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Bild: Betty Schätzchen

Betty Schätzchen - Yoga für Hörgeschädigte

Von Kristin Rübesamen

YogaEasy.de: Betty Schätzchen, ist das ein Künstlername?

Betty Schätzchen: Nein, Betty Schätzchen ist mein richtiger Name.

Sie bieten Yoga für Gehörlose (Hörgeschädigte) an. Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich kam auf Idee, als ich vor vielen Jahren mit meiner Yogapraxis in verschiedenen Yogaschulen begonnen habe. Mir ist aufgefallen, dass der Yogaunterricht für meine Bedürfnisse als Hörgeschädigte nicht angemessen war. Ich trage zwar Hörgeräte, doch die Akustik in den meist großen Yogaräumen ist für hörgeschädigte Menschen nicht optimal. Der Hall in diesen Räumen erschwert die akustische Aufnahme der Anweisungen des Lehrers, da sich die Stimmen überlagern und wir es mit unseren Hörgeräten nicht herausfiltern können. Ich bin in der Lage von den Lippen zu lesen. Doch auch das wird erschwert, wenn der Lehrer seine Positionen verändert und in einem großen Bewegungsradius arbeitet. Da kam mir der Gedanke, dass es anderen Hörgeschädigten ähnlich ergehen muss. So habe ich dann im Jahr 2006 angefangen Yoga für Hörgeschädigte zu unterrichten, die Unterrichtsmethoden mit Hilfe gehörloser und schwerhöriger TeilnehmerInnen ausgebaut und weiterentwickelt.

Was suchen Gehörlose (Hörgeschädigte) im Yoga?

Hörgeschädigte Menschen suchen den Zugang zum Yoga, um eine Möglichkeit für sich zu entdecken dem Alltagsstress zu entkommen. Sie beschreiben häufig die Sehnsucht nach innerer Ruhe und die Aufklärung oder Auflösung innerer Konflikte und Themen.

Wie unterscheidet sich die Praxis?

Die Praxis unterscheidet sich darin, dass der Yogaunterricht anders aufgebaut ist und werden muss. Ich begleite den Unterricht in der deutschen Gebärdensprache und in der Lautsprache. Dabei achte ich darauf, dass ich meinen Bewegungsradius klein halte und meinen Körper zu ihnen hin positioniere, so dass Hörgeschädigte meine Mimik und Gestik gut erkennen können. Wichtig ist auch, dass die Anleitungen in kleinen Schritten erklärt bzw. gebärdet werden, so dass die Abfolge später als Ganzes verstanden werden kann. Oft zeige ich die Übungen oder Techniken vor, wir üben es dann gemeinsam und am Ende übt jeder Teilnehmer für sich alleine. Meinen Erfahrungen nach ist diese Vorgehensweise am Effektivsten und die Quote, dass etwas missverstanden wird, gering. Ein Beispiel zum Thema Meditation und Atemtechniken: In einer regulären Yogaschule werden die Anweisungen bei geschlossen Augen der Teilnehmer durchgeführt. Das ist für Hörgeschädigte hier nicht umsetzbar. Ich erkläre und gebärde die Atemtechniken bei geöffneten Augen der Teilnehmer, wir üben diese Techniken dann gemeinsam mit geöffneten Augen und dann bitte ich die Teilnehmer die Atemtechnik mit geschlossenen Augen durchzuführen bis ich sie mit einer Berührung darauf hinweise, die Augen wieder zu öffnen. So fahre ich weiter mit Technik 2, 3 usw. fort. Am Ende ist so, dass ich die Teilnehmer nur kurz berühren muss, so dass sie zur nächsten Technik übergehen ohne ihre Augen öffnen zu müssen. Anhand der Anzahl der Berührungen wissen sie, welche Atemtechnik folgt bzw. wann sie die Augen wieder öffnen müssen.

Wo wird Yoga für Gehörlose (Hörgeschädigte) angeboten in Deutschland?

