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Vipassana-Retreat: Eine Reise durch Geist und Ego

Von Christiane Eitle

Langsam laufe ich den steilen Weg zum Waldkloster und Meditationszentrum Wat Kow Tham auf der thailändischen Insel Koh Phangan hinauf. Zehn Tage Vipassana-Meditation lagen vor mir und ich hatte nur eine ganz allgemeine Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Schon jetzt lief mir der Schweiß den Rücken herunter, und ich beäugte misstrauisch ein Schild, das vor dem bissigen braunen Hund warnte. Gleichzeitig durchströmte mich aber auch ein wohltuendes Gefühl von Ruhe und Klarheit. Dies waren der richtige Ort und die richtige Zeit, mich der Vipassana-Herausforderung zu stellen.

Vipassana bedeutet „Einsicht” und ist eine Achtsamkeits-Meditation, die ihren Ursprung im Theravada-Buddhismus hat. Das Ziel von Vipassana-Meditation ist, „die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind” (S.N. Goenka). Es geht darum zu erkennen, dass alles von Natur aus vergänglich ist und Erscheinungen wie Emotionen und Gedanken nicht unser „Selbst” sind. Solange wir das nicht sehen, identifizieren wir uns mit diesen Dingen und erfahren Leiden „dukkha”. Vipassana-Meditation ist ein Weg, Leiden zu überwinden und Nirwana, einen Zustand ohne „dukkha”, zu erreichen. Auch wenn sich die Überlieferung der Vipassana-Meditation direkt auf die Achtsamkeitsreden im Pali-Kanon des historischen Buddha zurückführen lässt, ist diese Technik unabhängig von Religion oder Kultur. Buddha hat sich von Religionen und Asketen in seinem Umfeld abgegrenzt und eine pragmatische, individuelle Herangehensweise an Meditation und Achtsamkeit gelehrt.

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Vipassana-Methoden, um achtsames Bewusstsein zu erreichen

Die wichtigsten buddhistischen Quellen für die Vipassana-Meditation sind das Satipatthana-Sutta, die „Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit,“ und Ānapanasati-Sutta, die „Rede vom bewussten Ein- und Ausatmen“. Je nach Ausrichtung wird Vipassana auf der Grundlage einer dieser Texte praktiziert. Jedoch geht es letztlich immer um die Notwendigkeit, das Bewusstsein achtsam im gegenwärtigen Moment zu halten. Im Satipatthana-Sutta dienen der gesamte Körper, Sinnesempfindungen, Gefühle und Gedanken als Meditationsobjekte. Mithilfe von Bodyscans wird der Geist auf diese natürlichen Zustände fokussiert, und so kann sich Achtsamkeit entwickeln.

Das Anapanasati-Sutta (ana = „einatmen”, pana = „ausatmen”, sati = „Achtsamkeit”) beschreibt ausschließlich die systematische Betrachtung und Konzentration auf den Atem als Weg zu Ruhe und Erkenntnis. Im Verlauf der Meditationspraxis kann sich dadurch automatisch auch die Achtsamkeit auf Körper, Geist, Gefühle und Gedanken ausweiten. Im Wat Kow Tham wird der traditionelle thailändische Theravada-Buddhismus in der „Thai Forest Tradition” nach Ajahn Chah gelebt und unterrichtet. Diese Tradition beruht mehr auf dem Anapanasati-Sutta, weshalb während des zehntägigen Vipassana-Retreats die Betrachtung der Atmung im Mittelpunkt stand.

Der Ausweg aus allem Leiden nach Buddha

Im zentralen Aufenthaltsgebäude traf ich meine Begleiter für die nächsten Tage. 20 Männer und Frauen aus aller Welt mit den unterschiedlichsten Erwartungen und Meditations-Erfahrungen. Bereits seit mehr als 50 Jahren bietet der Wat Kow Tham monatliche Vipassana-Meditations-Retreats an. Das Kloster finanziert sich ausschließlich auf Spendenbasis, sodass jeder die Möglichkeit hat teilzunehmen. Das Ziel der Retreats ist, das buddhistische Dhamma (Pali), Dharma (Sanskrit), also die Lehre Buddhas, zu verbreiten.

