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Ist Yoga was für Narzissten?

Von Kristin Rübesamen

Alle Sinne nach innen ziehen, sich selbst beobachten, zum "inneren Zeugen" werden: eine grundlegende Technik im Yoga zielt darauf ab, Abstand zur Außenwelt herzustellen und stattdessen sich selbst in den Blick zu nehmen. Soweit, so gut. Nur wieviel Innenperspektive ist ratsam? Wann schlägt der innere Monolog, die Beobachtung der eigenen Gedanken und Regungen in Narzissmus um? Wann wird daraus jene Selbstverliebtheit und Eitelkeit, die als Phänomen unserer Zeit gilt? Narzissten suchen stets nach Bewunderung und haben zur selben Zeit andauernd Angst vor Kränkung und Zurückweisung. Das macht sie unberechenbar in ihren Reaktionen und für ihre Umwelt schwer erträglich. Kurz: Narzissten sind das Gegenteil jener Yogis, die in sich selbst ruhen und unabhängig von Anerkennung oder Ablenkung ihrer Umgebung Ruhe und inneren Frieden ausstrahlen.

Händewaschen

Viele Jahre hörte man, egal, wo auf der Welt man seine Matte ausrollte, wie das berühmte Amen in der Kirche: „Werde dein Ego los“. Eine Aufforderung, so unoriginell und erwartbar wie „Händewaschen“: ein Echo aus einer Zeit, in der alles an seinem Platz war, die Guten und die Bösen. Denn wer wollte bestreiten, dass wir die schlimmen Katastrophen der Menschheit Despoten verdanken, denen es gut getan hätte, ihr Ego beizeiten zu begraben? Also, weg mit dem Ego, husch, husch.

Teigiger Teint

Interessanterweise hört man diese Aufforderung nicht mehr, und jetzt, wo man sie kaum noch hört, beginnt sie mir zumindest zu fehlen. Wir leben unbestritten im Zeitalter des Individualismus und wer nicht ganz blöd ist, stellt seine eigenen Interessen über die der Gemeinschaft. Wer nicht ganz blöd ist, rollt seine Matte rechtzeitig vor der Klasse dort aus, wo er am besten üben kann, und stellt sich dann tot, wenn es darum geht, Platz für Zuspätkommende zu machen. Der springt noch vor Savasana unter die Dusche, um als erster fertig zu sein, der bestellt sich seine teuren Yogaklamotten lieber günstig bei Amazon als sie im Studio zu kaufen, das damit die Kasse aufzubessern versucht. Der meditiert, weil er gelesen hat, dass Manager das jetzt tun. Der verzichtet auf Milch im Kaffee, nicht aus Protest gegen die Massentierhaltung, sondern weil er einen teigigen Teint vermeiden möchte. Der übt Pratyahara, weil er sich von den Massen abheben will. Soweit, so trostlos. Dabei hat Pratyahara so viel mehr zu bieten.

Warum Pratyahara?

„Pratyahahara geschieht, wenn der Geist in der Lage ist, seine gewählte Richtung beizutragen und die Sinne nicht wie gewöhnlich mit den Objekten, die sie umgeben, verbinden. Im Zustand von Pratyahahara folgen die Sinne dem Geist in seiner Ausrichtung.“
Patañjali, Yoga-Sûtra 2.54.

Nochmal zur Erinnerung: Pratyahara bedeutet das Zurückziehen der Sinne. In unserer Zeit der Reizüberflutung wird das Bedürfnis danach immer größer. Für viele von uns stellt Yoga den Versuch dar, nicht nur eine physische, sondern vor allem eine innerliche Transformation anzustreben, so wie es Yoga als spirituelle Disziplin traditionell in allen historischen Quellentexten als Ziel formuliert hat. Pratyahara steht bei dem vor einigen tausend Jahren vom Philosophen Patanjali formulierten achtgliedrigen Pfad an fünfter Stelle, an einer Art Drehkreuz zwischen körperlicher und mentaler Praxis. Als „Zurückziehen der Sinne“ beschrieben, wäre Pratyahara die Vorbedingung für jede Form der Achtsamkeits- und Meditationspraxis.

