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Einführung in die Advaita Vedanta: Alles ist eins
Bryan Goff Unsplash

Einführung in die Advaita Vedanta: Alles ist eins

Von Christiane Eitle

Was wir als Realität, empfinden ist eine von unserem Geist geschaffene Illusion. Die Welt, wie wir sie erfahren, ist nicht real. Das jedenfalls behauptet die Advaita Vedanta. Das klingt erst mal ganz schön abgefahren. Aber sehen wir uns doch mal genauer an, was die bekannte philosophische Strömung (deren Ursprung in den uralten, religiösen Upanishaden-Texten liegt) zu bieten hat.

Wahres Glück findest du nur in dir

Kurz zusammengefasst argumentiert die Avaita Vedanta wie folgt: Gedanken und Emotionen unterliegen ständigem Wandel. Real ist nur der unveränderliche Hintergrund, auf dem sich unsere eigenen komplexen Realitäten abspielen. Wenn wir in der Lage sind, unser Leben und die Spiele unseres Geists wie einen Film auf einer Leinwand zu beobachten und uns nicht mehr damit identifizieren, sind wir frei.

In unserer modernen Welt jedoch sucht jeder sein Glück im Außen: Beziehungen, Konsum, Besitz, Macht, Sex. Solange diese Bedürfnisse nicht erfüllt sind, fühlen wir uns unvollständig. Das Problem dabei ist, dass keines dieser Dinge von Dauer ist und wir so unweigerlich – früher oder später – wieder leiden werden. 

Die Advaita Vedanta zeigt also, dass die Menschen schon vor Tausenden Jahren erkannten, dass wahres Glück nur in uns selbst zu finden ist. Und zwar in dem Bewusstsein darüber, was wirklich und was nicht-wirklich ist.


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„Brahman ist wirklich. Die Welt ist nur scheinbar wirklich. Du als individuelles Selbst bist nichts anderes als Brahman.”

Shri Shankaracharya

Wir verdanken es dem Philosophen und Lehrer Shankaracharya (788 bis 820 n. Chr.), dass die Lehre der Vedanta heute nicht mehr nur Gelehrten und Brahmanen zugänglich ist. Er reformierte und systematisierte Vedanta und kommentierte zehn der 108 bekannten Upanishaden. Seine Sichtweise der wahren Wirklichkeit ist eine nicht-dualistische, die sogenannte „Advaita” (übersetzt aus dem Sanskrit: ohne Dualität) Vedanta. Es gibt eine Wirklichkeit und eine „Nicht-Wirklichkeit”. Diese voneinander unterscheiden zu können, ist der Schlüssel unser wahres Selbst zu erfahren.

Advaita Vedanta – wer bist du, bevor du anfängst zu denken und zu fühlen?

„Richtige Unterscheidung lässt uns das wahre Wesen eines Seils erkennen und vertreibt die quälende Angst, die unsere irrtümliche Annahme, es sei eine Schlange, hervorruft“.

Shri Shankaracharya

Vedanta ist eine logische Methode, eine Wissenschaft der neutralen Selbstbefragung. Oft wird Vedanta auch als eine Philosophie umschrieben, die uns offenbart, wie wir zu unserer wahren Natur finden. Unser wahres Selbst ist für die wenigsten von uns zu erfassen, da wir in einer selbst kreierten „Realität” existieren – eine von unserem Geist geschaffene Illusion, die mit Zweifeln, Leiden, Ängsten und einem Gefühl von Nicht-Vollständigsein verbunden ist. Jeder von uns nimmt zu verschiedenen Zeiten eine andere Realität wahr. Viele Menschen existieren mehr in dem Leben in ihrem Kopf als in dem, was wirklich da ist. Sie glauben, dass das ihre Identität ausmacht, halten daran fest und leiden unter der niemals endenden Suche nach Bedürfnisbefriedigung und Glück. Wie können wir also wissen, was die wahre Realität ist?

