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Sorry, Yoga ist doch weiblich. (Teil 2)
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Yoga ist doch weiblich (Teil 2)

Von Kristin Rübesamen

Ist Yoga männlich, weiblich, dominiert von Männern oder Frauen? Im Vergleich zum Frauenanteil in den Dax-Unternehmen (weit weniger als die Hälfte) ist die Yogawelt: Weiblich!

Starke Frauen, starkes Yoga

Stimmt schon, es gibt sie noch, die Macho-Gurus, die große Reden schwingen, um junge Mädchen zu beeindrucken, aber wieviel mehr Erfolg die Frauen in der Yogaszene haben, zeigt in Blick in deutsche Yoga-Metropolen: In Berlin sind es Patricia Thielemann, Tina Lobe, Irina Alex, Anja Kühnel, Stine Lethan und allen voran Anna Trökes, die bestimmen, was Yoga heute ist, in Köln Nicole Bongartz und Amy Heger, in München Gabriela Bozic, Ranja Weiss, Antje Schäfer, in Hamburg Veronika Freitag und Anna Rech. Das erste ostdeutsche Yogastudio von Rand hat Cornelia Groß in Dresden eröffnet. Die größte deutsche Yogakonferenz in Köln haben Nicole Bongartz, Amy Heger und Beata Korioth, die Gründer von Vishnus Coach, auf die Beine gestellt. Die wichtigsten Yogablogger Madhavi von Kaerlighed und Rebecca Randak von „Fuckluckygohappy” sind Frauen, die Gründerin von YogaEasy, Henrike Fröchling, ebenfalls: eine Frau.

Es sind Frauen, die Frauen unterrichten. Vielleicht üben gelegentlich mal Männer mit, aber den Ton geben die Frauen an. Was ist das für ein Ton? Ein schwesterlicher, humorvoller und ehrlicher Ton, ein Ton, der aufmuntert, ermutigt und stark macht, der dazu auffordert, sich nicht kleiner zu machen, sondern größer, sich nicht zu vergleichen, sondern zusammenzuhalten und sich zu unterstützen. Einsame Wölfe? Gehören in den Wald.

Die Modernisierung des Yoga

Im Zuge der Modernisierung des Yoga zu Beginn des 20. Jahrhunderts sorgte ein Mann (TK Krischnamacharya) dafür, dass Frauen auch in den Genuss einer Technik kamen, die über Jahrhunderte die Männer stark und ausgeglichen gemacht hatte. Heute über 100 Jahre später haben wir uns angewöhnt, Yoga als Disziplin zu verstehen, die theoretisch keinem Geschlecht zugeordnet ist, die jedoch überwiegend Frauen ausüben. Ok, man sieht zunehmend auch Männer in den Studios, aber die Frauen dominieren zumindest zahlenmässig. Es gibt auch mehr weibliche Lehrerinnen als früher. So weit, so gleichberechtigt. Warum wird die Frage danach, was Yoga für die Frauen tut, seit einiger Zeit so aggressiv gestellt? Ist es nur Männern vorbehalten, ihren Körper zu „stählern”? Sollen Frauen weich bleiben?

Yoga und unser Körperbild

Wir sehen Yoga als vorwiegend körperliche Disziplin, die uns dabei unterstützt, unseren Alltag zu meistern und gesund und kräftig zu bleiben, als vorwiegend geistige Praxis von Meditation und Philosophie, die uns hilft, psychisch stabil und ausgeglichen zu sein, oder als Kombination aus beidem. Yoga ist als Instrument der Lebenshilfe Teil des westlichen Lebensstils geworden und stützt somit auch den Status, den Körper, Geschlecht und unser Rollenbewusstsein in unserer Gesellschaft. Damit unterstützt Yoga die Konzentration auf den Körper als Statussymbol, mit dem sich Frauen wie Männer einen besseren Platz bei der Verteilung von Anerkennung und Ämtern sichern können. So weit so gleichberechtigt. Aber Yoga kann mehr.

