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Fasten: Im Rausch des Nichts

Von Petra Orzech

Am Aschermittwoch beginnt nach altem Brauch das Fasten, eine Zeit des Entsagens, die wieder sehr im Trend liegt. Fasten hat in fast allen Religionen Tradition; ursprünglich soll der Verzicht Nähe zu Gott herstellen. Christen pflegen die 40-tägige, vorösterliche Fastenperiode, buddhistische Mönche und Nonnen fasten täglich ab zwölf Uhr mittags, und Muslime üben Enthaltsamkeit während des Fastenmonats Ramadan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. So verschieden die Zeiten sind, zu denen die Gläubigen fasten – Ziel aller ist es, die Sinne zu befreien und Stärke zu gewinnen.

Rund drei Millionen Menschen fasten in Deutschland regelmäßig – allerdings weniger aus religiösen denn zumeist aus gesundheitlichen Gründen. So soll der Verzicht auf Essen die Entwässerung und Reinigung von Darm, Gewebe, Gefäßen und Gelenken anregen sowie das allgemeine Wohlbefinden steigern. Mag es für viele nach Selbstkasteiung klingen: Fasten-Anhänger berichten von glücklicher Zufriedenheit, sie erleben unbeschwerte Leichtigkeit und mehr Energie. "Wer stark, gesund und jung bleiben will, sei mäßig, übe den Körper, atme reine Luft und heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente", lehrte Hippokrates (460–370 v. Chr.). Wer jedoch Fasten mit einer Blitzdiät verwechselt und ein paar Pfunde loswerden möchte, wird enttäuscht: Nach der Fastenkur nimmt man meist wieder zu – es sei denn, man nimmt sie zum Anlass, seine Ernährungsmuster grundsätzlich neu zu definieren.

Fasten ist eben keine banale Diät – das Leben verlangsamt sich und wird intensiver erlebt. Wer das wünscht, sollte den Alltag möglichst hinter sich lassen und Urlaub nehmen. Denn die Umstellung ist kein Spaziergang. Auf drei schwierigere Start-Tage, in denen der Körper sich auf die neue Versorgungssituation einstellt, sollte man vorbereitet sein. Bis der Darm vollständig leer ist, sind Hungergefühle normal, kreisen die Gedanken noch häufig ums Essen. Begleiterscheinungen des "Entzugs" von Suchtstoffen wie Koffein, Alkohol und Zucker sind häufig Kopfschmerzen oder Schwindel, viele klagen über Müdigkeit und frieren.

Sind die Krisentage überstanden, sinkt jedoch die Konzentration der Stresshormone Adrenalin und Cortisol, und das Glückshormon Serotonin übernimmt die Regie im Körper. Man ist wach und motiviert, gut gelaunt, verspürt keinen Appetit mehr – und manche empfinden die Tage ohne Nahrung sogar als bewusstseinserweiternd. Wichtig für solche Hochgefühle: Die Entscheidung zum Fasten muss freiwillig getroffen werden. Nur dann stuft das Gehirn diese Situation als nicht bedrohlich ein und verzichtet auf die Produktion von Stresshormonen, wie sie bei ungewollten Hungerperioden entstehen.

Fasten – so geht's

Dem völligen Verzicht fester Nahrung gehen im Idealfall ein bis drei Entlastungstage voraus. Das heißt, auf den Tisch kommen leicht verdauliche Speisen wie Reis mit Gemüse und Obst. Erst danach geht es los mit Bittersalzgetränken und Einläufen, um den Darm zu leeren. Wichtig: viel trinken. Mindestens zwei Liter stilles Wasser und Kräutertee täglich – besser sind drei. Der Grund: Normalerweise nehmen wir auch über die Nahrung Flüssigkeit auf. Entfällt diese Quelle, müssen wir den Flüssigkeitsbedarf ersetzen. Da es die meisten Menschen entspannt zu wissen, dass eine heiße Brühe auf sie wartet, sind auch Fastentage im Mahlzeiten-Rhythmus des Alltags strukturiert: morgens, mittags und abends gibt es je nach Fasten-Typ etwas zu trinken.

Um die Entgiftungsprozesse zu unterstützen, werden oft Leberwickel empfohlen. Des weiteren gehören Anwendungen wie Darmspülungen zum Fasten sowie zur Anregung des Kreislaufs Bürstenmassagen, Bäder, Spaziergänge und leichte Bewegungseinheiten aus dem Yoga. Am Ende der Fastenzeit folgen drei bis vier Aufbautage, um den Körper sanft wieder an Nahrung zu gewöhnen. Dieses Fastenbrechen beginnt meist mit einem Apfel, der wegen der geschärften Sinne jetzt besonders intensiv schmeckt. Wer gleich zu Gulasch mit Klößen greift, riskiert enorme Magenkrämpfe und hat die Mühen umsonst auf sich genommen.

