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Yoga traumasensitiv unterrichten

Von Dipl. oec. troph. Dagmar Härle

Traumasensitives Yoga, dessen Wirksamkeit wissenschaftlich durch mehrere Studien belegt ist, wurde am Traumacenter in Boston entwickelt. TSY wird dort seit über 15 Jahren erfolgreich als wichtiger Teil der Traumatherapie eingesetzt. Die achtsame und auf die Bedürfnisse der Betroffenen abgestimmte Yogapraxis hilft traumatisierten Patienten, ihr Körpergewahrsein wieder zu gewinnen, im Hier und Jetzt zu sein und zu beobachten, ohne zu reagieren, eine Grundvoraussetzung, um sich den traumatischen Erinnerungen stellen zu können. Zahlreiche Studien belegen, dass Yoga eine wirkungsvolle Methode zur Behandlung psychischer Störungen ist. Das Üben von Yoga zeigt positive Effekte auf die Symptomatik von Depressionen, Angststörungen, posttraumatischer Belastungsstörung, sowie auf Faktoren wie die individuelle Gemütsverfassung, Bluthochdruck, Anspannung und Nervosität, Konzentration und ein subjektives Gefühl des Wohlbefindens. Im Hinblick auf Stimmung und emotionales Befinden vermuten Wissenschaftler, dass Pranayama und andere Achtsamkeitstechniken es den Praktizierenden erleichtern, ihre negativen Gedanken zu identifizieren und sich davon distanzieren. 

Es spricht jedoch auch viel dafür, dass die Wirkung des Yoga vornehmlich auf der Ebene der Körperschemata zu finden ist. Sind die Körperempfindungen zum Zeitpunkt des Traumas eingefroren, gelangen immer dieselben Informationen zum Gehirn, wo sie dieselben Gefühle, Reaktionen und Empfindungen wecken. Den Zugang zu und die Veränderung von Traumaschemata erreichen wir am besten über Atem- und Körperübungen. Die Yogis wussten schon immer, dass der Atem der schnellste und wirkungsvollste Weg ist, das Nervensystem und damit das körperliche und emotionale Befinden zu beeinflussen. Diese Verknüpfung ist stark und schnell, denn Zehntausende von Rezeptoren in der Lunge und in den Atemwegen verändern die Botschaften, die an das Gehirn weitergeleitet werden. Ein Beispiel: Wenn wir langsam atmen, lässt der Körper dem Gehirn die Information zukommen, dass wir in Sicherheit sind. Halten wir dagegen den Atem an, versetzen wir uns in Alarmbereitschaft. Dieses Urwissen machen wir uns in jeder Yogastunde zunutze, wenn wir über Pranayamaübungen wie auch über Asanas den Atem gezielt beeinflussen.

Um Menschen mit Traumafolgestörungen professionell und sicher begleiten zu können, müssen YogalehrerInnen eine profunde Kenntnis über Arten und Ursachen von Trauma, Symptomatik und der Funktion des Nervensystems haben. Mit diesem Wissen können sie ihren Unterricht auf die Bedürfnisse Betroffener abstimmen und auch anderen erklären, warum sie den Yogaunterricht so und nicht anders gestalten – eine wichtige Voraussetzung, um mit Kliniken, Flüchtlingseinrichtungen oder anderen Institutionen zusammenarbeiten zu können. 

Trauma und Traumafolgestörungen – Was passiert im Nervensystem?

Was versteht man unter einem Trauma? Ein Auszug aus der Definition des Diagnosehandbuchs beschreibt ein Trauma folgendermassen: Eine Person war Tod, Todesdrohung, reale oder drohende ernsthafte Verletzung, reale oder drohende sexuelle Gewalt ausgesetzt. Diese Ereignisse können entweder als direkte Exposition, durch Zeugenschaft oder indirekt dadurch, dass ein naher Freund oder Verwandter derartiges erlebt hat als potentieller Auslöser für eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) gelten. Ereignisse, die mit realem oder drohendem Tod in Verbindung stehen, müssen den Charakter einer Gewalttat oder eines Unfalls haben. 

Jeder kann sich in eine extrem bedrohliche Situation hineinversetzen und wenn Sie dies für einen Augenblick tun, bemerkst du sicher, dass es sich vor allem eine körperliche Erfahrung handelt. Du spürest, wie du die Luft anhältst und erstarrst. Auf der Gefühlsebene erleben wir in extrem bedrohlichen Situationen Angst, Panik, Wut, aber auch Ohnmacht und Hilflosigkeit oder Ekel. Sind wir in Panik, setzt das Denken und allmählich auch das Fühlen aus. Sehen wir keinen Ausweg wird der Körper taub und schlaff und wir fühlen uns einer Ohnmacht nahe oder werden tatsächlich ohnmächtig – dissoziieren (Dissoziation = Abspaltung). 