Diese basiert auf den vier edlen Wahrheiten, die Buddha nach seiner Erleuchtung und Einsicht in die Wahrheit der Natur des Lebens, lehrte. Er erkannte, dass das Leben leidvoll ist. Was zunächst wie eine pessimistische Lebenseinstellung klingt, ist vielmehr eine realistische Einschätzung des Lebens, wie es ist. Bestehend aus Glück, Freude, Unbeständigkeit, Angst und Leiden zugleich. Wir leiden physisch, psychisch und selbst wenn wir Glück erfahren, ist dieses vergänglich und beinhaltet somit Leiden. Die Ursache des Leidens ist das Festhalten oder Ablehnen von Dingen und Zuständen, die uns von außen kurzfristig glücklich machen. Wir halten daran fest, verlangen danach, spüren irrationale Leidenschaft, streben nach Reichtum und Anerkennung. Objekte, Zustände Gedanken und Gefühle sind jedoch vergänglich und werden daher zu Leiden führen.

Um dieses Leiden zu beseitigen und den Zustand von Nirwana zu erreichen, müssen wir die Ursache entfernen. Der Weg der uns dorthin führt, ist der edle achtfache Pfad, der auf „Wissen und Weisheit”, „ethischem Handeln” und „Sammlung und Meditation” basiert. Genauer gesagt geht es dabei um Verhaltensregeln wie rechte Einsicht, rechtes Denken, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenserwerb, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit, rechtes Versenken. Alle Punkte des Pfads sollen gleichzeitig praktiziert werden und sind eher als Spirale und nicht als „Leiter” zu verstehen.

Eintauchen in die Welt der buddhistischen Mönche

Am ersten Tag lernten wir unseren Lehrer, den Mönch Phra Dr. Marut Damchaom, kennen. Er ist (ca.) 70 Jahre alt und hat vor seiner Ordination zum Mönch, ein ganz „normales” Leben als Dozent an verschiedenen Universitäten und Forschungseinrichtungen gelebt. Dementsprechend spricht er ein verständliches Englisch und kann sich gut in die Wirrungen und Herausforderungen unserer „sterblichen Leben” hineinversetzen. In sein traditionelles orangefarbenes Gewand gekleidet saß er auf einer Erhöhung lächelnd vor uns. Eingehüllt in seine gelassene, weise Aura würde er uns in die Essenz des Dhamma einführen und verschiedene Meditationstechniken erklären.

Es gelten einige Verhaltensregeln, wenn man an einem Vipassana-Retreat in einem Kloster teilnimmt. Die Teilnehmer müssen angemessene Kleidung tragen, dürfen das Gelände nicht verlassen, haben sich an das Schweigen zu halten und sollten sich stets respektvoll gegenüber Buddha-Statuen und den Mönchen verhalten. Männer und Frauen leben und meditieren voneinander getrennt, und Frauen dürfen Mönche auf keinen Fall berühren. Daneben gelobten wir beim Morgen- und Abend-Chanten, uns an acht Tugendregeln zu halten. Mönche müssen sich an über 200 Regeln halten, für Nonnen und Retreat Teilnehmer gelten diese acht: keine Leben nehmen (auch keine Moskitos!), nicht lügen, stehlen oder zur verbotenen Zeit essen (11 Uhr bis 7 Uhr am nächsten Morgen), kein sexuelles Fehlverhalten, Tanzen, Singen, Schmuck oder Kosmetik und keine luxuriösen oder hohen Stühle und Betten benutzen.