In den letzten Jahren ist die Zahl hörgeschädigter YogalehrerInnen gestiegen. In Berlin gibt es mit mir 3, eine Freundin, auch hörgeschädigt, unterrichtet im Raum Koblenz Vinyasa Yoga für Hörgeschädigte. In Nürnberg gibt es u.a. gebärdensprachkompetente Yogalehrer.

Menschen, die hören können, sehnen sich nach der Stille im Yoga. Welchen Stellenwert hat die Stille für Hörgeschädigte? 

Es kommt darauf an, was man unter dem Begriff Stille versteht. In der Frage sprechen Sie u.a. die äußere, "akustische" Stille an. Ich möchte das Thema Stille oder Lärm hier etwas differenzieren und teile sie in die äussere und die innere Stille ein bzw. den äußeren oder inneren Lärm.Gehörlose und schwerhörige Menschen erfahren Stille aufgrund ihrer Besonderheit anders. Auch wenn sie die akustischen Signale zum Teil oder gar nicht wahrnehmen können, erleben einen anderen Lärm, den "visuellen Lärm“. Hörgeschädigte verstehen und nehmen Ihre Umwelt oft mit ihren Augen wahr. Die, in meiner Wahrnehmung, bewusstere und stärker konzentrierte Aufnahme der Reize ihrer Umwelt über ihre Augen belastet genauso stark wie z.B. der akustische Lärm oder Reiz bei hörenden Menschen. Deshalb suchen Hörgeschädigte die Stille vor dem visuellen Lärm oder Reizen, um die innere Stille zu fördern. Die Frage ist vielmehr: Ist es wirklich still, wenn wir akustische oder visuelle Reize ausblenden? Meiner Ansicht nach nicht. Wenn unsere Umgebung ruhig ist, dann nehmen wir unseren "inneren Lärm“ in Form von Gedankenflut und diskutierenden Stimmen deutlicher war. Das Ausblenden der äußeren Reize hilft uns den inneren Lärm bewusst zu machen und damit zu arbeiten, um die innere Stille zu fördern. Insofern hat die Stille einen sehr hohen Stellenwert bei Hörgeschädigten.

Es gibt diese Autowerbung, bei der ein Mann durch einen Bazaar irrt und das Geschreit und Toben sich schlagartig legt, sobald er im Auto sitzt. Kann Stille auch einen anderen Charakter bekommen als den Ausdruck von Frieden?

Stille kann beruhigend sein und einen friedlich und losgelöst stimmen, aber es gibt auch Menschen, die die Stille nicht ertragen können, weil sie sie erdrückt. Sie fühlen sich beklemmend, ängstlich, allein und unabgelenkt von sich.

Sie selbst sind schwerhörig. Wie begegnen Sie dieser Beeinträchtigung?

Ich betrachte meine Schwerhörigkeit nicht mehr als Beeinträchtigung, sondern als Geschenk, als eine Besonderheit. Bei dem Wort „Beeinträchtigung“ verbinde ich alles, was ich nicht kann. Im Unbewussten geschieht es, dass wir uns nicht als vollständig, behindert, nicht als perfekt anerkennen und somit oft unzufrieden sind und demzufolge aus der Sicht eines „Beeinträchtigungskontrukt“ agieren. Konzentriere ich mich darauf, was ich mit der Besonderheit alles machen kann, dann öffne ich für mich mehr Pforten und schaffe mir mehr Raum für Möglichkeiten. Ich fühle mich genauso vollständig und vollkommen wie ein Mensch mit vollem Hörvermögen. Ich habe für mich festgestellt, dass man nur dann beeinträchtigt ist, wenn die eigene Wahrnehmung und die der anderen es so definiert und so handhabt. Daher hege ich mein Motto: "Nur im Kopf gibt es Grenzen!"

Was hat dieses Wort Sie gelehrt über das "Schicksal" der Gehörlosen (Hörgeschädigten)?

