Du verwendest einen veralteteten Browser (Other 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.
Kalari: Kampfkunst und Spiel mit den Gegensätzen

Kalari: Kampfkunst und Spiel mit den Gegensätzen

Von Kai Peter Hitzer und Kamila Ewa Chruscinska

Kai: Die männliche Sicht auf Kalari

Kai

Was ist Kalari? „When the Body Becomes All Eyes”

Kalaripayattu (ausgesprochen „Kálaripajátt“), kurz Kalari, ist die indigene Kampf- und Heilkunst Südindiens und seit Urzeiten untrennbar verbunden mit Land und Leben in Kerala. Der Sage nach erschuf Parashurama, der sechste Avatar Vishnus, das Land, indem er seine gewaltige Axt ins Meer warf. Bis heute gilt er als Patron des nördlichen Stils, der neben der Waffenpraxis auch die wichtigste Schnittstelle zu esoterischem Yoga beinhaltet.

Der Ausspruch „When the Body Becomes All Eyes“ entstammt den alten Kalari-Schriften und beschreibt den realisierten Zustand, der am Ende der psycho-physischen Reise eines Kalari-Praktizierenden steht. Während wir im klassischen Yoga unsere Sinne im Pratyahara nach innen wenden, sind sie hier aus innerer Zentrierung und Harmonie heraus maximal in die Welt erweitert. Wir „sehen“ hier nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen energetischen und physischen Körper.

Kalari ist so vielfältig wie das Land, in dem es in uralter Zeit entstanden ist. In seiner Geschichte vermischen sich geschichtlich-kulturelle Fakten mit einer mythologischen Perspektive, die stark durch den Hinduismus geprägt ist. Kerala war allerdings während der Hochzeit des Kalaris, der sogenannten Sangam-Periode zwischen dem 3. Jahrhundert vor und dem 6. Jahrhundert nach Christus, vor allen Dingen buddhistisch geprägt.

In Erinnerung bleibt die Geschichte von Bodhidharma, dem ersten Patriarchen des Zen-Buddhismus, der mit Kalari im Gepäck um 480 nach Christus aus dem heutigen Kerala in Richtung China aufbrach und als einer der Stifter der modern Kampfkunst gilt.

Kalari – eine Tür, die wirklich allen offen steht

Mein Lehrer C.M. Sherif Gurukkal pflegte immer zu sagen, dass jedes Dorf in Kerala über drei zentrale Gebäude verfügte: einen Wassertank, einen Tempel und ein Kalari. Kinder zwischen sechs und acht Jahren werden traditionell zu Beginn des Südwest-Monsuns im Juni in die Praxis initiiert – unabhängig von Geschlecht, Religion oder Kaste. Dieses Konzept des wahrhaft offenen Raums hat sich in vielen Kalaris bewahrt. Doch es gab auch seit jeher immer wieder Versuche, den Zugang zu beschränken oder einen Zusammenhang mit bestimmten Religionen oder Kasten zu konstruieren.

So gab es einst einen kleinen muslimischen Jungen, der es kaum abwarten konnte, nach dem Besuch der katholischen St.-Mary's-Schule in Kannur durch die Reisfelder zum Kalari seines Lehrers zu laufen. Candran Shikaran Gurrukal war einer der angesehensten hinduistischen Kalari-Lehrer und ließ keinerlei Hinweise auf Religion, Kaste oder Geschlecht zu, wenn es um die Frage ging, wer irgendwann die Schlüssel der Linie tragen sollte.

Kalari

Prinzipien der Gegensätze: Männlichkeit und Weiblichkeit 

Wir arbeiten im Kalari mit Prinzipien, die so alt sind wie die Menschheit selbst und vollkommen unabhängig von Kategorien wie Religion, Ethnie oder Geschlecht. Dieses Prinzip findet seinen Ausdruck auch in Meippayatt, den Bewegungssequenzen, die wir neben einer elementaren Zuordnung wie Feuer oder Wasser vor allen Dingen nach männlicher und weiblicher Energie kategorisieren.

  1. In der männlichen Form agiert das Shiva-Prinzip. Es dominieren tiefe, gradlinige Bewegungen, in denen wir auf einen Punkt fokussieren. Emotionen wie Wut und Furcht werden als Energie genutzt und gleichzeitig transformiert. Wir arbeiten aus der Zentrierung nach vorne und nach oben. Aus yogischer Sicht könnte man sagen: eine brachiale Form von Yoga.

  2. Die weibliche Form macht diese Energie nutzbar. Die Bewegungsmuster sind geprägt von wellenförmigen Auf- und Abbewegungen, Lastwechseln und schnellen Drehungen. Hier regiert Kreativität. Energie wird entfesselt und unser Fokus strebt in die Welt gemäß dem Paradigma des vollkommenen Körpers, der zu Augen wird, wie es einem alten Kalari-Sprichwort heißt.

Die Befreiuung von Klischees

Die Chance, die uns dieses uralte Wissen eröffnet, ist uns von psycho-physischen Klischeevorstellungen zu befreien, was es bedeutet, ein Mann oder eine Frau zu sein. Wie oft hören wir noch immer, dass Frauen nicht stark oder Männer nicht anmutig sein können, oder dass es sich für eine Frau nicht gehört, wütend zu sein. Teilweise wird dies sogar noch verstärkt durch die schon fast autoaggressive Vorstellungen, dass es nicht in Ordnung ist, wütend zu sein und Ahimsa mit einem positiven Wutbegriff im Sinne einer Energie nicht zu vereinbaren ist.