Der steinige Weg zu meinem stillen Geist

Meine Erlebnisse mit Meditation waren in den vergangenen Jahren sehr durchwachsen. Obwohl ich schon so lange Yoga praktiziere, konnte ich mich nie zu einer regelmäßigen Meditations-Praxis durchringen. Meine Gedanken dominierten jeden Versuch, was mich immer wieder abschreckte. Ich erhoffte mir von diesem Vipassana-Retreat, endlich etwas Klarheit und Ruhe in meinen Geist zu bringen. Wie erwartet war der erste Tag die Hölle. Wir meditierten „nur” 45 Minuten am Stück, aber insgesamt über sieben Stunden am Tag. Abwechselnd Meditation im Gehen und Sitzen. Schon bald schmerzte mein Körper von den Schultern über den Rücken bis in die Kniegelenke. Ich driftete ständig ab, schlief im Sitzen ein und beobachtete genervt die vielen sinnlosen Gedanken, die immer wieder hochkamen. Bei der Gehmeditation in Zeitlupe wurden meine Beine so schwer, dass mir die Hüftgelenke wehtaten. Erschrocken nahm ich die vielen negativen Gedanken in meinem Kopf wahr: „Der geht auf meiner Seite!”, „Warum läuft sie so schnell?”, „Der Ventilator nervt”. Das war der erste Schritt zur Achtsamkeit: diese Gedanken wahrnehmen und die Muster des eigenen Geists kennenlernen.

Auch die erste Nacht brachte nicht viel Erholung. In meiner kleinen Holzhütte lag ich unter einem Baldachin aus durchlöcherten Moskitonetzen auf einer steinharten Matratze. Ängstlich lauschte ich den Dschungel-Geräuschen um mich herum. Als ich Bewegungen und Geraschel vor der maroden Tür spürte, konnte ich nur daran denken, dass ich sie nicht absperren konnte und meine Fantasie ging mit mir durch. Um vier Uhr morgens wurde ich endlich gleichzeitig vom melodiösen Gong, dem Schrei der Hähne und lautem Hundegebell aus dem Halbschlaf gerissen. Auf dem Weg zum Zähneputzen stelle ich erleichtert fest, dass der liebe weiße Buddha-Hund auf der Terrasse gewacht hatte und für die Geräusche in der Nacht verantwortlich war.


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Jeder trägt einen Buddha in sich 

Ab diesem Morgen wurde eine kleine hölzerne Meditationsbank zu meinem besten Freund. Wir starteten in den Tag mit 45 Minuten Meditation im Sitzen, gefolgt von rituellen Verbeugungen vor der Buddha-Statue und buddhistischem Chanten. So ehrten wir sowohl die Person Buddha als auch die ruhige, klare Buddha-Natur, die in jedem von uns liegt:

Namo tassa bhagavato arahato samma-sam-buddhassa

Homage to the Blessed One, the Worthy One, the supremely Enlightened One!

Darauf folgte eine Stunde achtsames Yoga, was bei einem Vipassana-Retreat nicht unbedingt üblich ist. Meine Muskeln und Gelenke freuten sich jedoch sehr darüber. Nach einer weiteren Meditation, gab es um 7 Uhr Frühstück und Zeit, unseren Pflichten wie Fegen, Laubrechen, Toilettenputzen oder Küchendienst nachzukommen. Für diese Hausarbeiten konnten wir uns zu Beginn des Retreats eintragen, und sie sind Teil der Achtsamkeitspraxis. Nach einer schnellen Dusche mit Wasserkübel erhielten wir eine Stunde lang Meditations-Anleitungen vom verschmitzt lächelnden Dr. Marut.

Einatmen... Ausatmen... Meditieren wie Buddha?

Vornehmlich meditierten wir mithilfe von Anapanasati, der Atembetrachtung. Durch die kontinuierliche Beobachtung der Atmung als Meditationsobjekt können Samadhi, ein konzentrierter Geist, und Vipassana, die Einsicht in die Natur aller Dinge, erlangt werden. Man sagt auch, dass Buddha durch Anapanasati erleuchtet wurde. Für uns alle war der erste Schritt unseren Geist zunächst unter Kontrolle zu bringen. Es ist wichtig, den Fokus immer wieder zurück zur Atmung zu führen, sobald man merkt, dass der Geist aktiv wird. Die Gedanken werden wahrgenommen, um sie dann liebevoll loszulassen. Zwei Mittel, die mir dabei sehr geholfen haben, waren meinem Geist immer wieder zu sagen „Es gibt keinen Ort zu dem du jetzt gehen musst. Bleib einfach hier. Im Jetzt” und die buddhistische Geschichte vom Hirten und dem Ochsen. Hierbei steht der Ochse für unseren wilden Geist, und wir sind der Hirte, der den Ochsen erst mal finden muss, um ihn dann nach und nach zu zähmen.