Atman & Brahman: Alles ist eins

Wie bereits erwähnt, ist die Advaita Vedanta, nicht-dualistisch. Das bedeutet, dass alle Unterscheidungen von Subjekt und Objekt (Ich und ein physisches Objekt, Ich und eine Erfahrung, Ich und ein Gefühl etc.) nicht wirklich sind. Denn alle existierenden Subjekte und Objekte kommen von ein und demselben Bewusstsein (Brahman). Gefühle existieren nicht außerhalb von mir. Wenn jemand mich mit seiner schlechten Laune beeinflusst, dann übergibt mir derjenige nicht das Gefühl. Ich fühle es nur, weil es bereits in mir ist. Wenn ich eine Blume sehe, dann existiert sie nur durch meine Sinne. Ich erfahre die Blume in mir. Wenn ich die Blume nicht sehe oder rieche, dann existiert sie nicht für mich. Es gibt keine Unterschiede, „schlecht” kann nur aufgrund von „gut” da sein. So wie wir auch eins mit dem Göttlichen sind – die Einzelseele, Atman, ist eins mit dem universellen Bewusstsein, Brahman.

Fundamentale Konzepte und Begriffe der Vedanta

Es gibt drei zentrale Lehrsätze von Shankaracharya, die Vedanta zusammenfassen:

  1. Brahman ist wirklich – Brahma Satyam.
  2. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist nur scheinbar wirklich – Jagan Mithya.
  3. Die individuelle Einzelseele ist nichts anderes als Brahman – Jivo Brahmaiva Napara.

Um diese Sätze zu verstehen, müssen wir zunächst die zentralen Begriffe der Vedanta-Philosophie verinnerlichen und die logischen Zusammenhänge begreifen.

1. Brahman

Brahman ist das allumfassende, formlose, unendliche, unveränderliche Bewusstsein der Welt. Dieses Bewusstsein ist du – und jeder andere Mensch. Du kannst es auch als Konzept des Göttlichen (keine physische Gottheit) verstehen. Es ist der Urgrund des Seins eines jeden Organismus. Ein omnipräsentes Prinzip, das alles durchdringt, was ist. Aufgrund von Brahman kann unsere physische und geistige Welt entstehen.

2. Maya, Mithya und Satya

Brahman, das Bewusstsein, ist einfach nur da. Es erschafft nicht. Die Schöpferkraft, die unsere scheinbare Welt kreiert, nennt sich Maya. Durch Maya können wir Brahman nicht mehr erkennen und bewegen uns in der Welt ihrer erschaffenen Illusion. Die Aussage „Wir sind unwissend” bedeutet, dass wir uns der kreierten Welt durch Maya nicht bewusst sind.

Maya ist jedoch nichts Schlechtes an sich. Sie erschafft die Ordnung und den Rahmen, den wir brauchen, um unser Leben auf Erden zu führen. Was uns unglücklich macht ist, dass wir die von Maya erschaffene Welt für real halten und nicht mehr wissen, dass wir reines Bewusstsein sind. Diese unwirkliche Welt, die Maya kreiert, heißt Mithya. Wir haben vergessen, dass wir alles in uns haben und denken, dass wir in der illusionären Welt nach etwas suchen müssen, um permanent glücklich zu sein.

Wir suchen dieses Glück in Objekten, Erfahrungen und Gefühlen. All dies ist nicht von Dauer und wird uns nicht das unzerstörbare Gefühl von Freiheit und Glück geben, das wir durch unser unendliches Bewusstsein bereits in uns tragen. Wir müssen nichts suchen, nicht irgendwo ankommen. Es reicht, den Blick nach innen zu richten und uns auf unser reines Bewusstsein zu besinnen. Die wahre Wirklichkeit (Satya) liegt jenseits der komplexen, schmerzhaften Konstrukte aus Gedanken und Gefühlen, die über Jahre aufgebaut wurden.

Mehr als intellektuelles Wissen – Advaita Vedanta muss erfahren werden

Advaita Vedanta ist nicht leicht rational zu erklären, denn unser Selbst kann nicht ausschließlich intellektuell erfasst werden. Es muss sowohl rational als auch als Erfahrung verstanden werden, da unser Geist zu beschränkt ist, um sich die wahre Natur des Seins einfach nur vorzustellen. Um die Wahrheit und Logik der Advaita-Vedanta-Philosophie zu verstehen, muss dein Geist bereit sein, die Erklärungen frei von Bewertung und Hinterfragen, anzunehmen. Dein Bewusstsein muss die Logik verstehen in dem Raum, der sich hinter deinen Gedanken und Emotionen offenbart, wenn du in die Stille gehst. Vedanta ist Wissen um logische Fakten, wie die Upanishaden sie überliefert haben, unterstützt durch deine direkte Erfahrung dieser Logik. So entsteht eine innere Überzeugung und Gewissheit der einzigen Wahrheit – Satya.

