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Es braucht Mut, Schwäche zu zeigen
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Es braucht Mut, Schwäche zu zeigen

Von Kristin Rübesamen

Falls du zu denen gehörst, die sich sofort nach Ausbruch der Pandemie mit dem Staubwedel bewaffnet, alle Schränke ausgemistet, Arabisch gelernt und Brot gebacken, direkt einen aufmunternden Corona-Blog ins Leben gerufen und nebenbei die gesamte Nachbarschaft versorgt haben neben Homeschooling und systemrelevantem Job, bitte nicht weiterlesen. Falls du dagegen gründlich verwirrt bist, dich verdächtig oft irgendwo mit einem Buch (!) auf dem Boden wiederfindest und vor dich hindämmerst, während die Maisonne die Staubflocken tanzen lässt, bitte weiter hier entlang.

Zusammen mit den Presseerklärungen des Robert-Koch-Instituts ist auch in unserem Milieu eine Kurve steil angestiegen, und zwar die Zahl mutmachender Botschaften. Man kann sich kaum retten vor Befindlichkeiten und Bevormundungen, wie und was man jetzt gerade fühlen solle. Nicht einen Tag darf diese Krise eine Krise sein und, ob nun mit oder ohne Churchill-Zitat, ungestraft ungenützt vorbeiziehen. Verunsicherung, Angst oder Mutlosigkeit zu äußern, passt nicht in unsere Zeit. Eines der strapaziertesten Gefühle im Zusammenhang mit Corona ist Mut.

Corona-Krise: Jeder will mutig sein

Mut ist auf den ersten Blick ein langweiliges Thema. Jeder will mutig sein, zumindest einmal in seinem Leben. Niemand würde bestreiten, dass Mut eine beneidenswerte Charaktereigenschaft und ein Attribut ist, das wir uns alle gern an den Kragen heften würden. Wir brauchen Mut, um die Aufgaben zu bewältigen, die vor uns liegen (Weltfrieden, Klimawandel, globale Ungerechtigkeit, endlich dem Nachbarn sagen, dass sein Sohn einfach unmusikalisch ist), um das Alte hinter uns zu lassen, die Leere zu ertragen, auch Mut, um jene schon erwähnte Unsicherheit auszuhalten, auf die wir in einem hochentwickelten, gut funktionierenden Industrieland und Sozialstaat als Gesellschaft in dieser Weise seit dem Krieg nicht getroffen sind.

Wir brauchen Mut, um die Wirklichkeit in all ihrer Komplexität wahrzunehmen. Uns Yogis muss man nichts erzählen vom Mut, in der Gegenwart zu leben und Veränderung zu akzeptieren. Das üben wir jeden Tag auf der Matte. Es braucht schlicht Mut, um sich in den Handstand zu schwingen, auf einem Bein zu stehen und die Augen zu schließen oder vorsichtig in Hanumanasana, den Spagat, zu gleiten. 


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Es braucht keinen Mut, um mutig sein zu wollen. Mut macht attraktiv. Mit Mut wird überall geworben. Sogar die AfD wirbt damit („Mut zur Wahrheit“). Mutig zu sein, gilt als höchste Tugend. Andere zu ermutigen, kommt gleich danach. Mut ist nicht nur Sache jedes Einzelnen, sondern auch eine gesellschaftliche Kraft, ein starkes Instrument der Veränderung. Wer mutig ist, hat keine Angst. Nicht vor der Wahrheit, nicht vor Veränderung, nicht vor dem Tod.

Dürfen wir auch mal schwach sein?

