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Interview: Wie Yoga bei Trauer hilft
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Interview: Wie Yoga bei Trauer hilft

Von Tini Krumsiek

Tod und Trauer sind essentieller und allgegenwärtiger Bestandteil der menschlichen Existenz - und trotzdem die wohl größte Herausforderung, die uns das Leben stellt. Psychotherapeutin und Yogalehrerin Tini Krumsiek leitet Yoga-Kurse für Trauernde und erklärt uns im Interview, wie Yoga Trauernden in dieser transformierenden Lebensphase helfen kann.

YogaEasy: Wie hat es sich ergeben, dass du Yogakurse für Trauernde unterrichtest? 

Tini Krumsiek: Vor einigen Jahren habe ich innerhalb kurzer Zeit geliebte Menschen durch den Tod verloren. Yoga hat mich damals bereits begleitet, mir inneren Halt gegeben und mir so einen Zugang zu meinen intensiven Gefühlen ermöglicht. Das bewusste Gestalten und Wahrnehmen eines jeden Moments haben für mich persönlich eine beruhigende und motivierende Wirkung zugleich. Yoga hat mir geholfen, mich selbst wieder neu zu entdecken und auch neue Perspektiven zuzulassen.

Zu Beginn meines Studiums habe ich gesagt: „Ich finde alles spannend - nur vor dem Thema Trauer habe ich Respekt.“ Und nun arbeite ich in der Trauerbegleitung mit Halb- und Vollwaisen und jungen Menschen, die ihren Partner verloren haben. Vielleicht ist die Trauerarbeit genau deshalb „meine Aufgabe“ geworden, damit ich erkennen kann, dass Trauer als Prozess auch eine Chance sein kann, neue Wege für die Liebe zu einer verstorbenen Person - als auch für sich selbst - zu finden.

In meiner Arbeit bei der Nicolaidis YoungWings Stiftung habe ich immer wieder spüren, lernen und damit arbeiten dürfen, dass jede Trauer - trotz einiger Gemeinsamkeiten - etwas ganz Individuelles ist. Und es somit auch individuelle und kreative, gestalterische oder körperliche Angebote in der Trauerbegleitung bedarf. An meinem Arbeitsplatz habe ich das große Glück, dass neue Ideen und Ansätze gehört und gestärkt werden. Das Resultat waren die Yogakurse für Trauernde.

Wie kann Yoga konkret helfen mit einem Trauerfall umzugehen, friedvoller durch eine Phase der Trauer zu gehen?

Der Verlust eines geliebten Menschen und die damit verbundene Trauer kann das eigene Leben so durcheinanderbringen, dass es sich anfühlt, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Gefühle der Halt- und Hilflosigkeit, der Leere oder überwältigende Emotionen können Teil eines Trauerprozesses sein.

Das bewusste Atmen als Teil der Yogapraxis kann dabei helfen wieder eine Verbindung zu sich selbst zu spüren. Das wert- und veränderungsfreie Atmen kann zudem eine beruhigende, liebevolle Methode sein, Einfluss auf das eigene Empfinden zu nehmen. Die körperlichen Übungsreihen können zum Beispiel über sanfte Kräftigung der Mitte und Balancehaltungen erdend wirken. Das Gefühl, wieder einen Boden unter den Füßen zu haben, wird so gestärkt.

Insgesamt kann Yoga eine Möglichkeit sein, über achtsames Üben, wertfreie Selbstwahrnehmung und Momente der Selbstwirksamkeit wieder Stabilität in der inneren und äußeren Welt zu finden - und wieder Mut für neue Wege aufzubauen.

Klassischerweise verläuft Trauer in Phasen - von Verleugnung über Wut und depressive Zeiten bis zur Akzeptanz. Ist Yoga in allen Phasen sinnvoll, gibt es Praktiken im Yoga, die sich besonders gut für bestimmte Phasen eignen? Wie gehst du mit intensiven Phasen von Teilnehmern um, wie fängst du starke Emotionen auf? 