Unwissenheit: Du hast vergessen, wer du bist 

Wer bist du, bevor du anfängst, zu denken und zu fühlen? Das einzige, das immer da ist und sich niemals verändert, ist dein Bewusstsein. Vor und nach deiner Geburt bist du reines Bewusstsein, all deine Gedanken und Gefühle entstehen im Laufe deines Lebens. Deine Erziehung, Eltern, die Schule, Universität, das Berufsleben, deine Freunde, Medien und die gesamte Gesellschaft prägen deine Vorstellung von dem Menschen, der du sein sollst. Alle Erfahrungen, die du machst, bewertest du anhand dieser Einflüsse als negativ oder positiv. So formst du deine individuelle Realität und eine vermeintliche Ich-Identität.

Ein „Ich” mit Bedürfnissen, Ängsten, Konditionierungen und Träumen. Alles, was du tust, ist davon bestimmt, etwas zu erreichen oder zu vermeiden, um dich bzw. dein Ego glücklich zu machen. Das erschafft ein falsches Gefühl von „Getrennt-Sein” und eine Identität mit einem falschen „Ich”. Dein Leben wird zu einem Teufelskreis und selbst erschaffenen Gefängnis aus Leiden und dem Gefühl, niemals vollständig zu sein. Die ständige Suche nach Erfüllung im Außen wird keinen Erfolg haben können, denn alles was du suchst, ist bereits in dir. Du bist unwissend und hast die Verbindung zu deinem wahren Ich, deinem grenzenlosen Bewusstsein, verloren.

Die 4 Schritte, um Vedanta wirklich zu verinnerlichen

Advaita Vedanta kann man nicht einfach wie einen Lebensratgeber lesen. Es gibt vier entscheidende Schritte, die Wahrheit zu verstehen und zu erfahren. Nicht jeder ist dazu in der Lage, bereit oder qualifiziert, und es kann Jahre dauern.

1. Als Erstes hörst oder liest du nur das Wissen mithilfe eines qualifizierten Lehrers (Sravana). Meditation kann dabei helfen, die Gedanken zu klären, um das neue Wissen mit einem unbeschriebenen Anfängergeist aufzunehmen. So wird die Logik der Vedanta erst mal einfach zur angenommen, ohne sie auf Basis von altem Wissen und Konditionierungen zu hinterfragen. Wenn der Geist bereit ist, wird sich das neue Wissen gut und richtig anfühlen. 

2. Der zweite Schritt ist das Nachdenken (Manana). Du bist nun so weit, dein altes Wissen zu hinterfragen. Stimmt es mit deinen neuen Erkenntnissen, der Realität nach Advaita Vedanta, überein? Vermutlich wirst du in deinen alten Sichtweisen sehr viel
„Unwissenheit” (Avidya) erkennen, die du nun nach und nach loslassen kannst.

Bisher bist du immer noch in der Phase, in der du das Wissen mehr auf der intellektuellen Ebene verstehst. Damit du jedoch dauerhaft die illusionäre Welt von der Realität unterscheiden kannst, musst du das Wissen verinnerlichen. Hinter deinen Konditionierungen bist du längst vollständig und frei. Es geht bei Vedanta nicht darum, nur noch in Stille in deinem gedankenlosen Bewusstsein zu verharren. Die Freiheit, die du durch Vedanta erlangen kannst, besteht darin, dir dieses Raums jenseits von ego-gesteuerten Gedanken und Ängsten, bewusst zu sein. Zu wissen und zu spüren, dass du reines, sich niemals veränderndes Bewusstsein bist.

3. Nun beginnt die Phase von Nididyasa – Nachsinnen und Meditieren. Sowohl in der Meditation als auch in deinem Leben hinterfragst du immer wieder, ob du die Realität (Satya) von der scheinbaren Realität (Mithya) unterscheiden kannst. Alles, was du mithilfe deines Bewusstseins wahrnimmst, ist ein Bühnenspiel. Je nachdem, durch welchen Gedanken- oder Emotionen-Filter dein Bewusstsein scheint, ist es ein schönes oder schmerzhaftes Bühnenstück. Du kannst es jedoch auch distanziert betrachten, ohne darin vollzuständig auf- und unterzugehen – zu leiden. Sobald du erkennst, dass es ein Spiel ist, hast du die Freiheit zu entscheiden, ob du ein Teil davon sein möchtest oder nicht.

