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Jivanmukta: Befreit und leicht ins neue Jahr
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Jivanmukta: Befreit und leicht ins neue Jahr

Von Saskia Schmitz-Tietgen

Traditionell schmiedet der Mensch zum Jahreswechsel „gute Vorsätze”: Laut einer Umfrage von Fidelity International (2018) gaben 39 Prozent der Deutschen an, gesünder leben zu wollen, sowie abzunehmen und mehr Sport zu treiben (je 33 Prozent). Alle Jahre wieder planen wir, demnächst leichter, sportlicher und gesünder durchs Leben zu gehen - uns endlich zu befreien von unhübschem Ballast, ungesunden Gewohnheiten und unangenehmen Verhaltensweisen. 

Wenn wir im Yoga von „Befreiung” sprechen, landen wir schnell bei dem Begriff „Jivanmukta”. Das Wort „Jivanmukta" stammt aus dem Sanskrit und setzt sich zusammen aus jivan, was so viel bedeutet wie „lebendig” oder „lebend”, und dem Wort mukta, das „befreit„ und „erlöst” heißt. 

Jivanmukta Befreit und leicht ins neue JahrUm den Begriff des „Jivanmukta” genauer zu beleuchten haben wir Dr. phil. Oliver Hahn, Yogalehrer und Indologe aus Leipzig, befragt.

YogaEasy: Was meint der Begriff „Jivanmukta” genau, und woher kommt er ursprünglich?

Dr. phil. Oliver Hahn: Die Idee hinter „Jivanmukta” ist, dass schon zu Lebzeiten eine vollständige Erlösung/Befreiung möglich ist. In der indischen Erlösungslehre bedeutet das auch, dass man vom Kreislauf der Wiedergeburt und vom Karma erlöst ist. Diesem Konzept steht „Videhamukta” gegenüber, was „erlöst ohne Körper” bedeutet. Hier dominiert die Idee, dass Befreiung erst im Tod möglich ist. Der Gegenbegriff „Jivanmukta” ist also eine modernerer philosophischer Ansatz. 
Der Begriff Jivanmukta ist ein Begriff des Advaita Vedanta, bei dem es um den Zustand der Nicht-Dualität (A-dvaita) geht. Er findet sich in vielen klassischen Hatha-Yoga-Texten wieder, zum Beispiel in der Hatha Yoga Pradipika. Aber auch in tantrischen, kaschmirischen Texten wie dem Vijnana-Bhairava-Tantra, in dem es um 112 Meditationstechniken geht, mit denen man dem befreiten Zustand näher kommen soll, ist die Idee zu finden.

Heißt das, dass wir durch strenge Yoga-Disziplin den Zustand der  Befreiung erreichen, oder wie kommen wir dem befreiten Zustand näher?

Sadhana, also unsere tägliche Praxis, kann helfen, in einen „befreiten” Zustand zu kommen. Natürlich gab und gibt es auch immer wieder Personen, die plötzlich und unverhofft in den befreiten Zustand kamen - aber man sollte sich nicht darauf verlassen! Die Praxis selbst kann allerdings individuell ganz verschieden sein – für den einen ist es die Meditation, für den anderen die körperliche Asana-Praxis, für den nächsten das Gärtnern, Spazierengehen, achtsame Lauschen, stille Sitzen oder oder, oder. Der zentrale Punkt ist, dass es sich um einen „Bewusstseinzustand” handelt. Dass es also nicht darum geht: Je mehr man (etwas) „macht”, desto schneller wird Jivanmukti erreicht. Es geht vielmehr darum, sich selbst auszuhalten – mit allen hellen und dunklen Seiten – zu reflektieren, auch wenn es unangenehm ist, sich von Optimierungszwängen (ständig etwas tun) zu befreien auch einmal etwas sein lassen zu können.

