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„First Lady” Indra Devi – Mysore und Hollywood
Bild: Fundación Indra Devi

„First Lady” Indra Devi – Mysore und Hollywood

Von Kristin Rübesamen

Es war keine häkelnde Esotante, der wir Yogis so viel verdanken, sondern eine Frau, die 1927 als junges Mädchen ihren Verlobten austrickste, damit er ihr eine Reise nach Indien finanzierte. Um ihm nach ihrer Rückkehr den Ring vor die Füße zu werfen und auf der Stelle zurück auf den Subkontinent zu fahren.

Eine Geschichte der Emanzipation

Es waren stets bedeutende Männer, die Indra Devis Weg entscheidend mitbestimmten, allen voran der indische Yogalehrer Krichnamacharya, und aus jeder Begegnung ging sie, auch im letzten Jahrhundert die Ausnahme, als Gewinnerin hervor. Die Geschichte des weiblichen Yoga ist die Geschichte einer Emanzipation, und angesichts ihres Geburtstages ist ein bisschen historische Gänsehaut angebracht.

Lustig, dass es genau die Gene eines Bankers und einer adligen Schauspielerin brauchte, um mit Eugenie Petersen eine der schillerndsten Wegbereiterinnen des Yoga zu zeugen. Unter dem Künstlernamen „Indra Devi“ wird sie nach ihrer Rückkehr nach Indien, mittlerweile mit einem tschechischen Botschafter verheiratet, als Filmschauspielerin berühmt. Aus den Bildern, die sie in ihren Rollen zeigen, springt einem eine fiebrige Sehnsucht entgegen. Aufgerissene Augen, rote Wangen, Händeringen verraten den Zeitgeist einer Epoche, die jenseits der Vernunft ein „bewussteres“ Leben suchte, aber Indra muss es ernst damit gewesen sein. Die kräftige Schminke verbirgt eine Zeitlang die körperliche Schwäche, die Diplomatenpartys und Scheinwerferlicht auslösen und heute vermutlich als „Burn-Out“ diagnostiziert werden würde.

Bei Youtube fanden wir ein paar Impressionen der jungen Indra Devi: 

 

 

Promi-Guru Krichnamacharya

Auf der Suche nach Heilung landet Indra Devi am Hof des Maharadscha in Mysore und wird prompt abgewiesen, weil sie eine Frau ist. Schwer zu glauben, wenn man heute in die Yogastudios geht, die überwiegend von Frauen besucht werden, aber bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Yoga eine Sache der Männer, der Krieger und Heiligen, aber nur Krichnamacharya und Yogis wie der überspannten Schauspielerin Indra Devi ist es zu verdanken, dass Frauen heute üben können. Denn die wird durch das harte Regiment des Yogameisters nicht nur gänzlich gesund, sie verliert auch das Interesse an ihrem alten Lebenstil und übt derart leidenschaftlich, dass sie nach einem Jahr selbst Lehrerin werden möchte.

Es kann nicht einfach gewesen sein, aus Lettland kommend in der staubigen Hitze Südindiens neben Machos wie BKS Iyengar und K. Patthabis Jois und unter der Fuchtel des Obermachos Krichnamacharyas zu bestehen. Schade auch, dass wir keine Youtube-Clips von ihr haben, die demonstrieren, wie sie sich in dieser Situation geschlagen hat. Doch Krichnamacharya, der ihr Einzelunterricht gibt, folgt seinem Instinkt: Diese Schülerin soll seine Lehre in die Welt tragen. Gegen den Willen ihres Mann, dem sie nach China folgte, unterrichtet sie als erste Frau in Shanghai Yoga im Stil von Krichnamacharya. War es einst die russische Revolution, die sie als Mädchen mit ihrer Mutter aus Moskau nach Berlin trieb, ist es jetzt die japanische Invasion, die sie zur Flucht drängt, nur wohin: Indien oder Amerika? Sie kauft Schiffstickets für beide Ziele und entscheidet sich, das erste Schiff zu nehmen, das den Hafen verlässt: Amerika.

Allianz mit Elisabeth Arden

Im Januar 1947 erreicht sie Hollywood und kommt gerade recht, um das aufkeimende Interesse an Körper- und Atemtechniken der Filmstars zu befriedigen, in geschickter Allianz mit dem amerikanischen Schönheitskonzern Elisabeth Arden. Sie unterrichtet Gloria Swanson, Greta Garbo, Yul Brunner, angeblich auch Yehudi Menuhin und Marilyn Monroe - kurzum jene Leute, die darüber bestimmen, wer nach oben kommt und wer nicht. Wieder heiratet sie einen reichen Mann, diesmal einen Mediziner, und könnte sich nun eigentlich auf der gemeinsamen Ranch in Mexico mit einem Cocktail zur Ruhe setzen. Stattdessen beginnt sie, diesmal auf südamerikanischem Sand, Yogalehrer auszubilden. Sie schreibt Bücher, sie trägt Sari, sie ist, einst Ehefrau eines Botschafters, selbst Botschafterin geworden: ihre Botschaft heißt Yoga.

Wäre es ihr lediglich darum gegangen, zur Schickeria zu gehören, hätte sie 1960 niemals um ein Treffen mit der russischen Staatsspitze gebeten und durchgesetzt, dass Yoga legalisiert wurde. Keine Ahnung, was daran verrückter ist: dass sie das im selben Jahr tat, als die Sowjets einen amerikanischen Spionagepiloten über Sibirien abschossen, oder dass Yoga in Russland tatsächlich verboten gewesen sein soll.

„Mataji” (Mutter)

Was sich im Rückblick wie ein einzigartiger Aufstieg einer leidenschaftlichen Frau darstellt, bedeutete im Einzelnen, sich von den politischen Wirren eines ganzen Jahrhunderts herausgefordert in jeder Situation, die eine Entscheidung vor ihr forderte, gegen die Bequemlichkeit und für das Abenteuer zu entscheiden. Es ging ihr um die Frauen und sicher auch um das Wohlbefinden einer Frau, aber es muss ihr auch um Abenteuer und Spaß gegangen sein, sonst hätte sie den Ring damals in Berlin einfach anbehalten.

Bis zu ihrem Tod 2002 im Alter von 103 Jahren lebte sie in Argentinien, wo man sie, die Kinderlose, „Mataji“ („Mutter“) nannte.

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