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Ist Yoga weiblich? Männlich? Transgender? Puh!
Bildquelle: Istockphoto.com

Ist Yoga weiblich? Männlich? Transgender? Puh!

Von Kristin Rübesamen

An einem Sonntagabend 2017 in einem Yogastudio in einer europäischen Hauptstadt schwitzen jungen Frauen in Leggings und Oberteilen, die ihre mageren Hüften und Rippen zeigen. Aber halt, sie schwitzen kaum, und vielleicht ist es dieses kleine Detail, zusammen mit der Tatsache, dass der Lehrer ein älterer Muskelprotz ist und eben, nun ja, männlich, die die Frage nach der Geschlechterrolle im Yoga aufwirft.

Gnadenakt bei Frauen über 50

Denn Yoga war über Jahrhunderte von Männern dominiert. Erst der Yogalehrer TK Krichnamacharya erlaubte Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen, seine Schülerinnen zu werden. Unter all den Pionieren, die Yoga modern und populär gemacht haben, waren nicht mal eine Handvoll Yoginis: Indira Gandhi, Elsa, Sri Anandamayi Ma, Sarada Devi, Mira Alfassa oder Mata Amritanandamayi Devi.

Die Frauen geben sich Mühe, sie drücken ihr Kreuz durch, dehnen, strecken, manche stöhnen laut. Den Lehrer beflügelt das. Er fasst die hübschesten an, um ihnen tiefer in die Stellung zu helfen, und ignoriert die anderen. Es macht fast den Eindruck, als kann er nicht anders. Heimlich entwickelt sich ein Kampf um Aufmerksamkeit unter den Schülerinnen, denen die älteren Frauen, hilflos lächelnd, das Feld überlassen. Einmal scheint er kurz aufzuwachen und geht zu einer dicken Frau über 50, ein Akt der Gnade, und alle spüren es. Und das bei einer Technik, die zu dem Zweck entworfen wurde, individuelle Grenzen zu sprengen und so eine friedliche Allianz zwischen Geist und Körper zu schaffen, die unabhängig macht von äußeren Einflüssen. F*ck.

Yoga heute: Sexskandale, Machos und Geburtsvorbereitung

Der Eindruck, dass im Yogamilieu mehr Sexskandale passieren als in der Automobilbranche zum Beispiel, mag falsch sein. Autofreaks passen in die Klischeerolle des Machos, aber Yogis? Das Bild eines haarigen Besserwisserlehrers, dem die Frauen sich demütig schweigend zu Füßen legen, klingt so aus der Zeit gefallen, dass wir uns erinnern müssen, welche Segnungen der Moderne Yoga für die Frauen mit sich brachte. Bessere Geburtsvorbereitung, bessere Gesundheitsprävention insgesamt, und nicht zuletzt eine Plattform, von der aus Frauen gegen ein mechanistisches Körperverständnis rebellierten, dass sie zu Gebärmaschinen machte und an den Herd fesselte, und damit die Möglichkeit, sich als Frau emotional wie mental, sexual, ja politisch zu befreien.

Patriarchen und Patanjali

Wie kommt es dann zu diesem peinlichen Rückfall in alte Zeiten? Warum sind auf Yogakonferenzen nach wie vor die männlichen Lehrer in der Überzahl? Während unter den Teilnehmern die Frauen bei weitem überwiegen. Wie kann es sein, dass ausgerechnet im Yoga, das dazu beitragen könnte, Geschlechter-, Rassen- und Klassenunterschiede zu begraben, sich ein solcher Patriarchismus entwickeln konnte. Historisch ist die Statistik verheerend: Patanjali, der große Yogaphilosoph, auch wenn er sich verklemmt hinter einem Schleier versteckte im Unterricht, war ein Mann. Bikram, Iyengar, Patthabi Jois, Sivananda, Desikachar, und wen hatten wir (außer Indira Gandhi?)

Aber selbst, wenn wir mal die Lehrer und Gurus beiseite lassen, ist noch nicht geklärt, woher diese Sehnsucht bei den Schülerinnen nach Unterwerfung kommt. Ein Grund ist vielleicht der starke Fokus auf die Asanas. In unserer Kultur sind wir dazu verdammt, Liebe und körperliche Schönheit im engen Abhängigkeitsverhältnis zu denken. Die halbnackten Frauen, die sich im Yoga so unterordnen, handeln womöglich aus einem Evolutionsinstinkt heraus: Wer sich so verletzlich zeigt, sein Gesicht, seine Atmung, seinen Körper ungeschminkt zeigt, hat als kleines Dummchen vermeintlich bessere Chancen, in diesem Zustand auch geliebt zu werden, als als eigenwillige souveräne Frau. Oder aber sie feiern einfach ihren Körper, worauf wir mit einem kräftigen Chai-Tee anstoßen sollten.

Wie wird man eine Asana-Amazone?

Trotzdem bleibt die Intuition, dass Frauen im Yoga keine Show abziehen sollten, und zwar sich selbst zuliebe. Im Yoga öffnen wir nicht nur unsere Gelenke, sondern auch unser Herz. Eine starke unabhängige Frau würde man daran erkennen, dass sie in ihrer Yogapraxis verletzlich sein kann, ohne damit ihre Souveränität aufzugeben. Dass sie Angst zeigen kann, aber auch Mut, Abenteuergeist, Widerspruchsgeist, aber auch Liebe zu Schönheit, Grazie und zu ihrem Körper. Unser Verhältnis zu unserem Körper wechselt, das ist normal, das Verhältnis zu unserem Lehrer sollte ein Vertrauensverhältnis sein, sonst nichts.

Heute, zum Weltfrauentag,  nachdem sich selbst SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zu dem Versprechen hinreißen ließ, sein zukünftiges Kabinett zur Hälfte mit Frauen zu besetzen, unsere Ermunterung an alle Frauen: Seid stark und schön für euch, nicht für den Lehrer. Seid mutig und klug um euretwillen. Es geht im Yoga um einen außergewöhnlichen Zustand, in dem Menschen spüren, fühlen und merken, was Menschen als Menschen auszeichnet: ihre Freiheit. Weder ihr Geschlecht, noch ihr Status oder ihre Klassenzugehörigkeit determinieren einen Menschen, sondern nur dieses eine: ihr Freiheit. Also auf, Frauen, die Welt braucht weibliche Gurus!

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