Ein Trauma besteht also nicht nur aus im Gehirn festgesetzten Erinnerungen in Form von Bildern, Gerüchen, Geräuschen und Gefühlen, ein Trauma widerfährt dem Körper und wird dort gespeichert. Es ist folglich auch die Geschichte eines Körpers, der zum Zeitpunkt eines Ereignisses oder, bei schwer Traumatisierten, im Zeitraum der peinigenden Geschehnisse, eingefroren ist und in einer sich ständig wiederholenden Stressantwort stecken blieb. Diese Stressreaktion zeigt sich körperlich in Bewegungs-, Atem- und Haltungsmustern. In Gefahrensituationen möchten Betroffene handeln und der Stagnation entfliehen oder sich zur Wehr setzen, doch lässt ihr Körper sie im Stich, anstatt sie in Sicherheit zu bringen. Im Alltag, in Situationen, in denen sie sich entspannen könnten, empfinden sie Unruhe, Überwachsamkeit und Nervosität und werden, nicht selten aus unerfindlichen Gründen, von Gefühlen überflutet oder aber sie fühlen sich taub, gelähmt und eingefroren. Oft wechseln sich diese Zustände ab. Betroffene sind zwischen Über- und Untererregung gefangen. Der Körper, auch wenn er keine äusseren Verletzungen zeigt, hat eine lebensbedrohliche Situation durchlitten und die physiologischen Reaktionen bleiben im Gedächtnis. Die Betroffenen selbst vergessen, neben allen anderen sensorischen Eindrücken, die Empfindung von Erstarrung und Ohnmacht ebenso wenig, wie sie die Erinnerung an das Herzrasen oder die Übelkeit während des traumatischen Geschehens nicht einfach ablegen können. Um mit diesen peinigenden Empfindungen umgehen zu können, entwickeln sie körperliche Reaktionsmuster, dazu zählen unter anderem veränderte Atemgewohnheiten, zum Beispiel eine flache Atmung oder Haltungs- und Bewegungstendenzen wie zum Schutz hochgezogene Schultern, ein ausweichender Blick oder eine gekrümmte Haltung. Diese zur Gewohnheit gewordenen Körperprogramme tragen nicht unerheblich dazu bei, dass Emotionen und Gedanken in einem Teufelskreis aufrechterhalten werden. Kann ein Mensch die Last seiner traumatischen Ereignisse nicht mehr verarbeiten, entwickelt sich eine komplexe Symptomatik. Zu den Symptomen zählen ungewollte Erinnerungen (Intrusionen), Übererregung (Wachsamkeit, Nervosität, Schlafstörungen) ebenso wie Taubheit/Dissoziation und Vermeidung. Betroffene versuchen verständlicherweise alles zu vermeiden, was sie an das Trauma erinnern könnte. Dies kann sich im Vermeiden von Autofahren nach einem Unfall bis hin zum Meiden anderer Menschen nach einer Gewalttat reichen.

Betrachten wir die Symptomatik so erscheint sie auf den ersten Blick widersprüchlich. Wir haben es mit Über- wie auch mit Untererregung zu tun. Wie kann man sich das erklären? Im Moment einer Bedrohung aktiviert der Sympathikus, ein Zweig unseres autonomen Nervensystems, unseren gesamten Organismus und macht uns bereit für Kampf und Flucht. Sind Kampf und Flucht aussichtslos oder führen nicht zum Erfolg, hat die Natur eine weitere Selbstverteidigung eingebaut – den Totstellreflex. Diese Reaktion wird vom Gegenspieler des Sympathikus, dem Parasymathikus eingeleitet und versetzt unseren Körper in einen tauben, leblosen Zustand. Traumatisierte Menschen leiden je nach Art des Traumas folglich unter einem dauerhaft aktivierten Sympathikus, der sie in einem Kampf/Fluchtmodus gefangen hält oder unter Taubheit und Dissoziation, vor allem dann, wenn sie während des Traumas dissoziiert sind. Und genau so kommen sie zu uns in die Yogastunde. Die einen sind vielleicht sehr nervös, würden am liebsten die Flucht ergreifen, oder sind wachsam und bereit, sich zur Wehr zu setzen, wenn sie sich bedroht fühlen oder aber, sie befinden sich in einer Art Autopilotmodus und haben wenig Zugang zu ihren körperlichen Empfindungen. Hier wird bereits deutlich, dass ein «sanftes» und behutsames Yoga ebenso wie eine ausschliesslich körperlich fordernde Form nicht die richtige Antwort auf die Bedürfnisse Traumatisierter ist. 

