Du verwendest einen veralteteten Browser (Other 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.
Yoga bei Essstörungen
Bildquelle: Istockphoto.com

Yoga bei Essstörungen

Von Alexandra Kleinheinrich

Außer Atem stapfe ich die Stufen eines stattlichen Berliner Altbaus hoch. Was wird mich erwarten? Und wer? Wie viele? Eine eindrucksvoll beleibte Frau mittleren Alters mit Lockenkopf und kantiger Brille öffnet mir die Türe: „Sie sind die Frau fürs Yoga?“ Ein höfliches Lächeln huscht über ihr Gesicht, dann stellt sie unmissverständlich klar: „Ich bin Frau P. vom Team und mache auf keinen Fall mit!“ Frau P. tritt zur Seite und ich überlege, wo ich mich umziehen und kurz sammeln kann. Auf der Toilette. Natürlich. 

Ich schaue in den schlichten Ikea Spiegel aus hellem Holz über dem Waschbecken. Mein Blick bleibt an einem unübersehbaren Zettel hängen, der am unteren Spiegelrand klebt: „WARNING. Reflections in this mirror may be distorted by socially constructed ideas of beauty.“ Ich muss schmunzeln und frage mich nach der korrekten Bedeutung von distorted. Distorted=verzerrt, verfälscht. Ja, das passt, denn ich befinde mich auf der Toilette eines Berliner Vereins für Essstörungen. Noch einmal blicke ich in den Spiegel und stelle mir selbst die Frage: Bin ich zu dick? Bin ich zu dünn? Und wie ist das, wenn einen diese Frage immerzu beschäftigt? Wenn diese Frage ins Zentrum allen Denkens rückt? Wenn aus dieser Frage eine Sucht wird, die den ganzen Tagesablauf diktiert und das Selbstbewusstsein tyrannisiert? Anstrengend muss das sein. Unglaublich, furchtbar anstrengend und einsam. Ich finde mich weder zu dick, noch zu dünn und entscheide mich vor meine neuen Schüler zu treten. 

Ein geräumiges Berliner Zimmer mit Stuck an den Decken, das sonst als Gruppentherapieraum dient. Jetzt werden Tische an die Seite gerückt, Stühle gestapelt, Yogamatten ausgerollt. Ich bin froh mich an meiner Rolle der Yogalehrerin festhalten zu können, Bolster zu verteilen, Gurte, Blöcke. Dann nehmen wir voreinander Platz und ich blicke in die Gesichter von fünf Frauen, deren Geschichten ich nur erahnen kann. Was hatte ich erwartet? Dürre, ausgezehrte, kindliche Körper, eingefallene Gesichter, viel zu große Augen .... ich sehe nichts davon. Ich sehe zwei Damen in den Vierzigern, eine davon übergewichtig, die andere ist klein, sehr zierlich, gebrechlich, der Rücken rund, vielleicht um das vernarbte Herz zu schützen. Und ich sehe drei junge Frauen, in den 20ern, auch sie stellen keine spitzen Knochen zur Schau sondern sind normalgewichtig, jedoch im Gesicht aufgeschwemmt. Die jungen Frauen sind blass, haben teils Augenringe, ihr Blick ist verhuscht und vieles an ihnen strahlt eine tiefe Verunsicherung aus. Ich mutmaße, dass es sich bei den jungen Frauen um Bulimikerinnen handelt.

Wenn ich über Essstörungen nachdenke, erscheint mir das Krankheitsbild der Bulimie am fiesesten. Ess-Brech-Süchtig. Unmengen an Essen werden in kürzester Zeit verschlungen, Hauptsache viel, Hauptsache schnell, bis der Druck unerträglich wird, um sich dann heimlich den Finger in den Hals zu stecken und hoffentlich alles wieder hoch zu würgen. Ich habe gelesen, dass man nicht alles erbrechen kann, dass immer Reste, vor allem Fette im Körper bleiben und BulimikerInnen deswegen auch selten auffallend dünn, oft eher ein wenig pummelig und vor allem im Gesicht aufgeschwemmt sind. Kein Wunder, wenn ich mir vorstelle, dass sie oft mehrmals am Tag Unmengen von Essen verschlingen und gewaltvoll hoch würgen. Nur um sich nicht spüren und von einem anderen, einem seelischen Schmerz abzulenken.

