort für den richtigen Moment: Kairos. Das bedeutet, dass für einen kurzen Moment alles zusammenpasst. Solche Momente kann man auf der Autobahn nach einem Gewitter erleben, wenn die Luft ganz klar wird, ein kleines Dorf in den Bergen sichtbar wird und im Radio ein alter Song von Prince kommt. Oder in einer Eisdiele, die nicht mehr schick ist, in der sie noch die Schirmchen für die Eisbecher haben und die Frau, die den Laden schmeißt, vor 60 Jahren aus Liebe aus Apulien nach Detmold gezogen ist.

Ein solcher Moment ist perfekt. Er ist überall möglich und hat selten etwas mit weißen Zähnen zu tun und einem perfekten Handstand. 

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