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Traum und Realität - Yoga in Indien I

Von Katharina Goßmann

Yoga in Indien hatte ich mir ungefähr so vorgestellt: An jeder Ecke eine farbenfrohe Yoga-Schule, in der ein Guru mit nacktem Oberkörper Touristen und Einheimischen beiden Geschlechts original indisches Yoga lehrt. Am Ende meiner Reise würde ich nicht nur mit einem Spitzenkörper, sondern auch auf einer höheren Bewusstseinsebene nach Hause reisen.

Ganz so war es bisher nicht. Gut, ich gebe zu, Cochin im südindischen Staat Kerala ist kein explizites Yoga-Gebiet. Amma hat ihren Ashram in Kerala, aber sonst sind eher Städte wie Rishikesh, Mysore und Pune für ihre Yoga-Szene bekannt. Aber dass mir der Mann bei der Touristeninformation auf meine Frage nach guten Yoga-Schulen gleich ein „No authentic Yoga teachers in this area, so no recommendation from this office“ („Es gibt keine authentischen Yoga-Lehrer in dieser Gegend, also können wir Ihnen niemanden empfehlen.“) entgegen schleudern würde, damit hatte ich nicht gerechnet.

Sanathana Yoga, Cochin

So schnell gebe ich aber nicht auf und frage meinen ayurvedischen Arzt. Er schickt mich zur Sanathana-Yoga-Schule. Ich sehe mir im Internet Bilder an vom Leiter der Schule, Abhiram Chaithanya und finde ihn sympathisch. Ich muss mich anmelden und erreiche kurz nach 16 Uhr die Beach Road. Ein pummeliger Mann im braunen Polo-Shirt und brauner Adidas-Hose empfängt mich. Er sieht genau aus wie der ehemalige Mitbewohner meiner Schwester, Michi, nur in indisch: Breiter Mund und breites Lächeln, riesige Zähne, Brille und mit hippem Haarschnitt, bei dem eine Strähne kontinuierlich aus dem Gesicht gestrichen werden muss. Er sieht überhaupt nicht aus wie Aby auf den Bildern im Internet. Ich frage, ob er der Yogalehrer ist. Er antwortet: „Yes, yes“ und bittet mich in das düstere Haus. Im unaufgeräumten Erdgeschoss liegt ein Mann nur mit einem lunghi, einem Wickelrock für Männer, bekleidet auf einer Matratze und döst. Als er mich sieht, rappelt er sich auf und verlässt den Raum. Mir wird klar, dass ich die einzige Schülerin sein werde. Der Yogalehrer bittet mich, kurz zu warten, sie müssten erst noch aufräumen. Kurz darauf werde ich über eine Außentreppe in einen wunderschönen Raum mit Fenstern auf beiden Seiten und Blick auf das arabische Meer geführt.

Das Michi-Double scheint etwas nervös zu sein, fragt mich immer wieder, ob alles ok ist. Ich lege mich auf seine Anweisung hin in die Anfangsentspannung. Er beginnt mich zu umkreisen und mir seine Anweisungen zuzuschreien. Es klingt, als hätte er den Text auswendig gelernt und würde ihn nun wiedergeben, ohne die Worte wirklich zu verstehen. Ich verstehe ihn auch nicht so gut. Zum einen hat sein Englisch einen starken indischen Akzent, zum anderen verzerrt sein gebellter Singsang die Worte noch mehr. Nach wenigen Minuten dringt plötzlich vom Nachbar-Grundstück ohrenbetäubende Dance-Musik herüber. Als dann noch der andere Nachbar mit Bohrarbeiten beginnt, ist es mit meiner Entspannung endgültig vorbei und ich kämpfe mit einem Lachkrampf.


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Wir hangeln uns durch eine recht klassische Sivananda-Yoga-Stunde, allerdings ohne Atemübungen. Manchmal machen die Musik und der Bohrer Pause und ich genieße kurz die Schönheit der Positionen. Auch wenn wir nicht so recht in Fluss kommen, weil Michi II die Wirkungen jeder Asanana ausführlich referiert. Als ich endlich in der Schlussentspannung liege, dämmert es bereits und die Moskitos fallen über mich her. Während mein persönlicher Yoga-Lehrer Moskitos tötet, teilweise direkt auf meinen Armen und Beinen, schreit er eine Viertelstunde lang „Rälex your feet (legs, hips, belly etc.). Räääääleeeeeex, Rääääääleeeeex, Rääääääleeeeeeeex.“. Ich bin heilfroh, als die Stunde vorbei ist. Durch ein kurzes Gespräch im Anschluss finde ich heraus, dass mein Yogalehrer Noufal heißt und Abhiram gerade in Bengalore unterrichtet. Noufal ist ein wirklich netter Kerl. Ich bin mir nur nicht sicher, ob er Yogalehrer ist… Vielleicht ist er einer von Abhirams Schülern und verdient sich ein bisschen Geld neben her? Ich entrichte die Minimal-Spende von 200 Rupien und suche schnell das Weite.

Prominente Yoga-Zentren in Mysore, Pune und Chennai

Meine Lust, neue Yoga-Schulen in Kochin auszuprobieren, ist durch die Stunde bei Noufal beträchtlich geschrumpft. Dafür steigert sich meine Freude auf meine nächsten Reiseziele: Mysore, Chennai und Pune. In Mysore liegt Pattabhi Jois‘ Schule (der Begründer von Ashtanga-Yoga), in Pune lebt B.K.S. Iyengar (Begründer des Iyengar-Yoga, siehe auch B.K.S. Iyengar hier im Magazin) und in Chennai ist das Krishnamacharya Mandiram (Krishnamacharya war Jois‘ und Iyengars Yogalehrer). Doch als ich genauer recherchiere, wächst meine Enttäuschung.