Zu Beginn der Yogapraxis während einer Trauerphase ist es wesentlich für Stabilität und Halt zu sorgen. Ich kann mich erst fallen lassen, wenn ich weiß, was mich hält. Ist die Verbindung zu sich selbst wiederentdeckt und das Vertrauen in die Selbstwirksamkeit aufgebaut, kann der Yogakurs eine Möglichkeit sein, sich ganz bewusst in Yoga-Haltungen zu begeben, die starke Emotionen auslösen. Aus der Erfahrung, sich selbst in diese Situation hinein gebracht zu haben, diese beobachten zu können und eine Veränderung der Gefühle wahrnehmen zu können, besteht nach meiner Erfahrung die Chance sich auf neue Wege und Perspektiven einlassen zu können, sich sozusagen einen „neuen Stand“ aufbauen zu können.

Gemeinsam mit der Diplom-Psychologin Lena Schroer habe ich ein Konzept für Yoga bei Trauer entworfen, das den Aufbau eines „individuellen, neuen Standes” ermöglichen kann. Die Struktur des Kurses, den ich im Rahmen meinen Engagements für den wohltätigen Verein Yoga für alle e.V. unterrichte, soll über Wiederholung und Transparenz dazu beitragen eine vertrauensvolle Atmosphäre zu gestalten. Intensive Phasen oder starke Emotionen von Teilnehmern dürfen da sein und können in dieser geschützten, liebevollen Atmosphäre auch eine Chance sein wieder eine innere Stabilität zu finden. Ich denke, ich würde es als gemeinsames Aushalten beschreiben, in dem manchmal auch die ein oder andere Atemtechnik von ganz allein angewendet wird.

Wie genau läuft der Kurs ab?

Unser Konzept Yoga bei Trauer setzt sich aus acht Einheiten zusammen. Wir beginnen mit einem Einführungstag, bei welchem wir uns Zeit für die Themen Trauer und Yoga und natürlich Yoga bei Trauer nehmen und Raum für individuelle Fragen und Anliegen nehmen. Darauf folgen sechs Yoga-Einheiten in zwei wöchigem Abstand. Wir beginnen im Anschluss in einer kleinen, festen Gruppe mit dem Aufbau von Stabilität, gehen in bewusste Emotionswahrnehmung, üben Balance, erproben Atemtechniken und Meditation und wollen über den Sonnengruß die beruhigende Wirkung von Ritualen näherbringen. Während der Einheiten werden die Teilnehmer dazu eingeladen sich Momente, die ihnen besonders gut getan haben zu notieren, so dass über die Kursreihe hinweg der Aufbau einer individuellen Praxis möglich sein kann. Der Abschlusstag ist dazu gedacht, die individuelle Praxis zu üben, zu verfeinern und nochmals Raum für individuelle Fragen und Anliegen zu bieten. Die Stunden selbst beginnen immer mit einer Atemtechnik, gefolgt von einer Übungsreihe und enden mit einer Meditation oder Entspannungsübung. Die Kurse können in Kooperation mit Einrichtungen zur Trauerbegleitung, so wie wir es aktuell in der Nicolaidis YoungWings Stiftung umsetzen aber auch in Yogastudios mit passenden Rahmenbedingungen angeboten werden.

Was ist deine Erfahrung: Kann Trauer überwunden werden, also restlos verarbeitet? Oder wie definierst du das Ziel von Trauerarbeit bzw. der Begleitung der Trauerphase mit Yoga?

Aus meiner persönlichen Sicht ist Trauer vielmehr eine Transformation anstelle von etwas, das überwunden wird. Genau genommen kann auch mein Engagement für den Verein Yoga für alle e.V. als eine Transformation meiner eigenen Trauer gesehen werden. Weitergeben zu dürfen, was ich selbst erlebt habe, in Verbindung mit meinem beruflichen Hintergrund, ist für mich ein persönliches Beispiel wie viel Kraft in einem Trauerprozess stecken kann.

Ziel des Kurses ist deshalb aus meiner Sicht, eine neue Verbindung zu sich selbst finden zu können, sich auf diesem Weg immer wieder selbstwirksam zu erleben und auf individueller Ebene wieder Einfluss auf das eigene Empfinden nehmen zu können.

Wir danken dir für dieses schöne Gespräch!

 

Mehr Informationen über den Yoga bei Trauer-Kurs findest du beim Yoga für alle e.V.

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