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Large chinesin klaert auf yoga
Bild: Lei Mao

Yoga und Qigong: Eine Chinesin klärt auf.

Von Lei Mao

 

Diese Menschen frühmorgens im Park

Auch wenn ich von chinesischer Herkunft bin, habe ich mich in meinem Leben bisher noch nie ernsthaft für Qigong interessiert. Für mich war das eine harmlose, langsame Bewegungstherapie für ältere Menschen, die sich frühmorgens im Park sammeln. Sie bewegen ganz moderat die Arme, hocken ein wenig in den Knien, um sich danach miteinander über ihr Rentnerleben auszutauschen. Mit Yoga, wie ich es schon seit Jahren praktiziere, hat dies nichts zu tun.

Zufällig hörte ich dann, dass Yoga und Qigong die gleiche Herkunft haben: Beide stammen aus einer Region im Himalaya. Ich dachte mir: „Hoppla, das ist aber interessant!“.

Ich fand heraus, dass Yoga aus Indien stammt, also von der Südseite des Himalaya Gebirges, Qigong dagegen aus China, also von der Nordseite. Könnte es sein, dass der Ursprung beider Traditionen der Gott Shiva ist, der über den Gipfeln des Himalaya gewohnt haben soll? Ich weiß, es geht dabei um einen Mythos, aber es ist doch wichtig, wo das, woran wir glauben, seinen Ursprung nimmt.

War Shiva jetzt Inder oder Chinese?

Der Gott Shiva: Ist er nun indisch oder eher chinesisch? Shiva ist ein Gott, dachte ich weiter. Er braucht keine Nationalität und keinen Paß, das macht ihn doch gerade göttlich. Oder doch? Dieser Gedanke ließ mich nicht los, ich kam allerdings auch nicht weiter. In jedem Fall wuchs meine Neugier und ich meldete mich zu einem Qigong Kurs an.

Was haben Yoga und Qigong gemeinsam?

Als Yogis wissen wir, dass sich unser Geist wunderbar dafür eignet, Belege zu sammeln, wenn es uns in den Kram passt. In meinem Fall suchte ich also nach Beweisen für meine Arbeitsthese, dass sich Qigong und Yoga ähnlich sind. Zweifel sortierte ich aus.

Und tatsächlich, in den Qigong Übungen entdeckte ich viele Gemeinsamkeiten zum Yoga und so festigte sich meine These mehr und mehr. Jedes Mal triumphierte mein Geist, wenn ich diese inzwischen liebgewordene These mit „harten Fakten“ belegen konnte. Nebenbei hatte ich eine gute Ausrede, wenn ich nicht mehr so oft Yoga übte wie sonst. „Habe kein schlechtes Gewissen, du machst doch im Prinzip Yoga, nur eben auf chinesische Art!“, dachte ich.

Monate vergingen und meine Qigong-Technik verbessert sich. Es begann sogar, Spaß zu machen. Da die Qigong Übungen choreographisch nicht all zu anspruchsvoll waren, war ich schon bald auf der Suche nach anderen Lehrern und neuen Kursen. Meine Absicht wurde jedoch schnell von meinem Qigong Lehrer durchschaut. Gelassen aber unnachgiebig rat er mir davon ab. “Das muss sein Ego sein.“, dachte ich und es gefiel mir nicht. „Anscheinend möchte er, dass seine Schüler alle bei ihm bleiben.  So etwas hat wenig mit dem Strebung nach Erleuchtung zu tun!“

Immer nur ein Lehrer?

Mit der Zeit bemerke ich aber, dass es eine unausgesprochene Regel in der Qigong Welt zu geben scheint. Die Meister sind äußerst freundlich und loyal zu einander. Sie zeigen sehr großen Respekt gegenüber anderen Meistern und deren Übungsstil. Als Einsteiger braucht man lange, um für sich einen passenden Qigongstil zu finden. Sobald man ihn jedoch gefunden hat, empfehlen grundsätzlich alle Meister den Schülern bei diesem speziellen Lehrer zu bleiben.

Auch beim Yoga werden die Schüler oft gebeten, zunächst eine begonnene Richtung weiter zu folgen. Aber für einen aufgeklärten Yogi, zu dem auch ich mich zähle, entfaltet Yoga seine enorme Kraft auch durch seine breite Palette von unterschiedlichen Richtungen. Lehrerwechsel in einem Yoga-Studio ist gang und gäbe. Es ist auch üblich, dass man andere Yoga-Studios aufsucht und somit andere Yoga-Stile erlernt, um neue Impulse zur eigenen Yoga-Praxis zu erhalten. Hinzu kommen noch vielfältige und attraktive Yoga-Seminare, Retreats und Fortbildungen.  Oder die inspirierenden Begegnungen mit berühmten Yogis, die jahrelang durch Yoga-Studios in der ganzen Welt reisen, um ihre besonderen Fähigkeiten und Erfahrungen mit anderen zu teilen.

