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Bild: iStockphoto.com

Wir decken auf: Die „Patanjali Papers”

Von Kristin Rübesamen

Nieder mit dem Ego. Wirklich?

Es gibt diese seltsame Lust daran, sich klein zu machen in Deutschland, und es gibt sie auch in der Yogawelt. Seinen Ehrgeiz zu zeigen, gilt als vulgär, seine Sehnsucht nach Erfolg zu zeigen, gilt als vulgär. Wer auf Nummer Sicher gehen will, macht auch klein und bescheiden. In der Yogawelt ist es nicht anders. Es gibt eine Handvoll Superyogis, die unangefochten in der ersten Reihe stehen, aber all diejenigen, die gerade anfangen und im Yoga ebenfalls „Erfolg” haben wollen, haben anscheinend die Botschaft nicht verstanden, welche lautet: Nieder mit dem Ego!

Wer sagt eigentlich, was ok ist im Yoga und was nicht?

Yoga ist eine Technik, die im wesentlichen dazu dient, besser mit sich klar zu kommen. Sie dient dazu, sich zu akzeptieren. Es geht immer um Selbstliebe, nicht um Selbstkritik. Es geht darum, einen klaren Geist zu bekommen und einen starken Körper. Wie das mit dem Geist geht, hat uns Patanjali, der einzigartige Yogaphilosoph, in seiner Yogasutra vor über 2000 Jahren erklärt. Aber zum Körper hat er wenig gesagt. Vielleicht weil die Leute damals keine Computer hatten und statt sozialer Netzwerke Patriarchen den Ton angegeben haben. Wir haben aber einen Körper, der dringend bewegt werden muss, und es geht uns besser, je besser es dem Körper geht. Im Idealfall können wir mit Hilfe des Geistes ebenso Ruhe und Frieden finden wie mit dem Körper, aber ohne Körper geht es nicht. Wieso tun dann viele Yogis so, als sei der Körper etwas, das egal ist? Es muss doch jedem klar sein, dass schwierige Asanas deshalb geübt werden, um in einer schwierigen Situation ruhig Blut zu bewahren, und weil es Spaß macht, sich einer neuen Herausforderung zu stellen. 

Besonders die fortgeschrittenen Yogis rümpfen die Nase, wenn ein Anfänger fragt, wie lange es dauert, bis er endlich die Krähe beherrschen wird.  Trägt jemand stolz ein bauchfreies Top und eine neue Glitzerlegging, verdrehen die Profis die Augen: Hilfe, da steht jemand auf Kommerz. Im Yoga geht es darum, sein Ego loszuwerden, predigen sie, an einem Matchatee mit Mandelmilch für 7 Euro nippend. Es geht darum, das „Außen” draussen zu lassen, erzählen sie, bevor sie ihre Eigentumswohnung zurückkehren. Darum, sein Herz nicht an Konsum zu binden, bevor sie ihre teure Matte umschnallen und langsam, Quatsch, achtsam nach Hause schweben, denn zurück ins Büro müssen sie nicht. Sie machen sich klein und treten bescheiden auf und lügen sich dabei schlimmer in die Tasche, als es sich Patanjali, der Yogaprofi, je hat träumen lassen. Diese Selbstgefälligkeit, die sich da in den letzten Jahren ausgebreitet hat, kann er nicht gemeint haben, als er von Leichtigkeit (skuha) und Disziplin (stiram) geredet hat.

Eine Yogamatte für 5 Euro? Wie ordinär. Einen Kaffee vor der Stunde und danach ein Zigarette? Horror. Mit weißen Tennissocken auf die Matte in der Hoffnung, sich dort ein Sixpack zu erwerben? Eklig.

