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Wer bin ich? Was Yoga mit Identität zu tun hat
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Wer bin ich? Was Yoga mit Identität zu tun hat

Von Kristin Rübesamen

Nichts festhalten, loslassen, und alles ist im Fluss... Die meisten Yogis atmen auf, sobald sie diese yogischen Slogans hören. Viele haben bereits die Erfahrung gemacht, dass es nicht zufrieden macht, sich an Menschen, Besitz, Vorlieben oder Abneigungen zu klammern. Da passt es gut, dass in der Yoga-Philosophie all diese Dinge als falsche Identität gebündelt als „Illusion“ oder „Maya” verstanden werden, mit dem man möglichst wenig zu tun haben möchte. Je weniger Gewicht wir dieser Illusion beimessen, desto freier und zufriedener leben wir. Diese Philosophie können wir ganz konkret erleben in der Yogapraxis, zum Beispiel in der Meditation. Je mehr Abstand wir zu unseren Gedanken, die uns auf bestimmte Gefühle und Verhaltensmuster festnageln wollen, nehmen, desto unbeschwerter und klarer können wir leben.

Identität als Plüschmantel

Ohne Identität wollen wir aber auch nicht leben. Denn schließlich möchten wir irgendwann zu dem vordringen, was uns im Innersten ausmacht, jenem unverletzlichen Kern, der uns Halt gibt. Genau wie wir im Yoga einen guten Blick auf die Hülle an Vorstellungen haben, die uns umgibt wie ein Plüschmantel, und aber nicht aus- und vor allem nicht zufrieden macht, können wir auch einen Blick auf diesen Kern werfen. Die Ruhe im ständigen Wandel, dafür haben sich die Philosophen von Anfang an interessiert. Wir Yogis finden sie, weil wir sie erfahren können. Nicht sprachlich, sondern anatomisch, emotional, energetisch.

Kummerkasten oder der Kumpel am Kopierer?

Die Wenigsten von uns geben sich aber mit diesem Kern zufrieden. Wir haben eine romantische Vorstellung von unserer Identität. Wir wollen sie unbedingt kennen. Wie aber unterscheiden wir unsere wahre Identität von der falschen? Ganz einfach, wir probieren sie einfach alle aus in der Hoffnung darauf, dass eine von den vielen passt. Früher hatte man dazu nur in der Pubertät Gelegenheit, heute nehmen wir uns mehr Zeit: Wir sind der burschikose Typ, der nicht mit der Wimper zuckt, wenn wir beim Skaten auf den Asphalt knallen. Wir sind die liebe Sorgenfreundin und der Kummerkasten, der sich stundenlang den Liebeskummer der anderen anhört, ohne jemals selbst ein Abenteuer zu riskieren. Wir sind der gute Kumpel am Kopierer, der gerne für die anderen Überstunden macht. Die Rebellin auf der Tanzfläche. Die Intellektuelle, die strickt. Die Esotante, die nach Thailand abhaut, sobald die ersten Kastanien auf den Boden fallen.

Ankommen ist für Spießer

Wir ändern, wer wir sind, ganz nach Lust und Laune. Je billiger die Flüge, desto zahlreicher die Varianten. Auf der Strecke bleibt die Auseinandersetzung mit dem, was sich nicht gut angefühlt hat. Macht nix, Ankommen ist für Spießer. Aus der Suche nach der verlorenen Identität wird ein Frequent Traveller Status.

Yoga ermuntert uns dazu. Wenn wir jeden Morgen frei entscheiden können, wer wir sein wollen, wären wir ja dumm, diese Freiheit nicht zu nutzen.

Yoga entspricht dem Zeitgeist. In unserer Gesellschaft haben wir so viel Individualismus erreicht, dass denjenigen, die sich nicht selbst entfalten wollen, Misstrauen entgegenschlägt. Immer weiter, das entspricht dem yogischen Weg. Wer stehen bleibt, hat’s nicht begriffen. Selbstentfaltung ist gar nicht so einfach. Was tun wir? Einkaufen, sonst merkt ja niemand, wie wir wachsen. Wir schauen, was passt. Welche Hose, welche Haltung, welcher Yogastil?

Von Ängsten gequält

Und hier wird es riskant. Denn die Erfahrung, nichts festzuhalten, alles loslassen zu müssen, kann uns den Boden unter den Füßen wegziehen. Was bleibt übrig, wenn wir alle Identitäten mitsamt ihrer Garderobe, die wir mal getestet haben, auf Ebay verkaufen? Untersuchungen zeigen, wie indischen Mönche, die versuchen, ihre Identität ganz aufzuheben, von Ängsten gequält werden.

Fazit: Wir brauchen eine Identität, selbst wenn sie konstruiert ist. Ohne sie können wir keine Entscheidungen treffen, keine Freunde finden, kein Leben aufbauen. Ohne Identität vereinsamen wir. Klammern wir uns allerdings zu fest daran, dann werden wir unbeweglich, unempfänglich für Überraschungen, Begegnungen, vor allem die Begegnung mit dem „Fremden“. Denn der Moment, im Fremden sich selbst zu erkennen und umgekehrt das Fremde in sich selbst, ist ein wunderbarer Moment. Zutiefst humanistisch, zutiefst yogisch. In diesem Moment schlummert nicht weniger als die Hoffnung, sich als Menschen zu verbinden.

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