Was macht das Yoga traumasensitiv?

Betrachten wir zunächst eine übliche Yogastunde: Im klassischen Yoga zeigt der Lehrer ein Asana vor und weist seine Schüler an, es ihm nachzutun. Manche Lehrer korrigieren verbal, andere gehen durch die Reihen und korrigieren «Hands on», das heisst geben mit ihren Händen Impulse und verdeutlichen damit eine Ausführung, die sich die Schüler zum Ziel setzen sollen. Die Haltungen werden, je nach Schule, unterschiedlich lange gehalten und wieder aufgelöst – wie lange ein Asana eingenommen wird, bestimmt in der Regel der Lehrer, der auch durchaus ermutigen kann, etwas länger zu halten oder ein wenig tiefer zu gehen wie auch, die Übung nach eigenen Gutdünken zu beenden. Sprechpausen ermöglichen den Schülern, sich auf sich zu besinnen und bei sich zu bleiben. Nach einer Phase ruhigen Nachspürens geht man zum nächsten Asana über. Oder aber Yoga wird als Flow (zum Beispiel im Power-Yoga) geübt, in dem die Haltungen ein einem Fluss aneinandergereiht werden. Am Ende folgt in der Regel Shavasana, die Totenhaltung, in der, auf dem Rücken liegend, präsent, wach und entspannt einige Minuten die Wirkung der Yogapraxis nachempfunden wird. Über ehrgeizige Ziele, verstärkt durch die Bilder von perfekten, biegsamen und häufig leichtbekleideten Körpern in der Presse und im Internet, kann die ursprüngliche Zielsetzung des Yoga, das Einüben der Geistesruhe und Achtsamkeit, leicht verloren gehen und traumatisierten Menschen, die oft wenig Zugang zu ihrem Körper haben, Angst einflössen oder aber ihren Körper als Feind betrachten und sich schinden, indem sie ihre körperlichen Grenzen nicht wahrnehmen. Selbst wenn wir als Lehrer diesen Ehrgeiz nicht fördern wollen und ermutigen, nur so lange zu halten oder so weit zu gehen, wie es jedem einzelnen möglich ist, nehmen auch viele nicht traumatisierte SchülerInnen diese Erlaubnis nicht für bare Münze, da sie sich entweder nicht trauen, früher aufzuhören und weniger fit zu erscheinen oder auch aus der Reihe zu tanzen und etwa anders zu machen als alle anderen. 

Legen wir die einführenden Gedanken zugrunde, wird leicht verständlich, dass manche dieser Situationen für Menschen, die unter den Folgen von Traumata leiden, schwierig sein können. Dazu zählen beispielsweise das Umherlaufen des Lehrers, Korrekturen, Berührung. All das kann ihre Überwachsamkeit triggern und dazu führen, dass sie sich angespannt, ängstlich oder ärgerlich fühlen. Aber auch lange Sprechpausen bzw. eine stille Entspannung am Ende der Stunde, kann dazu führen, dass sie sich verloren fühlen und dissoziieren. Ein ambitionierter Umgang mit Yoga birgt zudem die Gefahr, dass sie über ihre körperlichen Grenzen gehen, weil sie sich oft mit ihrem Körper wenig oder gar nicht verbunden und sich überfordern, aber auch, indem sie versuchen, vorgegebene Ziele zu erreichen, «nichts falsch machen, nicht auffallen» und «genügen» wollen. Und nicht zuletzt trauen gerade Menschen, die Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung von anderen erfahren haben, ihren körperlichen Empfindungen weniger als der Autorität des Lehrers. 

Worin unterscheidet sich eine TSY-Yogastunde? 