Die 5 Vayus – Energie lenken mit Yoga
Du möchtest deine körperliche und geistige Energie harmonisieren? Mach mit bei unserem Programm! In 5 Teilen lernst du alles Wichtige über die Vayus, die unterschiedlichen Aspekte unserer Lebensenergie, und übst passende Videos zu deren Aktivierung.
JETZT ANMELDEN

Natürlich ist es so, dass es meinem männlichen Körper als Gefäß im ersten Moment leichter fällt, einen Zugang zur männlichen Form zu bekommen – genauso, wie es den meisten weiblichen Praktizierenden im ersten Kontakt leichter fällt, sich mit der weiblichen Form zu verbinden. Bedeutet das, dass ich – überspitzt gesagt – als Mann zu einer Frau werden muss, um eine harmonische weibliche Form zu bekommen, oder dass ich als Frau „männlich“ werden muss, um mich in einer männlichen Form zu entfalten? Ganz und gar nicht.

Es geht für uns heutzutage darum, den inneren Mann und die innere Frau in allen von uns zu heilen, und unabhängig vom Geschlecht zu unserem archaischen Geburtsrecht des vollkommenen Zugangs, sowohl zu weiblicher als auch männlicher Energie, zurückzufinden. Das ist für mich nicht nur Lebensqualität, sondern auch ein tiefer Ausdruck von Authentizität.

Kamila: Die weibliche Sicht auf Kalari

Deva

Ich trete in das Kalari in der Ausrichtung der Klarheit und der Herzenskraft. Bereit in meinem Körper ruhend den Augenblick zu erleben. Mit beiden in Richtung Erde geöffneten Füßen fest auf dem Boden stehend. Zentriert entfaltet sich Bewegung dynamisch in dem aktuellen Potenzial meines Körpers, in dem Rahmen, den meine innere und äußere Haltung bietet. In dem Wechsel zwischen zentrierten und hingebungsvollen Abläufen entsteht eine Dynamik, die mich immer tiefer in meinen Körper und zu mir selbst bringt. Hier verweile ich und widerstehe dem Drang nach Ekstase, dem Drang nach Animation.

So wie das Leben einen endlos fließenden Fluss widerspiegelt, hat sich meine Praxis im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Kalari ist für mich keine Praxis, die in eine Perfektion oder einem Ziel endet, kein Tool, das beherrscht werden kann. Es ist eine Praxis, die mich als Mensch mitten im Leben begleitet, die mich nicht aus dem Alltag holt, sondern mich dort noch klarer und stärker sein lässt.

Wenn der Kampf im Frieden mündet, erblüht die Kraft der Weiblichkeit ganz natürlich

Besonders studiert habe ich den tantrischen Aspekt, die Arbeit mit dem männlichen und weiblichen Anteilen und ihr Ausdruck im Kalari. Es war für mich als Frau entscheidend, die männlichen Formen zu laufen und darin voll einzutauchen. Den damit verbundenen Informationen und Anhaftungen zu begegnen und schließlich die reine Kraft der männlichen Energie zu erleben.

Diese Erfahrung hat mein Leben im Bezug auf die Männerwelt um mich herum tief verändert. Was für eine kompromisslose Kraft, die männliche Energie in sich trägt! Die daraus resultierende Schönheit hat mich von den Socken gehauen. Es stellte sich, in mir und den Männern gegenüber, ein tiefes Verständnis ein. Besonders spürbar als Mutter in einer Patchwork-Familie, in der ich oft die Vater- und Mutterrolle erfülle und dies seither in Leichtigkeit erlebe.

Doch was mich noch mehr staunen ließ, war die Natürlichkeit des Aufblühens der Weiblichkeit in mir. Ganz ohne Anstrengung, ohne den subtilen Kampf, der mich zuvor so viel Kraft gekostet hat. Ohne optimieren zu müssen. Kein Erlernen, kein Erinnern. Ganz gewöhnlich nutzte ich das, was schon immer da war, den neu gewonnenen Raum.

Ob nun die Lösung der ganzen Geschlechterverwirrung darin liegt, den Kampf zu erkennen und in dem Frieden zu verweilen, das weiß ich nicht. Für mich hat dieser Prozess ein ganz entscheidenden Meilenstein im dualistischen Ausdruck meines Seins gesetzt. Es gibt unendlich viele Wege, die in den Frieden führen. Den Unterschied macht die Erkenntnis der Selbstoptimierung. Klar ist, dass jenseits der unendlichen Möglichkeiten der Ausdrucksformen, die unser Ego so hat, die innere Reise der Befreiung nicht endet, solange wir dem Drang nach Animationen nachgeben.

Kalari hat mich gelehrt, die männlichen und weiblichen Ausdrucksformen zu erkennen und sie in Einheit zu erleben. Die daraus resultierende Atmosphäre bereichert tief und nachhaltig den Alltag und mein Wirken als Frau in dieser Welt.


Wer sich direkt ausprobieren möchte: Vom 21. bis 22. März 2020 findet ein „Kalari Intensive” für Anfänger und Fortgeschrittene statt. Das gemeinsame Angebot von Kai und Kamila findest du auf der Seite von Human Posture.

zurück nach oben