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Lost and Found: Wo ist meine Yogaliebe hin?

Lost and Found: Wo ist meine Yogaliebe hin?

Von Kristin Rübesamen

Als ich jung war, machten alle plötzlich Jazzdance. Ich überredete die Turnlehrerin, uns statt Gymnastik tanzen zu lassen zu „Car Wash“ (in der ursprünglichen Version von 1975). Bald begann ich, Tanzstunden zu nehmen in einer legendären Schule, die in einer alten Autowerkstatt untergebracht war. Wir zogen uns lila Stulpen an und flogen in weichen Schritten über die Holzdielen der Tanzschule. Ich hatte mich älter gemacht (16), um mitmachen zu dürfen und schwebte auf dem Weg zur U-Bahn immer noch über dem Boden. Vor unserem Haus tanzte ich weiter, obwohl es längst dunkel war, ohne Musik. Durch das erleuchtete Küchenfenster sah ich meinen Vater, der sich ein Brot schmierte. Dann wurde ich erwachsen und ging weg. Wenn ich heute zu Besuch komme, denke ich an diesen Moment als einen vollkommenen Moment. Ich in Bewegung und doch eingehüllt in eine Stille, die etwas zutiefst Befreiendes hatte.

Mit der Liebe ist es so eine Sache. Manchmal spürt man sie erst, wenn man sie verliert. Besonders in langen Beziehungen nimmt man sie als selbstverständlich hin. Man wurstelt so vor sich hin, nebeneinander her und all die Ermahnungen, sich genug Zeit füreinander zu nehmen, klingen zu bieder, als dass man sie ernst nehmen könnte. Ich habe sogar einige Freundinnen, die sich schon solange jeden Abend muffig in die Rückenlage begeben, dass es ihnen gar nicht mehr auffällt. Damit kein Zweifel aufkommt: Die Rede ist von Yoga und davon, wie es ist, die Liebe zum Yoga zu verlieren, sich nur mehr auf die Matte zu quälen, die Minuten zu zählen, bis es vorbei ist.

Von Routine, „Hotelyoga” und meinem geschwätzigen Geist

Mir selbst ist das nie passiert, nicht mal Durststrecken kenne ich. Höchstens das Gefühl von Routine, aber von der angenehmen Sorte. Im Laufe meiner 20-jährigen Yogaliebe gab es sicher schon mal längere Plateaus, Zeitspannen, in denen ich mich mit Yoga kaum beschäftigte über die tatsächlich auf der Matte verbrachte Zeit hinaus. Aber selbst auf einem solchen Plateau wurde mir nie langweilig. Nur bei Lehrern, die „Hotelyoga“ unterrichten, also Pilateslehrern, die nach einem Wochenendkurs Yoga „mit anbieten“, und einfach schlecht sind, habe ich schon meine Geduld verloren. Du liegst dann neben Dieter, der eben noch am Buffett ein Schinkenomelette mit doppeltem Espresso und Piccolöchen verdrückt hat, und sich nun in Urdhva Dhanurasana hochstemmen soll. Also, Ungeduld ja, die hatte ich, und das nächste Mal im nächsten Hotel übe ich für mich und mache um den „Yoga-Kurs“ einen großen Bogen, aber üben, das tue ich, Asana, Pranayama, Meditation, irgendwas eben. Weil ich sonst eine Zumutung bin für mich und für andere. Weil ich einmal am Tag spüren will, worum es geht im Leben, weil ich an manchen Tagen so verloren wäre ohne Yoga, und manchmal einfach nur, weil ich Kopfweh habe. Ich frage mich nicht danach, warum ich übe. Ich tue es und mein Körper und mein Geist erzählen mir dann, was los ist. Sie sind sehr mitteilsam, richtig geschwätzig.

Mir ist meine „Praxis“, schon lange bevor ich sie so nannte, in Fleisch und Blut übergegangen. Das macht mich nicht besonders, das heißt einfach nur, dass ich mein Yoga besonders brauche. Jeder Tag mit Yoga ist besser als ein Tag ohne, schon eine knappe halbe Stunde macht einen Unterschied. Vielleicht liegt es an den Umständen, die mich zum Yoga brachten. Ich habe mit Yoga nicht angefangen, weil es eine (die beste!) Gesundheitsprävention ist, oder weil es schick ist. Ich habe angefangen, weil ich einsam war und in einer großen Stadt lebte, in der man nicht joggen konnte. Ich habe auf meiner Yogamatte, einem abgewetzten hellblauen Gummiding unbekannter Herkunft, etwas gefunden, das ich nicht mehr missen möchte im Leben und das schwer in Worte zu fassen ist. Es hat mit Abenteuergeist zu tun, mit Mut, mit Humor, mit Demut genau wie mit Souveränität, mit Ehrlichkeit und mit jenem Gefühl, das ich hatte, als ich meinen Vater im Küchenfenster zufrieden ein Stück Käse abschneiden sah: mit Liebe.

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