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Das zweite Yama von Patanjali: Satya (Wahrheit)
Bild: iStockphoto.com

Satya: Warum Lügen gesundheitsschädlich ist

Von Kristin Rübesamen

Paradeyogis bei Primark

Wenn es daran geht, im Neuen Jahr loszulegen, ist das Thema Wahrheit so ziemlich das Letzte, womit man sich belasten möchte. Ehrgeizige Ziele, große Pläne, vielleicht ein Haus bauen, einen Roman schreiben, endlich mal den Jakobsweg packen und zwar auf eigene Faust. Sobald einer fragt, ist das eine gute Idee. Wenn du schon anfängst zu jammern, wenn die S-Bahn Verspätung hat, giltst du als Spielverderber - und zu Recht. Große Pläne verlangen Mut, und wer zaudert und hadert, wird es nicht weit bringen. Große Ziele verlangen aber auch die Einsicht in das, was ist: Die Wahrheit. Das, was ist.

Und das ist nicht immer angenehm. Du hälst dich für einen Paradeyogi, rufst aber nie deine Mutter an? Du beherrscht den einarmingen Handstand und hetzt über deine Kollegen? Du sitzt jeden Tag brav im Lotussitz und kaufst bei Primark an und schneidest eiskalt die eingenähten Hilferufe aus? Hhm... Wenn Du ernsthaft Yoga übst, wirst du früher oder später auf diese Widersprüche stossen. Das heißt noch nicht, dass du etwas ändern wirst, aber du hättest die Gelegenheit. Diese Kraft hat Yoga. Ganz ohne Lügendetektor. Und zwar durch die Asanapraxis ebenso wie durch Meditation und Achtsamkeitstraining.

Wahrheit beim Zähneputzen

Die Praxis der Achtsamkeit und der Meditation erlebt seit einiger Zeit einen großen Boom. Selbst wer gerade erst angefangen hat, zu meditieren, spürt es bereits: die Wahrnehmungsfähigkeit steigt, die Konzentrationsfähigkeit nimmt zu.

Schon morgens den Wasserhahn aufzudrehen, kann, wenn man es aufmerksam macht, etwas Besonderes sein. Warum? Zunächst mal ist es eine sinnliche Erfahrung: wir nehmen das Rauschen und das Licht im Wasserstrahl wahr. Dann addiert das Hirn dazu, was wir aus der Zeitung wissen, und plötzlich wird selbst in einer so schlichten und für uns selbstverständlichen Geste eine tiefe Wahrheit deutlich: Mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung leidet an Wassermangel. Nicht alle haben Zugang zu sauberem Trinkwasser. Im Gegenteil, was für uns normal ist, ist für andere ein täglicher Kampf.

Der Prozess der Achtsamkeit bringt es mit sich, dass wir auf einmal Dinge wahrnehmen, die wir lieber ausblenden würden. Unangenehme Wahrheiten. Wahrheiten, die uns schon beim Zähneputzen klarmachen, wie privilegiert wir leben. Achtsamkeit bedeutet also nicht nur, etwas über sich selbst zu erfahren, sondern auch, globale Wahrheiten, die uns als Menschheit betreffen, zu verstehen.

Wer auf der Matte lernt, rechts von links zu unterscheiden, seine Knochen zu sortieren, tief in seine Leiste oder den Schultergürtel hineinzuspüren, schärft sein Bewusstsein. Das ist Yoga.

Patajanli und Tripadvisor

Yoga ist für viele von uns ein Weg. Der berühmte Yogaweg mag für einige einfach der Weg zum nächsten Studio sein. Er führt an Starbucks vorbei oder einem Drogeriemarkt direkt in die Umkleide, mehr wissen wir über ihn nicht zu sagen. Für andere ist er aber auch mehr als die Umkleide: der Versuch, einen Weg zu gehen, der zu Selbsterkenntnis führt und zu einem erfüllten Leben.

Patanjali, der große Yogaphilosoph, hat denen, die sich für diese zweite Variante interessieren, in Form seiner Yoga Sutra eine Art Reiseapotheke zusammengestellt. An erster Stelle der sogenannnten Yamas, fünf ethischer Gebote, steht Ahimsa (Gewaltlosigkeit). Und gleich an zweiter Satya (Wahrheit).

Yoga Sutra, Kapitel 2, Vers 36:

सत्यप्रतिष्थायं क्रियाफलाश्रयत्वम् ॥३६॥
satya-pratiṣthāyaṁ kriyā-phala-āśrayatvam ||36||
Ist Wahrhaftigkeit (Satya) beständig, wird jede Aussage die Basis für ein entsprechendes Resultat sein. ||36||

Quelle und Übersetzung: de.ashtangayoga.info

Dass gleich an zweiter Stelle die Empfehlung steht, ehrlich zu sein - anderen, aber auch sich selbst gegenüber - das ist wirklich etwas Besonderes. In einer Zeit, in der wir es gewohnt sind, uns ständig von unserer Schokoladenseite zu präsentieren, darauf zu pochen, dass wir uns nicht in die Tasche lügen (in jeder Lululemon-Hose ist eine angebracht...) ist ziemlich ungewöhnlich.

