Alles über Budokon Yoga

Von Sara Lyn Chana

Als ich Budokon Yoga das erste Mal auf einem Yoga-Festival ausprobierte, merkte ich sofort, dass sich die Bewegungsabläufe stimmig anfühlten. Die fließenden und doch kraftvollen Übergänge passten zu meiner Körpersprache. Die „Signature Poses“, also die für Budokon Yoga typischen Haltungen wie der „Horse Stance” (s. Titelbild des Artikels), erinnerten mich teilweise an meine bisherige Yogapraxis – aber auch an Haltungen aus dem Kung-Fu, Karate und anderen Kampfkünsten. Und die ruhige, kontrollierte Art der Bewegung ließ mich an Tai Chi denken.

Neu waren für mich nur Anweisungen wie „Rolling Vinyasa“, „Cobra Hood Press“ oder „Demi-Pointed Feet“. Und: Jeder meiner Muskeln arbeitete. Selbst welche, von deren Existenz ich bis dato nichts gewusst hatte. Budokon Yoga war anstrengend, es war fordernd. Genau das war es, was mir in meiner Yogapraxis gefehlt hatte und was ich mir bislang im Kampfsport holte: harte Arbeit, klarer Fokus, Disziplin – um am Ende schweißgebadet im Shavasana in der eigenen Kraft ruhen zu können. 


Der Ursprung des Budokon Yoga

Budokon Krieger

Budokon-Yoga-Haltung „Archer”

Budokon Yoga wurde Ende der 1990er-Jahre von dem Amerikaner Cameron Shayne entwickelt. Der Begriff bedeutet übersetzt „Der Weg des spirituellen Kriegers“ (Bu = Krieger, Do = Weg, Kon = Geist). Mit einem Hintergrund im Karate und seiner Leidenschaft für Brazilian Jiu-Jitsu entwickelte Shayne ein ganzheitliches Bewegungskonzept, das Budokon Yoga, Budokon Mobility, Calisthenics und Animal Movements verbindet. Inspiriert von klassischen Yogastilen wie Vinyasa und Ashtanga, folgen alle Budokon-Praktiken dem spirituellen Weg des Kriegers.

Cameron und seine Frau Melayne Shayne geben jährlich Trainingscamps und Teacher Trainings in ihrer Base in Montana. In den Sommermonaten touren sie gewöhnlich durch Europa und Südamerika, darunter auch Deutschland. Mittlerweile gibt es eine fast weltweite Budokon-Community. 


Als 2020 Corona kam und ich als Vollzeitlehrerin plötzlich nicht nur arbeitslos, sondern auch „gymlos“ war, fehlte mir mein Thaibox-Training mehr denn je. Das Muay-Thai-Gym war mein zweites Zuhause gewesen. Stattdessen bewegte ich mich nun nur noch auf meiner Yogamatte. Da erinnerte ich mich an Budokon Yoga. Über die Online-Plattform der Budokon University loggte ich mich ein – und mein Kampfgeist erwachte sofort. Ich begann, die Primary Sequence zu üben, die erste von zwei Übungsreihen im Budokon Yoga, die aus sieben verschiedenen Flows besteht. Immer wieder.

Wie läuft eine Budokon-Stunde ab?

Budokon Krieger 2

Budokon-Yoga-Haltung „Double Block”

Eine Budokon-Stunde unterscheidet sich deutlich von einer klassischen Yogastunde.

Bereits der Beginn macht dies sichtbar: Wir starten im Seiza, dem Fersensitz – einer Haltung, die ihren Ursprung in den fernöstlichen Kampfkünsten hat. Je nach Stundenbild – das im Budokon frei und kreativ gestaltet werden kann – beginnt die Praxis mit einer geistigen und körperlichen Zentrierung, die stark von der Zen-Meditation geprägt ist. Diese Einleitung dient weniger dem „Ankommen“ im äußeren Sinne, sondern vielmehr dem Ausrichten von Aufmerksamkeit, Haltung und Intention.