Ich möchte gerne das Wort Schicksal umformulieren, da ich mit diesem Wort Machtlosigkeit und "dem ausgeliefert sein“ verbinde, was aber nicht alle Hörgeschädigten so empfinden. Ich möchte es stattdessen mit Besonderheit ersetzen, da dieses Wort mehr Raum und Chancen bietet. Die Besonderheit Gehörlosigkeit oder hörgeschädigt zu sein hat mich gelehrt, dass die Bedürfnisse und Wahrnehmung dieser Menschen ganz andere sind. So muss meiner Ansicht nach z. B. der Yogaunterricht sowie die Meditationsanleitung für diese Gruppe nach ihren Bedürfnissen gestaltet werden und vor allem in ihrer Sprache, der deutschen Gebärdensprache. Nur so können die Vorzüge der Wissenschaft, Philosophie und Kunst namens Yoga barrierefrei vermittelt werden.

Welchen Schwierigkeiten begegnen Gehörlose (Hörgeschädigte) und wie kann Yoga dabei helfen?

Es gibt verschiedene Themen wie Übergewicht, Hormonungleichgewicht, depressive Verstimmungen, innere Gesetztheit, Unzufriedenheit und andere, mit denen hörgeschädigte Menschen zu mir zum Yoga kommen. Oft sehe ich auch das Thema der Kommunikationsbarrieren unter den Hörgeschädigten, d.h. nicht nur Barrieren der Kommunikation mit der Außenwelt, sondern auch mit sich selbst. Yoga hilft diese Verbindung zu einem selbst aufzubauen, um die Einheit von Körper, Geist und Seele wieder in Einklang zu bringen.

Pratyahara, das Zurückziehen der Sinne,- welche Herausforderung stellt das für (Hörgeschädigte) Gehörlose dar?

Es erstaunt mich immer wieder in meinen Yogaworkshops mit Hörgeschädigten wie gut und schnell es doch ihnen gelingt den Rückzug der Sinne zu schaffen, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die größte Herausforderung für sie sind ihre Gedanken, die immer wieder auftauchen und „stören“ oder auch in der Meditation länger in der Sitzposition zu verweilen, weil sich die eine oder andere Körperstelle meldet, einschläft oder schmerzt.

Ihre persönliche Lieblingshaltung?

Der Handstand. Ich verbinde mit ihm meine innere Kraft, Stärke und meinen inneren Halt. Er spiegelt mir täglich aufs Neue an mir zu arbeiten und dranzubleiben.

Was ist das Schlimmste, was einem Gehörlosen (Hörgeschädigten) passieren kann?

Nach Erfahrungsberichten Hörgeschädigter wäre das Schlimmste, wenn kein Mensch sie in einer Notsituation versteht oder bei dem Versuch die Umgebung und Polizei z.B. nach einem Überfall, Hauseinbruch oder Unfall zu verständigen, um ihnen die Situation klar zu machen. Auch der Besuch einer Schule oder Institution an der sie lernen (müssen), in denen aber nicht in ihrer Gebärdensprache gelehrt wird, ist extrem belastend und schlimm für diese Menschen. Im Großen und Ganzen zusammengefasst wird die fehlende oder unzureichende Kommunikation und Verständigung zwischen der hörgeschädigten oder gehörlosen und der hörenden Welt als sehr schlimm empfunden.

Kann Yoga die Grenzen zwischen Menschen, die hören, und Menschen, die nicht hören, überwinden? Ja, ich bin davon überzeugt. Wenn wir alle unsere inneren Grenzen überwinden, schaffen wir es uns zu verbinden! Ergänzen Sie gerne, wenn Ihnen noch etwas auf der Seele brennt… Ich bin unendlich dankbar über die Erkenntnis, dass meine Besonderheit namens „Hörschädigung“ und meine Begegnung mit hörgeschädigten Menschen mir andere Räume und Möglichkeiten meiner Wahrnehmung verschafft, um meine äußeren und inneren Grenzen in meinem Leben nicht als begrenzt zu verstehen, sondern als Chance darüber hinauszuwachsen!