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Bild: iStockphoto.com

Yogaleaks (1): Warum wir ohne Spiegel üben

Von Kristin Rübesamen

In den meisten Yogastudios gibt es keinen Spiegel, und wenn es einen gibt, setzen sich die Schüler so, dass sie ihn ignorieren können. Auch zuhause üben die meisten von uns nicht vor dem Spiegel. Wer keine Meinung zu dem Thema hat, geht am besten in ein Bikram-Studio. Vorurteilsfrei und sauber wie wir Yogis halt so sind. In der ersten halben Stunde, bevor der Spiegel beschlägt, kann man sich und die anderen beobachten bei der Transformation oder zumindest etwas, was Bikram patentiert hat. Wirklich, geht hin und erzählt uns, wie es war.

Tinder, Ebay, lieber etwas Klösterliches

Wir anderen Yogis aber bevorzugen es, ohne Spiegel zu üben, auch wenn neben uns Justin Bieber in der Vorbeuge schwitzt und wir ihn im Spiegel perfekt beobachten könnten. Nein, wir suchen uns einen Platz, der den Rückzug der Sinne unterstützt, einen Ort, dessen Anmutung unsere Augen, überstrapaziert von Computer und Bilderflut, entspannt, einen möglichst stillen Platz, der unsere Ohren entspannt und all die anderen Sinne, die wir brauchen, um uns in einer Welt, die sich immer schneller ändert, zurechtzufinden (Tinder, Ebay, DB Mobil): darin liegt durchaus etwas Klösterliches. Auch in buddhistischen Klöstern gibt es keine Spiegel.

Wir sehen nicht in den Spiegel, um dem unruhigen Geist, der sich auf unser Spiegelbild stürzen würde, keinen Angriffspunkt zu bieten. Denn sonst ginge das übliche Gejammer los, denn wir sehen ja immer nur dasselbe: Die Arme zu schwabbelig, das Kinn hängt auf dem Bauch, die Beine wie Pudding, und gut, dass wir morgen zum Friseur gehen.

Körperliche Defizite vor dem Spiegel wegturnen? No way.

Wir richten den Geist lieber nach innen, steht schließlich auch in allen Yogabüchern. Und jetzt Spass beiseite: Für eine wirkliche Yogapraxis ist es wichtig, ohne Spiegel zu üben. Ziel der Praxis ist es, sich besser zu fühlen, und dadurch besser auszusehen. Das unterscheidet Yoga von Botox. Ziel ist nicht besser aussehen und sich dadurch besser fühlen. Warum nicht? Weil es nicht funktioniert. Das ist nicht, worum es beim Yoga geht: im Spiegel körperliche Defizite ausmachen und die dann vor dem Spiegel wegturnen. Das kann auch gar nicht funktionieren, weil es, wie klinische Körperbild-Störungen wie Bulimie oder Magersucht belegen, im Extremfall bei dieser Art von Kontrolle eines äußeren Erscheinungsbilds kein Ankommen gibt, sondern immer nur das Gefühl des Mangels und des Defizits.

Yoga aber bedeutet Ankommen. Bei uns selbst, in unserer Mitte, in unserem Gefühl und von dort heraus Verbindung mit der Welt herstellen. Es ist eine zutiefst ehrliche und authentische Verbindung, die wir Yogis suchen, und diese kann nur aus dem Gefühl von Klarheit und einer Sehnsucht nach Verbindung kommen, nicht aus einem perfekten Spiegelbild. Deshalb : Kein Spiegel.

Der Spiegel kappt die Verbindung, also weg mit ihm.

Aber, Achtung, nur weil der Geist nach innen gerichtet ist, ist seine Kontrollsehnsucht noch lange nicht befriedigt. Er richtet sein Interesse jetzt auf sich selbst, beobachtet jeden einzelnen Gedanken, jeden Atemzug, jedes Zucken der Seele: Er wird zum Spitzel im eigenen Haus.

Es entwickelt sich dann vielleicht auf der Matte folgender Dialog in unserem Kopf:

Ah, es geht los. Es ist das erste, was wir lernen im Yoga: Zieh’ deine Sinne nach innen, richte deine Aufmerksamkeit auf den Atem und beobachte ihn.

Warum ist jetzt noch mal der Atem so wichtig? Jetzt fällt es mir ein, er verbindet Körper und Geist oder so ähnlich. Keine Ahnung, wie das gehen soll, so eine Art U-Bahnnetz mit Luft, oder wie? Ziemlich abstrakt das Ganze, aber anscheinend megawichtig.

Und nun beginne ich, meinen Atem zu regulieren.

Das klappt besser als erwartet. Einfach mal Atemzüge zählen..Das Konzept der regulierten Atmung ist einleuchtend, Kontrolle ist besser als Vertrauen, oder wie war das? Das verstehen wir Deutschen gut. Kontrolle, das klingt vielleicht ein winziges bisschen nach Überwachungsstaat, Stasi und Geheimdienst, aber doch vor allem nach Ordnung. Kontrollieren: das sind wir gerne dabei.

Und was muss ich jetzt tunt: Ich zieh meine Aufmerksamkeit in die Sitzbeinhöcker! In der Asana-Praxis lernen wir schließlich Muskeln, Knochen und Gelenke kennen...

...von denen wir zuletzt im Biologieunterricht gehört hätten, wäre der nicht ständig ausgefallen. Und schon sind wir Kolonialisten, entdecken fremde Kontinente zwischen Steißbein und –Kreuzbein, wuchtige Konstruktionen (Schultergürtel (!), Hüftpfanne (!), Fußgewölbe (!) ), versunkene Gefühle (inklusive von Heulanfällen in der Halben Taube). Wir sind Marco Polo, Christopher Kolumbus und Heinrich, der Achte: Was wir entdecken, wollen wir beherrschen: Endlich sind wir wieder Herr im Haus.

Den Geist nach innen zu richten ist also nur der Auftakt eines endlosen Dialogs, der mal lustige, mal verzweifelte Züge annehmen kann. Der berühmte "innere Beobachter", der schön neutral alles mitnotiert und mitschneidet, kann ganz schön nerven. Abhören unter Freunden? Geht gar nicht.

Wir üben zwar ohne Spiegel, sehen aber dadurch umso deutlicher in die Abgründe unserer Seele, oder zumindest in eine Art Büroschublade, in die der Geist immer die selben Unterlagen einsortiert, wir erkennen uns in dem inneren Beobachter, der uns wiederum gnadenlos enttarnt: Das Ganze ist ein Spiegelkabinett des Horrors genaugenommen, und andrerseits, wenn, WENN es gelingt, in diesen Kreislauf etwas Luft zu bringen, etwas Weite, etwas Ruhe, ist es jede Mühe wert.

Ohne Spiegel üben ist demnach nur die Voraussetzung zu dem, was Yoga als Technik zu bieten hat: eine Selbsterkenntnis, die nicht bei Puddingbeinen stehen bleibt.

Auf geht’s.