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Achtung, häusliche Gewalt fängt ganz klein an
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Achtung, häusliche Gewalt fängt ganz klein an

Von Kristin Rübesamen

Draußen fliegen Blätter durch den Wind. Arbeitsblätter, die sich zwei Mädchen brav auf einer Decke zurechtgelegt haben. Auf einer Wiese zusammen Hausaufgaben machen, weil sie nicht in die Schule können, ist anscheinend der Plan. Erst aber wird herumgehüpft und gelacht. Sie sind vielleicht 14, später werden sie nach Hause gehen, Nudeln essen, vielleicht noch eine Partie Karten spielen und wieder lachen.

Vielleicht auch nicht. Zu Hause bleiben, die Parole der Pandemie, gedacht als Schutz und Prävention ist für viele leider das Gegenteil: eine Bedrohung für Leib und Seele. Männer gegen Frauen, Erwachsene gegen Kinder, Starke gegen Schwache.

Nicht alle Familien können die gemeinsame Corona-Zeit genießen

Während in vielen Familien der vielzitierte ewige Sonntag herrscht, ist die Corona-Zeit für andere die Hölle auf Erden. In China sind die Fälle häuslicher Gewalt während der Ausgangssperre um ein Drittel gestiegen. Dass der befürchtete Ansturm auf die Frauenhäuser in Deutschland erst mal ausblieb, heißt nichts. Viele der betroffenen Frauen, denn es sind in erster Linie und überwiegend Frauen, haben gar nicht die Möglichkeit, zu Hause zu telefonieren, dürfen oft auch nicht das Haus allein verlassen. All das ist bekannt. Familienministerin Franziska Giffey hat bereits im März darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig das Thema „häusliche Gewalt“ in der Corona-Krise werden könnte.

Wie allen Menschen liegt auch uns Yogis das Thema am Herzen, weil uns Gewalt zutiefst zuwider ist, weil wir als Yogis friedlich leben wollen und wir auf diesen Frieden mit einem unserer schönsten Mantras pochen:

Lokah samastah sukhino bhavantu.

Mögen alle Wesen in allen Welten glücklick und frei sein.

Was können wir also tun? Im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt ist eine unserer Kernkompetenzen gefragt: unsere Aufmerksamkeit. Hinschauen, nicht wegschauen. Was passiert in unseren Beziehungen? Und was passiert um uns herum?

Wie fängt häusliche Gewalt an?

Es geht, traut man den Erzählungen, ganz unscheinbar los. Mit einer gemeinen Bemerkung, einer fiesen Kritik, einer als Scherz getarnten Kontrolle des Handys, einer Lüge, die nicht zugegeben, einem Betrug, der kalt geleugnet wird: mit kleinen Verletzungen, die man verzeiht, weil man ja nicht kleinlich sein will, weil es peinlich ist, sich einzugestehen, dass man sich so behandeln lässt. Weil man Entschuldigungen findet und finden muss, denn diese Gemeinheiten finden schließlich genau da statt, wo es eigentlich friedlich und liebevoll zugehen sollte: in den eigenen vier Wänden.

Dass diese Kulisse zum Kriegsschauplatz wird, lange bevor es zu körperlichen Gewalt kommt, dass körperlicher Gewalt immer psychische Gewalt vorausgeht, müssen wir wissen. Auch, dass wir psychische Gewalt viel länger hinzunehmen bereit sind, wenn wir offen für Kritik sind. Das nützen die Täter aus. All die Seitenhiebe, die Vorwürfe, wir seien zu unabhängig, zu egozentrisch, zu kalt, treffen uns und tun weh, denn wir haben ein anderes Bild von uns. Wir wollen Menschen sein, die Verständnis zeigen, offen bleiben, Kritik annehmen, also schlucken wir mehr, als wir sollten. Wenn wir uns doch mal wehren, wird uns vorgeworfen, zu impulsiv zu sein, zu emotional, zu irrational.

Kurz: Egal, wie wir uns verhalten, wir sitzen in der Falle. Also reißen wir uns am Riemen, auch wenn die Kritik ungerecht ist und wir die Vorwürfe auch bei ruhigem Überlegen nicht nachvollziehen können. Wir widersprechen nur noch selten, auch wenn die Ungerechtigkeit uns die Kehle zusammenzieht und den Magen verkrampft. Irgendwann schweigen wir. Wir sind zu Komplizen der Gewalt geworden, sitzen als Opfer mit den Tätern im selben Boot und das Gefühl, selber schuld zu sein, wächst und wächst. Es wird so groß, dass die Schwelle zwischen psychischer und körperlicher Gewalt keine große Rolle mehr spielt. Unsere Wahrnehmung ist so verschoben, dass wir uns lieber kontrollieren, beschimpfen, anspucken, schubsen oder gar schlagen lassen, als die Beziehung und ihr krankes Fundament in Frage zu stellen. So beschreiben es Betroffene.

Häusliche Gewalt: Was können wir tun?

Als Erstes müssten Opfer von häuslicher Gewalt also ihre Wahrnehmung korrigieren und klar sehen, was ihnen angetan wird. Das ist ungeheuer schwer. Besonders Frauen mit einem höheren Bildungsgrad riskieren, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden, weil sie es vermeiden wollen, sich als Opfer zu sehen. Der Schritt nach draußen kostet ebenfalls viel Mut. Sich in der gegenwärtigen Zwangslage in ein Frauenhaus zu retten, ist noch schwieriger als in normalen Zeiten.

Die verhältnismäßig lockere Kontaktsperre in Deutschland ist in diesem Zusammenhang ein Segen im Vergleich zu anderen Ländern, die zu härteren Maßnahmen greifen mussten. In den ersten vier Wochen des Lockdowns in England, schreibt der Guardian, wurden 13 Frauen und vier Kinder getötet, doppelt so viele wie der entsetzliche Durchschnitt von zwei Frauen, die zu „normalen“ Zeiten pro Monat durch häusliche Gewaltakte sterben müssen im UK.

Doch das Grundproblem ist überall gleich: Covid-19 entzieht den Tätern die Kontrolle, sie dürfen nicht mehr entscheiden, wohin sie gehen, was sie tun dürfen, sie verlieren vielleicht vorübergehend die Kontrolle über ihre finanzielle Zukunft und ihren Beruf, sie haben Angst, sind frustriert und unfähig, diese Gefühle anders als durch Gewalt zu zeigen.

Das Problem ist da. Jede vierte Frau erfährt in ihrem Leben Gewalt durch ihren Partner. Genau wie bei Kindesmisshandlung ist die Dunkelziffer nicht angezeigter Straftaten sehr hoch. Wir können und dürfen selbstverständlich niemals die Aufgabe der Polizei, der Psychologen oder der Anwälte und Richter übernehmen. Was wir aber tun können, ist genau hinsehen und hinhören. Uns Zeit nehmen für das Gespräch mit Menschen, denen es nicht gut geht. Das Bewusstsein dafür schaffen, dass Reden hilft. Hellhörig bleiben. Mitfühlen. Da sein.


Wenn du von häuslicher Gewalt betroffen bist, kannst du dich über das Hilfetelefon des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben beraten lassen: 08000 116 016.

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