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Aparigraha: Kaufst du noch - oder lebst du schon?

Von Birgit Feliz Carrasco

Nehmen wir für einen kurzen Moment an, du wärst ein weises, außerirdisches Wesen, das auf die Erde herabblickt und studiert, wie unsere Weltengemeinschaft aufgebaut ist und was den menschlichen Bewohnern der Erde das Wichtigste in ihrem Leben ist. Was würde dieses Wesen erkennen? Vielleicht, dass viele Erdenbewohner aktuell damit beschäftigt sind, Besitz zu horten. Warum das wohl so ist, wundert sich dann das Wesen aus dem Weltall? Warum halten alle an materiellen Dingen fest? Wissen die Menschen nicht um ihre ewig währende feinstoffliche Existenz? Denken sie feststoffliche Materie wäre lebendig, obwohl Autos, Geld und Kleidung doch nicht beseelt sind?

Menschen und ihre Angst um Besitz

Würde das Wesen in Zwiesprache mit einem Menschen treten, würde es schnell merken, wie sehr die meisten Leute heute davon überzeugt sind, an allem festhalten zu müssen, um überleben zu können - sei es innerlich an eingefurchten, alten Überzeugungen oder äußerlich an materiellen Güter.

Und tatsächlich: Loslassen macht vielen Menschen große Angst. Diese Angst, davon bin ich überzeugt, ist nichts anderes als die Angst vorm Tod. Persönliche Habe zu teilen oder zu verschenken fällt vielen schwer, weil sie Materie mit Lebendigkeit verwechseln.

Ein weiterer Wesenszug des Menschen ist, sich nicht mit dem zu bescheiden, was man hat, sondern auch gierig auf das zu schielen, was andere haben. Aktuelle Weltpolitische und Weltgesellschaftliche Tendenzen machen deutlich, wie fest diese Charakterzüge im Menschen verankert sind und somit leicht von Agitatoren und politischen Machthaben aktiviert werden können. Gier und Haben-Wollen sind wieder angesagt und werden vorgelebt … Und so muss das weise Wesen bestürzt beobachten, dass Menschen verhungern oder aus ihrer Heimat flüchten und in Not über Meere reisen und dennoch von den reichen Ländern und ihren Bewohner abgelehnt statt liebevoll mit offenen Armen empfangen werden.

Vom außerirdischen Wesen zum Yogapraktizierenden

Nun wissen wir nicht, ob Außerirdische uns beobachten, und wenn doch, was sie sich dabei denken. Aber vielleicht können wir, in unserer Rolle als Yogini oder Yogi eine Meta-Perspektive einnehmen, reflektierend und meditierend an das große Ganze denken - und so vielleicht ein Hoffnungslicht in die Welt und ins Weltall senden.

Erinnern wir uns, was der Yogaweise Patanjali bereits einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung erkannt und in seinem Werk „Yogasutra” in 195 Versen niedergeschrieben hat: In seinen Ratschlägen zur Besitzbescheidenheit „Aparigraha” verdeutlicht er, wie materieller Besitz in unangemessenem Maß den Menschen und seine Gedanken in Egozentrik bindet, sodass man die Mitwelt kaum noch wahrnimmt. Ein Thema, das heute leider aktueller ist denn je.

Was ist „Aparigraha”?

„Aparigraha” bedeutet Bescheidenheit, die sich nicht nur auf Besitz bezieht, sondern betrifft auch (wie alle liebevollen Ratschläge des „Yama” und „Niyama” von Patanjali) die geistige Haltung eines Menschen zu dem, was die Erde, die Mitwelt, die Mitmenschen uns bieten.

Folgende kleine Geschichte verdeutlicht diesen tugendhaften Wesenszug recht anschaulich:

Ein Yogi, der in selbst gewählter Einsamkeit im Wald lebt, kommt von seinen Meditationsplatz am Fluss zurück zu seiner einfachen Hütte, die lediglich eine überdachten Schlafplatz und eine Feuerstelle darstellt. Beim Betreten seiner kleinen Behausung stellt er fest, dass einer seiner zwei Töpfe, die er zum Erwärmen von Wasser und Speisen benutzt, fehlt. Ein Rascheln im Wald macht ihm klar, dass jemand in seiner Hütte war und ihn bestohlen hat. Kurz entschlossen läuft er mit dem verbliebenen Topf in der Hand los, um den Dieb zu verfolgen und zu stellen. Als ihm dies gelingt, gibt er dem Dieb auch seinen zweiten Topf als Geschenk und erklärt ihm, dass er ganz offensichtlich in Not ist und die Töpfe nötiger braucht als er selbst, der allein im Wald lebt und von Früchten und Wurzeln leben kann, für die er keine Töpfe braucht.

