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Bilder: iStockphoto.com | Nicole Bongartz

Ahimsa nach Köln: Nicole Bongartz über Gewalt

Von Kristin Rübesamen

Nach den Silvesterattacken in Köln wurde viel über Gewalt und die Missachtung von Frauen diskutiert. Feministinnen haben unter dem Hashtag  #ausnahmslos im Netz eine Kampagne gegen Sexismus und Rassismus gestartet und im Netz schnell viele Unterstützer gefunden. Gleichzeitig war plötzlich überall Pfefferspray ausverkauft. Was heißt das für uns Yogis? Wir fragen Nicole Bongartz, Chefin des erfolgreichen Kölner Yoga-Studios Vishnus Couch.

Wo warst Du an Silvester?

Die Schwester meines Freundes hat bei sich zu Hause eine Party gefeiert. Dort haben wir gefeiert. Um 12 Uhr gingen alle raus zum Agneskirchplatz, um das Feuerwerk zu sehen und zu böllern. Ich habe mich allerdings zu meiner Tochter ins Bett gelegt, damit sie bei dem Lärm keine Angst bekommt. In Brüssel hatten sie ja in diesem Jahr das „Böllern„ verboten - vielleicht ist das ja nur die Sichtweise einer jungen Mutter, aber ich habe das in dieser Nacht auch als sehr überflüssig und eher beängstigend empfunden. Es war aber auch ein Moment, in dem ich voller Mitgefühl war für alle Familien, die vor echten Angriffen fliehen müssen und nachts im Bett ihren Kindern ins Ohr flüstern, dass alles gut ist und sie keine Angst haben müssen, obwohl dem nicht so ist.

Was war dein erster Gedanke, als Du von den Überfällen gehört hast?

Ich war und bin entsetzt und finde das was dort passiert ist, immer noch unvorstellbar.

Wie oft bist Du am Hauptbahnhof?

Eigentlich nur, wenn ich verreise. Wie in den meisten Städten ist der Hauptbahnhof kein Ort, an dem man sich aufhält.  

Mit welchen Gefühlen gehst Du dort hin?

Bisher mit keinen unguten. Wir haben ja auch just Karneval gefeiert, einige meiner Freundinnen sind von außerhalb angereist. Natürlich war die Silvesternacht Thema. Wir sind aber übereingekommen, dass man sich von solch negativen Ereignissen nicht beeinflussen lassen sollte. Angst ist nie ein guter Motivator, etwas zu tun oder nicht zu tun.

Das erste Gebot, das Patanjali uns auferlebt, heißt Ahimsa. Gewaltlosigkeit. Wie interpretierst Du das?

Für mich ist das ein sehr vielschichtiger Begriff und fängt bei unseren Gedanken an. Der Yoga lehrt uns, dass unsere Gedanken die Welt kreieren, in der wir leben. Daher ist das für mich der erste und wichtigste Ansatz von Ahimsa. Wenn ich in meinem Leben etwas ändern will, schaue ich mir meine leider manchmal sehr destruktiven Gedankenmuster an.

Oder nein, das hört sich so an, als hätte ich es voll drauf. Lass’ es mich so sagen: Sobald ich erkenne, dass ich mich in negativen Gedanken oder Mustern verstricke,- das kann eine Weile dauern-, entsteht durch das Erkennen eine gewisse Distanz und ich sehe, dass es meine Gedanken sind, die mich runterziehen und nicht die Realität an sich. Wenn ich so lerne, mir und anderen gegenüber weniger verletzende Gedanken zu haben, dann ist das ein großer Schritt in die richtige Richtung.     

Ist diese Definition durch die Ereignisse in Köln ins Wanken geraten?