Patanjali macht es uns vor. Er fordert uns auf, genau hinzuschauen, bevor es losgeht. Er macht uns auch nichts vor. Der Yogaweg ist hart. Umso wichtiger ist es, dieses 2. Yama zu beachten, denn wer hier, ganz zu Beginn des Abenteuers, tatsächlich ehrlich mit sich ist, muss vielleicht feststellen, dass die Reise nichts für ihn ist oder dass die Hindernisse auf dem Weg ziemlich groß sein werden. Es wäre so, als würde auf Tripadvisor stehen: Das Hotel liegt auf einem Felsen, den Sie nur in Vollmondnächten erklimmen können, und für Gepäck wird nicht gehaftet. Wie gesagt, recht ungewöhnlich in Zeiten von PR und Marketing. Wer dieses Gebot jedoch beherzig und trotzdem weiter übt, wird eine erstaunliche Entdeckung machen: Er wird die Angst vor unangenehmen Wahrheiten verlieren. Nicht nur das - er wird mutig.

Anfangen und Freiheit gehören zusammen

Anfangen, Loslegen, etwas Neues beginnen: nichts ist so verführerisch wie ein Aufbruch. Und nichts so vielversprechend. Wenn wir heute in der Lage wären, unser Leben zu ändern, was würden wir tun? Wenn wir heute in der Lage wären, Frieden zu schaffen, was würden wir tun? Yoga gibt uns das Gefühl, vor vorne anzufangen, mit jedem Sonnengruß, mit jedem Atemzug.

Anfangen und Freiheit gehören zusammen. Bevor es losgeht, ist die oben beschriebene Standortbestimmung nötig, die wir jedesmal, wenn wir auf die Matte gehen, machen: Geeta Iyengar sagte einmal, der erste nach unten schauende Hund ist genauso, als klappe man seinen Laptop auf. Sofort sieht man den Verhau vom Vortag, die Fehler der Vergangenheit (sage ich, nicht Geeta).

Yoga ist dabei unbestechlich. Yoga führt unser Augenmerk zurück auf die Gegenwart, den einen vielgerühmten Moment des Hier und Jetzt: unbelastet durch alten Groll, Scheitern und Hadern mit der Vergangenheit, aber auch frei von Ehrgeiz und Effizienzstreben. In diesem Moment steckt die Hoffnung, einen ehrlichen, ungeschönten Blick auf sich zu werfen, idealerweise ohne den Befund gleich zu bewerten.

Immer mehr Menschen sehnen sich nach diesem Moment. Digitale Ermüdung, soziale Isolation, generelle Übermüdung in einer Welt, in der für alles gesorgt ist: Je genauer die Beobachtungsgabe geschult wird, je präziser wir Atem und Gedankenströme wahrnehmen können, desto mehr sind wir davor gefeiht, Illusionen zu verfallen.

Nein, ich mag keinen Kopfstand.

Wahrheit ist ein großes Wort, ein Gebot, an dem wir ständig scheitern. Aber ehrlich zu sich selbst zu sein, hat auch etwas Befreiendes. Ganz praktisch kann das heißen: Nein, ich mag keinen Kopfstand, ich lege lieber die Beine an der Wand hoch. Oder: Ich habe Angst vor Armbalancen, was, wenn ich mir die Handgelenke breche? Solche Erkenntnisse sind schlicht, aber effektiv. Ebenso die Einsicht, sich überfordert zu fühlen, ungeliebt oder einsam. Die Einsicht ist der erste Schritt, die Dinge zu ändern. Und wir brauchen Veränderung. Nicht nur für uns, sondern vor allem für die, die den Wasserhahn aufdrehen wollen.

Fangen wir gleich hier an, im Netz. In den sozialen Medien herrscht oft genug der reine Darwinismus. Jeder stellt sich schöner und klüger als die anderen dar. Mit dem Resultat, dass sich alle klein und mies fühlen.

Deshalb haben wir fünf Hausaufgaben für euch (es ist Januar, wann, wenn nicht jetzt?):

  1. Mach ein Yoga-Selfie von der Asana, die Du am wenigsten gut kannst (und poste es auf unserer Facebook-Seite, wenn du willst).
  2. Verabschiede dich von einem Ziel, das utopisch ist, und ersetze es durch drei kleine Ziele, die du erreichen kannst.
  3. Mach etwas sehr Unvernünftiges, auf das Du große Lust hast, und genieße es aus vollen Zügen.
  4. Schreibe eine Wahrheit über dich auf, die du ändern willst, und übe dich darin.
  5. Schaue genau hin, was in der U-Bahn passiert und verhalte dich so, wie du an anderen bewundern würdest.
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