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Brauchen wir ein Reinheitsgebot für Yoga?
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Zur Wiesn': Brauchen wir ein Yoga-Reinheitsgebot?

Von Kristin Rübesamen

Masala Yoga oder wo bleibt die Tradition?

Schon der Klang von Masala macht die meisten von uns froh. Die verschiedenen Gerüche, die auf den staubigen Strassen Indiens aus den Garküchen und Teestuben heranwehen, haben Superpower. Sie erinnern uns zuverlässig daran, dass das Leben reich, voller Geheimnisse und überraschender Geschmacksrichtungen steckt wie ein indisches Curry oder Chai.
Sobald es aber um Yoga geht, herrscht das Gegenteil, ein Reinheitsgebot, auf Sanskrit: Parampara. Damit ist die direkte Weitergabe der yogischen Wissenschaft von Lehrer zu Schüler über Generationen gemeint, mit allen Implikationen von Geheimwissen, Macht und elitärer Ausbildung, salopp gesagt ein bisschen wie bei Harry Potter. 

Sexy und neu

Mit der wachsenden Verbreitung von Yoga im Westen ist ein Markt entstanden, der Yoga nach den üblichen Marktgesetzen behandelt: mit immer neuen Versprechungen und in immer neuen Verpackungen immer im Komparativ. Hey, noch nichts vom Highspeed-Chia-Yoga gehört? Macht die Beine noch sehniger und läßt deinen Teint strahlen. Um sich abzuheben von den anderen mischen Lehrer munter altbewährte Methoden zusammen und verhökern ihren Mix wie einen Modeartikel: sexy und neu.

Schaut euch kurz um: Wer unterrichtet eigentlich noch streng nach Tradition?

Ich muss hier kurz persönlich werden, da ich mich hier selbst in die Schußlinie stelle. Ich habe mehrere Ausbildungen und bin zertifiziert unter anderem von Cyndi Lee ( Om Yoga), Sharon Gannon und David Life (Jivamukti Yoga), Judith Lasater ( Restorative Yoga), Genny Kapuler (Iyengar Yoga). Je nach Schüler mische ich zusammen, was ihnen meiner Erfahrung nach am besten hilft, Kraft und Ruhe zu tanken. Ich entferne mich mal mehr mal weniger von den ursprünglichen Lehren und verlasse mich dabei auf meine Intuition und meine fast zwanzigjährige Erfahrung. Die meisten Lehrer, die solange dabei sind, machen es ähnlich, und für den Großteil jedenfalls in Europa lege ich meine Hand ins Feuer: Einige waren Tänzer, andere sind Kreative und gewohnt, etwas neues zu schaffen.

Unique selling point für schlechte Lehrer

Dennoch: Sie machen es nicht, weil sie ihren „unique selling point“ unterstreichen wollen. Sie tun es in vollem Bewußtsein ihrer Verantwortung als Lehrer. Ok, manchmal auch, um sich nicht selbst zu langweilen. Einige allerdings tun es auf eine Weise, die tatsächlich fahrlässig ist. Sie haben meist keine anständige Ausbildung, und klauen sich ihre yogische Bildung auf youtube zusammen. Viele Anfänger, die sich von der Playlist und dem sonstigen Getue blenden lassen, merken das nicht und enden nach ein paar Monaten beim Osteopathen. Das ist so!

BKS Jois und Patthabis Iyengar, oder wie hießen die doch gleich?

Besonders gerne werden der schweißtreibende Vinyasastil von Ashtanga Yoga, etabliert durch Patthabis Jois, mit der therapeutischen und mehr statischem Methode von BKS Iyengar vermischt. Vom Marketingstandpunkt aus gesehen keine schlechte Idee: Ashtanga Yoga ist Cardio. Iyengar Yoga ist eine hochdifferenzierte, technische Wissenschaft, warum nicht beides als Sandwich verkaufen?
Deshalb nicht: Ashtanga Yoga ist vielmehr als nur eine, hierzulande zu lauter Musik, heruntergeturnte Schwitzsequenz. Ashtanga Yoga ist vielmehr ein Ritual, das fest in das System der Hingabe, sprich Bhakti Yoga, eingebettet ist. Wer sich diesen Teil entgehen läßt, verhält sich ein WC-Christ, jemand, der so tut, als sei er gläubig, der aber nur zu Weihnachten in die Kirche geht.

Iyengar Yoga wiederum ist alles andere als eine technische Angelegenheit für Kontrollfreaks. Die vermeintlich „äußere“ Ausrichtung der Knochen und Gelenke hat einen unmittelbaren Effekt auf den Geist. Oder wie es mir Iyengar einmal selbst in einem Interview sagte: „Der Geist muss schwitzen“.

Beide Systeme zu mischen bedeutet ihnen, entschuldigt das Pathos, die Seele aus dem Körper zu reißen. Das Gefühl, das sich vielleicht am Anfang einstellt, durch den Mix Zeit zu sparen und mehrere Fliegen mit einem Schlag zu erledigen, verdankt sich unserem Zeitgeist des Multitasking. Gewonnen ist dadurch nichts. 
Ein Beispiel: Das anatomische Halbwissen, das frischausgebildete Lehrer vom Iliopsoas, offenen Hüften und Rückenschmerzen reden läßt, täuscht eine Iyengarartige Bildung vor, die für die Schüler gefährlich sein kann. Jahrelang haben so Lehrer Schüler aufgefordert, ihre natürlich Lordose, die Krümung ihrer Lendenwirbelsäule, „geradezuziehen“, was in etwa so ist, als würde man Kindern immer noch erzählen, die Erde sei eine Scheibe. Mit dem Fokus auf Ausrichtung zu unterrichten bedeutet vielmehr, dem Schüler beim Verständnis seiner ureigenen Anatomie zu helfen, gemeinsam zu experimentieren und vor allem Geduld zu haben, alles Aufgaben, die im Fastfood-Yoga des Westens nur aufhalten und wenig Ruhm für den Lehrer abwerfen.

"Too many teachers is making crazy"

Wer allerdings seine Schüler dazu anhält, sich selbst zu entwickeln, und damit leben kann, sich als Guru zurückzunehmen und am Ende idealerweise überflüssig wird, der darf, finde ich, ruhig kreativ werden.
Patthabis Jois sagte den legendären Satz: „Too many teachers is crazy making“. Und ich habe ebenfalls gelernt, dass man immer ein paar Jahre bei einem Lehrer bleiben sollte. Ich kann das aus eigener Erfahrung nur empfehlen: Vergesst die Rastlosigkeit der Konsumbranche und bleibt einfach mal bei der Stange. Das Schöne daran für die Multitaskingfritzen unter uns: Ihr vertraut nicht nur dem Lehrer und der yogischen Lehre, die wir alle so lieben, ihr trainiert auch eure Geduld und ein wenig Demut, an der es uns oft genug fehlt. 

Reinheitsgebot für Yogis

Was wir brauchen, ist also weniger ein Reinheitsgebot für die Yogamethoden, die manchmal wie im Fall von Anusara Yoga oder auch Jivamukti Yoga ihre Souveränität gerade dadurch beweisen, dass sie sich hinterfragen und regelmässig reformieren, sondern eine Reinheitsgebot für die Motivation der Lehrer.

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