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Über Schönheit und Toleranz im Yoga
Shutterstock, Portrait by @ Claudia Casagrande

Fake Yoga II: Über Schönheit, Toleranz & Liebe

Von Kristin Rübesamen

„Mich hat euer Artikel über Fake Yoga noch Tage nach dem Lesen nicht losgelassen und deshalb melde ich mich hiermit zu Wort. Kristin Rübesamen hat in diesem Artikel etwas angesprochen hatte, was mich tief im Inneren seit vielen Jahren beschäftigt. Auch wenn ich mir dessen nicht immer bewusst war.

Warum hat es mich so beschäftigt? Erst mal ganz naheliegend: Weil ich als Make-up Artist natürlich viel mit Äußerlichkeiten zu tun habe und das Thema Schönheit sozusagen mein Geschäft ist.

Wichtiger aber war, dass der Artikel etwas in mir berührte, ein Gefühl weckte, das ich schon lange gut kenne. Das Gefühl, beurteilt zu werden. Denn ich kenne ihn nur zu gut, diesen Stempel, den man als Frau mit Lipgloss und schön geföhnten Haaren auf der Stirn hat. ,Oh, die muss ja Komplexe haben, dass sie sich so viel Mühe gibt. Oh, und oberflächlich ist sie sicher auch!‘ Ich dachte darüber nach, wie Frauen übereinander sprechen, welche Urteile mitschwingen, und wie wir uns und den anderen damit so oft das Leben schwer machen. Dieses Urteilen und Beurteilen findet auch in der Yogawelt statt. Es wäre naiv, anzunehmen, dass es dort anders zugeht als im wahren Leben.

Ich fand es sehr ehrlich von Kristin, und für mich eine interessante Perspektive, dass es ihr als Yogalehrerin ähnlich geht, dass auch sie diese innere Stimme kennt, dass auch sie sich Gedanken über andere Frauen macht, und sich dann Gedanken darüber macht, ob dieses Urteilen im Yogakontext erlaubt sei.

Ich möchte eine weitere Frage stellen, so provokant oder banal sie erst mal klingen mag:

Darf man als Yogi schön sein wollen?

Zunächst meine Geschichte. Ein Grund, weshalb ich vor zehn Jahren anfing, Yoga zu üben, war die Erleichterung, sich nicht beweisen zu müssen. Nach vielen Jahren Ballett-Training, Hardcore-Fitnesskursen und allem, was den Körper optimieren könnte: endlich kein Spiegel.

Der Spiegel war nur eine Metapher, es ging gleich um mehr. Ich lernte zu üben, ohne zu vergleichen, zu üben und bei mir zu bleiben. Nicht beim Spiegelbild und nicht bei den Leuten auf der Matte neben mir, nicht bei der Yogalehrerin.

Die ständigen Bewertungen des Lebens außen vor zu lassen, war wie eine Befreiung. Ich war richtiggehend müde und erschöpft, durch diesen ewigen Kreislauf aus Unzufriedenheit, Angst, nicht zu genügen und dem Wunsch, immer perfekt sein zu wollen. Ich lernte, bei mir zu bleiben. Also kein Klamotten-/Haare-/Taschen-Check. Sehr schwierige Übung hier in Berlin-Mitte!


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Ich lernte außerdem, Nachsicht mit mir und meinem Körper walten zu lassen, mit meinem Körper geduldig zu sein und auch dem, was ich als mein Wesen beschreiben würde. Was so einfach klingt, war, als ob man einen riesigen Berg verschieben wollte, einen Berg an Erwartungen. Nicht ständig verbessern und zu perfektionieren, sondern sich an dem freuen, was heute geht – wäre das eine Asana, es wäre eine sehr herausfordernde.

Woher kamen diese Erwartungen? Ich bin nicht mit Beautythemen aufgewachsen, im Gegenteil. Mein Umfeld war eher alternativ, ein bisschen öko. Meine Mutter hat sich nie geschminkt, meinem Vater waren Make-up und geschminkte Frauen eher suspekt. Meine Familie dachte, wer das nötig hat, hat etwas zu verbergen und möchte eine falsche Hülle präsentieren, um sein wahres Ich zu verbergen. Falsch, fake, das saß!