Wir beobachteten unseren Atem zunächst systematisch von den Nasenflügeln, über den Brustkorb bis zum Bauchraum. Die Atmung wird dabei während langer Atemzüge rauf und runter verfolgt. Dr. Marut gab uns den Rat, einige Sekunden die Luft anzuhalten, um uns wieder zu fokussieren, wenn die Gedanken überhandnahmen. Unermüdlich holte ich immer wieder meinen Geist zurück. In der nächsten Stufe ging es darum, den Geist einpünktig zu konzentrieren. Der Atem wird ganz weich und nur noch an der federleichten Bewegung an der Spitze der Nasenflügel registriert. Diese präzise Wahrnehmung führt zu einer sehr scharfen Konzentration des Geists auf den jetzigen Moment.

Ergänzt wurde die Anapanasati-Meditation im Sitzen durch Gehmeditation. Diese Meditationsmethode wirkt etwas „gröber”, ist jedoch nicht unbedingt leichter. Auf dem Gelände des Klosters gab es ein wunderschönes, schattiges Areal, auf dem wir unter Bäumen unseren Füßen die volle Aufmerksamkeit schenken konnten. Bei der Gehmeditation wird die bewusste Atmung mit der Konzentration auf die Füße kombiniert. Dabei ist man sich die ganze Zeit zu 100 Prozent achtsam jeder kleinen Bewegung bewusst: „Konzentration auf den rechten Fuß, anheben, nach vorne bewegen, absetzen, wahrnehmen. Konzentration auf den linken Fuß, anheben, nach vorne bewegen, absetzen, wahrnehmen usw.” Wie ein Roboter bewegte ich mich in Zeitlupe und beobachtete Füße, Atmung und Geist. Die Gehmeditation hat mir sehr geholfen, denn ich wurde mir viel schneller meiner abdriftenden Gedanken bewusst und konnte den Geist immer und immer wieder zurückbringen ins Jetzt.

Vipassana-Retreat: Glücklich beim achtsamen Essen

Jeden Tag erhielten wir um 11 Uhr unsere zweite (und letzte) Mahlzeit für den Tag. Eine Nonne kochte jeden Tag köstliche, traditionelle Thai-Gerichte, die wir achtsam verzehrten. Bevor wir essen durften, wurde die „Essens-Reflektierung” vorgelesen. Damit bedachten wir, dass wir „dieses Essen achtsam verzehren werden, nicht gierig sind, uns nicht überessen, sondern einfach nur um das Überleben unseres Körpers zu ermöglichen und das Hungergefühl zu beseitigen.” Eine der größten Lektionen, die ich aus diesem Retreat mitgenommen habe, ist mein Essverhalten zu überdenken. Es ist so wichtig für die Gesundheit, bewusst zu essen, jeden Bissen zu schmecken und die Nahrung wertzuschätzen. Das Sättigungsgefühl stellt sich schneller ein, man isst nicht zu viel, und im Laufe der Woche war es für mich kein Problem mehr, fast 20 Stunden lang nicht zu essen.