„Aparigraha” ist eine Tugend. Und auch wenn dieser Begriff etwas altbacken klingt - eine Tugend ist immer noch eine Zier. „Aparigraha” ist eine Empfehlung sich mit dem zu bescheiden, was man hat und in einer angemessenen Balance zu leben im Vergleich zu dem, was andere besitzen bzw. nicht besitzen. Haben wir nicht zumeist hierzulande mehr als genug? Ist es dann wirklich eine Bedrohung, wenn bei einer Bevölkerungszahl von rund 80 Millionen 1 Millionen Flüchtlinge zu uns kommen?

Desweiteren ist „Aparigraha” eine Empfehlung unsere geistigen wie körperlichen Energien nicht darauf zu verschwenden, möglichst viel Besitz anzuhäufen und darüber vergessen zu leben, zu sein. Besitz bindet emotionale Kräfte, da man sich darüber sorgt, das Hab und Gut wieder zu verlieren, d.h. man muss Strategien entwickeln, alles zu schützen, Zäune an Außengrenzen des Landes aufbauen und man muss sich angstvoll überlegen, wie es nach Verlust ersetzt werden kann.


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Nachhaltiger Lebensstil mit »Aparigraha«

In unserer Gesellschaft können wir mit unserem freien Willen und bei voller Bewusstheit entscheiden, ob wir etwas wirklich brauchen oder nicht (beispielsweise das xte Paar Schuhe oder das zweite Yoga-Retreat in einem exotischen Land innerhalb eines Jahres). „Aparigraha” ist somit die hohe Disziplin der individuellen Verfeinerung eines Yogis, der sich auf das beschränkt, was er wirklich braucht - und eben wirklich nicht mehr. Ist dies nicht die Grundidee der Nachhaltigkeit, die heute zu allen Zwecken vorgetragen, als Argument genutzt, aber nicht wirklich vorgelebt wird? Ist es „Aparigraha” die Ressourcen der Erde auszubeuten (und viel zu viel zu arbeiten), um sich zwei statt einem Auto leisten zu können? Nein, es es nicht ethisch, etwas anzunehmen, das uns nicht zusteht oder wirklich gehört - die Erde und ihre Gaben gehören uns nicht, wir dürfen auf ihr leben und ihre Geschenke dankend nutzen, jedoch nicht zerstören.

Jemand, der sich auf das beschränken kann, was er braucht und was ihm zusteht, fühlt sich sicher. Ein solcher Mensch, findet Zeit zur Selbstreflektion und Meditation und wird so vollkommenes Verständnis aller Zusammenhänge des Lebens gewinnen.

Patanjali, Yoga Sutra 2.39

Was schenkt uns „Aparigraha”?

Gier macht unersättlich und sie macht nicht glücklich, weil sie nie endet. Angemessene Bezahlung für Dienst- und Arbeitsleistungen ist eine aktuelle Themenwelt, die man exemplarisch aus der Perspektive des „Aparigraha” beleuchten kann. Warum klaffen Löhne für die Arbeit einer Krankenschwester und eines Bankmanagers so weit auseinander? Beide tragen Verantwortung, beide müssen ihr Metier beherrschen und anwenden und Zeit dafür aufwenden. Als anderes Beispiel möge die Dienstleistung unseres Yoga-Metiers dienen: Was ist eine Yogaunterrichtsstunde im Rahmen einer Gruppe wert? Nur weil ich eine renommierte Autorin bin, werde ich nicht 60 Euro pro Stunde von jedem Teilnehmer einer Yogagruppe verlangen, so ich meinen persönlichen Weg der Bewusstheitsschulung geflissentlich im Einklang mit den Empfehlungen des „Aparigraha” (und anderen Ratschlägen des Yama) gehen und leben möchte. Besitzbescheidenheit bedeutet eben auch angemessene Balance zwischen dem was man tut und was man dafür erhält.

Wie Patanjali uns motiviert

Die Motivation aller Yoginis und Yogis ist die Weiterentwicklung, die wir als Yogalehrende sowie als Yogapraktizierende an unsere Mitmenschen und Mitwelt weitergeben können. Patanjalis Empfehlungen dazu, und ”Aparigraha” im Besonderen, machen uns bewusst, dass wir alle etwas zurückdrehen können und sollten. Wir brauchen doch nicht wirklich alle zwei Jahre ein neues Handy, um glücklich zu sein, oder?

