Du verwendest einen veralteteten Browser (Other 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.
Large asteya shutterstock 207463630
Bild: Shutterstock.com

Die Yamas von Patanjali: Asteya - Nichts begehren

Von Birgit Feliz Carrasco

»Wenn ein Mensch nichts begehrt, das in Besitz von anderen ist, werden andere Menschen alles mit ihm teilen wollen, wie kostbar es auch sein mag.«

Patanjali - Yoga Sutra 2.37 

Das dritte freundliche Gebot von Patanjali befasst sich mit dem Themenkomplex des »Verlangens«. Steya bedeutet das brennende Verlangen, etwas zu besitzen – egal ob es sich dabei um das neueste Modell eines iPods, um einen neuen Pullover oder größere Anschaffungen handelt. Asteya ist die Abwesenheit von Verlangen und möchte ermuntern, Begehren nach Besitz zu minimieren oder sogar gänzlich aufzugeben und auf diese Weise inneren, ideellen Reichtum zu entdecken. Wenn wir Asteya achten und umsetzen, können wir viel zufriedener und freier leben, denn wir müssen uns nicht ständig sorgen, unseren Besitz wieder zu verlieren oder uns darum kümmern, noch mehr zu erlangen.

Sich nicht an materiellen Besitz zu klammern, sondern von allem Verlangen losgelöst, quasi »stofflos« zu leben, war, schon als diese Gebote entstanden sind, das Ziel der Yogis und ist es auch heute noch. In dieser radikalen Konsequenz ist das natürlich heutzutage nur schwer umzusetzen und meiner Ansicht nach auch gar nicht nötig. Es geht vielmehr darum, dass wir unterscheiden, was für einen angemessenen Lebensstandard essenziell und was übertrieben oder maßlos ist.

Lassen Sie sich einfach von Asteya motivieren, zwischen sinnlosem Begehren und lebensnotwendigen Bedürfnissen zu unterscheiden – das ist eine tägliche Herausforderung, die jedoch durchaus machbar ist.

Das eigene Begehren erkennen

Machen Sie sich bewusst, dass Sie in einer westlichen Wohlstandsgesellschaft aufgewachsen sind, in der es ein Überangebot an Nahrungsmitteln und (von allen Seiten beworbenen) Produkten und Waren gibt. Im Überfluss des Angebots haben die meisten Menschen verlernt, zwischen notwendigen und entbehrlichen Dingen zu differenzieren. Schulen Sie Ihre Fähigkeit, zu unterscheiden und achtsam abzuwägen, denn dies stellt bereits eine Bewusstseinserweiterung dar, die Sie sanft in die richtige Richtung führt.

Begierde verursacht Leid

Patanjali lehrte, dass Begierde zu Gefühlen wie Verlustangst, Misstrauen und Neid führt, was durchaus am aktuellen Konsumverhalten nachvollziehbar ist. Ein Klient erzählte einmal in einer Beratung, dass es ihn verrückt mache, wenn sein bester Freund immer mit den neuesten Handymodellen daherkäme. Er fühle sich dann zurückgesetzt und gerate in einen regelrechten Konkurrenzkampf um die aktuellste Technik. Ständig versuche er mitzuhalten und kürzlich habe er sein Konto wegen der neuesten technischen Gadgets so überzogen, dass er zum Einhalten gezwungen wurde. Ich riet ihm, sich selbst zu beobachten. Sobald er Neid auf das, was andere haben, verspüre, solle er sich bewusst machen, was er alles besitzt und sich aufschreiben, was ihm wirklich wichtig ist (Familie, Gesundheit, gutes Essen mit Freunden...). Mit der Zeit erkannte der Patient, wie viel Stress ihm dieser selbst auferlegte Konkurrenzkampf verursachte. Unter anderem auch deshalb, weil er ständig Angst hatte, sein neuestes teures Handy zu verlieren. Und dann passierte es sogar: Auf einer Geschäftsreise ließ er es am Flughafen liegen und fand es nicht wieder. Interessanterweise fühlte sich der Patient danach freier und gelassener, weil er nicht ständig erreichbar war – ganz ungewohnte, schöne Gefühle für ihn.

Natürlich müssen wir in der modernen Arbeitswelt Kompromisse eingehen, da es geschäftlicher Standard ist, auch unterwegs erreichbar zu sein, aber dazu sind nicht immer die neuesten, technischen Modelle nötig. Der bewusste Umgang mit Besitztümern aller Art ist das, was das dritte freundliche Gebot uns lehren möchte.

