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Bild: Friederike Bothe

Auszug aus "Das Yoga-ABC": L wie Loslassen

Von Kristin Rübesamen

L wie Loslassen oder Lakritz

Auch wenn Sie kein Yoga machen, werden Sie in der Vergangenheit schon häufiger dazu aufgefordert worden sein, „loszulassen“. Ein entsetzliches Klischee, und doch eine Tugend, die uns Mitteleuropäern, die wir nur unseren Müll gerne woanders loswerden, äußerst schwer fällt. Gemeinhin schwingt bei der Aufforderung, „loszulassen“, eine sanfte Materialismuskritik mit, die sich schlicht auf unseren Besitz bezieht, von dem wir alle zuviel haben. So trennen sich Superreiche neuerdings gerne mit viel Tamtam vom Inhalt ihres zweiten begehbaren Kleiderschranks, manchmal werden aber Katastrophen zum Auslöser wie in Amerika, wo sich durch Hurrikan Katrina und die Bankenkrise viele Anhänger des „Small House Movements“ fanden, die nur lobende Worte finden für ihren neuen einfachen Lebensstil.

Für Fortgeschrittene aber bedeutet „Loslassen“ auch das Loslassen von geistigem Besitz, von Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen, ach, sogar von Besitzdenken, sprich von Bindungen. Kein Mann besitzt seine Frau, keine Frau besitzt ihren Mann. Und keine Mutter besitzt ihre Kinder, obwohl, auch wenn und egal, wie gerne sie immer noch für diese bezahlt. Theoretisch gibt es nichts dagegen einzuwenden. Welches Monster würde das Gegenteil behaupten? Welches Monster würde seiner Tochter in ihrer neuen Wohnung mit zwei Tüten voller Lebensmittel auflauern, nur um sich Eintritt zu verschaffen und heimlich das Bett zu beziehen? Tja, Sie werden es erraten, das bin wohl ich.

Eigentlich hat alles äußerst harmonisch begonnen. Mein Vorschlag, unsere älteste Tochter in die Stadt, in der sie ihr Studium aufnehmen wollte, zu begleiten, wurde nicht abgelehnt. Ich konnte mich nützlich machen, die Flüge buchen, die Koffer tragen, eine Rolle Schokoladenkekse anbieten. Angekommen in der kleinen Universitätsstadt schleppten wir gemeinsam die schweren Taschen in ihr Zimmer unterm Dach, wo ich mich mit Tipps, wie alles hübsch verstaut werden könnte auf neun Quadratmetern äußerst nützlich machen konnte. Als sie wegsah, arrangierte ich schnell die Kissen auf der Matratze, worauf ich in den Garten geschickt wurde, um zu warten. Bei der gemeinsamen Veranstaltung des Dekans für Kinder, äh, Studenten, und ihre Eltern unterhielt ich mich angeregt mit einem Vater, dessen Sohn ebenfalls auffällig lange unterwegs war, um einen Pappbecher mit Tee für seine Angehörigen zu organisieren. Der Dekan sprach ein paar bewegende Worte, in denen davon die Rede war, dass er ausschließlich mit den Studenten kommunizieren wollte. Kein Problem, trotzdem wollte ich mich kurz vorstellen, - wir waren schließlich im Ausland, wer wusste schon, was alles passieren konnte- und drängelte mich zu ihm durch. Der Dekan, irgendein Experte in evangelischer Theologie, sah durch mich hindurch und fragte meine Tochter, was sie in den Ferien gelesen hatte. Wie unhöflich! Danach hatte meine Tochter bereits Verabredungen mit anderen Studenten, mehrere Abendtermine und keine Zeit für mich, also kaufte ich mir ein Beck’s und sah mir einen französischen Horrorfilm im Gemeindesaal an.

Am nächsten Morgen durfte ich immerhin die Tüten mit den Lebensmitteln in ihrem Zimmer abstellen, und zwei Minuten mit ihr reden, bevor sie wegsauste, und ein Treffen für später in Aussicht stellte. Ich eröffnete solange ein Konto für sie bei der Bank, kaufte ein Handy und machte mich im Kaufhaus zusammen mit einem italienischen Elternpaar, das einen Rollkoffer hinter sich her zog, auf die Suche nach den letzten vorhandenen Wasserkochern. Auf den Geschmack gekommen, tobte ich mich richtig aus und kaufte süße gestreifte Geschirrtücher, eine hochpreisige Teetasse in limitierter Edition, und den letzten blau schillernden Wasserkocher. Auf dem Rückweg kaufte ich einige Zentner Äpfel, ein frisches Brot und Blumen und stellte alles in den Hausflur. Dann setzte ich mich ins Cafe, wo wir verabredet waren, zwischen 12 und 15 Uhr - ganz lose, um keinen Druck aufzubauen - und behielt den Eingang scharf im Auge, um sie nicht zu verpassen. Ich sah die anderen Studenten und fragte mich, wo deren Eltern sind. Irgendwann kam sie, höchst vergnügt, für drei Minuten, dann musste sie wieder los. Ich begleitete sie noch ein paar Schritte, dann fand sie, wir sollten uns verabschieden, und es folgte eine innige, viel zu kurze Umarmung. Als sie schon die Strasse überquert hatte, wollte ich ihr noch sagen, dass sie aufpassen soll mit dem Rechtsverkehr, genug schlafen soll, genug essen soll, alles nicht so ernst nehmen soll, das Leben auch genießen soll, stattdessen rief ich: „Und vergiss nicht, den Wasserkocher zu enthärten!“

Bis zur Abfahrt meines Zuges saß ich am Rand eines matschigen Fussballfeldes und spürte dieses seltsam scharfe Gefühl im Brustkasten, als hätte jemand dort die Fenster zu weit aufgerissen. Es war traurig und es war noch etwas anderes, auf das ich nicht gleich kam. Hätte mir diese Geschichte eine andere Frau erzählt, hätte ich ihr einzureden versucht, dass es doch sicher traurig und schön gewesen sei, das berühmte Loslassen und dass es zum Leben gehört, wie ich es so oft gelesen und selbst gepredigt habe. Aber das stimmte nicht. Es fühlte sich traurig an und leer, doch ganz in der Tiefe dieser Leere hatte sich, wie ein kleiner Igel, etwas Zuversicht zusammengerollt. Die kann man manchmal bei einer langen Ausatmung spüren.

YogaEasy.de proudly presents: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Yoga ABC", geschrieben von YogaEasy.de-Chefredakteurin Kristin Rübesamen, erschienen im Kailash Verlag. Die entzückende Illustration ist von Friedericke Bothe.

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