Der erste Kontakt zu meinen neuen Yoga Schülern

Ich nehme den Sitz des Lehrers ein und blicke in misstrauische Gesichter. Wo knüpfe ich an? Wie soll ich mit diesen Frauen praktizieren? Ich spüre hinein in das, was uns verbinden könnte. Ich spreche davon, dass auch ich unsicher bin. Dass ich nicht wusste, was mich erwartet, aber dass ich das Thema Essstörungen, Körperwahn und falsche Schönheitsideale wichtig finde und dass ich als Lehrerin einen heilsamen Umgang damit lernen möchte; denn ich sehe sie immer wieder in den Klassen: die dünnen, dürren, getriebenen, ehrgeizigen Frauen und auch die übergewichtigen, die sich schämen, dass ihnen schon vom Hund in den Ausfallschritt der Bauch im Weg ist. Ich sage den Teilnehmerinnen, dass ich gerne von ihnen lernen möchte und dass ich dankbar bin, dass sie alle heute hier erschienen sind. Und ich frage, ob sie von mir während der Praxis mit Hands On angefasst werden möchten und werde überrascht. Fast unisono höre ich „Unbedingt! Wir wollen unbedingt angefasst werden.“

Ich frage, ob es über die bekannte Problematik hinaus weitere körperliche Einschränkungen gibt. Laura, eine junge Frau Anfang 20, bei der ich eine Mischung aus Anorexie und Bulimie vermute, spricht mit gesenktem Blick: „Meine Knie sind kaputt ...“ Ihre Stimme wird mit jedem Wort leiser. „Ich muss Knieschoner tragen und habe immer Schmerzen. Ich möchte so gerne mitmachen, aber ich fühle mich .... so behindert. Früher habe ich Salsa getanzt, heute tut es mir schon weh wenn ich nur stehe.“ Eine Welle von Mitleid ergreift mich und ich versuche es in Mitgefühl zu verwandeln und Laura so gut es geht mitzunehmen auf die Reise. „Ich werde dir immer wieder Variationen anbieten, du kannst jederzeit pausieren und das nächste Mal erzählst du mir, wie es deinen Knien nach der Praxis erging. Wollen wir es so versuchen?“ Sie nickt und ein schüchternes Lächeln huscht über ihr verquollenes Gesicht. Ihren Blick hat sie dabei keinmal gehoben.

Ich unterrichte einen einfachen Flow mit Moonlight-Restorative-Elementen auf dem Bolster und viel Atem. Dabei flitze ich von einer Matte zur anderen, schiebe Decken unter kaputte Knie, zeige wie man bei Übergewicht dem Bein vom Hund in den Ausfallschritt verhilft, verteile Blöcke und Gurte, lege Hände auf und atme, atme, atme mit den Teilnehmerinnen. Die zierliche Frau, Simone schert schon bei den klassischen Sonnengrüßen aus. Simone meint ihr eigenes Ding machen zu müssen. Sie hält während des Ablaufs inne und blickt mich argwöhnisch an „Ich mache die Sonnengrüße immer anders, das irritiert mich hier. Ich mache jetzt meins.“ Ich antworte spontan, dass ich mir wünschen würde, dass sie sich auf das was ich hier anbiete einlassen kann. „Ansonsten muss ich dich bitten zu gehen“, schließe ich freundlich und bin selbst erstaunt über meine deutlichen Worte. Bin ich zu weit gegangen? War ich zu bestimmt? Und doch, stehe ich zu dem Gesagten und bin überrascht, dass sie bleiben mag. War das ein Test, ob ich sie aushalte? Akut Essgestörte, vor allem Magersüchtige, zu denen ich Simone zählen würde, seien oft hochintelligent, nicht selten manipulativ und können provokativ werden, klärte mich im Vorfeld Hartmut M. ein Therapeut mit Spezialisierung auf Suchtproblematiken auf. Wie es scheint, war die klare Ansage genau richtig, denn ab diesem Moment fügt Simone sich kommentarlos ein und ihr knorpeliger Körper scheint einen Hauch durchlässiger zu werden. Ich gehe im Laufe der Stunde immer wieder zu ihr und lege achtsam die Hand im Kind zwischen die knochigen Schulterblätter und lade sie ein zu atmen, sich auszudehnen, sich zu weiten, Raum zu schaffen. Ihr Körper fühlt sich an, wie der einer alten Frau, ich vermute sie wird noch keine 50 sein. Intuitiv verwende ich Worte die mit Weite, Weichheit, mit Licht und Leichtigkeit zu tun haben. Ich vermeide verkopften Spirit Talk und gehe über den Körper, über das, was  konkret zu fühlen, zu spüren ist und habe dabei oft den Fokus auf dem zweiten und dritten Chakra, Unterbauch und Solarplexus. Ich spüre, wie im Lauf der Stunde der Atem größer wird, die Gesichter, die Bäuche entspannen, freue mich und teile es den Teilnehmerinnen mit. Tatsächlich sehe ich hier und da ein Lächeln und selbst Laura, die junge Frau mit den Knieschonern hebt das ein oder andere Mal den scheuen Blick vom Boden. Auch wenn sie mich nicht anschaut, wandert ihr Blick zumindest schon einmal durch den Raum.