Begierde treibt an

Wenn wir uns hauptsächlich darauf konzentrieren, unseren Besitz zu vermehren, bewegen wir uns automatisch im Hamsterrad, weil wir gar nicht dazu kommen, das, was wir bereits erreicht haben, zu genießen. Wir treiben uns ständig weiter an, können uns mit dem Erreichten nicht zufriedengeben und fürchten gleichzeitig, es zu verlieren. Lebensfreude kommt auf diese Weise auf Dauer zu kurz, auch wenn wir eine Weile brauchen, bis uns dies bewusst wird.

Das dritte Gebot Asteya möchte uns deshalb motivieren, uns mehr um unsere innere Entwicklung als um unseren Besitzstand zu kümmern. Das Ziel von Meditation und achtsamer Besinnung oder Kontemplation ist es, sich von der äußeren Welt zu lösen, um sich von inneren Werten und spirituellem Wissen inspirieren zu lassen. Wenn wir dauerhaft im Zustand des Begehrens leben, bleibt kein Raum für Achtsamkeit, Reflexion und Spiritualität. Es ist wie beim Hungrigsein: Wenn der Magen knurrt, können wir uns kaum auf etwas anderes konzentrieren. Dasselbe passiert beim Begehren: Wenn wir dauernd damit beschäftigt sind, welche Anschaffungen wir demnächst tätigen möchten wird es uns kaum gelingen, in uns zu gehen und uns auf das Wesentliche zu besinnen.

Es gibt in unserer modernen westlichen Welt so viele Produkte, die ständig erneuert und modernisiert werden, so viele Anreize, immer das Neueste zu kaufen, dass dem Begehren kaum Grenzen gesetzt sind.

» Das Verlangen, angenehme Erfahrungen der Vergangenheit immer und immer wieder zu wiederholen, prägt Muster und kann Leid zur Folge haben.«

Patanjali - Yoga Sutra 2.15

Begierde lenkt vom Wesentlichen ab

Asteya möchte uns daran erinnern, immer mal wieder innezuhalten und uns zu fragen, was wir wirklich zum Leben brauchen. Genau genommen ist das – wie schon vor 2500 Jahren – lediglich ein Dach über dem Kopf, warme Kleidung (je nach Klimazone) und ausreichend Nahrung und Wasser. Das Minimum, das wir zum Überleben brauchen, klingt natürlich sehr bescheiden für unser Empfinden. Das dritte Gebot möchte uns einfach dazu ermuntern, dass wir uns beispielsweise vor dem Kauf des nächsten Paars Stiefel bewusst machen, dass bereits drei Paar zu Hause auf uns warten. Dies gilt für alle Einkäufe, denn wenn Sie ehrlich zu sich selbst sind: Eigentlich ist alles zu Hause im Überfluss vorhanden und es ist lediglich die Lust an Konsum, die Sie verführt, immer wieder ein modisches Accessoire zu kaufen.

Begierde ist eine unbewusste Verhaltensweise. Bewusstheit ist Freiheit, denn es ist schön zu sagen: »Nein danke, das brauche ich nicht.«

Wenn es uns gelingt, wirklich in uns hineinzuhorchen, wird uns wahrscheinlich ohnehin bewusst, dass wir mit unserem Begehren nach Besitz, aber auch nach damit verknüpften Werten wie Anerkennung und Erfolg, nur eine innere Leere in uns füllen und Gefühlen wie Einsamkeit, Unsicherheit, Haltlosigkeit entkommen wollen. Wenn wir uns nicht mehr vom Begehren ablenken lassen, finden wir – so lehrt es die Yoga-Philosophie – Vertrauen in ein höheres Sein. Wir finden zu innerem Reichtum und können das Leben ganz anders genießen.

Zum Glück stellen heute immer mehr Menschen fest, dass ein rein materieller Lebensstil, wie er in den westlichen Industrieländern selbstverständlich ist, nicht glücklich macht. Sie suchen auf persönlicher Ebene wieder Werte wie Achtsamkeit und Respekt. In all dem maßlosen Konsum achten sie darauf maßzuhalten. Das bedeutet nicht, sich zu kasteien oder allem zu entsagen, denn schließlich gehört es ja auch zur Lebensfreude, einen gewissen Lebensstandard zu genießen und darauf vertrauen zu können, dass man gut versorgt ist. Wer jedoch immer mehr haben und erreichen will, wird immer hungrig sein und keine Zufriedenheit finden. Er befindet sich gedanklich meist in der Zukunft (»Wenn ich erst einmal..., dann kann ich endlich ...«) statt im Hier und Jetzt. Entsprechend wird er sich schwertun, innere Klarheit und Ruhe zu finden, und achtsam im Augenblick zu verweilen.