Was heißt Pratyahara?

Das Wort Pratyahara besteht aus zwei Sanskritwörtern: prati und ahara. „Ahara“ bedeutet “Nahrung”, also etwas, was von außen kommt. „Prati“ heißt übersetzt soviel wie “gegen” oder “weg”. Pratyahara könnte man demnach als eine Technik beschreiben, mit der wir lernen, äußere Einflüsse und Sinneseindrücke auszublenden. Soweit, so gut.

Abrüstung statt Aufrüstung

Die Sinne nach innen zu ziehen, führt unweigerlich dazu, weniger zu konsumieren und weniger zu wollen. Wenn wir üben, den Straßenlärm, die Geräusche der Außenwelt, den Vibrationsalarm des Handys zu ignorieren und unsere Aufmerksamkeit ohne Ablenkung auf unserer Atmung, einer Asana oder einem Mantra ruhen zu lassen, verlangsamt sich die Welt um uns herum. Wir erfahren die Zeit, in der wir kontinuierlich nach „innen“ schauen, als Möglichkeit, diese Zeit zu verdichten und aus dieser Erfahrung heraus ein Gefühl von Klarheit und Ruhe zu stärken. Worüber auch immer wir bei dieser Innenschau stolpern, wir nehmen es wahr, neutral und wach.

Nun: wieviel „Innen“ ist gut für uns?

Die Erfahrung zeigt folgendes: Je mehr wir uns nach innen wenden auf der Suche nach Defiziten, auf der Suche nach dem, was nicht funktioniert, desto mehr werden wir finden. Wenn die Introspektion mit der Absicht erfolgt, die eigene Befindlichkeit auf Probleme hin zu durchleuchten, wird das Ergebnis des Seelenscans immer positiv sein: Wir finden was. Wenn wir die Nabelschau im Ton des Selbstmitleids, der unkontrolliert in Selbsthass umschlagen kann, betreiben, wird das Ergebnis sein, dass wir nicht gelassener, sondern hysterischer werden. Die Frage ist also, wer zuschaut und wie.

Der innere Beobacher: Der CIA des Yoga?

Er wohnt im vorderen Gehirnlappen, dem präfontalen Kortex, man könnte sagen, in exklusiver Hanglage, und sieht alles. Anstatt sich ins Getümmel zu werfen und im Strom der Ereignisse unterzugehen, behält er schön die Ruhe und den Überblick. Während sich die anderen die Köpfe einschlagen, bleibt er idealerweise unparteiisch, cool, aber fair.

Als die zentrale Bewertungsinstanz gilt das limbische System, eine der drei Hauptregionen im Gehirn, und verantwortlich für die Verarbeitung von Emotionen und die Ausschüttung von Endorphinen.  Nach einer guten Yogastunde fühlen wir uns auch deshalb so wohl und klar im Kopf, weil eben jenes limbische System durch die Praxis stimuliert und harmonisiert wurde. Wenn wir versuchen, beim Zurückziehen der Sinne cool zu bleiben und Pratyahara nicht als Einfallstor für Wehleidigkeit und Selbstgerechtigkeit missverstehen.

Yoga war nie als Wettkampfsport gedacht, aber in unserer Gesellschaft ist es zur idealen Technik geworden, um sich mit anderen zu messen. Wer ist stärker, reiner, heiliger? Deshalb, ja, Yoga ist etwas für Narzissten, genau wie jeder andere Sport, in dem sich Gewinner hervortun wollen. Das Ruder herumzureißen, geht nur, wenn wir uns daran erinnern, dass Yoga nichts damit zu tun hat, wie wir aussehen, sondern wie wir uns fühlen. Als Yogis, als Gemeinschaft, als Satsang, in der Hoffnung, dass die Despoten nicht gewinnen.