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Bild: shutterstock.com

Fördert Yoga Essstörungen?

Von Kristin Rübesamen

"Ich mache mir Sorgen"

Neulich kam eine Schülerin nach dem Unterricht in einem großen Berliner Studio zu mir. „Ich mache mir Sorgen“, sagte sie und zögerte ein bisschen. „Ich sehe zunehmend, egal in welches Yogastudio ich gehe, diese Frauen, und ich beginne mir Sorgen zu machen.“ Zuerst dachte ich, manche Lehrer würden ihre Sequenzen nicht sorgfältig aufbauen, und sie spräche von der Verletzungsgefahr für die Schüler. Was sie aber meinte, waren diese „fürchterlich dünnen Frauen, die immer dünner werden“

Das Thema hat es in sich. So vielen Menschen hilft Yoga als Therapie mit erlittenen Verletzungen, physischer wie psychischer Art, zu leben. Angefangen von Rückenschmerzen, Verdauungsprobleme, Gelenksteife, über Bluthochdruck, Depression, Konzentrationsproblemen bis hin zu Suchtkrankheiten ist Yoga längst als erprobtes Heilmittel anerkannt. Nur im Falle von Ess-Störungen ist die Frage, ob die Krankheit durch Yoga nicht gefördert wird. Doch zurück zu Anna.

Hauptsache, Kleidergröße 34

Anna ist Anwältin und kämpft seit ihrer Pubertät mit der Magersucht. Ein Einser Abitur, ein Examen „summa cum laude“, eine Partnerschaft in einer guten Kanzlei, auf den letzten Drücker das Baby, für das sie gerade soviel zugenommen hat, wie es sein musste, die 60 Stunden-Woche: Eigentlich müsste die Yogapraxis dazu dienen, ein Gegengewicht zu diesem Programm zu schaffen, stattdessen wird sie unter dasselbe Leistungsdiktat gestellt. Hauptsache, Kleidergröße 34, denken Leute, die sie sehen, und verkennen, welcher Haß und welche Angst vor Kontrollverlust Anna quälen.

Ihre Freunde haben sich längst damit abgefunden, ihre Familie kennt die Ausreden, wenn sie bei Familienfeiern nichts isst („gerade erst ein Riesenomelette verdrückt...“), die schlechte Haut, die schlechten Zähne, all das geht angeblich auf das Konto einer Nahrungsunverträglichkeit. Natürlich kann Anna auch kein Gluten essen und stürzt sich auf jede Allergie, die neu entdeckt wird, um wieder ein Lebensmittel von der Liste zu streichen. Welche Rolle aber spielt Yoga in diesem Trauerspiel?

Wie eine warme Decke

So sinnvoll es für die meisten von uns ist, einmal eine vollkommene Leere zu spüren, tatsächlich „ohne irgendwas“ - sei es nach einer kurzen Fastenzeit, oder einfach in einer Atempause dazusitzen - so süchtig sind Menschen mit Ess-Störungen danach. Wie eine warme Decke legt sich die schützende Yogawelt um sie und überlässt sie, freundlich und sanft, ihrer tödlichen Krankheit.

Es ist ja auch fatal: Der gewöhnliche Yoga-Slang ist wie geschaffen für Menschen, die Krankheiten wie Anorexie und Bulimie verstecken wollen: „leer“ werden, „den Bauchnabel nach innen ziehen, die Leere spüren“, „wie eine Höhle“, die „Rippen spüren“, die „Knochen spüren“, den "Bauch einsaugen."

Bin ich dünn genug?

Oder die Aufforderung zur Selbstreflexion, wie sie in jeder Yogastunde zu Recht gepredigt wird: Während die meisten Yogis die Yogapraxis als willkommene Pause von ihrem Alltag und Einladung zur Selbstbegutachtung sehen und nichts als "raus aus dem Kopf" wollen, gehen Ess-Gestörte auf der Matte noch härter als sonst mit sich ins Gericht: Bin ich dünn genug? Bin ich flexibel und stark genug? Erst eine ohnmachtartige Schwäche suggeriert ihnen, du hast es geschafft, oft vom Lehrer verschwurbelt als Zeichen einer aufsteigenden Kundalini beklatscht.

