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Bild: René Hug

Yin Yoga-Experte René Hug: Alles über Yin Yoga

Von René Hug

Trend Yin Yoga

Schaut man sich heutzutage in Yogastudios ein wenig um oder liest man aufmerksam einschlägige Yogamagazine stellt man fest, dass ein bestimmter Yogastil immer wieder Erwähnung findet, nämlich Yin Yoga. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass die gesamte Yogawelt sich derzeit nur mit diesem einen Stil beschäftigen möchte. Für mich als Yin Yogalehrer ist das natürlich sehr erfreulich. Besonders freut es mich aber, wenn ich merke, dass die Menschen mehr über diesen Stil erfahren wollen. Oft bekomme ich dann Fragen gestellt, wo Yin Yoga seine Wurzeln hat oder welche Besonderheiten und Eigenschaften diese Art des Yoga aufweist. Diesen Wissensdurst kann ich gleichermassen sowohl bei Yoga-Neulingen als auch bei langjährigen Yogaschülern feststellen.

Was ist Yin Yoga?

Yin Yoga ist eine meditative und reflexive Yogapraxis, die auf im Sitzen bzw. Liegen praktizierte Asanas basiert, welche für längere Zeit gehalten werden. Das Konzept des Yin Yoga besteht aus Haltungen, die vom traditionellen Hathayoga abgeleitet und mit verschiedenen Einflüssen aus dem traditionellen indischen Yoga, dem chinesischen Taoismus und Erkenntnissen aus der westlichen Wissenschaft über den Körperbau und die Funktion der inneren Organe ergänzt wurden.

Geschichte des Yin Yoga

1987 wurde ein TV-Bericht über den äusserst flexiblen Kampfsportler Paulie Zink gezeigt. Darin erklärte er, dass er seine Beweglichkeit dem sogenannten "Daoist Yoga" zu verdanken habe, das ihn Kung-Fu-Meister Cho Chat Ling gelehrt hatte.

Paul Grilley sah diesen Bericht und  wurde darauf hin Zinks Schüler. Paul fand Paulies Arbeit hoch interessant. Was ihn aber zutiefst bewegte, war das lange, stille Halten der einzelnen Yoga Positionen. Es dauerte nicht lange, da gab Paul Grilley selber Kurse in "Daoist Yoga" und begann den Stil weiterzuentwickeln. Trotz inhaltlicher Unterschiede nannte er den Stil aus Ehrerbietung an Paulie Zink zunächst Daoist Yoga, später dann aber "Taoist Yoga“, um Verwechslungen in Zukunft zu vermeiden.

Paul Grilley und seine Studien

Paul Grilleys weiterer Weg brachte ihn mit Dr. Motoyama in Japan und mit Dr. Garry Parker zusammen, bei denen er ausführliche Studien über die Anatomie des menschlichen Körpers betrieb. Diese Studien vertiefte er später noch mit dem Studium der Kinesiologie. Die Erkenntnisse aus diesen Studien machte Pauls Arbeit für die Yogawelt dann auch so bahnbrechend. Er erkannte, dass die sichere Ausführung einer Yogahaltung nicht allein von der Praxis und Übung des Yogaschülers abhängig ist, sondern auch vom Bewegungsspielraum des einzelnen Menschen, der durch die individuelle Skelettstruktur vorgegeben ist. Das bedeutet, die gleiche Yogahaltung ausgeführt von zwei verschiedenen Menschen mit verschiedenen Bewegungsspielräumen ihrer Skelettstruktur wird höchstwahrscheinlich aufgrund dieser Tatsache niemals gleich aussehen können. Für den Schüler bedeutet dies, bei der Yogapraxis den Unterschied zwischen myofaszialer (muskulärer / faszialer) Spannung und der Kompression der individuellen Knochenstruktur zu erkennen. Oder anders ausgedrückt: Komme ich nicht mehr tiefer in die Haltung hinein, weil meine Faszien verklebt oder verhärtet sind, oder weil mein Skelettbau es nicht weiter zulässt? Beim ersten kann man über Entspannung und Übung noch weitere Fortschritte in der Asana machen, beim zweiten kann man nichts mehr machen, da der Bewegungsspielraum des Skelettbaus vorgegeben ist. Diesen Unterschied erkennen zu lernen ist wichtig, um an der eigenen Praxis zu wachsen.