Jois‘ Schule nimmt nur Schüler an, die sich für einen Monat verpflichten und sich mindestens zwei Monate vorher anmelden und Iyengar nimmt nur Schüler, die seit acht Jahren Iyengar-Yoga praktizieren. Das Mandiram bietet mir zwar eine Einzelstunde mit einem erfahrenen Lehrer samt eines speziell auf mich zugeschnittenen Yoga-Programms für 60 Dollar an. Doch leider sind alle Züge aus Chennai für Wochen ausgebucht und die Flüge kosten über 100 Euro, was mein Reisebudget nicht mitmacht. Ich gestehe es nicht gerne ein, aber mich überkommt plötzliche Sehnsucht nach meiner Hamburger Yogalehrerin. Die mir doch eigentlich genau das gibt, was ich brauche. Die tagtäglich ihr Studio, ihre Kompetenz und Energie als Lehrerin und ihr Herz jedem öffnet, der zur Tür hereinschneit. Vielleicht ist es an der Zeit, meine Indien-Idealisierung zu überwinden und stattdessen meine westliche Identität zu umarmen? Vielleicht sollte ich aufhören, westliches Yoga als Perversion des „authentischen“ indischen Yoga zu betrachten, sondern als auf westliche Bedürfnisse zugeschnittene Weiterentwicklung?

Santhi Yoga, Cochin

Dann allerdings höre ich über Hildegard aus Aichach vom Yoga-Unterricht im Hotel Secret Garden. Das versteckt gelegene Hotel gehört einer abenteuerlichen Isländerin. Neben einem Pool hat der „Geheime Garten“ auch einen herrlichen Yoga-Platz direkt unter einem großen Baum mit Baumhaus zu bieten. Hier unterrichtet Kumar täglich Hotelgäste und andere Interessierte. An einem Nachmittag mit milden 32 Grad füllt sich die runde Holz-Fläche um den Baum mit Isländern, Amerikanern und Deutschen.

Kumar taucht als letzter auf und befriedigt sofort mein Klischee von einem indischen Yoga-Lehrer: Der asketisch-drahtige Mann trägt weiße Baumwollhose zum weißen Baumwoll-Hemd und hat ein freundliches, klares, ruhiges Gesicht. Nach einer langen Anfangsentspannung, in der er uns anleitet, unsere Sinne zurückzuziehen und Themen wie das Ego und das Einssein aller Wesen streift, führt er uns durch eine klassische Sivananda-Stunde. Als es dämmert, erklärt er uns das yogische Konzept der Gewaltfreiheit, Ahimsa, und rät uns, uns von den Moskitos stechen zu lassen und dabei unsere Gefühle zu beobachten. Ich genieße die Stunde, bin aber doch irritiert, dass Kumar uns ausdauernd anfeuert, in schwierige Positionen zu gehen, für die einige der Schüler offensichtlich noch nicht die Kraft haben, und mich mehrmals in Positionen hineindrückt, – meiner Meinung nach ein absolutes Verbot für Lehrer. Andrerseits gibt es eben auch einen kulturellen Unterschied. In vielen Schulen werden Kinder noch mit Rohrstöcken geschlagen und auch im indischen Yoga werden gerne etwas rabiatere Methoden angewandt.

Nach dem Unterricht führt uns Kumar durch die wirren Gassen von Cochin zu seiner eigenen Yoga-Schule, Shanti Yoga. Auf dem Weg dorthin erklärt er mir in rasender Geschwindigkeit seine Auffassung von Bhakti Yoga, Karma Yoga, Raja Yoga, Jnana Yoga und Hatha Yoga. Er spricht so leise, dass ich kaum etwas verstehe – außer, dass Kumar Yoga mit Leib und Seele lebt. Das bestätigt sich, als wir in seiner Santhi-Yoga-Schule ankommen. Dort treffen wir auf Franzosen, Brasilier, Australien, Holländer, die teilweise bei Kumar, teilweise im nahen Ashram leben. Kumar lädt uns ein zum sattvigen Abendessen und wir essen zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter auf dem Boden des Yogaraums. Ich genieße die Gastfreundschaft, die Offenheit von Kumar, seiner Familie und der anwesenden Yogis und das Wissen darüber, dass ich jederzeit Teil dieser netten Gemeinschaft werden könnte. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob ich noch mal zu Kumar gehen werde – irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich hier nicht richtig bin.

Heute hat mir Hildegard erzählt, dass der Besitzer des Restaurants, in dem sie immer ihr Frühstück isst, Kumar für einen schlechten Lehrer hält, weil er nur Touristen unterrichtet und zu hohe Preise hat. Er hätte ihr aber einen ganz heißen Tipp gegeben – ein authentischer Yoga-Lehrer, der nur 100 Rupien pro Stunde verlangt. Vielleicht ist es das. Vielleicht fehlt mir ein Yogalehrer, der auch Inder für Yoga begeistert. Den probiere ich dann wohl als nächstes aus. Und danach fahre ich weiter nach Mysore und Pune und klopfe so lange an die Türen der exklusiven Yoga-Zentren, bis ich eingelassen werde!

www.sanathanayoga.com
www.secretgarden.in
www.santhiyoga.in