Im Nachhinein glaube ich, dass viele deutsche Mädchen so aufgewachsen sind. Hatten sie dieselbe heimliche Leidenschaft? Ich habe Make-up von klein auf geliebt, mich aber immer etwas geschämt für die Lust am Hübschmachen, denn es galt nicht nur als fake, es hatte auch fast etwas Unanständiges an sich. Mein Umfeld hat mich oft aufgezogen deswegen. Bis heute in meinem Beruf erlebe ich fast täglich, dass sich erwachsene Frauen oft unwohl fühlen, sobald es um ihr Äußeres geht. Der Tenor ist stets derselbe: Man darf die Mühe bloß nicht sehen, es sollte nicht oberflächlich wirken oder so, als hätte man sich über Gebühr mit sich selbst beschäftigt. Das macht mich oft traurig.

Der Blick von außen scheint immer da zu sein und den Eindruck, den man hinterlassen möchte, zu diktieren. Das Gefühl von Minderwertigkeit, das dabei mitschwingt, sich diesem Diktat zu beugen, nehmen die Frauen nicht wahr.

Die schwierigsten Yoga-Übung: Nicht bewerten

Wie Frauen bewertet werden, habe ich früh gelernt. Schön und clever schien eine extrem seltene Kombination zu sein. Von oberflächlich bis hin zur Schuldzuweisung im Sinne von: selbst schuld wenn sie attackiert wird, wenn sie sich so stylt. Selbst schuld, wenn sie in diesem Aufzug den Job nicht bekommt.

Bevor ich überhaupt wusste, was Feminismus bedeutete, habe ich verstanden, was Ungerechtigkeit bedeutet. Ich konnte nicht verstehen, warum meine große Freude, mich schön zu machen, so ins Lächerliche gezogen und abgewertet wurde. Besonders als ich als einzige in einem Umfeld weit und breit bekannt gab, Make-up Artist zu werden. Mein Glück war, dass ich zu diesem Zeitpunkt vor über 20 Jahren andere Menschen fand, mit denen ich dieses Dilemma besprechen konnte. Freunde, die mich akzeptierten, so wie ich war. Ich war stark geschminkt in dieser Zeit und kannte sie auswendig, die kritischen Blicke, die ich mir damit einfing, aber ich ließ mich nicht mehr unterkriegen. Ich legte mir ein dickes Fell zu und eine Haltung. Ich begann, mich intensiv auseinanderzusetzen und las alles über Schönheit und Feminismus, was ich bekommen konnte. Ich beobachtete, wie Frauen und Männer mit dem Thema umgingen. Und ich sah, dass es niemanden kalt ließ und verstand mit einem Mal, dass die Sehnsucht nach Schönem und Schönsein etwas sein musste, das zutiefst menschlich ist. Das uns berührt und auch irre stressen kann.

Logischerweise haderte ich – wie fast alle Frauen, die ich kenne – über Jahre mit meinem Äußeren. Immer wieder kam er an, der Blick von außen. Zu dick, zu dunkel, zu irgendwas... ein ,zu‘ gab es immer zu finden. Das wirklich Erschreckende daran ist nicht mal die Macht, die dieser Blick an schlechten Tagen auf einen selbst gewinnen kann, sondern, dass dieser kritische Blick identisch wird mit dem Blick, den wir auf andere Frauen (Männer geben nicht so viel her) werfen. So, als wollte man sich immer vergewissern, wo man steht. Als lieferte dieser Blick, gnadenlos, hart und unbarmherzig, ein Zeugnis, das einen besser abschneiden lässt. Nur, in welchem Wettkampf?

Viel hat sich geändert in den letzten zehn Jahren. Vor allem wurde es irgendwann eine bewusste Entscheidung: Ich möchte mich selbst, aber auch andere Frauen nicht mehr auf diese Art bewerten. Nicht immer ganz leicht. Daran zu arbeiten, den Blick auf sich selbst zu verändern, weicher und liebevoller mit sich zu sein, verändert unwillkürlich. Der Blick wird weicher, als hätte jemand die Schärfe verstellt.