Nein, im Gegenteil. Ich denke, wir alle würden gut daran tun, uns bewusster darüber zu werden, wie stark unsere Gedanken das Miteinander beeinflussen. Wir denken immer, da niemand unsere Gedanken lesen kann, haben sie keine Wirkung, dem ist aber ganz bestimmt nicht so, im Gegenteil. Bevor eine schlechte Tat vollzogen wird, sind oft von beiden Seiten aus so viele negative Gedanken geflossen anstatt sich auszusprechen. Damit möchte ich niemanden in Schutz nehmen. Was in der Silvesternacht passiert ist, ist unverantwortlich und auch wenn ich es menschlich betrachtet als die einzig richtige Möglichkeit empfinde, Menschen aus Kriegsgebieten aufzunehmen, muss es doch Konsequenzen geben, wenn die Würde so vieler Menschen und vor allem Frauen verletzt wird. Ich denke wenn man Gast ist, sollte man sich auch so verhalten. Aber wir sollten nicht vergessen, wie viel Unschönes auch von unserer Seite passiert ist; rechte Demonstrationen, Anschläge auf Asylantenheime, von den ganzen umherschwirrenden Gedanken ganz zu schweigen ...

Unser Leben konfrontiert uns ständig mit Widerständen, hässlichen Konflikten, sogar feindlichen Situationen: Wie gehst Du damit um?

Meine erste Reaktion ist die, dass ich den Konflikt vermeiden möchte. Aber so funktioniert das Leben ja nun mal nicht, also versuche ich mich allen Situationen mit Gleichmut stellen und das Beste daraus zu machen.

Viele Yogis sind konfliktscheu, nach außen hin friedlich, aber innerlich aggressiv. Woher kommt das?

Viele Leute, die mit Yoga beginnen, verwechseln meiner Meinung nach Yoga mit Therapie. Sie kommen mit ernsthaften Problemen in einen Gruppenkurs mit über 20 Teilnehmern. Das funktioniert nicht. Der Yoga hat bestimmt einen therapeutischen Ansatz und kann im Inneren viel verändern. Dennoch braucht es für manche Probleme meiner Meinung nach eine Eins-zu-eins Arbeit, mit einem dafür ausgebildeten und erfahrenen Psychologen oder Coach. Zudem kann man sich auch so schön in der Yogablase verstecken: Jede Menge freakiger Leute, man teilt eine gemeinsame Leidenschaft und lässt alles, was Konfliktpotential in sich trägt, außen vor.

Du bist als bekannte Yogalehrerin und Studioleiterin relativ mächtig in der Yogawelt. Welches sind deine Waffen?

Mein Charme, mein Sinn für Gerechtigkeit, die Tatsache, dass ich mich nicht in politisches Geklüngel ( ja, das gibt es auch in der heiligen Yogawelt) hineinziehen lasse und mein Enthusiasmus! Ach ja, und mein Bauchgefühl. Nicht schlecht oder? ;-)

Hast Du das Bedürfnis, diesen Machtanspruch, ohne den es ja kein Vishnus Couch geben würde, in deiner Praxis zu balancieren?

Hm, das ist eine interessante Frage. Nein, eher nicht. Wir in der Couch sind ein echt gutes Team, fast wie eine Familie. Auch wenn Frank und ich die Rolle des Geschäftsführers innehaben, verstehen wir uns als Teamplayer und dieser Aspekt meines Lebens fühlt sich sehr gut und ausbalanciert an. Was ich allerdings schon genieße und für meine Praxis brauche, ist immer mal wieder auch nur Schüler zu sein. Nichts entscheiden zu müssen, ein anderer sagt mir, was und wie ich etwas machen soll! Das kann ich sehr genießen, ob bei Euch auf YogaEasy oder auch in Stunden in der Couch.

Du wirkst sehr selbstbewusst. Wie reagieren Männer auf Dich?

Noch so eine interessante Frage. :-)) Was soll ich sagen, ich kann mich nicht beklagen. Gut finden mich glaube ich viele, mit mir leben wollten bisher nur wenige. ;-))). Ja ok, verschreckt hab' ich auch ein paar... 

Musstest Du Dir dieses Selbstbewusstsein erst erarbeiten?