Von 13 bis 17 Uhr trafen wir uns wieder für vier Einheiten Meditation im Sitzen und Gehen. Dazwischen sprach Dr. Marut über Dhamma, die buddhistischen Lehren und das zentrale Thema „dukkha”. Dinge die wir nicht ändern, festhalten oder beeinflussen können, denn alles unterliegt dem ständigen Wandel. Unser Körper, Geist bzw. Ego leiden, weil wir anhaften und es nicht besser wissen. Die Vipassana-Meditation hilft uns, die vier edlen Wahrheiten zu realisieren, indem wir dieses Leiden erkennen, den Grund verstehen und das Problem lösen. Wir werden die Schwierigkeiten wahrscheinlich nicht zu 100 Prozent los, aber allein daran zu arbeiten, hat schon ungeahnte Auswirkungen. Sein Motto ist ganz einfach: „Be happy – life is simple – here and now!”. Nach seinen inspirierenden Ausführungen bekamen wir abends die Gelegenheit, mit Dr. Marut in persönlichen Interviews zu sprechen. Danach wurde das Abend-Chanten zelebriert und über zwei weitere Stunden meditiert, bevor wir glückselig, aber ziemlich erledigt auf unsere harten Matratzen fielen.

Da war NICHTS und doch ALLES in meinem Geist

Bei einem Vipassana-Retreat gibt es nicht viel Ablenkung. Die Stille und Achtsamkeit in allem, was ich tat, waren einerseits sehr hart, aber haben mir andererseits geholfen, meinen Geist sukzessive zu beruhigen. Es wurde von Tag zu Tag immer ruhiger und klarer in meinem Kopf, sodass ich schon bald in eine sehr tiefe Konzentration fand. Durch die Rolle des Beobachters war ich in der Lage, meinen inneren Raum abseits von Emotionen und Gedanken klar wahrzunehmen. Ich erfasste die Prozesse in meinem Geist und konnte sie einfach loslassen. Relativ schnell gewöhnte sich mein Körper an die neuen Strapazen. Bereits am zweiten Tag konnte ich das Fließen meiner Atmung über längere Zeit ungestört von Gedanken bewusst wahrnehmen. Die leise Bewegung des Atems passierte ganz automatisch. und irgendwann lösten sich die verbleibenden Gedanken einfach auf. Schon bald erlebte ich diese Momente totaler Stille, bis hin zu einer Stunde in kompletter Versenkung.  

Ich beobachtete dieses Nichts in meinem Kopf. Eine schwarze, nichtssagende, stille Leere. Ein Zustand, der mich zugleich mit dem ganzen Universum zu verbinden schien. Ich spürte ein Jucken, schmerzende Knie, hörte Geräusche, aber nichts davon drang durch, als ob es auf einer anderen Ebene geschah. Jede sensorische Empfindung löste sich auf. Mein Körper schien sich vom Geist getrennt zu haben. Ist es das, was sie Dualität nennen? Mein Atem war kaum noch spürbar, als ob ich keinen Sauerstoff mehr benötigen würde und einfach für immer hier verweilen könnte. Da war kein Gefühl von Glück, einfach nur Sein. Irgendwo am Rande dieses Bewusstsein musste ein Raum sein, in dem Gedanken und Gefühle entstehen. Diese Gedanken und Gefühle bin ich jedoch nicht. Ich beobachte Nichts. Wer bin ich dann, wenn da nur Leere ist? Der Beobachter? Ab einem bestimmten Punkt hatte ich das Gefühl, dass mein Gehirn platzen würde. Ich bekam Panik, wusste nicht was ich mit diesem Zustand anfangen sollte. Da war einfach nichts mehr, nichts über das ich nachdenken konnte oder musste.

Wenn die Achtsamkeit auch nach der Meditation bleibt

Nach diesen Meditationen blieb mein Geist wundersamerweise in einem meditativen Zustand von Achtsamkeit. Vorsichtig stand ich auf, abwartend, ob Gedanken zurück stürmen würden. Die Stille blieb. Ich bewegte mich sehr bewusst, mich durchströmte unendlich viel Liebe, in den kleinsten Details um mich herum, in der Natur, den Tieren und Farben sah ich so viel Schönheit. Ich war hundertprozentig wach, konzentriert und fokussiert im Jetzt.