Wenn du es schaffst, das Leben mit etwas Abstand zu betrachten und anzunehmen, was wirklich passiert, ungetrübt von vorherigen Erfahrungen, dann wirst du eine erleichternde Freiheit spüren. Stemme dich nicht dagegen, was passiert, sondern versuche, es mit einem neutralen Blick wahrzunehmen. Denn kräftezehrender Widerstand macht dich unglücklich. Es kann lange Zeit dauern, bis sich das Wissen und die Erkenntnisse wirklich in dir verfestigen. Jede Situation mit anderen Menschen, jeder Konflikt, jedes emotionale Chaos können eine Prüfung sein. Die Arbeit ist nicht umsonst, denn jede spirituelle Erkenntnis bleibt in dir. Auch wenn du manchmal das Gefühl hast, rückwärts zu gehen.

4. Das Ziel ist ist der vierte Schritt, die Selbstverwirklichung (von manchen euch Erweckung oder Erleuchtung genannt) – Anubhava. Deine direkte Wahrnehmung der Realität ist ein Gefühl von Einheit, du hast die Wahrheit verinnerlicht. Diese Phase erreichen nur wenige.

Interview mit Swami Pujan: Warum Advaita Vedanta für jeden Freiheit bringt

Wir müssen nicht besonders sein, um die Wahrheit zu erkennen. Wir brauchen keine Esoterik, Drogen oder verführerischen Gurus. Sobald wir Advaita Vedanta verstehen, erkennen wir, wie einfach und gewöhnlich die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?” eigentlich ist. 

Swami Pujan ist Vedanta-Lehrer und stammt ursprünglich aus Deutschland. Heute unterrichtet er Yoga und Vedanta-Philosophie in Australien und Asien. Vor mehr als 30 Jahren begab er sich auf den spirituellen Weg und lernte Traditionen von Osho bis Zen-Buddhismus kennen. Bis er seinem Lehrer James Swartz und der Advaita Vedanta begegnete. Seitdem versteht er, wer er wirklich ist. Die Antwort war die ganze Zeit da, wie wir alle suchte er jedoch lange Zeit im Außen.

Swami Pujans Buch „Advaita Vedanta for Ordinary People” erklärt auf einfache Art und Weise, was Advaita Vedanta bedeutet und wie Verstehen und Selbst-Befragung uns zu unserem wahren Selbst führen können. Während seiner Satsangs kommen immer wieder ähnliche Fragen und Unsicherheiten in Bezug auf die Logik von Advaita Vedanta und deren Relevanz für unseren Alltag auf:

YogaEasy: Wir nehmen unsere Realität als dual wahr, und alle Objekte scheinen außerhalb von mir (dem Subjekt) zu existieren. Laut Advaita Vedanta ist unsere wahre Realität jedoch nicht-dual. Warum ist das so?

Swami Pujan: Wenn du ein Objekt betrachtest, müssen zwei Dinge vorhanden sein: der Beobachter und das Objekt. Du als Beobachter nimmst das Objekt mithilfe deiner fünf Sinne wahr, die dir Informationen über das Objekt übermitteln. Ohne die Wahrnehmung über die Sinne wäre dieses Objekt nicht vorhanden. Aber bist DU auch da, ohne ein Objekt zu sehen? Die Antwort ist ja. Denn Bewusstsein ist immer da. Wenn es ein Objekt gibt, wie einen Gedanke, ein Gefühl oder ein materielles Objekt, wird es von deinem Bewusstsein „beleuchtet”, und wenn es kein Objekt gibt, wie im tiefen Schlaf, ruht es in der Leere. 

Objekte scheinen außerhalb von uns zu sein, aber in Wirklichkeit sind sie nur in unseren Köpfen. Das wahrgenommene Objekt erscheint in deinem Geist. Und wie nah bist du deinem Geist? Es gibt keine Distanz, also scheint das, was in deinem Geist erscheint, du zu sein. Wenn du kein Objekt siehst, ist es tatsächlich nicht für dich da. Nur eine Erinnerung an ein Objekt in Form eines Gedankens ist da. Das Objekt braucht dich bzw. deine Sinne, um zu existieren, aber du brauchst nicht das Objekt, um zu existieren.

Sagt Vedanta nicht eigentlich, dass unser Leben ein Traum ist? Ist unser Leben real oder nicht? Verleugnet Vedanta das Leben?