Im Fokus steht also die Geisteshaltung, und nicht, dass etwas und WAS gemacht wird. Man könnte auch einer banalen, alltäglichen Tätigkeit nachgehen und den befreiten Zustand des Nicht-Getrennt-Seins erreichen – wenn dieser Tätigkeit achtsam, reflektiert und in Ruhe nachgegangen wird. Anders ausgedrückt: Praxis hat keine bestimmte Zeit, braucht kein bestimmtes Setting oder bestimmte Bedingungen, sondern sie ist IMMER. Bei allem, was man tut, rund um die Uhr und eben nicht nur in einem Yogakurs oder bei der Meditationspraxis. Eine Zweiteilung – in Alltag und in spirituelle Praxis – würde demnach nicht zum Jivanmukti-Zustand führen.   


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Bedeutet es im Umkehrschluss, Nichtstun und Ausharren, Lethargie ist die Lösung?

Genau genommen tun wir zu keinem Zeitpunkt unseres Lebens nichts. Selbst wenn wir ruhig auf einem Stuhl sitzen, passiert etwas: Gedanken, Emotionen, Bedürfnisse o. Ä. tauchen auf, und wir nehmen eine bestimmte Haltung zu ihnen ein.

Diese Haltung, in der Regel eine Form von Zuneigung (Raga) oder Abneigung (Dvesha), ist unsere unablässige Identifikation mit den Inhalten unseres Bewusstseins, die aus Sicht der östlichen Weisheitslehren das „Rad der Wiedergeburt” am Laufen hält. 

Unterscheiden sollte man vielmehr zwischen aktivem bzw. bewusstem Nichtstun, wie Meditieren, stilles Lauschen o. Ä. und dem passiven bzw. unbewussten Nichtstun, dem Konsumieren, wie zum Beispiel auf der Couch zu sitzen und TV zu schauen. Hier liegt der Unterschied. Durch Passivität zu hoffen, dass sich etwas verändert, wird eher nicht zu dem erhofften Zustand führen. Es braucht schon eine regelmäßige aktive Wiederholung (Abhyasa), eine Praxis. Und sei es, jede Handlung, egal was es auch sein mag, achtsam auszuführen, jedes Gefühl wahrzunehmen, jede Regung zu spüren. Durch diese Bewusstwerdung des eigenen individualisierten Selbst kann dann das Bewusstsein des Nicht-getrennt-Seins vom bzw. der Einheit mit dem universellen Selbst entstehen.

Wir bedanken uns herzlich bei Dr. phil. Oliver Hahn für die Unterstützung und das Interview! www.alivara.de


Was genau bedeutet dieses Wissen jetzt für unser neues Jahr? Ein paar einfache Tipps sollen dir helfen, wirklich entspannt und befreit ins neue Jahr zu starten:  

1. Überprüfe deine (Denk-)Gewohnheiten, anstatt alte durch neue Lasten zu ersetzen

Statt Gammel-Modus auf der Couch jetzt Yoga-Bootcamp? Statt täglichem Cheatday jetzt nur noch Biogemüse? Schau mal, ob du das eine Extrem in Wahrheit einfach durch ein anderes ersetzt. Du möchtest doch alte Laster loswerden und dir nicht stattdessen neue Lasten aufbürden. Wenn aus „Ach egal, dass es der 20. Keks innerhalb einer Stunde ist” plötzlich „Es darf NUR noch Biogemüse, kein Zucker, nur noch Chai-Soja-Latte statt Kaffee sein” wird, läuft wahrscheinlich gerade etwas schief. Und das wird allmählich eine Menge Druck und Stress erzeugen und führt nicht zu einem bewussten und befreiten Lebensstil. Schau lieber: Bricht die Welt wirklich zusammen, wenn meine Eltern, die mich zum Essen eingeladen haben, kein Biogemüse servieren? Oder wenn ich nach einem Hardcore-Arbeitstag nicht direkt zur nächsten Yoga-Session renne? Befreie dich von Zwanghaftem, sei achtsam und reflektiert bei dem, was du tust und isst, dann spielen ein Offday oder eine Schlemmereinlage keine große Rolle.

