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Was Minimalismus mit Yoga zu tun hat
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Was Minimalismus mit Yoga zu tun hat

Von Katharina Goßmann

Vielleicht liegt es daran, dass Yoga früher in der Öko-Eso-Ecke heimisch war, vielleicht an den allgegenwärtigen Fotos von halbnackten indischen Sadhus – jedenfalls wird Yogis gerne der Hang zur Askese nachgesagt. Nun kleiden sich die meisten modernen Yogis nicht in bescheidene Leinen-Gewänder, sondern kaufen auch mal eine überteuerte Leggings (zu viel). Trotzdem ist Konsum ein ebenso aktuelles wie altes Thema im Yoga.

Magic Cleaning, Minimalismus, Nachhaltigkeit

Bewusstes Konsumieren liegt im Trend. Wer etwas auf sich hält, hat schon längst seine Wohnung mit Hilfe des Millionen-Bestseller „Magic Cleaning“ von Marie Kondo oder „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“ von Karen Kingston ausgemistet. Und danach nur mehr absolut notwendige Dinge – von bester nachhaltiger Qualität – erstanden, ganz im Sinne des Minimalismus. In Großstädten gibt es mittlerweile Klamottenläden, die nur nachhaltige Mode verkaufen, im Online-Shop von Avocadostore bekommt man von Möbeln bis zu Sonnenbrillen alles, was der nachhaltige Bio-Haushalt benötigt, und plastikfreie, unverarbeitete Lebensmittel und Kosmetika gibt es mittlerweile in großen Bioläden und in Zero-Waste-Läden (die aktuell wie Pilze aus dem Boden schießen).

Aber was hat das mit Yoga zu tun?

Zum einen interessieren sich Yogis traditionell für alles, was Körper und Geist erhebt. Das klingt ein bisschen pathetisch, ist aber genau so. Denn wer länger Yoga praktiziert, merkt häufig, wie sich der eigene Geschmack, die eigenen Präferenzen verschieben. Zuerst sind Fast Food und Süßigkeiten nicht mehr so verlockend wie früher, dann ändert sich der Film- und Musikgeschmack – und plötzlich hat man keine Lust mehr darauf, seinen Samstag mit Shoppen zu verbringen. Stattdessen freut man sich unglaublich über wunderschöne handgeschnitzte Kleiderhaken, die man beim Spazierengehen im Eine-Welt-Laden entdeckt – und dann fällt einem auf, dass die Haken der erste Einkauf seit vier Wochen waren (abgesehen von Essen und Toilettenartikeln).


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Yoga-Tradition: War Patanjali Minimalist?

Zum anderen wird in der yogischen Tradition die Materie allgemein nicht besonders hoch geschätzt. Alles, was man sehen kann, ist Illusion (Maya), so die gängige Meinung. Nur substanzlose Oberfläche. Nur logisch, dass im Yoga entsprechend materieller Besitz wenig erstrebenswert ist und Yogis ihre Energie lieber für das Erreichen anderer Ziele einsetzen.

Auch der weise Yogi Patanjali, der vielen als der Begründer des Yoga in seiner heutigen Form gilt, weist in seinen Yoga Sutra recht deutlich darauf hin, dass alles außer Minimalismus nicht dienlich ist auf dem Weg zum Lebensglück (im Yoga auch „Erleuchtung“ oder „Befreiung“ genannt).

Yamas gegen den Shoppingwahn

Zum einen gibt es etliche Yamas, das sind die ethischen Verhaltensregeln in den Yoga Sutren, die für das Thema relevant sind.

Das erste, Ahimsa, fordert Gewaltlosigkeit. Das bedeutet beim Thema Konsum konkret, dass alles, was wir einkaufen, gewaltfrei produziert sein muss. Wenn also Kinder das T-Shirt genäht haben, wenn Arbeiter für das Produkt in giftigen Laugen stehen mussten, dann darf Yogi es schlicht nicht kaufen.

Auch Asteya, das dritte Gebot, betrifft unser Kaufverhalten. Asteya bedeutet nämlich, dass wir nichts stehlen dürfen. Wenn ich aber Menschen in ärmeren Ländern dazu zwinge, für einen Hungerlohn Produkte herzustellen (weil sie sonst gar keinen Job haben), dann ist das nichts anderes als Diebstahl. Wer solche Produkte kauft, macht sich mitschuldig.