Jeder ist gut so, wie er ist – jeder darf, wie er mag

Was noch? Ich lernte, toleranter zu werden, den anderen ihre Freiheit zu lassen. Im Zweifelsfalls sagte ich mir: nicht mein Style. Früher hätte ich sofort bewertet: zu pink, zu viel Lipgloss, zu geföhnt. Wie ein Reflex funktionierte das. Und er funktioniert noch heute, wenn ich nicht aufpasse. Aber ich bin sehr empfindlich in meiner Wahrnehmung geworden. Ich erkenne diesen 'Blick' schnell – bei mir und bei anderen.

In meinem Beruf als Make-up Artist sehe ich die unterschiedlichsten Menschen. Ich komme ihnen sehr nah und spüre, wie unsicher sie oft sind, wenn sie mir ungeschminkt gegenüber sitzen. Ich konzentriere mich dann immer auf das, was gut ist und besonders, und ich habe das Gefühl, dass mein Gegenüber das spürt. Mein Ansatz ist nicht 'Fehler' zu verstecken, sondern das Positive hervor zu heben. Dadurch überträgt sich ein positives Gefühl, das man später auf den Fotos sogar sehen kann.

Es ist wirklich ein großes Glück für mich sehen, wie sich die Menschen dann mit einer starken und positiven Haltung fotografieren lassen, wie Make-up dazu beitragen kann in Kombination mit dem Gefühl. Damit das ganz klar ist: Stärke und Souveränität ist übrigens eine unwiderstehlich attraktive Haltung. Ah, und auch etwas, das man beim Yoga bekommt.

Ich bin viel gereist in den letzten Jahren, und, wo ich auch war auf der Welt, selbst wenn es das kleinste Dorf war, es waren stets die gleichen drei Sätze und Fragen, die einem die Menschen stellten: ,Where are you from? Are you married? You are beautiful!‘ Ist das nicht interessant? Wenn die existenzielle Sehnsucht der Menschen ist, sich nahezukommen, fragen sie: Wo kommst du her? In welchem sozialen Kontext lebst du? Siehst du schön und glücklich aus für mich?

Dazu passt ein Titel einer Geschichte aus der ZEIT, der mich sehr berührt hat: ,Was ist Schönheit?‘ In dieser Geschichte tauschte sich zwei Kriegsreporterinnen per Mail über Schönheit aus. Warum lackieren sich Frauen in Bunkern die Nägel? Warum sind die Beautysalons in zerbombten Städte die ersten Geschäfte, die wieder aufmachen? Warum machen sich Menschen mit großem Aufwand zurecht, die alles verloren haben?

Weil es hilft, und weil es zeigt, dass man am Leben ist und bleiben möchte, weil es einem Würde gibt, zurückgibt. Genau wie du, Kristin, es mir in einer Mail beschrieben hast, als dir in einer ziemlich verzweifelten Situation deine Freundin ihren Lippenstift aufdrängte: ,Nur eine Geste. Es sieht banal aus, aber es ist das Gegenteil von oberflächlich. Sie zeigte mir damit, dass es weitergeht.‘

Yoga ist ein check-freier Raum, ein Ort, um Toleranz zu üben, sich selbst und anderen gegenüber. Meinem Nachbarn gegenüber, der ziemlich sicher anders aussieht als ich, der einen anderen Style hat. Der aber vielleicht das gleiche Gefühl hat in den Asanas und dieselben Hoffnungen und Sehnsüchte. Wir hören uns gegenseitig atmen. Ich persönlich liebe das am Yoga sehr.”

Fake Yoga 2 Schönheit Toleranz Liebe Martina Davidson
Martina Davidson ist Make-up Artist und Trainerin, spezialisiert auf besondere und nachhaltige Luxusmarken.

Instagram: @martinadavidsonberlin

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