Die Stunde geht zu Ende. Ich traue mich mit drei Oms zu schließen, lade das Grüppchen ein mit zu tönen oder einfach zu lauschen. Und sie tönen mit und nachdem ich mich für ihr Vertrauen bedankt habe, applaudieren sie. Das hatte ich nun am allerwenigsten erwartet und es macht mich auch verlegen. Gut anknüpfen kann ich an die offenen Gesichter in der Runde, an die Atmosphäre die sich vom anfänglichen Argwohn und Misstrauen in Freundlichkeit und Dankbarkeit verwandelt hat. Als ich frage, wie es ihnen geht, bricht Stolz durch. Die übergewichtige Petra strahlt; Ich hätte nie gedacht, dass ich die Stunde durchhalte, die letzte Zeit habe ich wieder mal nur auf dem Sofa gesessen und gefressen.“ Eine andere junge Frau meint „Ich habe gut mit meinem Ehrgeiz zu tun gehabt, aber das ist ja sowieso mein Thema.“ Laura mit den Knieschonern blickt wieder zu Boden und die etwas eigensinnige Simone strahlt übers ganze Gesicht und hört nicht auf sich für die Hands On zu bedanken. Wann ist sie wohl das letzte Mal berührt worden, frage ich mich? Ich habe das Gefühl, Simone möchte mich umarmen und hoffe, dass sie es nicht tut, denn ich wüsste nicht damit umzugehen. Alles scheint hier in einer XX-Version abzulaufen. Zu dick, zu dünn, zu viel, zu wenig, ganz weit weg und plötzlich verstörend nahe.

Ein erstes Fazit

Was ist also das Fazit der ersten Stunde mit essgestörten Frauen? Es geht um verzerrte Wahrnehmung, um verschobene Grenzen, um Scham, um Selbstwert. Um einen offensichtlichen Mangel an Selbstliebe und Akzeptanz, der seinen Ausdruck im Krieg gegen den Körper gefunden hat, gesellschaftlich gut eingebettet in Medien, Kampagnen, bis hin zu TV Shows wie Germanys Next Topmodel.  Mir kommt ein Zitat in den Sinn

„The body ist the battlefield for the wargames of the mind“

Brian Luke Seaward, stress manager.

Die Zahl an Essstörung unter Jugendlichen und jungen Frauen ist steigend. In Erhebungen der KKH aus dem Jahr 2013 heißt es, dass 20 Prozent mehr junge Frauen wegen Magersucht und Bulimie stationär behandelt werden mussten als im Jahr davor, die Dunkelziffer wird bedeutend höher geschätzt. Als Risikogruppe gelten Fachleuten zufolge junge Frauen zwischen 15 und 24 Jahren. Essstörungen wie Magersucht oder Ess-Brechsucht (Bulimie) gehören mittlerweile zu den häufigsten chronischen Gesundheitsproblemen im Kindes- und Jugendalter. Magersucht zählt bei Mädchen und jungen Frauen sogar zu den häufigsten Todesursachen in dem Alter.

Leider wird man eine einmal ordentlich gezüchtete Essstörung nicht wieder so leicht los wie eine Grippe und deswegen haben wir, wie auch der Fall von Simone zeigt, in den Yogaklassen auch bei Frauen, die älter als 24 Jahre sind, immer wieder mit Essstörungen oder deren Nachflimmern zu tun. Es ist an uns als Lehrer und Lehrerinnen einen heilsamen Umgang mit diesem Gesellschaftsphänomen zu finden. 