Und das fünfte Yamas, Aparigraha, beschäftigt sich explizit mit Besitz. Nicht gierig sollen wir sein, nur das nehmen, was wir wirklich brauchen. Es ist erhellend bis schockierend, wenn man sich überlegt, was man wirklich braucht – und wie viel Geld man etwa spenden könnte für Menschen in größter, akuter Not, wenn man Firlefanz wie Haarspray und Deko-Kissen nicht kaufen würde. Vielleicht könntest du sogar weniger arbeiten und dafür mehr Zeit mit einem Ehrenamt/Yoga/deinem Partner/deinen Kindern verbringen, wenn du weniger Geld für nutzlose Dinge ausgeben würdest?

Niyamas gegen den Konsumterror

Und auch die Niyamas aus den Yoga Sutren, die Verhaltensempfehlungen sich selbst gegenüber, lassen sich Schlüsse bezüglich unseres Shoppingverhaltens ziehen.

Das erste Niyama Saucha etwa hält zu Reinheit, Sauberkeit an. Das bedeutet auch, Billig-Klamotten aus künstlichen Fasern zu vermeiden – denn die geben nicht nur Gifte an unsere Haut ab, sondern sorgen auch dafür, dass unser Grundwasser immer stärker mit toxischen Stoffen und Mikroplastik belastet ist. Saucha meint aber auch die Reinheit des Geistes – ein Geist, der sich aber ständig nur damit beschäftigt, welche Schuhe er jetzt zu dem neuen Kleid kaufen muss, und was dazu wieder für Schmuck passt, ist in etwa so rein wie ein durchschnittlicher Windeleimer.

Und dann gibt es noch ein besonders schönes, wertvolles Niyama, Santosha genannt. Santosha hält uns zur Zufriedenheit an, zur Genügsamkeit und Bescheidenheit. Anna Trökes schreibt zu Santosha (manchmal auch Samtosha geschrieben): „Samtosha bedeutet „ja“ zur Welt sagen, die Existenz in ihrer Pracht und Einmaligkeit zu erkennen. Zufriedenheit heißt nicht Entsagung oder Verzicht. Zufriedenheit ist ein positiver Geisteszustand. Entsagung ein negativer. Es ist eine Betrachtungsweise des Lebens, indem man sieht, was ist und Möglichkeiten erkennt. Unzufriedenheit entsteht, wenn man sich auf das konzentriert, was nicht ist.“ Konkret gesagt: Unser wunderschönes, reiches Leben mit seinen unzähligen Möglichkeiten möchte gelebt, erfahren und voller Dankbarkeit genossen werden – und nicht mit Shoppen verschwendet werden.

Weniger kaufen, mehr leben

Kann ich dann also gar nicht mehr bummeln gehen? Einfach mal so zwischendrin ein Haarklämmerchen hier und eine entzückende Plastik-Schale da kaufen? Nein, das kannst du tatsächlich nicht mehr – wenn du es ernst meinst mit dem Lebensglück, deinem und dem der anderen, und beim Yoga überzeugt das Mantra „Lokah samastah sukhino bhavantu“ (übersetzt „Mögen alle Wesen glücklich und frei sein“) singst.

Das bedeutet aber nicht, dass du verzichten musst. Denn wenig zu besitzen und wenig zu kaufen schadet dir nicht, vielmehr befreit es dich. Von zwanghaftem Konsum, von finanziellen Verpflichtungen, von Verwaltung und Pflege des überflüssigen Besitzes. Und es schenkt dir mehr Leben, denn es lässt mehr Zeit, Energie und andere Ressourcen für das übrig, was wirklich wichtig ist. So was wie: einfach sein, Menschen, Natur...

Vielleicht geht es also bei den aktuellen Trends gar nicht so sehr um asketische Idealvorstellungen oder moralische Fragen – vielleicht sehnen sich viele  Menschen einfach nach einem guten, glücklichen, gesunden Leben. Und das hat eben nichts mit  Shoppingtrips, Designerklamotten, teuren Autos zu tun. Kann man sich einfach so merken.

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