Meine Motivation ist es, mich weiterentwickeln, täglich bewusster und achtsamer werden. Ich möchte die Zusammenhänge des Lebens und der Schöpfung verstehen, die weit über die Grenzen unseres Erdenplaneten hinaus gehen und auch nicht von Computern oder künstlicher Intelligenz erfasst werden können – das kann nur der schöpferische Mensch, der an nichts gebunden ist. Aus eigener Erfahrung sowie aus Beobachtungen meiner Yogaschüler weiß ich, wie erstaunlich sich der Geist und Charakter eines Menschen verändern kann, wenn wir uns mit Achtsamkeit, Sanftmut und Dankbarkeit stärken. „Aparigraha” und die anderen liebevollen Gebote der Yogasutra schenken uns Lebensfreude, weil wir freier werden, weil wir lernen loszulassen anstatt festzuhalten. Und wer loslassen kann wie der Eremit, der auf seinen Töpfe zu Gunsten eines andere verzichtet, kann echte Glückseligkeit empfinden, die nicht an Materie gebunden ist.

Meine Empfehlung für dich:
Frage dich täglich, was du an alten Denkmustern und Begierden sowie materiellen Besitz loslassen kannst. Und stelle dir öfter mal vor, wie du als außerirdisches Wesen die Erdengemeinschaft beobachtest. Diese Distanz aus höherer Perspektive ist so erheiternd wie heilsam und wird dir eine neue Perspektive aufzeigen und viele Entscheidungen erleichtern.

Ich wünsche dir freudvolles Voranschreiten auf dem Yogaweg.

Wer war Patanjali?

Patanjali war ein weiser und gebildeter Inder, der, soweit wir wissen, ungefähr 400 Jahr vor Christus lebte. Sein Erbe für die zeitgenössische Yogakultur ist es, einen strukturierten Pfad des Yogas hinterlassen zu haben, den er im „Yogasutra” zusammengefasst hat. Denn Yoga ist weit mehr als die Praxis von Asanas, denn es ist das eine, auf der Matte konzentriert seine Yogaübungen zu machen und sich dabei high bis heilig zu fühlen. Wie man sich im Alltag auf der Straße mit und zu Mitmenschen verfällt, ist das andere und gehört eben auch zum Lebensstil des Yoga dazu. Darum führen ersten Schritte auf dem Pfad des Yoga nach Patanjali in die Ethik des Lebens ein, die sich mit der Praxis von Asanas und anderen Kunstfertigkeiten des Yoga ergänzen.

Yama, Niyama, Asana und Schönes mehr

Patanjali erläutert den ersten Wegabschnitt des Yoga als „Yama”, was soviel wie „Zügel” bedeutet. Er empfiehlt fünf miteinander zusammenhängende Verhaltensweisen zur Veredelung des Menschen, der den Weg des Yoga beschreiten möchte. „Ahimsa” ist die erste Bewusstheitsschulung, sie bedeutet die Abwesenheit von Gewalt, also Sanftmut in Denken und Handeln. „Satya” bedeutet Wahrhaftigkeit und empfiehlt Aufrichtigkeit zu anderen und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. „Asteya” kann als Begierdelosigkeit übersetzt werden und empfiehlt Verlangen nicht nur nach materiellen Dingen zu zügeln. Die vierte Empfehlung „Brahmacarya” befasst sich mit Besonnenheit und Sinnesentlastung, da Sinnesreize meist Begierden, Unaufrichtigkeit oder Aggression verstärken. Die fünfte Bewusstheitsschulung im Rahmen des „Yama” ist „Aparigraha”, eine Empfehlung zur Besitzbescheidenheit und Angemessenheit, also der Balance zwischen Geben und Nehmen.

Weitere Wegabschnitte des Yogapfades folgen in Form von „Niyama”  (Bewussheitsschulung im Umgang mit dem eigenen Selbst), gefolgt von „Asana” (Disziplin der Körperübungen), „Pranayama” (Kunstfertigkeit, den Atmung zu lenken), die Fähigkeit des „Pratyahara” (Zurückziehen der Sinne zur Konzentration), gefolgt von Training des „Dharana” (Erhöhung der Konzentrationsfähigkeit) sowie der Praxis von „Dhyana” (Versenkung in reiner Meditation). Als Lohn der Bewusstheitschulungen mit den erlernten Fertigkeiten führt der achte und letzte Teilabschnitt des Yogawesen in der Zustand des „Samadhi”, wenn Yogini und Yogi die sogenannte Erleuchtung und Erlangung des Allwissens zuteil wird, was wir heute Erwachen nennen.

Moderne Betrachtungen zu Patanjalis Empfehlungen gibt es im GU-Buch „Patanjalis 10 Gebote der Lebensfreude” von Birgit Feliz Carrasco (als eBook erhältlich).