Was aber ist mit Schwäche? Die braucht kein Schwein. Oder doch? Hinter mir liegt ein schwieriges Jahr. Was die Sache nicht besser machte, waren die Menschen, die mir in dieser Zeit Mut zugesprochen haben. Obwohl ich es instinktiv sofort spürte, wollte ich es erst nicht wahrhaben, denn die, die mich zur Seite nahmen, meinten es schließlich gut. Sie warteten ab, bis ich Schwäche zeigte, um dir dann Mut zuzusprechen. Besser gesagt warteten sie nicht ab, sondern erwarteten, dass ich Schwäche zeigte, um mir dann Mut zuzusprechen. Das gab ihnen ein Gefühl von Stärke. Und mir? Gab es das Gefühl, schwach zu sein, schwächer noch, als ich mich eigentlich fühlte. Diese Art der Unterstützung führte in eine Sackgasse. Das war ärgerlich. Hätte ich wenigstens gern Alkohol getrunken, dann wäre dazu reichlich Gelegenheit gewesen, aber Yoga versaut einem ja alles. Den regelmäßigen Schluck Zuversicht, den es brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen, habe ich dann doch gefunden, bei Freunden, die mich auch mal ausgelacht haben, die ehrlich waren und schweigen konnten. Und auf der Matte. In der Stille. Ich habe am eigenen Leib wieder erfahren, was ich seit Jahren predige. Yoga ist eine Erfahrung. Wer Yoga übt, wird Yoga erfahren. Hatha yoga nushasanam. Yoga ist immer da. 

Yoga kann nicht hexen. Die Krise ist da. Der Verlust an Menschen, Perspektiven, Sicherheit und Liebe ist real. Aber Yoga kann einem zeigen, dass es weitergeht. Im Schneckentempo, aber immerhin. Yoga sorgt dafür, dass wir uns nicht in die Tasche lügen, ruhig Blut bewahren und einen klaren Kopf. 

Yogis können gar nicht anders, als genau hinzusehen. So ging es mir, wenn ich wieder auf der Straße in einen Mutmacher stolperte. Noch bevor die Person den Mund aufmachte, sah ich in ihren Augenwinkeln, was gleich passieren würde. Das Gesicht wurde weich, die Augen fast wässrig, der Mund verzog sich zu einem milden Lächeln, als würde sie einem Kleinkind ein Stück Schokolade in den Mund stecken, sie atmete noch mal tief ein und sagte schließlich: „Time is a healer.“ Ja, geil, dachte ich dann. Vielen Dank.

Mut ist besonders für uns Frauen ein Thema

Hilfe anzunehmen ist leichter gesagt als getan. Nutzt du Hilfsmittel im Yoga oder denkst du: Ach was, das geht auch so? Hilfe zu akzeptieren, ist wichtig, und fällt besonders den Frauen unter uns nicht leicht. Schwäche zu zeigen, fällt gerade uns Frauen schwer, denn wir haben ein starkes, feministisches Bild von uns und müssen es intakt halten, um unsere Rechte durchzusetzen. Ich habe Freundinnen, die vor über zwei Monaten mit einem Schlag die gesamte Kindererziehung plus Unterricht plus Haushalt plus Versorgung der Familie mit einem Fulltime-Job übernehmen mussten und bis heute schultern, während der Mann im Keller seine Werkzeuge neu sortiert.

Ein paar dieser Freundinnen sind klug. Sie leeren ihren Männern höflich den Wäschekorb vor die Füße, leiten ihnen die PDFs der Schule für die Hausaufgaben weiter (oh, Druckerpatrone leer? Mist!) und üben Yoga, vermutlich kürzer als normal, aber regelmäßig. Denn auch sie brauchen jetzt, siehe oben, Mut. Denn der Mut, den wir auf der Matte finden, hat nicht nur den Vorteil, dass er stets verfügbar ist, eine 24/7-Tankstelle. Der Mut, den wir in uns selbst finden, ist dem Mut, der von außen kommt, haushoch überlegen. Denn es ist unsere ureigene Stärke, an die wir dabei erinnert werden, das, was uns ausmacht. Es gibt nur einen Weg zum Mut, und der führt über das Eingeständnis, auch schwach zu sein.

Mach damit jetzt, was du willst, zur Not Sauerteigbrot. Oder, weil wir schließlich gemeinsam in der Patsche sitzen, schreib uns, was dir Mut macht.

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