Im Laufe der Woche erlebte ich einige dieser tiefen Zustände in meinen Meditationen. Ich konnte fast schon spüren, wie mein Gehirn sich zu verändern schien. Während der Pausen erlebte ich plötzlich die intensivsten Erinnerungs-Flashbacks an meine gesamte Kindheit. Situationen, Gefühle und Erlebnisse, an die ich mich eigentlich nicht wirklich erinnern konnte. Es waren schöne, positive Erinnerungen, die mich unendlich dankbar machten und mir aufzeigten, wer ich bin und wo ich herkomme. Und ja, es sind viele Tränen geflossen. Hin- und Hergerissen zwischen „wann hört das endlich auf” und „ich will nie wieder zurück in die Realität” verlor ich immer wieder das Bewusstsein für Zeit und Raum. Morgens um 11 war mein Tag schon so lang wie normalerweise ein Arbeitstag. Ich wusste nicht, wie lange ich schon dort war und vergaß manchmal sogar, dass ich hier mitten auf einer Insel im thailändischen Golf war. Einfach nur in der Gegenwart sein, im Jetzt existieren. Dass ich das erleben durfte...

Auf dem Vipassana-Retreat: Gleichmut entwickeln, egal was passiert

Ein Vipassana-Retreat bringt jedoch nicht nur die Herausforderung der Meditation mit sich. Auch wenn jeder Teilnehmer für sich praktiziert, nicht gesprochen oder nonverbal interagiert wird, herrschen doch gewisse Dynamiken und Energien vor. Es gibt immer Menschen, die mit der Stille nicht umgehen können und das Bedürfnis verspüren, einfach irgendetwas zu sagen. Teilnehmer, die dauerhaft Unruhe und Angespanntheit ausstrahlen, haben das Potenzial, eine große Lektion für die anderen zu werden. Denn genau darum geht es: sich nicht ärgern oder sogar darüber beschweren gehen, um das Ganze im Außen zu lösen. Die Aufgabe besteht darin, zu beobachten, was im Geist passiert und Weisheit zu entwickeln. Im Englischen sagt man: „just sit with it”. 

Bei uns waren es interessanterweise die Männer, die nicht stillhalten konnten. Einer der Teilnehmer ergriff jede Gelegenheit, um Fragen zu stellen oder etwas zu sagen. Am dritten Tag stand er während der Gehmeditation mit einem anderen Teilnehmer in meiner Nähe, und ich hörte sie über Buddhismus philosophieren. Das war auf jeden Fall zu viel für meine innere Ruhe und Gelassenheit! Aber: Ich beobachtete GANZ genau, was in diesem Moment in meinem Geist passierte. Wie der emotionale Ärger impulsiv in mir ausgelöst wurde, ich dieses unangenehme Ziehen im Bauch fühlte und mein Pulsschlag sich erhöhte. Alles in meinem Geist war auf das Gespräch fokussiert. Ich bzw. mein Ego fühlte sich angegriffen, nicht wertgeschätzt, und ich ärgerte mich über ihre Rücksichtslosigkeit. Sie zerstörten die wertvolle kontemplative Vipassana-Energie. Was würde es aber ändern, wenn ich die nächsten Stunden darüber nachgrübelte und meinen Geist mit Ärger vergiftete? Es gab während der Woche mehrere ähnliche Situationen, bei denen ich auch zum Teil in ein Gespräch verwickelt werden sollte. Nach und nach entfaltete sich dieses wertvolle Gefühl „equanimity” – Gleichmut  in mir. Indem ich Mitgefühl und Verständnis für das Verhalten der anderen entwickelte, konnte ich es loslassen und bei ihnen lassen.

Nur beobachten: Glück ist nicht das Ziel, sondern Leere!

Was mit mir passierte, machte mir ehrlich gesagt Angst, und ich suchte das Gespräch mit verschiedenen Mönchen und Betreuern vor Ort. Sie beruhigten mich, dass die Entwicklung von „Keine Meditation” zu solchen Zuständen zwar etwas schnell geschah, ich jedoch auf dem richtigen Weg war. Dr. Marut erklärte mir, dass das Ziel der Meditation nicht ist, in einen glückseligen Zustand zu kommen, dem wir wieder nur anhaften. Ich sollte einfach nur den Raum beobachten, denn das Ziel ist die Leere zu erkennen. Daher nutzt man auch oft den Kreis, als Symbol für Samadhi und Meditation. Wichtig zu wissen ist, dass es im Buddhismus keine Vorstellung von einem festen Wesenskern gibt. Anatta (Pali), Anatman (Sanskrit), bedeutet „Nicht-Selbst” und steht der indischen Philosophie vom Selbst, dem „Atman” gegenüber.