Daheim geht mir die blasse Laura mit ihren Knieschonern nicht aus dem Kopf. In der Art wie sich diese junge Frau am Anfang ihres Erwachsenenlebens bereits als „behindert“ bezeichnet beschäftigt mich. Ich versuche eine mut machende Einstellung zu ihrer Problematik zu finden. Tatsache ist, dass sie starke Knieprobleme hat, vermutlich ausgelöst durch ihre Essstörung. Ich nehme an, dass ihr Wachstum durch Untergewicht und Störungen des Mineralienhaushalts beeinträchtigt wurden und die Knie und Knorpel als sensible Gelenke im Körper reagieren. Die Art und Weise wie Laura sich damit entwertet, könnte man relativieren, finde ich. Einen Versuch ist es jedenfalls wert.

Die zweite Yoga Stunde: Flucht nach vorn

Vor meiner nächsten Stunde im Verein spreche ich das Thema Knie an. Wieder versuche ich es mit Offenheit und sage Laura vor der ganzen Gruppe, dass mir nicht aus dem Kopf gegangen ist, dass sie sich selbst als „behindert“ bezeichnet hatte. Ich sage ihr, dass ich nicht finde, dass sie behindert sei. Ich biete ihr an, die Formulierung „behindert“ gegen „ich habe empfindliche Knie“ auszutauschen und frage sie, wie das für sie klingt. Laura hebt vorsichtig den Blick, ich werte das als Zustimmung. Der Rest der Gruppe unterstützt mich. Sie alle finden das Wort „empfindlich“ gut. Simone sagt: „das ist toll, wir alle haben doch empfindliche Stellen im Körper ... oder sonst wo.“ Ich biete Laura an, ihr alle Variationen die ich für die Knie kenne mit auf den Weg zu geben, damit sie irgendwann wieder an offenen Gruppen teilnehmen und dabei gut auf sich selbst aufpassen kann, ohne sich verleugnen (ich bin topfit) oder abwerten zu müssen (ich bin behindert). Laura scheint für ihre Verhältnisse happy und die Stunde kann beginnen.

Wieviel Nähe darf ich zulassen?

Halbzeit: heute unterrichte ich zum fünften Mal im Verein für Essstörungen. Die Teilnehmerzahl ist stabil geblieben, fünf Frauen die sich gebunden haben. Sie sagen sogar telefonisch ab, wenn sie verhindert sind - obwohl das keine Bedingung ist. Es sind immer dieselben Gesichter, ein festes Grüppchen aus dick und dünn hat sich gefunden. Ich erkenne Fortschritte und freue mich vor allem über Laura, die mittlerweile selbstständig knieschonende und entlastende Varianten wählt und immer selbstverständlicher ihre Hilfsmittel einsetzt. Ich bin stolz auf ihre Selbstfürsorge und sage ihr das auch. Die zweite junge Frau Anna mit langen, roten Haaren und einem weichen, instabilen Körper -vermutlich Bulimikerin- sagt, dass sie sich schon Tage im Vorfeld auf die Stunde freut und es ihr immer noch leid tut, dass sie einmal gefehlt hat.

Ja, all das ist rührend und geht zu Herzen. Aber es gibt auch eine andere Seite und erst nach einem Gespräch mit einer befreundeten Therapeutin Carmen Eger kann ich in Worte fassen, was sich bei mir als starke körperliche und psychische Erschöpfung nach den Stunden äußert. Carmen Eger ist tiefenpsychologisch fundierte Kinder- und Jugendtherapeutin und spricht vom Phänomen der „Übertragung“. Die Therapeutin weist mich darauf hin, dass ich als Lehrerin mit einer Gruppe essgestörter Frauen ungefiltert mit ihren Themen konfrontiert bin - auch wenn es nicht ausgesprochen wird. Die Fachfrau meint, dass sie eine solche Aktion auf Dauer nicht ohne eine therapeutische Supervision machen würde. Als wir darüber sprechen, denke ich noch innerlich: „Ach was, ich gebe hier doch nur Yoga“, aber heute, am Ende der Stunde gibt es plötzlich Momente, die ich nicht mehr gut halten kann.