Kannst du sagen, dass du jetzt nicht träumst? Was macht dich so sicher, dass dies kein Traum ist? Im Wachzustand haben wir eine begrenzte Auswahl an Handlungsmöglichkeiten, aber die meisten unserer Handlungen sind durch unsere unterbewussten Tendenzen bestimmt. Wenn du langsam einschläfst, wirst du möglicherweise wahrnehmen, wie diese Wachrealität nach und nach verschwindet und eine Traumrealität erscheint. Beide sind für dich irgendwie real. Dann wachst du auf, und die Realität des Wachzustands erscheint wieder. Was war in beiden Zuständen konstant? Das Bewusstsein, du.

Du veränderst dich nicht, aber die Objekte vor dem Licht deines Bewusstseins ändern sich ständig. Du bist der unveränderliche, unbegrenzte Hintergrund, auf dem sich das Leben abspielt und erscheint. Wir nennen es Satya, die unveränderliche Wirklichkeit. Und Mithya ist das, was immer im Fluss ist. Im Patanjali Yoga heißt es Purusha, das Unveränderliche, und Prakriti, das Übrige, das sich ständig verändert. Im Tantra nennen sie das Unveränderliche Shiva und das sich verändernde Shakti. Diesen Unterschied im täglichen Leben zu kennen, unterscheidet einen Sucher von einem Finder. Sobald du das weißt, bist du frei.

Wie würde sich mein alltägliches Leben verändern, wenn ich Vedanta wirklich verstanden habe?

Stell dir ein ein Leben ohne Angst und Verlangen vor. Ein Leben, in dem du weißt, dass nichts hinzugefügt oder weggenommen werden kann. Mit dem tiefen Wissen und Verständnis, dass du immer schon vollständig gewesen bist. Ein solches Leben ist ein Segen. Zu wissen, dass diese Wahrheit, die du entdeckt hast, die Wahrheit für jeden ist. Du erkennst die Liebe, die du schon immer warst.

Du schläfst, und in deinem Traum jagt dich ein Tiger. Plötzlich wird dir bewusst, dass du träumst. Jetzt hast du die Wahl, vielleicht lässt du den Traum-Tiger einfach kommen und haust ihn um – oder du konzentrierst dich auf etwas anderes. Du bist frei, wenn du weißt, dass das Leben von dir beobachtet wird. Es verschwindet, wenn du träumst, und erscheint wieder, sobald du aufwachst. Und du, das Bewusstsein, bleibt dabei unverändert.

Warum machen mich die Dinge nicht dauerhaft glücklich?

Weil Glück niemals in einem Objekt zu finden ist. Wenn es in einem Objekt gefunden werden könnte, würde dasselbe Objekt alle glücklich machen, sobald es in ihrem Besitz wäre. Aber eine Gucci-Handtasche macht dich vielleicht glücklich, aber sie lässt mich kalt.

Wo ist dann das Glück zu finden?

In uns selbst, nirgendwo anders. So kann ich auch mit oder ohne Objekt glücklich sein. Ich bin unabhängig von Objekten. Auch Gedanken sind Objekte, sie erscheinen vor meinem Bewusstsein und verschwinden dann. Das heißt, auch Erlebnisse tragen kein Glück und keine Freude. Sie können nur auslösen, was bereits in dir ist.

Warum fühle ich mich zeitweise glücklich, wenn das Glück nicht im Objekt ist?

Wenn wir etwas begehren, vernebelt dieses Verlangen unsere bereits innewohnende Freude. Sobald wir das gewünschte Ergebnis oder den gewünschten Gegenstand erhalten, fühlen wir die Freude, nicht mehr zu wünschen. Unser inneres Glück tritt hervor. Unser Fehler (Unwissenheit) ist, dass wir unseren neu gefundenen Glückszustand auf das Objekt projizieren, aber nicht in uns selbst schauen. Die Freude war immer da, aber durch unser Verlangen verdeckt.

Weshalb kann ich nicht einfach das Geschehen oder externe Umstände verändern, um glücklich zu sein?

Diese Frage bezieht sich auf die Tatsache, dass das Ändern des Äußeren das Innere nicht ändert. Aber die innere Veränderung kann sogar eine als miserabel empfundene Situation in eine willkommene Situation verwandeln.