Wenn Yoga und Qigong wirklich aus gleiche Herkunft haben, warum ist Qigong so anderes?

Diese Frage wirkte bei mir wie ein kleiner, spitzer Kieselstein im Schuh. Sie kollidierte mit meiner These von der gemeinsamen Wurzel, die beiden Lehren haben könnten. Ich brauchte eine Erklärung dafür.

Eines Tages habe ich mich endlich getraut, meinen Qigong-Lehrer danach zu fragen. Der Meister musste lachen, und das noch bevor ich meine Frage vollständig ausformuliert hatte. „Ich verstehe völlig deinen Gedanken.“, sagte er. „Aber stell dir mal vor, dass du dich entscheidest, italienisch essen zu gehen. Was ist, wenn du am Tisch im Restaurant anfängst zu erklären, wie gut Frühlingsrollen oder gebratene Reisnudeln sind? Meinst Du, dass dir danach die Pizza noch besser schmeckt? Die Italiener haben auch was zu bieten und zwar nicht wenig!“, meinte er und ging.

Diese unscheinbare Metapher hat bei mir wie ein Blitz geschlagen. „Ja, stimmt!“, sagte ich zu mir. Jeder Stil, jede Richtung hat seine eigene, besondere Tiefe. Wenn man sich entschieden hat, italienisch zu essen, dann sollte man sich darauf einlaßen, was man geboten bekommt. Was würde der Koch sonst denken? „Schmeckt dir meine Pizza etwa nicht?“

So gesehen sind wir Yogis, jedenfalls meine Freunde und ich, eher dabei, einen Salat oder Street Food zu essen. Hier ein Spieß, da eine Box und schon bald der nächste Snack am Straßenrand. Wir kosten vieles auf einmal, wir verstopfen unsere armen Mägen mit exotischen Dingen. Wenn es nur darum geht, Spaß zu haben, dann ist eine Salatbar oder Street Food nicht unbedingt schlecht. Man wird auf die Dauer vielleicht nicht satt, aber das macht nichts. Ein Grund mehr, weiter Salat oder Street Food zu probieren. Aber was, wenn man noch ein größeres Ziel für sein Yoga hat? Wenn es tatsächlich um Erleuchtung oder spirituelle Selbstverwirklichung gehen soll?

Ein Brunnen ohne Wasser

Stellt euch bitte vor, dass jemand in der Wüster ein Brunnen gräbt. Er hat sich einen Ort ausgesucht, wo es fast schon nach Wasser riecht. Er fängt an zu graben. Nach harter Arbeit findet er auch in 15 Meter Tiefe noch kein Wasser.

Allmählich beginnt er zu zweifeln und Enttäuschung macht sich breit. Die Zweifel werden so groß, dass er den Standort aufgibt und sich auf die Suche nach einem neuen begibt. Ein paar Kilometer entfernt findet er einen neuen vielversprechenden Ort. Hier wachsen sogar kleine Pflanzen und das macht ihm noch einmal Hoffnung. Er fängt wieder an zu graben. Mit all der ihm noch zur Verfügung stehenden Kraft gräbt er erneut bis auf 15 Meter Tiefe. Die Zeit vergeht und er ist völlig erschöpft. Trotz aller Mühe hat er nicht einen einzigen Wassertropfen gefunden. Er bleibt weiter durstig!

Grabe tiefer

Lass uns einmal umdenken. Was wäre, wenn er am ersten Ort geblieben und mit ganzem Herz bis auf 20 Meter in die Tiefe weiter gegraben hätte? Möglicherweise wäre er dann bereits Erfolgreich auf Wasser gestoßen. Was also zählt, das glaube ich ernsthaft, ist Geduld und Zielstrebigkeit.

Plötzlich begriff ich den wahren Grund, der mich zum Qigong geführt hat. Nach 15 Jahre Yoga glaubte ich schon alles zu wissen und zu können. Mein Geist zweifelte daran, ob es noch etwas neues zu entdecken gäbe, und wie ein gelangweiltes Kind verlangte er nach neuem Spielzeug.

Erleichtert bin ich auf meine Yoga-Matte zurückgekehrt. Dieses Mal werde ich bleiben.