Vor allem: Sie etablieren auf diese Weise in der Yogawelt eine Klassengesellschaft, hier die Elite, die ihren Patanjali auswendig kann und weiß, worum es geht, da die vielen Anfänger, die im Ernst hoffen, im Yoga abnehmen zu können. Als ginge es im Yoga nicht um die erwähnte Selbsterkenntnis. Diese Selbsterkenntnis kann aber beinhalten, dass man seine Situation verändern will, dass man stärker werden will, sich nicht ausschließlich mit Essen trösten (nichts gegen einen schönen Teller Nudeln!) möchte und neue Selbstsicherheit gewinnen will.

Yoga Selfies? Warum plötzlich dieser Hass darauf?

Beispiel: Die Yoga-Selfies, auf denen man mal mehr mal weniger begnadete Yogis vor TUI-Kulisse in vorzugsweise Rückbeugen sieht. Sie mögen banal in der Bildsprache sein, peinlich in der Aussage und ganz klar:  Angeberbilder. Und dennoch sind sie Ausdruck von Lebensfreude und Stolz. Hier hat jemand auf einer wackligen Felskante einen Kopfstand hingezaubert. Im schlimmsten Fall ist das albern, aber doch kein Sakrileg. Und doch ziehen Yoga-Selfies in den sozialen Netzwerken neuerdings Hass auf sich. Warum? Und von wem?

Der Yoga-Narzissmus, von der Informationstechnologie geboren, wird von denselben Kulturpessimisten als Gefahr und Niedergang des Yoga verteufelt, die nicht merken, dass ihre kleine Manufaktum-Welt dem Großteil der Welt verschlossen bleibt. Schlimmer noch: Im Sich-klein-Machen und so zu tun, als käme man ohne die Welt aus, versteckt sich eine Riesenportion Snobismus. So trägt die Kritik am Yogakommerz dazu bei, die Yogis in eben jene Klassengesellschaft zurück zu schubsen, die wir doch eigentlich alle überwinden wollen.

Wie schön wäre es stattdessen, den Stolz, den derjenige fühlt, der zum erstenmal nicht wackelt im Baum, nicht zu belächeln als „Ego”, die Anstrengung, wenn jemand sich für einen Atemzug ins Rad hebt, zu würdigen, die Freude, wenn sich jemand eine Hose, in die er unbedingt hineinpassen wollte, nun endlich anziehen kann, zu teilen, und die Sorge, ob jemand auf der Matte eine gute Figur macht, ernstzunehmen. Warum haben so viele Yogis ein Problem damit, zuzugeben, dass es ihnen auch darum geht, ihren Körper zu lieben?

Wir sind nicht alle gleich

Das Bedürfnis nach einer besseren Welt, in der alle gleich und alle gleich schön sind, macht aus erwachsenen Menschen Leute, die sich in die Tasche lügen. Warum tun wir so, als ist es egal, wie die Menschen aussehen und pochen darauf, dass es nur auf die inneren Werte ankommt, als haben wir nicht alle gegenteilige Erfahrungen gemacht? Die meisten von uns wurden nicht als Erste in die Volleyballmannschaft gewählt, die meisten haben nicht drei Verehrer gleichzeitig an der Angel und wem von uns schickt Armani schon Kleider einfach so nach Hause mit der dringenden Bitte, sie unbedingt zu behalten? Lassen wir deshalb die Köpfe hängen oder gehen ins Kloster? Natürlich nicht. Die Erfahrung, nicht zu den Schönsten und Besten zu gehören, hat uns gelehrt, dass es tatsächlich wichtigere Momente gibt im Leben, als auf einem roten Teppich zu stehen, dass es in der zweiten, dritten oder der berühmten letzten Reihe in der Regel lustiger ist.

Wir alle wissen, dass es im Yoga und in der Welt vor allem darauf ankommt, wie wir uns fühlen. Aber es wäre gelogen, so zu tun, als hätte unser Körper, unsere Kraft und unser Aussehen keinen Einfluss darauf. Also steht zu dem, was euch persönlich wichtig ist. Nur dann werdet Ihr auch das, was den Anderen etwas bedeutet, akzeptieren lernen.

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