Wenn du die Situation vermeidest oder zu optimieren versuchst, wirst du dich nur kurzfristig besser fühlen, bis die nächste Situation nicht mit deinen unterbewussten Tendenzen konform geht. Du bist jedoch kein Sklave deiner Gedanken. Wenn dich etwas unglücklich macht, ist es nicht das Objekt oder Ereignis an sich. Es ist dein Bewusstsein, das durch den Schleier von alten Erfahrungen, Ängsten, Bedürfnissen und Mustern etwas auf eine Art wahrnimmt, die dein Ego nicht befriedigt und daher negative Gefühle hervorruft.

Was ist mit der Liebe? Was ist der Sinn von Liebesbeziehungen, wenn laut Vedanta alles nicht wahr ist?

Kann dir jemand Liebe geben? Wenn Liebe ein Objekt wäre, das ich habe und du nicht, dann wäre das zwar möglich, aber Liebe ist keine Erfahrung oder ein Gefühl. Liebe ist die Essenz dessen, was du bist. Wenn du also glaubst, dass dich jemand liebt, dann schenkt die Person dir Aufmerksamkeit, eine Form der Liebe. Das löst deine verborgene, nicht erkannte Fähigkeit aus, dich mit der Liebe in Kontakt zu bringen, die du bist.

Wahre Liebe ist das Erkennen eurer Verbindung als Bewusstsein. Der schöne Gruß „Namasté” weist darauf hin: Wenn ich sehe, dass du im Bewusstsein bist und ich im Bewusstsein bin, gibt es nur einen von uns. Das spricht natürlich nicht gegen Beziehungen, sondern fördert vielmehr Respekt und Anerkennung.

Hier findest du mehr Informationen über Swami Pujan und sein Buch „Advaita Vedanta for Ordinary People”.

Exkurs: Die Veden – eine Zeit vor den Religionen der Welt

Um den Ursprung der Vedanta zu verstehen, müssen wir sehr weit, in die Zeit vor unseren modernen Religionen, zurückblicken. Die Vedanta-Philosophie basiert auf den Veden, die seit 1500 bis 1000 v. Chr. über die Jahrhunderte hinweg – zunächst mündlich, später schriftlich – überliefert wurden.

Veda bedeutet „Wissen”. Dieses Wissen haben die indischen Weisen (Rishis) als göttliche Offenbarung empfangen (Shruti). Die Veden sind eine Sammlung religiöser Texte, die Brahmanen bis heute in Ritualen, zum Teil auswendig, rezitieren. Es gibt vier Veden: Rigveda, Samaveda, den weißen und den schwarzen Yajurveda und den Atharvaveda. Jede Veda besteht aus Hymnen, Erklärungen, rituellen Erläuterungen und den Upanishaden (750 bis 500 v. Chr.).

Letztere sind der wichtigste Teil, auf dem die späteren Philosophien und Erklärungen der Wirklichkeit nach Vedanta basieren. Vedanta ist das „Ende des Wissens” (Veda = Wissen, Anta = Ende) und wird auch „Philosophie der Upanishaden” genannt. Die Upanishaden sind das „Ende der Veden” und erklären in ihrer Essenz die Erfahrung der Einheit zwischen Brahman und Atman, was so viel bedeutet wie die Einheit von Bewusstsein und dem wahren Selbst. Upanishaden heißt, „sich zu den Füßen eines Lehrers setzen”. In ihrer Essenz sind die Texte Dialoge zwischen Meistern und ihren Schülern, basierend auf intensiver Selbst-Befragung und Prüfung. So ersuchten die Schüler, die Wahrheit über das Selbst sowohl intellektuell als auch als direkte Erfahrung zu verstehen. Weitere wichtige Basistexte der Vedanta-Philosophie sind das Brahmaputra (Vedantasutra) und die Bhagavad Gita.

Nach der Zeit der Veden entstanden im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Philosophiesysteme, die alle versuchen, die gleiche Wirklichkeit und Wahrheit auf ihre Weise zu beschreiben. Diese philosophischen Sichtweisen versuchen, die großen Fragen darüber, was die Welt und Menschen sind, warum wir leiden, wie wir glücklich werden und was Gott ist, zu beantworten. Dabei beziehen sich orthodoxe Philosophenschulen wie zum Beispiel Samkhya, Yoga und Vedanta auf die Veden, während nicht-orthodoxe Schulen und Religionen wie Buddhismus oder Jainismus die Veden nicht als göttliche Offenbarungen anerkennen. Eine Vielfalt von Religionen und Philosophien mit unterschiedlichen Standpunkten, Konzepten und Worten, um dieselbe Wahrheit zu erklären.

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