Interozeption – Botschaften aus dem Inneren

Die interozeptive Sensitivität zu fördern ist eines der grundlegenden Ziele des TSY. Interozeption bezeichnet die Wahrnehmung von Vorgängen aus dem Körperinnern. Dieses innere Empfinden registriert den Zustand des Körpers. Dazu gehören Herzfrequenz, Schmerzempfinden, Körpertemperatur, Atemgeschwindigkeit, Empfindungen wie Muskelspannung oder ein Magendrücken Ebenso werden aufgrund körperlicher Wahrnehmungen Emotionen identifiziert, da unsere Gefühle mit Körperempfindungen einhergehen. Bei der Interozeption werden nur Zustandsänderungen und nicht das absolute Niveau eines physiologischen Zustandes wahrgenommen. Ein Training der interozeptiven Sensitivität braucht also Bewegung. Welche Vorteile hat eine erhöhte interozeptive Wahrnehmungsfähigkeit? Werden sich Betroffene ihrer körperlichen Empfindungen bewusst, fällt es ihnen zunehmend leichter, einen Beobachterstatus einzunehmen und den Beginn wie auch den Verlauf einer Körpersensation wie auch Emotion wahrzunehmen. Dies versetzt sie in die Lage, sich ihrer Stressreaktionen bewusster zu werden und den Anstieg einer Erregung bereits in der Anfangsphase abbremsen zu können. Um sich wieder zu beruhigen, kann ein Asana oder eine Yogaatmung, die sich als hilfreich erwiesen hat, als Ressource dienen. Beispielsweise kann in der Berghaltung im Sitzen der Kontakt mit dem Boden gespürt werden, die Sitzbeinhöcker, die Hände auf den Oberschenkeln, die Bewegung des Atems.

 

Abb. 1 Berghaltung 

Das Training der interozeptiven Wahrnehmung bedeutet konkret, dass du konkrete, körperliche Empfindungen, die möglicherweise in einer Haltung spürbar sind, ansprechen. Das können Wahrnehmungen wie Temperatur, Gewicht, Dehnung, Entspannung, Gleichgewicht etc. sein. Du begleitest in einer strukturellen, funktionalen Sprache, das heisst, du „benennst“ Gelenke, Muskeln, Knochen, Druck, Gewicht oder Dehnung. Alle Anleitungen sind Vorschläge und werden einladend formuliert. Zum Beispiel: «Wenn du möchtest …, wenn du soweit bist …, vielleicht möchtest du folgendes ausprobieren …», ebenso wie alle Vorschläge für interozeptives Gewahrsein als Möglichkeit formuliert werden: „Vielleicht nimmst du beispielsweise eine Dehnung … möglicherweise einen Druck … das Gewicht … eine Muskelaktivität oder gar nichts wahr.“ Damit verfolgen wir verschiedene Ziele: Der Yogaschüler erhält dadurch Ideen und Orientierung, wie sich etwas anfühlen könnte. Dabei hat er jederzeit die Kontrolle über den Prozess, da er unsere Übungsvorschläge wie auch unsere Ideen für mögliche Empfindungen prüfen kann. Wir streben damit eine Beziehung auf Augenhöhe an, sind also nicht „die Autorität“, die vorgibt, was gefühlt werden sollte, wenn man es richtiggemacht hat. Ich lerne viel von meinen SchülerInnen und werde immer wieder überrascht, dass sie Dinge spüren, ich „übersehen“ habe. Gelingt die interozeptive Wahrnehmung zunehmend besser, können auf der Basis der Botschaften aus dem Körperinneren Entscheidungen getroffen werden, die zu absichtsvollen Handlungen führen. Zu diesem Zweck bieten wir Wahlmöglichkeiten an. 

Wahlmöglichkeiten 

Trauma heisst immer, keine Wahl zu haben, nicht gefragt worden zu sein, nichts entscheiden zu dürfen. Eine andere Macht wie beispielsweise die Natur, ein Autofahrer, ein Täter bestimmt über den Betroffenen. Betroffene, vor allem komplex Traumatisierte, müssen sich die Möglichkeit wählen zu dürfen, erst wieder erarbeiten. Sie unterwerfen sich häufig einer Autorität und tun, was man ihnen sagt, während die innerlich auf Autopilot gehen und nichts spüren. Wir bieten daher Wahlmöglichkeiten an, die den Übenden dazu anregen, selbst auszuprobieren, wie er eine Übung machen möchte. Zu Beginn des Übens beobachte ich, dass die Vorschläge häufig mechanisch ausgeführt, weil die Betroffenen wenig oder nichts spüren. Mit der Zeit jedoch verbessert sich die interozeptive Sensitivität und die Patienten beginnen die Botschaften aus dem Körperinneren nutzen, um zu wirklichen Entscheidungen zu gelangen. Der Zuwachs an Selbstwahrnehmung erhöht die Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit, weil die inneren Botschaften genutzt werden können, um effektive Handlungen auszuführen. Weitere Beispiele sind ein Asana beenden, sich eine Decke unter die Füsse legen, wenn der Stuhl zu hoch ist, die Schuhe abzustreifen, wenn diese stören, das heisst, die Ausführung so verändern, dass es für den Patienten stimmt, was wiederum mittels die interozeptiver Rückmeldung geprüft werden kann.