Begierde und Grenzüberschreitung

Ein weiterer Aspekt des Verlangens ist das Begehren von Dingen, die unerreichbar sind, und die Bereitschaft, dafür Regeln und Grenzen zu missachten. Bei Asteya geht es also auch konkret um den Aspekt des »Nicht-Stehlens«. Wer einen Diebstahl begeht, ist weder wahrhaftig im Sinne des zweiten Gebots (Satya) noch gewaltfrei im Sinne des ersten (Ahimsa). Das vielschichtige Lebenskonzept des Yoga empfiehlt auch aus diesen beiden Gründen nicht zu stehlen.

Vielleicht denken Sie jetzt »Ich stehle doch nicht«, beziehungsweise »Ich habe noch nie etwas gestohlen!« Doch wie schon bei den ersten Geboten umfasst auch Asteya etwas mehr. Viele Menschen denken zum Beispiel, dass es doch nicht schlimm ist, wenn sie die Kassiererin im Supermarkt nicht darauf aufmerksam machen, dass sie sich verrechnet hat – nach dem Motto »Bei so einem großen Laden tut das doch keinem weh!« Sie haben auch kein schlechtes Gewissen, wenn sie ab und zu einen Stift oder ein Klebeband aus dem Büro mit nach Hause nehmen und sich auf diese Weise Geld sparen. Oder wenn sie die Mittagspause regelmäßig um ein paar Minuten überziehen, weil die anderen das ja auch machen.

Und wie sieht es mit geistigem Eigentum aus? Wer die Idee eines Kollegen als die eigene ausgibt oder im Internet von anderen abschreibt und es nur noch ein wenig umformuliert, begeht geistigen Diebstahl.

Als Dieb gilt im Sinne von Asteya auch, wer einem Mitmenschen die Würde nimmt, ihn missachtet und verächtlich über ihn urteilt. Dahinter steckt das Verlangen, sich selbst aufzuwerten und über den anderen zu stellen, um Macht zu demonstrieren oder sich für (vermeintliche) Ungerechtigkeiten im Leben zu rächen. In den meisten Fällen ist den Menschen weder bewusst, wie sehr sie von Verlangen getrieben sind, noch welche Gründe dahinterstecken. Umso wichtiger ist es, unser Bewusstsein durch Achtsamkeit und Übung weiterzuentwickeln.

In Freiheit leben können

Eigentlich wünschen wir uns alle ein freieres, unbelastetes Leben in tiefer Zufriedenheit, dennoch beäugen wir kritisch die Kollegin in der schicken neuen Bluse, sind unzufrieden, wenn wir uns mit den Schönen und Reichen im Fernsehen vergleichen, und werden richtig neidisch, wenn der Nachbar sein auf Hochglanz poliertes, neues Auto vor der Tür parkt. Stellen Sie sich vor, Sie müssten nicht mehr neidisch auf das neue Auto des Nachbarn sein – wie viel freier würden Sie sich fühlen! Das brennende Verlangen, so zu sein wie andere oder zumindest so ausgestattet zu sein wie andere, ist eine typisch menschliche Eigenschaft. Ein eleganter Jaguar (das Tier, nicht das Auto) wird niemals Neid auf das glänzende Fell seines Artgenossen empfinden. Nur wir Menschen binden uns an Besitz und machen uns damit förmlich zu Sklaven unseres Verlangens. Das dritte Gebot Asteya möchte Sie motivieren, Ihr Selbstwertgefühl künftig neu zu definieren, frei von Begehren und Neid. Benötigen Sie einen Jaguar (diesmal das Auto) oder ähnlichen Besitz, um stolz und zufrieden mit sich und mit Ihrem Leben zu sein? Vielleicht entscheiden Sie sich künftig für innere Werte und spirituelle Tiefe – das ist es, wozu die zehn Gebote der Lebensfreude Sie ermutigen möchten. 

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Patanjalis zehn Gebote der Lebensfreude" von Birgit Feliz Carrasco, erschienen bei GU.