Die Verantwortung, die Yogalehrer in solchen Fällen haben, ist immens. Denn natürlich gibt es unter Yogis auch genug Menschen, deren Sinnsuche sie ebenfalls asketisch wirken lässt, die sich aber immer noch vernünftig ernähren. Woher soll ein Lehrer wissen, wen er vor sich hat, ob diejenige einfach nur eine überzeugte Veganerin ist, die noch dazu gerade eine Saftkur macht, oder jemanden, dessen Organe bereits geschädigt sind und der sich nur mit Patanjalis rigider Vorstellung von Sauca (Sauberkeit) und Brahmacharya (Rückzug von allem Sinnlichen) herausredet?

Schwitzen und abnehmen

Eine Antwort könnte in der Art und Weise liegen, wie Schüler mit Ess-Störungen üben. Anorektische Yogis findet man meistens in Level 2 Klassen. Klar, denn sie wollen schwitzen und abnehmen. Eine sanfte Yogapraxis ist in ihren Augen kontraproduktiv.

Die Härte, die sie sich selbst gegenüber angedeihen lassen, kommt auch in ihrer Praxis zutage. Sie geben sich nicht mit der leichten Option zufrieden, sie gehen in jeder Haltung bis zum Äußersten ohne Rücksicht auf eine mögliche Verletzungsgefahr und auch ohne Rücksicht auf das Grundgebot von Yoga, Freundlichkeit und Empathie. Die Praxis wird so exzessiv, dass sie wie eine Droge wirkt, alle unangenehmen Empfindungen und Gedanken betäubt und eine ideale Entschuldigung ist, soziale Termine wahrzunehmen.

Dennoch, und hier kommt ein tröstlicher Ausblick, kann die richtige Yogapraxis dabei helfen, diese Krankheit zu heilen und ein empathisches Gefühl für sich selbst zu entwickeln anstatt seinen Körper weiter zu hassen. Auch die Erfahrung, nicht allein zu sein und Teil einer Yoga-Community, in der nicht zählt, wie Du aussiehst, kann eine Therapie unterstützen und die kritische Stimme im Kopf zum Schweigen bringen. Aus der harten Yogaknute wird so eine heilende Praxis.

Die Achtsamkeit der Schüler sich selbst gegenüber zu stärken anstatt auf Form und Perfektion herumzureiten, sollte Aufgabe jedes Yogalehrers sein.

Sie lädt sie zum Essen ein

Ein Beispiel: Tara Stiles, eine bekannte New Yorker Yogalehrerin und zu ihren Model-Zeiten selbst betroffen, erlaubt anorektischen Schülern nicht, Klassen für Fortgeschrittene zu besuchen. Vordergründig, weil sie sich verletzen könnten. Tatsächlich aber, um deren Routine, sich um jeden Preis auszupowern, zu brechen. Stattdessen lädt sie sie zum Essen ein.

Die Achtsamkeitsregel gilt übrigens für uns Lehrer genauso: Mir ist neulich etwas Schlimmes passiert. Ich nahm nach wochenlangem Überlegen eine Schülerin nach der Klasse zur Seite und teilte ihr sehr vorsichtig meine Sorge mit. Es stellte sich heraus, dass sie an einer ernsten Speiseröhrenerkrankung litt, die nichts mit Magersucht zu tun hatte. Ich kam mir fürchterlich aufdringlich vor, und nur ihrer Freundlichkeit ist es zu verdanken, dass sie mir die Sache nicht übelnahm. Genau hinsehen hatte in diesem Fall nicht geholfen. Und doch war ein Teil von mir erleichtert, eine Antwort auf die Frage bekommen zu haben. Sicher ist es eine Frage des Feingefühls, wann und wie ein Lehrer seine Schüler ansprechen sollte, und manche Lehrer, wie ich weiß, sind sogar strikt dagegen und werten so einen Akt als massive Einmischung. Ich aber denke, umso mehr je länger ich darüber nachdenke: Wir tragen Verantwortung.

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