Die rothaarige Anna spricht es wehmütig an: „Das ist ja heute schon Halbzeit, wie geht es denn danach weiter?“ Ich sage, dass ich es nicht weiß, dass wir uns im Studio beraten werden. Nun ist das Gespräch eröffnet. Petra, die übergewichtige Teilnehmerin redet nicht um den heißen Brei herum: „Ja, ich merke wie gut das Yoga tut, gerade beim Thema Missbrauch.“ Ich zucke innerlich zusammen, ob des großen Themas, das plötzlich im Raum steht. „Können wir dich auch für Einzelstunden buchen?“, fragt Petra. Ich weiche aus, denke nein, will sie aber nicht vor den Kopf stoßen. Ich merke, ich brauche Beratung um eine Einstellung zu finden. Dann meldet sich Simone, die zierliche Dame zu Wort. „Also wenn ich abends daheim bin, surfe ich ja gerne im Netz und neulich habe ich dich wieder mal gegoogelt. Du hast ja so interessante Filme gemacht. Kannst du uns was darüber erzählen?“. Ich antworte intuitiv: „Ich denke nicht, dass das hier der richtige Rahmen ist, um über meine Berufe zu sprechen.“ Mein Nein wird als solches verstanden und nicht weiter gefragt. Heute gehe ich zügig.

Draußen auf der Straße regnet es. Ich steige auf mein Fahrrad und die Gedanken finden langsam in geordnete Bahnen. Was war da gerade passiert und warum hat es sich schräg angefühlt? Es wurde mir plötzlich zu persönlich und nah. Weder kann und möchte ich über das Thema Missbrauch mit den Teilnehmerinnen sprechen, noch gefällt es mir auf Google „mal wieder“ gesucht und gefunden zu werden - zumal es schon ein paar mehr Klicks braucht, um meinen Autoren Namen, der vom Namen unter dem ich Yoga unterrichte abweicht, ausfindig zu machen. Ich gestehe mir ein, dass ich an dieser Stelle eine therapeutische Beratung, eine Supervision bräuchte. Ich rufe meine Bekannte Carmen Eger an und schildere ihr die Momente und mein Gefühl dazu. Die Therapeutin erzählt mir, wie sie mit der Situation umgehen würde. Was von unserem intensiven Gespräch hängenbleibt ist ihre starke Haltung: „Ich finde das wichtigste bei traumatisierten Menschen ist, dass sie als Ziel wieder Eigenverantwortung lernen und versuchen sich ins normale Leben zu integrieren.“ Ihrer Meinung nach ist Yoga in solchen Vereinen auf Dauer für „einen nicht therapeutisch geschulten und/oder betreuten Lehrer“ problematisch, da die Themen über die Körperarbeit hochkochen. Das erklärt auch mein ausgelaugtes Gefühl nach den Stunden. Ich frage Carmen Eger wie sie weiter verfahren würde, was ich Konstruktives mit dieser Gruppe aber auch generell für essgestörte SchülerInnen tun könne. Wir kamen auf die Themen:

  • Selbstverantwortung schulen.
  • Einen Impuls setzten.
  • Darauf vertrauen, dass wenn eine Frau den Weg des Yoga als ihren Heilweg ansieht, sie diesen Weg gehen wird.
  • Eine Fixierung auf mich als Lehrerin vermeiden, denn diese Frauen haben das Problem einer „Abhängigkeits-Struktur“, derer ich mir gewahr sein und die ich nicht bedienen sollte.

Unser Gespräch hilft mir sehr und ich beschließe meinen Fokus in der Gruppe fortan auf Eigenverantwortung und Initiative zu setzen und einer exklusive Bindung an mich als Lehrerin nicht zu nähren. Dabei macht mir Laura Hoffnung, denn ich sehe in ihr eine junge Frau, die meine Impulse was ihre Knie und ihr Selbstwertgefühl betrifft bescheiden aufnimmt, selbstständig umsetzt und tatsächlich schon so viel besser für sich sorgt. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie irgendwann in eine offizielle Stunden kommen und Freude an einem Stückchen Normalität haben könnte.

Heute ist meine letzte Stunde der sozialen Aktion beim Verein für Essstörungen. Im Vorfeld haben mich E-Mails der Teilnehmerinnen erreicht. Sie sprechen von „Heilung“ durch Yoga, davon, dass sie nie gedacht hätten, was die Methode bei ihnen verändert - in so kurzer Zeit. Sie scheinen erfüllt von großer Dankbarkeit. Die übergewichtige Petra hat sogar einen zweiseitigen, handschriftlichen Brief verfasst. Ich bin tief gerührt, als sie ihn mir schüchtern überreicht. Sie schreibt, dass sie sich „nach jeder Yogastunde innerlich und äußerlich aufgerichteter gefühlt hat. Meine Schuld- und Schamgefühle wegen meines Dickseins und Ungelenkigseins konnte ich loslassen .... Yoga ermöglichte es mir, mich einzulassen und wieder Zugang zu meinem Körper, meinem Inneren und meinem bewussten Wahrnehmen zu finden. Durch meine Esssucht hatte ich den Kontakt zu mir und zu den Mitmenschen verloren. Durch die Ermutigungen im Yoga schwanden meine Ängste vor dem Versagen (...) und ich konnte anfangen mich anzunehmen. “