Sarah Powers gibt Yin Yoga seinen Namen

Auf den endgültigen Namen "Yin Yoga“ kam schließlich Sarah Powers, die im selben Studio wie Paul Grilley Yoga unterrichtete. Sie war bereits selber eine renommierte Yogalehrerin und gehörte dennoch zu den ersten Schülerinnen, die sich für den neuen Stil von Paul Grilley begeistern konnte. Die Lehren von Paul Grilley ergänzte sie durch Komponenten der Buddhistischen Philosophie. Sie widmet sich einer Yin Yoga Praxis die darauf abzielt, den Fluss des Qi (Chi) innerhalb des Meridiansystems zu stimulieren und Organsysteme, so wie sie auch in der TCM (Traditionellen Chinesischen Medizin) verstanden werden, auszubalancieren und zu stärken. Diejenigen ihrer Schüler, die mehr über Yin Yoga lernen wollten, leitete sie an Paul Grilley weiter, der Yin Yoga auch International bekannt machte und bereits weltweit Yin Yoga Ausbildungen gab.

Besonderheiten und Wirkung von Yin Yoga

Yin Yoga ist eine meditative Annäherung an sein Innenleben mit gleichzeitigem  Fokus auf die eigene Anatomie. In der Yin Yoga Praxis schaut man ganz intensiv in sich hinein, man gibt sich seinen Emotionen hin, wodurch man viel über sich selbst lernen kann. Die Asanas werden zwar in einer für den Körper relativ komfortablen Position gehalten, allerdings kann das lange Halten, in der Regel zwischen drei bis fünfzehn Minuten, durchaus für viele Yogaschüler zu einer körperlichen Herausforderung werden.

Man sollte dabei immer gut auf seinen Körper hören und nicht von Anfang an an die eigenen Grenzen gehen. Es ist eher ein sachtes Stück für Stück in die Haltung sinken. Dadurch erhöht sich im Körper die Flexibilität der Muskeln und Faszien und es können zum Teil An- und Verspannungen gelindert und sogar komplett gelöst werden, wodurch der Fluss des Chi harmonisiert wird. Durch das sanfte lange Ausharren in den Haltungen können aufgrund von Bewegungsmangel entstandene Degenerierungen und Fixationen - die geradezu eine Epidemie in unserer sogenannten weiterentwickelten Kultur mit ihren an die Computer "geschweissten" und sitzenden Menschen darstellen - wieder aufgelöst werden. Bei dieser ruhigen und meditativen Yoga Praxis werden so viele Hilfsmittel wie nur möglich eingesetzt, wie zum Beispiel Polster, Decken, Gurte, Klötze und Sandsäcke.

Im Yin Yoga sollte es darum gehen den Körper zu erkunden und zu erspüren. Es geht bei diesem Yogastil allein um die reine energetische Arbeit mit dem Körper, ohne Leistung erbringen zu müssen oder Anerkennung von Anderen zu erlangen. Dabei ist es wichtig, eine Achtsamkeit zu entwickeln und das "Hier und Jetzt" mehr zu spüren und sich dadurch seiner Selbst bewusster zu werden, ohne gedanklich in der Vergangenheit oder der Zukunft zu sein. Diese Praxis lehrt uns zum Beispiel gewisse Situationen einfach einmal auszuhalten und nicht wehleidig zu sein. Da die Reize beim langen Halten stärker werden geht bei so manchem Teilnehmer mit der Zeit das "Kopfkino" los und man erfährt plötzlich verschiedene Emotionen wie Wut, Ärger, Trauer, Verzweiflung, aber auch Erinnerungen an schöne Erlebnisse mit schönen Bildern und Erfahrungen aus der Vergangenheit, die uns gelehrt haben Ruhe zu bewahren. Genau dieser Teil des Yin Yoga lehrt uns bestimmte Situationen unseres Lebens besser auszuhalten und mit ihnen besser umzugehen, so dass wir weniger schnell aus dem emotionalen Gleichgewicht gebracht werden. So wie ich mich auf der Yogamatte verhalte, d.h. so wie ich mich selber wahrnehme und mich selbst behandle, so achtsam, wie ich mir selbst gegenüber bin, genau so werde ich mich auch meinen Mitmenschen gegenüber verhalten - jemand hat einmal gesagt "Liebe deinen Nächsten so wie dich selbst". Kannst du dich selbst nicht lieben, dann kannst du deinen Mitmenschen genauso wenig lieben; behandelst du dich selbst schlecht, dann machst du das höchstwahrscheinlich auch mit deinem Mitmenschen so. Aber... um dich selbst gut zu behandeln, musst du dich erst einmal kennen und wissen, was du brauchst und was dir gut tut - und genau da kommt Yin Yoga ins Spiel.