2. Halte bewusst inne und bleib realistisch

Wahrscheinlich möchtest du langfristig etwas ändern – dann schau, ob du wirklich zum Beispiel täglich 90 Minuten Yoga machen kannst, wie du es dir am Silvesterabend vorgenommen hast. Statt nach dem anfänglichen euphorischen „Das mache ich ab jetzt immer so” nach ein paar Wochen zu erkennen, dass du die Latte zu hoch gelegt hast, frustriert bist und es dann ganz bleiben lässt, setze dir lieber von Anfang an realistische Ziele. Und halte dir vor Augen: Im yogischen Jivanmutki-Sinne geht es ja nicht ums TUN, ums „Mehr bringt mehr”. Es geht vielmehr um Achtsamkeit – bei allem, was du tust. Vielleicht nimmt dir ein Mix aus Aktivität auf der Matte und Ruhe zu Hause oder bei einem Spaziergang in der Natur den Druck und lässt deine Vorsätze ganz entspannt Alltag werden.

3. Checke deine Glaubenssätze und formuliere sie um

„Bloß keine Schokolade!”,  „Ja kein Müßiggang” – wer immer alles negativ formuliert, hält nicht durch. Schau Dir einmal an, wie genau Deine Gedanken formuliert sind. Taucht in Deinem inneren Monolog verdächtig oft das Wort "MUSS" auf oder formulierst Du alles negativ (xy darf ich, soll ich, kann ich NICHT)? Dann kann es Zeit sein, das zu ändern. Anstatt dir immer zu sagen, dass du so wie du bist oder etwas machst, nicht gut bist und immer etwas findest, was unbedingt optimiert werden muss, halte inne. Lass dich doch einfach mal so sein, wie du bist. Im Jivanmukti-Sinne: Halte dich doch einfach mal aus. Schau dich an – mit all deinen hellen und dunklen Seiten. Schau an, was dann passiert, im Kopf und in deinen Gefühlen und schau ob du dich einfach so akzeptieren und liebhaben kannst, wie du bist. Und wenn das nicht klappt – kleiner Tipp: Schließe deine Augen und stelle dir dich selbst als kleines Kind vor. Oft werden wir dann automatisch etwas milder und liebevoller mit uns. Und natürlich kannst und darfst du auch etwas ändern – aber du MUSST es eben nicht. 

4. Sei milde mit dir selbst

Da wollen wir dem Stress entfliehen und uns dem Druck der Welt entziehen und sind uns doch selbst oft der größte Kritiker. Heimlich hast du doch zur Schokolade gegriffen statt zum Chiasamen-Pudding mit frischem Obst? So what?! Wen juckt es – außer dich selbst? Sei milde mit dir. Halte es auch aus, wenn mal etwas nicht so läuft, wie du es dir vorgenommen hast. Überprüfe deine innere Haltung dazu. Nimm wahr, wenn du dich ärgerst oder enttäuscht bist, aber gib dem nicht zu viel Gewicht. Viel wichtiger ist, dass du gerade dann nicht aufgibst, sondern weiter deinen Weg gehst. 

Und vielleicht erinnerst du dich ab und zu an Erich Kästners Worte: 

„Man soll das neue Jahr nicht mit Programmen
 beladen wie ein krankes Pferd,

wenn man es all zu sehr beschwert,

bricht es zu guter Letzt zusammen.



Je üppiger die Pläne blühen,
 um so verzwickter wird die Tat.

Man nimmt sich vor, sich schrecklich zu bemüh'n

und schließlich hat man den Salat.



Es nützt nicht viel, sich rot zu schämen, 
es nützt nichts und es schadet bloß,

sich tausend Dinge vorzunehmen.

Lasst das Programm und bessert euch drauflos.”
 

Lesempfehlung:
Das Buch der Geheimnisse: 112 Meditationstechniken zur Entdeckung der inneren Wahrheit” von Osho. erschienen bei Arkana.

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