Yoga macht Frauen beweglich, nicht unterwürfig

Eine Zeitlang sah es so aus, als würde Yoga ganz und gar von der Idee, seinen Körper geschmeidig und schön zu machen, vereinnahmt werden. Und zwar nicht erst seit Instagram. Selbst ein Lehrmeister wie BKS Iyengar verrenkte sich Mitte der 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts spektakulär auf europäischen Bühnen, um Yoga populär zu machen. Yoga wurde, sorry, zum Aufputschmittel. Heute sind es Spitzenmanager, die dank Yoga damit prahlen, ihre Konzentrationsfähigkeit maximal zu steigern. Vereinzelt meldeten sich Kritiker und mahnten, schnell als Spielverderber abgestempelt, an, dass dabei der ursprüngliche Charakter von Yoga als Instrument der Selbsterkenntnis verloren ginge.

Hm, warum sollen wir diesen Charakter bewahren? Wir sind schließlich nicht im Museum. Ursprünglich war der yogische Weg nur den Männern vorbehalten. Wenn heute Frauen auf die Matte gehen, sollten sie denn dann nicht selbst bestimmen dürfen, mit welchem Ziel? Wenn Frauen ihren Körper, den sie jahrhundertlang als Währung im Geschlechterkampf einsetzen mussten, nun zum eigenen Vergnügen zu einem Tempel ausbauen, was ist daran falsch? Verkehrt läuft diese Art von Emanzipation doch erst dann, wenn dahinter eine feste Vorstellung von Schönheit dominiert. Solange aber Frauen auf der Matte in ihrer Praxis ihre eigene Idee von sich selbst unabhängig von den Vorstellung aller anderen (Männern, Frauen, beste Freundinnen) zum Ausdruck bringen, dann: Hurra.

Insta-Yoginis im Bikini

Die Yoginis in abenteuerlichen Rückbeugen (Vorbeugen sind einfach nicht attraktiv) mit ihren Selfies sind ein wenig lächerlich, das weiß jeder. Aber die Antwort auf den Körperfetischismus darf nicht die Körperfeindlichkeit sein, unter der Frauen bis heute auf der Welt zu leiden haben. Wenn Mädchen in Indien nicht ins Gebüsch gehen können, wenn sie aufs Klo müssen, ohne Angst, vergewaltigt zu werden, wenn Frauen nicht heiraten dürfen, wen sie wollen, wenn Frauen nicht die Ausbildung machen dürfen, auf die sie Lust haben, nicht studieren dürfen, weniger Geld verdienen wie bei uns in Deutschland, dann sollten wir den Teufel tun, ihnen nahezulegen, was sie mit ihren Körpern machen sollen. Die jungen Frauen, die auf Instagram ihren Körper in Yogahaltungen, die in diesem Zusammenhang immer „Posen“ heißen, brauchen vielleicht diese Art von Bühne. Sie müssen „posen“, um sich unabhängig zu fühlen. Mit Yoga hat das wenig zu tun, aber Yoga ist stark genug, um damit fertig zu werden.

Wenn weiblich bedeutet, sich nicht einem Dogma zu unterwerfen, auf seine Intuition zu hören, zusammenzuhalten anstatt sich gegenseitig zu piesacken, sich um Andere zu kümmern, nach dem Weg zu fragen: Dann ist Yoga in Patanjalis Namen eben weiblich. Am Ende aber ist es das, was wir daraus machen. Und so sehr wir unsere alten Yogis lieben, ein von Mann zu Mann, von Schlangenheiligen, Höhlenmännern bis zu Yogamachos weitergereichtes Narrativ braucht kein Mensch. Deswegen kann Yoga jetzt ruhig mal ein paar Jahrhunderte weiblich sein.

Denn für uns gilt: Wir sind nicht nur unser Körper, aber wir sind es eben auch.

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