Ein grosser Teil des Yin Yoga besteht auch darin, nicht immer unbedingt selbst aktiv zu sein und etwas verändern zu wollen, sondern die Dinge auch einfach einmal geschehen zu lassen und quasi als passiver Beobachter dabei zu sein. Dadurch erfahren wir eine Entleerung des Gedankenapparats und lernen, die Dinge, die wir nicht ändern können, so sein zu lassen wie sie sind und uns zu entspannen. Das ist der Grund, warum wir nach der Yin Yoga Praxis dann gelassen, ausgeglichen, entspannt und so "wundersam" ruhig sind. Neben zahlreichen gesundheitsfördernden Effekten sensibilisiert eine regelmäßige Yin Yoga Praxis uns für eine bewusste Körperwahrnehmung und bewirkt, die Signale von Überlastung frühzeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln. Sie stellt das innere Gleichgewicht eines Menschen wieder her. Unser Alltag ist immer noch viel zu stark vom Yang - dem starken Gegenpol des Yin - geprägt, also von Stress, Hektik und Druck, was uns auf Dauer krank machen kann. Yin Yoga steht also nicht in Konkurrenz zu den anderen dynamischen Yogastilen, die sehr Yang-lastig sind. Im Gegenteil! Yin und Yang bilden eine Einheit. Yang ist die männliche Kraft, die unseren Muskeln zugeordnet ist, die - so wie unser Alltag auch - mit viel Bewegung verbunden werden. Yin steht für die weibliche Energie, die uns zur Ruhe kommen lässt und eher mit unseren Knochen und Gelenken in Verbindung gebracht wird. Das eine kann nicht ohne das andere existieren. Während wir im dynamischen Yogastil den Fokus auf die Muskulatur setzen und eher aktiv sind, liegt der Fokus im Yin Yoga mehr auf der Passivität. Yoga und Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) gehen von der gleichen Grundannahme aus: Der Mensch hat neben seinem physischen Körper auch einen oder mehrere Energiekörper, die von einem Netz feinstofflicher Energieleitbahnen durchzogen sind, Nadis oder Meridiane genannt. In diesen Kanälen pulsiert die Lebensenergie, von den Indern Prana und von den Chinesen Chi genannt. Nach der taoistischen Philosophie und der TCM fehlt in unseren Energiekörpern oft das universelle Gleichgewicht.  Man könnte auch sagen, dass der hektische Alltag unseres westlichen Lebensstils die Yang - Seite unseres Lebens repräsentiert und unser Leben normalerweise durch den von uns geführte Alltag sehr Yang - lastig ist. Mit einer Yin Yoga Praxis stärkt man wieder mehr die Yin - Seite und kann so den Ausgleich dazu schaffen. Der Fokus liegt hierbei auf den tieferen Schichten des Körpers wie Bindegewebe und Faszien. Diese werden im dynamischen Yoga oft gar nicht erreicht. Die Ergebnisse der modernen Faszienforschung zeigen, dass Bindegewebe, wie lange angenommen, nicht einfach Füllmaterial ist, sondern für unser Wohlbefinden eine wichtige Rolle spielt. Neueste Erkenntnisse zeigen, dass die Meridiane in den Faszien verlaufen und deren Harmonisierung durch die langen passiven Dehnungen, wie sie im Yin Yoga geschehen, eine ausgleichende und heilende Wirkung haben.

Wer Yin Yoga das erste Mal ausprobiert, merkt schnell, wie intensiv diese Erfahrung ist – nämlich dann, wenn es einem nicht mehr gelingt, sich mit Muskelkraft gegen das komplette Einsinken in die Haltung zu wehren. Spätestens dann merkt man auch, dass Yin Yoga nicht ganz so "kuschelig" ist, wie es eventuell die als Hilfsmittel eingesetzten Blöcke und Decken Glauben machen könnten. Mit der Zeit kommen beim Yogi dann durchaus schon mal Fluchtgedanken auf. Interessant ist auch, dass dem Herauskommen aus den Asanas bei diesem Yogastil sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Ist man erst einmal richtig in eine Haltung "versunken", dann ist es nämlich oftmals gar nicht so einfach wieder aus ihr heraus zu kommen.

Ich bin davon überzeugt, dass Yin Yoga uns im Westen helfen wird, Yoga an sich mehr zu verstehen und was es in uns bewirken kann. Dieser meditative ruhige Yogastil ist erst am Anfang seiner Geschichte, genau so wie der wahre Sinn und Zweck des Yoga erst jetzt richtig entdeckt wird. Ich wünsche allen viel Freude beim praktizieren und beim erforschen der Praxis. Genießt den starken "Nachhall", den eine Yin Yoga Praxis in euch erzeugen kann.

 

Hier unser Yin Yoga-Einführungs-Video von René Hug:

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