 Die Teilnehmerinnen wünschen sich sehr, dass die Aktion in dem kleinen Rahmen im Verein weitergeht, auch der geschützte Raum unter „Gleichgesinnten“ scheint ein Wunsch und wie vermutet möchten sie mit mir als Lehrerin fortfahren.

Grenzen setzen ohne zu verletzen

Nun bin ich gelandet: mitten im klassischen Zwiespalt. Einerseits sehe ich, wie heilsam Yoga an dieser Stelle wirkt. Andererseits habe ich nach den letzten Stunden gemerkt, dass ich selbst immer erschöpfter nach Hause gehe und auch, dass mich teilweise das Gefühl beschlichen hat „konsumiert“ zu werden. Als das letzte Mal im Raum stand wie es weitergehen könne, beschloß Simone für mich: „Wir werden dich selbst bezahlen und dann geht es hier weiter, das steht doch längst fest.“ Ich stutze, denn ich kann mich an einen solchen Beschluss nicht erinnern, nur daran, dass wir über die Möglichkeit gesprochen haben. Vielleicht war ich aber auch einfach nicht klar genug? Auf alle Fälle fühle ich mich an die Wand gedrängt. Ich frage mich: wie könnte eine dauerhafte Unterstützung aussehen? Plötzlich habe ich selbst Gefühle von Scham und Schuld. Sind das meine Gefühle? Oder sieht so eine Übertragung aus?

Die klaren Worte zum Thema Eigenverantwortung der Kinder- und Jugendtherapeutin kommen mir in den Kopf und langsam finde ich zu einer Haltung und gestehe mir dabei auch ein und zu, dass ich an eine Grenze gekommen bin. Ich möchte die Gruppe in diesem Rahmen als dauerhafte Aktion nicht weiter unterrichten. Dabei geht es einerseits um meinen eigenen Energiehaushalt, und andererseits darum in die Eigenverantwortung und Initiative der Frauen vertrauen zu wollen. Keine der Teilnehmerinnen ist so unter- oder übergewichtig, dass sie nicht an einer offenen, sanften Stunde teilnehmen könnte. Sollte Yoga ihr Weg sein, ist es an der Zeit, dass sie sich selbstständig auf den Weg hin zum Yoga machen. Ich habe den Impuls setzten dürfen, die Methode vorgestellt und nun möchte ich als Lehrerin hinter der Methode und dem eigenen Weg der Frauen zurückzutreten.

Mittlerweile ist die Aktion beendet und mich haben wundervolle Mails und Briefe erreicht. Das schönste Geschenk war jedoch, als ich neulich aus einer offenen Yogaklasse in meinen Kiez trat und mir die schüchterne Laura mit den Knieschonern entgegenstolperte. In dem Moment wusste ich, dass sie den Mut gefunden hat einen offenen Kurs zu besuchen. Kurz trafen sich unsere Blicke und ein scheues Lächeln huschte über ihr Gesicht, dann gingen wir unserer Wege.

Lokah Samastah Sukhino Bhavantuh

Mögen alle Lebewesen überall frei und glücklich sein und möge ich mit meinen Gedanken, Worten und Handlungen auf bestmögliche Weise dazu beitragen.

Nächsten Freitag kannst du in Teil 2 über die Dos und Don'ts im Umgang mit Essgestörten Yogaschülern lesen.

Im Rahmen des von Spirit Yoga initierten und finanzierten "Social Project" unterrichtete die Spirit Yogalehrerin Alexandra Kleinheinrich Yoga für einen Verein, bei dem Essgestörte Hilfe finden. Mehr Erfahrungsberichte von Spirit Yoga Lehrerinnen über Yoga in sozialen Einrichtungen findest du unter www.spirityoga.de. Vielleicht hast du auch ein Herzensprojekt, dass ihr mit Yoga unterstützen möchtet. Dann schreibt eine Mail an: info@spirityoga.de.

zurück nach oben