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Large yoga in indien

Lost in Translation – Yoga in Indien II

Von Katharina Goßmann

Vor kurzem lernte ich Vinu kennen, einen 25-jährigen Bankangestellten aus Mumbai. Er glaubt, dass 90 Prozent aller Inder nicht mal wissen, dass es Yoga gibt. Das wäre eine Erklärung dafür, dass meine Suche bisher nicht so richtig erfolgreich war.

In Mysore besuchte ich die Yoga Shala des verstorbenen Pattabhi Jois, Gründer des Ashtanga Yoga. Am Unterrichte durfte ich zwar nicht teilnehmen, dazu müssen sich Schüler mindestens zwei Monate vorher anmelden und mindestens vier Wochen bleiben, aber um die Ecke in Anu’s Bamboo Hut, einem Privathaus, in dem es nicht nur Unterkünfte für Yogaschüler, sondern auch herrliche Smoothies und Wlan gibt, lernte ich jede Menge Shala-Schüler kennen. Sie kamen alle aus dem Westen, hatten eine tolle Figur und waren echte Hipster. Wer schon mal in London an einem Ashtanga-Workshop teilgenommen hat, kennt die Mischung aus Engländern, Australiern, US-Amerikanern und hübschen Spanierinnen. Nicht unsympathisch, aber „indisch“ kam mir nichts vor an den Gesprächen über Nackenprobleme, Müdigkeit (die Stunden in der Shala fangen gegen 4 oder 5 Uhr morgens an) und Masseure.

Meine nächste Station war Goa. Vergeblich fragte ich nach Yogaschulen und Yogalehrern. Es stellte sich heraus, dass es in Goa zwar teure Wellness-Hotels gibt, die Yoga für ihre Gäste anbieten, Luxus-Yoga-Retreats und romantische Strandhütten, die in der Hauptsaison von westlichen Yogalehrern und ihren Schülern aus Düsseldorf, Brighton und St. Petersburg bevölkert werden, aber eben keine indische Yogaschule. Allerdings boten sich alle Kellner, die ich nach Yoga fragte, an, mir Yogaunterricht zu geben. Die ehrlicheren fügen hinzu: „Yoga is good business for India!“. Natürlich hatte keiner dieser netten Jungs eine Ausbildung zum Yogalehrer gemacht.

Leider ist in Goa erst ab Mitte November Hochsaison, sonst hätte ich wenigstens bei Brahmani Yoga in Anjuna, geführt von der Engländerin Julia Martin, an offenen Stunden teilnehmen können.

Das indische Fernsehprogramm brachte mir dann die Erleuchtung. Während auf mehreren („Bibel TV“-ähnlichen) Kanälen verschiedene Gurus – dick und geschminkt, halbnackt und asketisch dürr, oft in Orange gekleidet – ihre Interpretation der philosophischen Essenz von Yoga vortrugen, dämmerte mir eine Erkenntnis, die sich durch einen Vortrag eines alten Raja Yogis, also eines Meditations-Yogi, im Holy Museum auf Chamundi Hill am nächsten Tag bestätigte: In Indien ist „Yoga“ nicht so sehr für den Körper zuständig, sondern primär für die Psyche. Manch ein Inder steht durchaus – ganz privat zu Hause – mal im Kopfstand oder hilft den steifen Gliedern mit einem Sonnengruß auf die Sprünge, häufig auf Empfehlung des Hausarztes. Der Fokus der traditionellen „Home Practice“ aber liegt auf Atemtechniken (Pranayama) und Meditation. Diese täglichen Rituale werden häufig nicht mal Yoga genannt und haben nicht unbedingt das Ziel, den Körper fit zu halten – in den meisten Yoga-Traditionen gilt der Körper sowieso als überflüssiges Übel und Illusion – sondern sollen die spirituelle Disziplin fördern. Die Yoga-Praxis hilft dabei, das individuelle „Dharma“ (Pflicht, Bestimmung) zu erfüllen und zwar der Familie, der Gesellschaft, vor allem aber Gott gegenüber. Es gibt zwar einige original indische Yoga-Stile, etwa Sivananda Yoga, in denen auch Asanas unterrichtet werden. Verglichen mit Praktiken wie Meditation, Mantren singen, Satsang (eine Art Gottesdienst) und Pujas (hinduistische Rituale) hat körperliches Yoga jedoch einen geringen Stellenwert. Und für Sivananda Yoga muss kein Yogi nach Indien reisen, da es weltweit „International Sivananda Yoga Vedanta“ Schulen gibt.

Liegt es also an mir, dass ich unzufrieden bin mit dem, was ich finde? Weil ich nur suche, was ich schon kenne? Was hat das zu bedeuten, dass wir im Westen erst ordentlich schwitzen müssen und unseren Körper auf Vordermann bringen wollen, um Ruhe zu finden? Warum wird bei uns so selten Meditation unterrichtet? Alle indischen Yoga-Stile, die im Westen erfolgreich sind, allen voran Ashtanga und Iyengar Yoga, stellen den Körper in den Vordergrund.

Ehrlich gesagt fühle ich mich durch diese schlichte Erkenntnis befreit. Wie schön ist es, dass jeder Mensch den für ihn geeigneten Weg gehen darf. Endlich kann ich mein westlich geprägtes Yoga dafür wertschätzen, was es für mich tut. Ohne verblendete Idealisierung seiner Wurzeln. Und wenn ich demnächst irgendwann Lust bekomme auf Yoga in Indien – dann fahre ich einfach auf Yoga-Urlaub nach Goa mit meiner Lieblings-Lehrerin aus Hamburg!

P.S. Mittlerweile soll es in Mumbai und Delhi übrigens indische Yogalehrer geben, die indischen Business-Frauen und -Männern westliches Yoga lehren. Vielleicht hatte ich gar nicht so Unrecht, als ich im Spaß zu Vinu meinte, dass in 20 Jahren westliche Yoga-Lehrer Indien überrollen werden, um den Großstadt-Indern beim Stress- und Verspannungsabbau zu helfen!

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