Ajahn Nim, ein Wandermönch aus Nord-Thailand, nahm sich viele Stunden Zeit, mit mir den Zustand und die Erlebnisse zu analysieren. Ihm war es wichtig, dass ich mich nicht entmutigen lasse, wenn sich die Meditation nach dem Retreat verändert, und ich diese klaren Zustände nicht so bald wieder erreichen werde. Erwartungen an Meditation zu haben, wird schnell zum Problem und Hindernis. Es ist viel wichtiger dabei „sabai, sabai” zu bleiben (thailändisch für „entspannt”) und Achtsamkeit im Alltag zu praktizieren. Alle Gedanken und Zustände können in etwas Positives verwandelt werden, denn es gibt keine „schlechte Meditation”. Was auch immer aufkommt, kann ein Meditationsobjekt werden. So erhalten wir nach und nach ein Werkzeug, unser Glück zu kontrollieren, denn niemand kann uns unglücklich machen. Es sind nur unsere Gedanken, und wenn wir dies erkannt haben und lernen die Gedanken zu kontrollieren, dann bestimmen wir unser Glück. Der Schlüssel dabei ist der Atem: Er ist der Anker, über den wir uns immer wieder zentrieren, besinnen und Glück erfahren.

Mein wichtigster Tipp für ein Vipassana-Retreat: einfach machen und keine Erwartungen haben. Egal wie hart und sinnlos es am Anfang erscheint, unser Gehirn und Geist lassen sich tatsächlich wie ein Muskeln trainieren. Man darf nicht zu viel hinterfragen, sich nicht entmutigen lassen und muss immer wieder versuchen, den Geist zu beruhigen. Auch wenn die Gedanken in vielen Sitzungen nicht aufhören und wahllos auftauchen. Die Achtsamkeit wird stetig besser, immer öfter gelingt es über längere Zeit auf die Atmung konzentriert zu sein. Irgendwann kommt dann ganz unverhofft der Moment der Stille. In der nächsten Meditation kann es schon ganz anders aussehen. Deswegen lohnt es sich, immer weiter zu trainieren. Bis der Geist so klar und stabil ist, dass er auch dem lauten Alltag standhält. Am Ende des Retreats waren wir noch nur 12 von 20 Teilnehmern. Daher kann ich sagen, dass es schon etwas Willensstärke braucht, ein Vipassana-Retreat durchzuziehen und sich nicht von anderen entmutigen oder anstecken zu lassen, das Retreat früher zu beenden.

Das Schwerste zum Schluss: Meditation nach Vipassana

Die ersten Tage nach dem Retreat war ich noch komplett in einem „Zen-Zustand”. Total achtsam in allem was ich tat, meditierte ich zweimal pro Tag und versuchte, mich wieder an die Realität zu gewöhnen. Langsam schlichen sich Alltag und Arbeit wieder in mein Leben. Und ja, mit der Zeit lässt das Gefühl nach. Ich musste mich immer wieder daran erinnern, den Fokus auf meine Atmung zu lenken. Nicht nur bei der Meditation, sondern in allem, was ich tat, vom Rollerfahren bis Abwaschen. Immer noch meditiere ich jeden Morgen, muss mich aber deutlich öfter dazu aufraffen. Die Erinnerung an die so bereichernden Vipassana-Erfahrungen motivieren mich, dranzubleiben. An manchen Tagen sind die Meditationen wirklich frustrierend, und es fällt mir schwer, das Positive darin zu finden. Dann sind da wiederum diese Meditationen, in denen ich ganz leicht über den Atem in mein Innerstes finde. Meine Atmung trägt mich, wie auf einer weichen Wolke, durch mein Bewusstsein...