Berghaltung ohne Schuhe / mit Decke

Eine Teilnehmerin sagte nach einer Yogastunde zu mir: «Sie können mir gar nicht oft genug sagen, dass ich wählen darf. Ich vergesse es immer wieder.» Unsere Anleitungen unterscheiden sich gegenüber dem üblichen Yogaunterricht, dass wir Vorschläge machen, wie beispielsweise: «du kannst die Arme parallel zum Boden heben, oder aber sie auf einem tieferen Niveau halten … probiere aus, was für dich im Moment stimmig ist … es ist immer deine Entscheidung, wo du deine Arme platzieren möchtest … »

Zu viele Wahlmöglichkeiten vorzuschlagen kann ebenso überwältigend sein wie keine Wahl zu haben. Daher starten wir mit zwei Möglichkeiten und nach und nach können weitere Varianten hinzukommen. Wichtig ist dabei auch, dass wir nicht vorgeben, was erreicht werden soll, beispielsweise „angenehm, entspannt, gut oder besser». Nicht selten sind «angenehm, entspannt oder gut» keine vertrauten Kriterien für den Patienten und er weiss anfänglich oft nicht, woran der diese Empfindungen festmachen soll. Dies kann zu einem Gefühl von Hilflosigkeit und Versagen führen. Wir laden ein, das zu spüren. Anregungen wie „Angenehmer“ oder „Besser“ als das vorherige Asana oder die Ausführung in der letzten Stunde führen zu Vergleichen, was vom Hier-und-Jetzt-Erleben wegführt, da eine Parallele zwischen Vergangene und Gegenwärtigem gezogen wird. 

Das Ausprobieren und Erforschen der Wirkung hilft ihnen, sich zu entscheiden, welche Position im Moment stimmt. Vielleicht beunruhigt die starke Kontraktion im Schulterbereich und die Arme zu senken führt zu weniger Spannung. Dies kann sich jedoch verändern und beim nächsten Mal kann sich gerade diese Muskelaktivität in ein Gefühl von Kraft und Energie wandeln. Wir geben nichts vor – weder Ziele wie Entspannung noch Assoziationen von Power und Energie. Die Teilnehmenden erhalten so die Erlaubnis, ihre Empfindungen so zu spüren, wie sie sind und nicht, wie andere es empfinden oder sie etwas wahrnehmen sollten – wichtige Erfahrungen gerade für Menschen die Gewalt und Übergriffe erlebt haben und um zu überleben, verlernen mussten, sich zu spüren.

Fassen wir die wichtigsten Prämissen des TSY zusammen:

  • Wir laden ein bzw. machen Angebote, wir weisen nicht an
  • Wir fokussieren auf die interozeptive Wahrnehmung, die nie bewertet wird
  • Es gibt kein richtig oder falsch, weder bei der Wahrnehmung noch bei der Ausführung eine Übung
  • Wir machen immer mit und erforschen unsererseits unsere Körperempfindungen 
  • Wir schlagen anhand unserer interozeptiven Botschaften vor, was der Patient möglicherweise spürt
  • Wir sind neugierig und offen
  • Wir bieten Wahlmöglichkeiten und stärken so die Selbstwirksamkeit des Patienten
  • Wir erforschen immer den gegenwärtigen Moment und bleiben im Hier und Jetzt
  • Wir streben eine Beziehung auf Augenhöhe an
  • Wir bleiben mit unserer Stimme in Kontakt und vermeiden lange Sprechpausen
  • Wir verstärken nicht die Vermeidung, achten jedoch auf das Timing, wann wir mit der (körperlichen) Exposition beginnen

In TSY ausgebildete YogalehrerInnen können eine wichtige Rolle bei der Behandlung von traumatisierten Menschen übernehmen, da sie mit den Übenden Werkzeuge erarbeiten, die Betroffenen helfen, ihre Affekte und Körperreaktionen unter Kontrolle zu bringen. Die Kenntnis über Ursachen, Symptomatik sowie über die Neurophysiologie des Traumas ermöglicht dir, eine Zusammenarbeit mit Behandlern, Kliniken und anderen Institutionen. 

Wenn du neugierig geworden bist, findest du weitere Information zu den Weiterbildungsmöglichkeiten für TSY unter: www.trauma-institut.eu

Fotos im Text: Dagmar Härle