Danach wird die Praxis mit einer respektvollen Verbeugung eingeleitet: Die Hände formen ein dreieckiges Mudra, das zum Boden geführt wird, begleitet von dem Wort „Ozu” – ein Begriff, der im Budokon-Kontext für innere Sammlung, Präsenz und Zentrierung steht. Anschließend werden die Hände in das aus dem Yoga bekannte Namaste-Mudra gebracht und die Praktizierenden verneigen sich vor den yogischen Qualitäten in sich selbst.Budokon Flying Warrior

Budokon-Yoga-Haltung „Flying Warrior”

Das Warm-up beginnt meist mit spinalen (d.h. Wirbelsäulen-)Bewegungen, die im Budokon Yoga einen besonderen Stellenwert einnehmen. Ein zentraler Fokus liegt dabei auf der Aktivierung der sogenannten „Cobra Hood”. Gemeint ist das aktive Wegdrücken der Hände vom Boden, wodurch in Übergängen – etwa vom Down Dog (Herabschauenden Hund) in die Plank (Liegestütz) – eine Rundung der Wirbelsäule entsteht. Das bewirkt eine gezielte Aktivierung des Schultergürtels und bereitet den Körper auf weitere „Transitions” (Übergänge) oder „Arm Balances” (Armbalancen) vor.

Viele Lehrer:innen wählen für den Unterricht einen der sieben Flows aus der Primary Sequence. Anders als etwa im Ashtanga Yoga sind diese Flows jedoch anpassbar und dürfen kreativ variiert werden. Die „Signature Moves” bleiben dabei erhalten – ebenso wie die grundlegenden Prinzipien des Budokon Yoga: „slow, strong, steady movement” (übersetzt: langsame, starke, stabile Bewegung).


Du möchtest Budokon Yoga selbst ausprobieren? In diesem Video zeigt dir Sara Lyn Chana die „Budokon Yoga Basics”:


Budokon Yoga: Tiefer gehen, neue Facetten entdecken

Oft werde ich gefragt, warum ich sowohl Yoga als auch Kampfsport so attraktiv finde. Eine berechtigte Frage – basiert Yoga doch auf der Annahme, dass alles eins ist. Warum also gegen einen Gegner kämpfen, wenn wir im Prinzip derselben Quelle entspringen? Zu meiner Erleichterung werde ich in meiner – in der Yogawelt immer noch außergewöhnlichen – Vorliebe für traditionellen Kampfsport zunehmend bestätigt. Denn immer mehr Menschen erkennen: Nur weil wir alle derselben Quelle entspringen, heißt das nicht, dass wir nicht Teil eines weiten Spektrums mit vielen Facetten sind. Weichheit und Härte. Ruhe und Kraft. Präsenz und Kampfgeist. The Warrior Spirit.


Fortbildung: Pilates trifft Yoga


Yogi:nis, die zum ersten Mal in meine Budokon-Klassen kommen, erkennen viele Bewegungen wieder – und werden gleichzeitig mit einer hundertprozentigen Quote neuer Erfahrungen und Herausforderungen konfrontiert: „Budokon hits different“ und ist nichts für komplette Anfänger – aber für alle, die ihre Praxis auf eine neue Ebene bringen möchten. Für Menschen, die bereit sind, ihren inneren Kampfgeist zu wecken. Nicht aus Ego-Gründen, sondern aus dem Wunsch heraus, sich selbst herauszufordern und die Komfortzone zu verlassen.

Egal, wie oft du Budokon praktizierst: Geh in jede Session mit einem „Beginner's Mindset“, offen und neugierig wie ein:e Anfänger:in. Losgelöst von der Illusion des Perfektionismus und mit hingebungsvoller Aufmerksamkeit fürs Detail. Jede noch so kleine Bewegung hat ihren Ursprung und ihren Sinn. So wird jede kraftvolle Sequenz zu einem geschmeidigen Rhythmus all deiner Facetten – dem/der Krieger:in und dem/der Yogi:ni in dir.

Sara Lyn Chana
Sara Lyn Chana

Sara Lyn Chana ist ausgebildete Yogalehrerin, Pilates Instructor und staatlich geprüfte Fachjournalistin. Während ihres Teacher Trainings in Südindien lernte sie sowohl das traditonelle Hatha als auch das kraftvolle Ashtanga und das dynamische Vinyasa Yoga zu unterrichten. In ihre Yogastunden integriert sie gern technische Aspekte aus ihrer tänzerischen Vergangenheit und dem Pilateskonzept. Nach dem Motto "Your Body - Your Temple" möchte sie damit Körperkontrolle, mentale Ausdauer und ganzheitliche Achtsamkeit vermitteln. Auf ihrem Blog (www.saralyn.de) veröffentlicht Sara Lyn wöchentlich Artikel zu den Themen Yoga, Fitness, Ernährung und Gesundheit.