Unbedingt. Als Teenager wirkte ich oft arrogant, das war der Versuch meine Unsicherheit zu verstecken. Auch jetzt bin ich oft noch unsicher. Wenn ich zum Beispiel vor laufender Kamera sprechen soll, oder auch wenn ich einen Workshop an einem für mich ganz neuen Ort mit fremden Menschen unterrichten muss, puh, da hab ich auch schon mal schlaflose Nächte.   

Wurdest Du jemals attackiert, verbal oder physisch?

Beides. Als Kind habe ich einmal mit angesehen, wie ein kleiner Junge aus meiner Schule von jemandem größeren verprügelt wurde. Dem wollte ich helfen - da ist er wieder der Gerechtigkeitssinn - leider war ich auch sehr klein... Aber zumindest konnte ich von dem Jungen ablenken und außer ein paar ordentlichen, blauen Flecken habe ich nichts abbekommen. Dann hatte ich als Teenager noch ein sehr unschönes Erlebnis auf Ibiza. Dort habe ich nach dem Abitur gekellnert und wurde nachts zusammengeschlagen auf dem Weg nach Hause.

Wie hast Du reagiert oder würdest reagieren?

Tja, in dem Moment bin ich leider ohnmächtig geworden und konnte nicht mehr groß reagieren. In der Retrospektive hat natürlich alles seine Vor- und Nachteile. In dem Alter damals war ich sehr furchtlos und etwas naiv, nach dem Motto, mir gehört die Welt. Nach dieser Nacht bin ich vorsichtiger geworden, vielleicht wäre mir sonst irgendwann etwas Schlimmeres passiert. Auf der anderen Seite hinterlässt so etwas dann doch Spuren...

Wie hast Du in deinen Klassen die Vorkommnisse an Silvester kommentiert?

Ehrlich gestanden gar nicht. Mir war das Ganze zu groß, um es „mal eben“ im Talk am Anfang der Stunde zu thematisieren. Das heißt aber nicht, dass wir keine Zeichen setzen, zum Beispiel haben wir in unseren regulären Klassen auch Flüchtlingsmädchen unterrichtet.

Wie gehst Du generell mit Wut um?

Wenn mich negative Emotionen übermannen, versuche ich sie in der Yogapraxis oder generell in Bewegung oder im Training in Energie umzuwandeln. Letztendlich ist das jede Menge Energie, die in so einer Wut steckt. Wenn die Wut danach immer noch unverändert da ist, dann lasse ich sie oft auch raus. Das sieht dann auch schon mal ganz unyogisch aus - schreien, weinen, toben.

Hat sich das geändert, seit Du Yoga übst?

Ja, unbedingt. Früher war ich fast schon jähzornig, konnte gar nicht verlieren. Das ist zwar immer noch nicht meine Stärke, aber ich arbeite dran und lerne mehr und mehr auch über mich zu lachen, wenn mein Temperament mit mir durchgeht.

Wir leben in einer beispiellosen langen Friedensepoche in Deutschland und sind nun überfordert von den Kriegen in anderen Ländern, deren Konsequenzen wir mehr und mehr spüren. Ist das Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit eine Haltung, die wir uns bald nicht mehr leisten können?

Du fragst nach Krieg? Puh, wenn ich eine Antwort auf diese Frage hätte, würde ich in die Politik gehen. Es gibt natürlich nichts, was ich weniger möchte als Krieg. Auf der anderen Seite ist es nun leider auch nicht mehr so, dass es uns nichts angeht und wie Du bereits sagst, der Krieg auch immer näher rückt. Für mich als Person ist die einzige Möglichkeit mit dieser Überforderung umzugehen, in meinem Umfeld und in meinen Möglichkeiten für Freude und Gewaltlosigkeit zu sorgen und damit hoffentlich zu inspirieren, so dass es um sich greifen kann.

Du hast eine kleine Tochter. Was wirst Du ihr über Selbstverteidigung beibringen?

Schaden kann das bestimmt nichts. Aber ich denke, das übernimmt der Papa, der kennt sich da besser aus. Ich werde versuchen, sie für Yoga zu begeistern.