Betrieb man früher nur reines Wasser- und Teefasten, gibt es inzwischen zahlreiche Fastenvarianten, wie Saftfasten, Molkefasten, Obstfasten oder Basenfasten und Kuren wie die F.-X.-Mayr-Kur und die Schrothkur. Das Fasten mit Säften, heute als Buchinger Heilfasten bekannt, hat Dr. Otto Buchinger entwickelt. Er war es auch, der 1935 den Begriff der Entschlackung geprägt hat. Dieser ist abgeleitet von dem Wort "Schlacke", das in der Metallindustrie die unbrauchbaren Rückstände aus der Metallerzeugung bezeichnet. Dr. Buchinger zufolge entstehen auch in den menschlichen Zellen Abfallstoffe, von denen der Körper befreit gehört (eine Ansicht, der die Schulmedizin so nicht folgt, weshalb der Begriff nicht anerkannt ist). Diese Ausscheidung würde durch eine ungesunde Lebensweise gebremst, so dass körperliche "Schlacken" erst durch eine Fastenkur ausgeschwemmt werden können. Demnach bezeichnet der Begriff "Entschlackung" eine innere Reinigung.

Die meisten Fastenmethoden verbieten feste Nahrung, die häufig erlaubten 250 bis 400 Kalorien steuern Getränke bei. Da der Körper zum Ãœberleben aber mehr Kalorien benötigt, schaltet er beim Fasten auf eine Ernährung von innen aus den körpereigenen Depots um. Diese Reserven sind leichter abzurufen als die Kraft, die erst nach energieraubender Verdauungsarbeit aus der Nahrung gewonnen wird. Deshalb mobilisiert der Stoffwechsel beim Fasten Kraft und Leistung auf energiesparende Weise aus Fettpolstern und Muskelmasse. Um diesem Muskelabbau entgegen zu wirken, empfiehlt sich eine leichte Yogapraxis (unsere Empfehlung: die Anfänger-Videos von YogaEasy.de).

Wer sich fragt, ob der Körper dafür nicht zu geschwächt ist, irrt. Man kann sich das so vorstellen: Nach dem Einkauf im Supermarkt isst man einen Teil der Nahrungsmittel – der Rest wandert in den Kühlschrank. Dann beschließt man, eine Woche nicht mehr einkaufen zu gehen, und lebt vom Inhalt des Kühlschranks. Beim Fasten kommt die Nahrung eben nicht durch den Mund, sondern speist sich aus körpereigenen Vorräten.

Auch wenn man nicht viel braucht während einer Fastenkur, gibt es doch eine kleine Einkaufsliste für die begleitenden Maßnahmen: Glauber- oder Bittersalz zum Abführen, eventuell ein Klistier zur Darmentleerung, eine Wärmflasche für die Leberwickel, eine hautfreundliche Körperlotion, eine Trockenbürste, bequeme Kleidung, Bücher für die Auszeit und eine große, dekorative Teekanne – das Auge fastet schließlich mit.

In vielen Fällen empfiehlt sich auch der Kauf eines Zungenschabers und eines Heilpflanzenöls gegen Mundgeruch: Während der Fastenkur schaltet nämlich der Stoffwechsel um. Sind alle gespeicherten Kohlenhydrate verbraucht, werden körpereigene Eiweiße und Fette abgebaut. Dabei entsteht unter anderem Aceton, das über die Atemluft ausgeschieden wird. Körper- und Mundgeruch verändern sich während einer Fastenkur, weil vermehrt Stoffwechselprodukte über Haut und Atmungsorgane ausgeschieden werden. Lauwarmes Duschen verhindert ein übermäßiges Austrocknen der Haut und sorgt für sozialverträgliche Körpergerüche.

Fasten ist übrigens nicht für jeden geeignet: Wer chronisch oder akut krank ist und Medikamente nimmt, sehr starkes Ãœbergewicht oder extreme Allergien hat, an Essstörungen oder Depressionen leidet, sollte aufs Fasten verzichten. Das gilt auch für Schwangere, stillende Frauen und Kinder.

Unerfahrene im Do-ityourself-Fasten sollten nicht länger als eine Woche auf Nahrung verzichten – das reicht, um die Grenzen des eigenen Körpers kennen zu lernen. Unter medizinischer Betreuung kann man allerdings bis zu drei Wochen fasten.

Fazit

Fasten ist keine Diät. Wer allerdings eine Ernährungsumstellung anstrebt, hat nach einer Woche Brühe und Tee beste Startchancen. Essen bewusster und langsamer zu genießen und süßen Verlockungen mit Leichtigkeit zu widerstehen, fällt jetzt leichter.

Buchempfehlungen, für alle, die sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchten: