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Bild: iStockphoto.com

Trauma-sensitives Yoga für Flüchtlinge? Unbedingt.

Von Klemens Höppner und Melina Macho-Boldt

Yoga für Flüchtlinge: Geht das? Und wenn, wie?

Bei einem Gespräch mit Kristin Rübesamen entstand die Idee, einen Leitfaden für Yogalehrer zu schreiben, die Flüchtlinge mit Yogaunterricht unterstützen möchten. Traumatisierte Menschen bedürfen einer besonderen Fürsorge, denn konventioneller Yogaunterricht kann mehr Schaden anrichten als Hilfe bieten. Andererseits kann speziell auf traumatisierte Menschen ausgerichteter Yogaunterricht ein besondere Hilfe bei dem Umgang mit dem Trauma sein, wie die Autoren David Emerson und Elizabeth Hopper in dem Buch „Overcoming Trauma through Yoga: Reclaiming Your Body“ zeigen. Einen kurzen Einblick in die Thematik gibt das Interview von David Emerson.

Was ist ein Trauma?

Man spricht von einem Trauma, wenn jemand einer überwältigenden, unter Umständen lebensbedrohlichen Situation ausgeliefert ist und sich gegenüber dieser Bedrohung als hilflos erlebt. Dazu zählt das Erleben oder Beobachten von Gewalt, Missbrauch, Folter, Kampfhandlungen, Verfolgung, Unfälle, Katastrophen u.ä.

Obwohl die hier ankommenden Menschen ihrer bedrohlichen Lebenssituation entkommen sind, haben sie häufig in dieser Zeit traumatische Erfahrungen gemacht und diese hinterlassen Spuren. Viele von ihnen leiden unter Belastungsreaktionen und es kann zur Entwicklung eines Posttraumatischen Belastungssyndroms kommen. Typische Merkmale sind das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (flashbacks) oder in Träumen. Außerdem gehören dissoziative Symptome, wie Gefühle von Betäubtsein (numbing) und emotionale Stumpfheit, Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen und Teilnahmslosigkeit dazu. Auffallend ist auch das Vermeiden von Aktivitäten oder Situationen, die an das Trauma erinnern könnten. Zustände vegetativer Übererregtheit und gesteigerte Vigilanz (Wachheit), sowie übermäßige Schreckhaftigkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sind ebenso vorhanden. Es bestehen häufig beharrliche Schuld- und Schamgefühle, Rückzug nach innen und Tendenzen zur Isolation, Mangel an Lebensfreude und körperliche Taubheitsgefühle.

Menschen in einer solche Situation haben andere Bedürfnisse als unter normalen Umständen. Körperempfindungen und Emotionen wieder wie früher zu spüren, sich entspannen zu können und das Gefühl von Sicherheit sowie erneut Vertrauen zu Menschen entwickeln zu können sind für die Verarbeitung von Traumata sehr bedeutsam.

Welchen Erfahrungshintergrund bringen Flüchtlinge mit in die Stunde?

Flüchtlinge waren meist Zeugen, Opfer und vielleicht auch Täter von Kampfhandlungen. Sie haben sich auf eine lange, hoffnungsvolle und gefährliche Reise gemacht, um wieder in Sicherheit leben zu können. Vertraute Umgebungen haben sie hinter sich gelassen. Geliebte Menschen haben sie verloren, mussten diese zurücklassen, oder wissen aktuell nicht, wo sie sind. Ihre zukünftige Lebenssituation ist derzeit noch nicht gesichert. Sie finden sich aktuell in einer gänzlich anderen Lebenssituation, auf die sie kaum Einfluss nehmen können.

Wie kann Yoga helfen?

  • Yoga kann hier eine Einladung sein, eine kurze Pause von all diesen Strapazen und Sorgen zu machen. Es kann für diese Zeit ein Stück Balance bringen, den Fokus in den Moment setzen. Und daraus kann ein Stück positives Empfinden in den Alltag transportiert werden.

  • Yoga kann traumatisierten Menschen helfen, wieder ins Spüren zu kommen, ihren Körper wahrzunehmen - ein wertvolles Instrument gegen Dumpfheits- und Taubheitsgefühle.

  • Yoga kann helfen, die dissoziativen Gefühle abzubauen und im Hier und Jetzt anzukommen. Durch das aktive Ausführen von Bewegungen werden Körper und Atmung belebt und gekräftigt. Es ist ein wichtiger Baustein, um Körperspannung abzubauen und Entspannung zu bringen, auch ein Stück Gemeinschaft in der Yogagruppe zu erleben, fernab vom täglichen Warten auf Bleiberecht, Versorgung und Nachricht von Angehörigen.

Doch bestimmte Reize, sogenannte Schlüssel- oder Triggerreize können das traumatische Erlebnis wieder aktualisieren und Bilder, Emotionen, körperliche Zustände, die damals auftraten, kehren zurück. Der Mensch empfindet sich diesen Prozessen, die unwillkürlich in ihm ablaufen, wie ausgeliefert und überwältigt.

Wichtig: Traumata können sehr individuell unterschiedlich getriggert werden. Eine Haltung oder Berührung kann bei einer Person heute und in vielen Stunden problemlos sein und dann bei derselben Person in einer anderen Stunde eine Erinnerung an die traumatische Situation triggern. Es gibt also keine „trauma-gerechte“ anatomische Ausrichtung in den einzelnen Asana und wir müssen als Lehrende hier ggf. auf einige lieb-gewonnene Ausrichtungsprinzipien verzichten, um den Teilnehmern das Wieder-Entdecken des eigenen Körperempfindens und Heilen zu ermöglichen.

Prinzipien eines Trauma-sensitiven Yoga

Im Zentrum einer Trauma-sensitiven Yogastunde stehen zwei Prinzipien:

1. Eine Re-Traumatisierung ist möglichst zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren.

Traumata haben auch eine körperliche Komponente. Die Arbeit mit dem eigenen Körper oder die Berührung des eigenen Körpers kann die Erinnerung an die traumatische Situation wieder erwecken und die traumatisierten Teilnehmer in eine Re-Traumatisierung führen.

So wollte der Autor z.B. während seiner Yogalehrerausbildung eine Schülerin in der liegenden Drehung durch ein Hands-On weiter in die Asana führen, nur um festzustellen, dass ihre Atmung sich beschleunigte und ihr Tränen in die Augen stiegen. Möglicherweise hat sie in diesem Fall auch den männlichen Autor in dieser Hands-On-Haltung mehr noch als die spezifische Berührung als bedrohlich empfunden.

2. Der eigene Körper darf als Ressource wiederentdeckt werden.

Andererseits bietet Yoga die große Chance, den eigenen Körper als Ressource wieder zu entdecken, Frieden mit ihm zu schließen, seine Kraft und Stärke wieder spüren zu lernen, sich in ihm wohl zu fühlen.

Eine Trauma-Klientin der Autorin konnte sich z.B. im Yogaunterricht des Autors Stück für Stück einen positiveren Zugang zu ihrem Körper wieder erarbeiten.

Ressourcen sind immer mit angenehmen, positiven Gefühlen verbunden, sie sind emotional stärkend in ihrer Natur. Die Betonung hier liegt auf "darf als Ressource wieder entdeckt werden", also auf der Einladung des Lehrenden und der Wahlmöglichkeit des Praktizierenden – dies ist in Trauma-sensitiven Yogastunden besonders wichtig, um eine Re-Traumatisierung zu vermeiden.

Kompetenz des Yogalehrers

Insbesondere in einer Trauma-sensitiven Yogastunde – und in den Augen des Autors in jeder Yogastunde – müssen wir uns unseren Kompetenzrahmen bewusst machen: Wieweit erlaubt mir meine Ausbildung (ja: meine Ausbildung - in Abgrenzung zu meiner Einbildung) die Teilnehmer zu führen? Kann ich anatomisch gegründete Yogastunden leiten? Habe ich eine psychologische Ausbildung? Habe ich eine spezialisierte Traumatherapieausbildung? Oder versuche ich mein eigenes Erleben und meinen eigenen Prozess auf die Teilnehmer zu übertragen (oft eine schlechte Idee)? Die Antworten bestimmen, wie weit wir in unserem Angebot gehen können.

Generell können wir den Yogaunterricht so gestalten, dass er die besondere Situation von traumatisierten Praktizierenden berücksichtigt, und die Gefahr einer Re-Traumatisierung verringert:

Hands-On und anderweitige Berührung ohne ausdrückliche Erlaubnis vermeiden

Berührungen jeder Art können eine Re-Traumatisierung auslösen, wie in dem obigen Beispiel beschrieben wurde. Bei einer Trauma-sensitiven Yogastunde sollten deshalb Hands-On und anderweitige körperliche Berührungen vermieden werden.

(Der Autor: Wenn ich die Teilnehmer der Stunde gut kenne und mir sicher bin, dass sie „Nein“ sagen können, frage ich gelegentlich, ob ich ein Hands-On machen darf. In diesen Fällen suche ich zuerst den Blickkontakt und stelle sicher, dass sie mich wahrgenommen haben, bevor ich sie direkt anspreche. In seltenen Fällen, wenn ich die Teilnehmer sehr gut kannte, habe ich vor der Stunde angesagt, dass ich unter Umständen Hands-On anbieten werde und jedes „Nein.“ oder „Stop.“ ohne Begründung (!) respektiere. Und mir dafür die Erlaubnis vor dem Beginn der Praxis eingeholt – jede Stunde neu, auch wenn die Teilnehmer dieselben waren.

Dies gilt selbstverständlich auch für die Nackenmassage während des Savasana: Auch hier muss die Erlaubnis ausdrücklich eingeholt werden, der Kontakt besonders vorsichtig und gleichzeitig klar erfolgen und bei jeder Verspannung abgebrochen werden. In meinen normalen Yogastunden weise ich direkt vor Savasana jedes Mal erneut darauf hin, dass Diejenigen, die nicht berührt werden möchten, einen Klotz, die Trinkflasche oder den Gurt an das Kopfende legen sollen, damit ich Bescheid weiss. Und im Zweifelsfall unterlasse ich die Nackenmassage.)

Eigene Asanabeispiele reduzieren, kein Idealbild projizieren

Yoga kann seine heilsame Wirkung bei traumatisierten Praktizierenden dann entfalten, wenn diese wieder eine positive Beziehung zu ihrem Körper aufbauen, sich in ihrem Körper wieder heimischer und wohler fühlen können. Dies braucht häufig – und nicht nur bei traumatisierten Menschen – Zeit und ein Stück für Stück Herantasten. Und auch das Akzeptieren und Annehmen der eigenen Grenzen ist insbesondere für emotional verletzliche Menschen ein wichtiger Schritt. Deshalb sollten Demonstrationen und Anleitungen von Asana auf ein Mindestmaß beschränkt werden und das fühlende (im Gegensatz zum beschreibenden) Wahrnehmen im Vordergrund stehen. Selbstverständlich sind dabei Hinweise auf anatomisch gefährliche Haltungen nicht ausgeschlossen! Und doch ist es hilfreich, einfache Haltungen den komplexeren Haltungen vorzuziehen.

Vorsicht mit Leistungsvorgaben oder Anfeuern - Grenzen unbedingt akzeptieren

Insbesondere bei Zentrumsarbeit oder auch im Stuhl ist es verlockend, einige anfeuernde Bemerkungen zu nutzen: „Da geht noch was!“, „Wenn der Bauch /die Oberschenkel noch nicht brennen, habt Ihr noch nicht gemacht!“ und andere Varianten kenne ich. Und freue mich selber oft darüber, wenn sie mit einem großen Augenzwinkern verknüpft sind. Im Trauma-sensitiven Yoga bedürfen sie allerdings einer besonderen Vorsicht, denn dort geht es oft darum, dass die Teilnehmer wieder ihre Grenzen spüren und annehmen lernen. Und wenn sie dann noch erfahren, dass ihre Grenzen von anderen, also in dem Fall dem Unterrichtenden, akzeptiert werden, können sie wieder mehr Sicherheit in ihr Leben integrieren und sich weiter in die Erfahrung trauen.

Leistungsvorgaben können auch indirekt entstehen, wenn „besonders gute“ Praktizierende einseitig hervorgehoben und gelobt werden. Die Betonung hier liegt auf „einseitig“, denn Ermunterungen und Aufmunterungen können vielfältig und allen gegeben werden.

Bestimmte Übungen auslassen oder erst sehr viel später einbringen

Leider haben viele Menschen sexualisierte Gewalt erlebt. Übungen, die den Beckenbereich oder Brustbereich exponieren bzw. Liegepositionen mit gegrätschten Beinen oder „sich- darbietenden“ Haltungen, können retraumatisierend wirken und Gefühle der Hilflosigkeit auslösen. Deshalb ist es gut, diese Übungen anfangs wegzulassen und diese erst zu einem Zeitpunkt einzubringen, wenn die Praktizierenden miteinander vertraut sind und sich gut aufgehoben wissen.

In diesem Zusammenhang gilt es auch, das Zögern der Praktizirenden positiv aufzugreifen. Wenn Jemand nicht in eine Asana gehen möchte, ist das ein gutes Zeichen: Diese Person drückt ihr Bedürfnis und ihre Grenzen aus. In diesem Fall schaue ich ganz genau hin und biete eine alternative Asana an, ermutige gegebenenfalls die TeilnehmerIn die Haltung weniger intensiv zu machen und ihre Grenzen genau zu erspüren oder lasse die Person einfach gewähren.

Atemübungen mit Bedacht

Jeder Traumaerfahrung geht eine Stressreaktion bevor. Bei einer Traumaerfahrung hat der Körper die Tendenz den Atem anzuhalten, sehr flach zu atmen. Betroffene sagen, es fühlt sich so an, als „wolle der Körper nicht mehr atmen“. Bei Stress ist die Atmung auch flach, aber schneller. Es ist für Betroffene sehr hilfreich, wieder zu einem natürlichen Atemrhythmus zu finden. Bei intensiven Atemübungen oder Hechelatmungen ist jedoch Vorsicht geboten. Diese können Re-Traumatisierungen oder auch Panikgefühle auslösen, da nahezu jeder Traumaerfahrung eine Stressreaktion mit erhöhter Atemfrequenz vorangeht.

Auch ausgedehntes Atemanhalten, die Atempause erfahren und Ähnliches können diese Angstzustände auslösen. Atemübungen können Betroffenen wieder Kraft geben und stark belebend wirken - solange wir bewusst und kontrolliert in diese Zustände gehen. Bei Traumaerfahrung ist große Vorsicht geboten.

Übungen können auch Tränen auslösen

Wenn der Körperpanzer gelöst wird, der Körper wieder wahrgenommen wird, dann werden häufig auch Emotionen wieder gefühlt und zugänglich , das kann Tränen auslösen. Auch die Erfahrung einer tiefen Ruhe kann Tränen ins Fließen bringen und Erleichterung bringen. Tränen die draussen unter dieser enormen Spannung nicht geweint werden können. Bitte haltet Decken bereit und teilt Taschentücher aus. Und prüft auch hier Eure eigene Haltung: Könnt Ihr diese Tränen einfach zulassen? Und den Raum für die Person halten, ohne dass Ihr eine Vertiefung herbeiführen wollt oder versucht, diesen Tränen auszuweichen? Erlaubt Ihren Teilnehmern alleine diese Erfahrung zu durchleben? Oder meint Ihr, sie trösten, in den Arm nehmen zu müssen?

Raum für eigenes Erleben geben

Wir gehen häufig davon aus, dass andere Menschen ein ähnliches Erleben haben, wie wir.

Der Autor: So höre ich z.B. sehr oft in Eka Pada Konasana, der schlafenden Taube, dass im Hüftgelenk „schmerzhafte“, „schwierige“ oder auch „negative“ Emotionen sitzen und sich lösen können. Und schon einige Male war ich dann kurz davor laut loszulachen: Mal war es die mir „gewollt“ erscheinende Ernsthaftigkeit, mit der die Lehrer redeten, während bei mir nicht mehr als ein angenehmes Ziehen vorhanden war. Mal war es die Urkomik, die dieses Bild der Praktizierenden für Jemanden, der die Klasse von aussen betrachtet, haben muss. Und andere Male war mir einfach nach Lachen zumute, ohne dass ich einen Grund dafür nennen konnte - mir ging es einfach gut. Doch anderen mag es bei dieser Übung ganz anders gehen.

Insbesondere bei traumatisierten Menschen ist es wichtig, dass diese Yoga-Praktizierenden ihr eigenes Erleben wieder entdecken, das eigene Körpergefühl erspüren und merken, wie es sich verändert.

Anstelle von „Diese Asana ist gut gegen Depression.“ steht dann „Nimm das Gefühl im unteren Rücken wahr. Falls es unangenehm ist, ziehe den Nabel zur Wirbelsäule. Wenn es weiterhin unangenehm ist, reduziere die Intensität der Haltung, indem Du den Oberkörper etwas absenkst.“. Oder auch: „Anstrengung kann unangenehm oder auch angenehm sein. Bemerke, wie sie sich jetzt, heute bei Dir anfühlt und reduziere oder steigere sie so, dass sie angenehm wird.“

Besonders wichtig ist in trauma-sensitiven Yogastunden, dass negative Emotionen nicht zusätzlich getriggert werden, da dies zu einer Re-Traumatisierung führen kann. Traumatherapeuten durchlaufen eine tiefe Ausbildung, in der sie lernen, wieweit sie ihre Klienten gerade wieder an ein Trauma heranführen können, ohne eine Re-Traumatisierung auszulösen. Ohne diese Ausbildung fehlt uns Yogalehrern eine wichtige Kompetenz und es gilt dann, innerhalb unserer Kompetenz unser Bestes zu geben, indem wir uns beschränken!

Genügend Raum erlauben

Emotional verletzlichen Menschen hilft es normalerweise, wenn sie sich ihren eigenen Raum nehmen können – physisch, emotional und auch mental. Dies kann bedeuten, dass sie sich ihren heutigen Lieblingsplatz aussuchen, der ggf. auch abseits der anderen Praktizierenden ist. Oder dass sie zeitweise die Praxis unterbrechen, um ihre Emotionen wieder zu stabilisieren.

In diesen Situation kann es der Betreffenden helfen, wenn wir ihr signalisieren, dass es okay ist, dass sie sich ihre Zeit nimmt. Wir können ihr eventuell eine Decke umlegen, um sie in dieser Situation zu unterstützen (immer als Angebot). Wichtig ist es, dabei immer wieder darauf zu achten, ob sich derjenige aus der Situation gänzlich zurückzieht und isoliert. In diesem Fall mache ich ihm/ihr dann ein Angebot, wieder in die Übungen einzusteigen.

Genügend Raum erlauben bedeutet auch, dass wir besonders vorsichtig in unserer eigenen körperlichen Annäherung sind: Man muss sich nur vorstellen, welche Gefühle die Silhouette eines im Happy Baby einen Assist gebenden Lehrers in einem Vergewaltigungsopfer auslösen kann, wenn dieses bei geschlossenen Augen „plötzlich“ an den Oberschenkeln berührt wird. Wie oft sind wir selber in unserer Praxis in Gedanken woanders – selbst mit offenen Augen? Befinden sich traumatisierte Menschen in herausfordernden bzw. belastenden Situationen, setzen häufig dissoziative (Schutz-)Mechanismen ein. Obwohl sie körperlich anwesend sind, erscheinen sie wie „weggetreten“, „geistig bzw. emotional abwesend“.

Und zu genügend Raum erlauben gehört auch die Freiheit, dass traumatisierte Teilnehmer eine abweichende Yogapraxis machen, die für sie in diesem Moment besser ist. In der Klasse für Trauma-Klienten hat der Autor die Teilnehmer hierzu direkt ermutigt.

Vorsicht mit geführten Meditationen

In einigen Yogaklassen werden geführte Meditationen aus unterschiedlichen Traditionen angeboten. Der Body-Scan in unterschiedlichen Varianten ist ein Klassiker. Visualisierungsübungen sind eine andere Variante. Und Ihr habt u.U. noch andere Varianten im Angebot.

Da eine Re-Traumatisierung durch sehr spezifische und individuelle Trigger ausgelöst werden, ist bei geführten Meditationen Vorsicht angesagt. So kann ein Visualisierungsangebot, das für die meisten von uns sehr angenehm und positiv belegt ist, eine Re- Traumatisierung bewirken. Der Autor erinnerte sich im Moment dieses Schreibens an eine für ihn sehr schöne Visualisierung, bei der er sich vorstellte, wie ein Blatt sanft von leichten Wellen getragen auf einem Fluss unter blauem Himmel ins Meer zu treiben. Und dann durfte er auf dem Meer noch weiter loslassen und in dem warmen Wasser auf den Meeresgrund herabsinken... Was lösen möglicherweise die Assoziationen Meer und blauer Himmel bei einem Flüchtling aus, der über das Mittelmeer geflohen ist?

Auch der Body-Scan kann das Gefühl der Taubheit oder Anspannung wieder sehr stark ins Bewusstsein rufen und dadurch eine Verschlimmerung der Symptome bewirken. Geräusche sind nicht notwendigerweise sicherer, da wir in einer Gruppe nicht wissen, was die einzelne Person direkt vor dem Bombenangriff gemacht hat und welche Geräusche mit der traumatisierten Situation verknüpft sind.

In der Einzelarbeit können die Teilnehmer individuell an solche Übungen heranführt werden und die richtige Arbeit kann hier sehr heilsam sein (wenn der Lehrer weiß, was er tut). In einer Gruppe gibt es üblicherweise zu viele Unbekannte.

Selbst-Fürsorge

Auch HelferInnen müssen auf sich achten, indem sie auf ihre persönliche Belastungsgrenze achten, diese spüren und schützen. Es ist wichtig, die eigenen Ressourcen im Blick zu haben, also für sich selbst für ausreichend Pausen und Ruheinseln zu sorgen und einen realistischen Blick auf die Situation zu behalten. Starke Gefühle des Helfen-wollens und Nicht Helfen- könnens führen leider schnell zu Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht beim Helfer.

Jeder der mit Menschen arbeitet, weiß aus eigener Erfahrung, dass es zu Übertragungs- und Resonanzphänomenen kommt. Fröhlichkeit kann ebenso ansteckend sein, wie Gefühle der Niedergeschlagenheit, oder Ängste. Auch wenn „nur“ Yoga gemacht wird, sind wir in Kontakt mit den intensiven Emotionen unserer Teilnehmerinnen, eben Yoginis mit einem besonderem Erfahrungshintergrund.

Ein erster Schritt der Selbst-Fürsorge ist der Kontakt zu uns selbst. In der einfachsten Praxis sieht das so aus, dass wir immer einen Teil unserer Aufmerksamkeit auf unserem Atem haben: So lange unser eigener Atem fließt, bleiben wir zumeist „transparent“ und die sich zeigenden Gefühle können durch uns durchfließen. Wenn der Atem stockt, ist das oft ein Zeichen, dass wir nicht mehr „transparent“ für das, was sich gerade zeigt, sind. Grundsätzlich gilt hier, dass wir umso offener für die Welt sind, je näher wir bei uns selbst bleiben, je besser unser selbst-referenzielles Gefühl ist.

Auch kann es sehr hilfreich sein, wenn die Lehrenden eine eigene Praxis, ein Ritual einüben, bei dem sie sich einerseits direkt im Anschluss an die Stunde ihre eigenen Gefühle, Körperwahrnehmungen und Gedanken bewusst machen und diese andererseits ganz bewusst wieder loslassen. Beispielsweise kann man dies tun, indem man all die „übernommenen“ Gefühle beim „Händewaschen“ mit dem Wasser einige Minuten lang abfließen lässt. Oder alternativ können wir dies durch eine entsprechende Atempraxis durchführen: Ausatmend geben wir alles, was sich zeigt, tief in die Erde (oder etwas Größeres) ab und einatmend füllen wir uns mit angenehmer Energie und schöpfen aus dem größeren Sein. Und wenn wir dann doch merken, dass sich ein Thema bei uns festgesetzt hat, lohnt es sich möglichst bald externe Hilfe zu holen, so dass wir das Thema wieder loslassen können. 

Sozio-Kulturelle Aspekte

Flüchtlinge kommen aus sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Neben religiösen Sensibilitäten (und die dürften oft deutlich größer sein, als das bei uns der Fall ist) greifen auch andere Aspekte. Hier seine zwei Beispiele genannt:

Berührung von fremden Menschen

In unserer Welt fehlt vielen unserer Schüler wohlmeinende Berührung durch Andere – sie genießen oft die berührende Aufmerksamkeit der Hands-On. Und unter „guten Yogis“ ist eine Umarmung sogar Teil des „guten Yogi-Seins“ (schließlich beugt Berührung auch Depressionen vor und stärkt das Immunsystem, wie wir alle wissen).

In anderen Kulturen können Berührungen auf den engen Familienkreis beschränkt sein und Fremde geben sich nicht einmal zur Begrüßung die Hand. Der Grad der Berührung kann auch zwischen den Geschlechtern beschränkt sein.

Wenn ich mir nicht sicher bin, was geht, beobachte ich sehr genau und frage in einer sehr offenen und respektvollen Haltung nach.

Haltungen

Schon für viele Menschen, insbesondere Männer und auch Frauen, in unserem so „aufgeklärten Land“, die noch keine Yogapraxis haben, sind viele Asana nicht nur körperlich herausfordernd. Wir öffnen uns im Yoga in einer Weise, wie wir es sonst oft nur im sehr intimen Bereich der Familie oder beim Spielen mit Kindern machen.

In anderen Kulturen sind andere Haltungen kulturell nicht erlaubt oder problematisch als das bei uns der Fall ist. Andererseits hat der Autor in einigen Ländern (z.B. Indien und Thailand) eine viel größere körperliche Nähe zwischen Männern beobachten können, als dies bei uns ab der Pubertät üblich ist.

Auch hier lohnt es sich, wenn wir uns von Konzepten verabschieden und einfach beobachten und offen und respektvoll nachfragen. Kichert da nur eine Person? Oder sind es gleich mehrere? Könnte das ein Ausdruck des peinlich-berührt Seins sein? Oder Ärger? Fragen wir doch einfach nach und erlauben uns und dem Gegenüber, das Ungewohnte, das Neue willkommen zu heißen, sowie offen, aufgeschlossen und achtsam zu bleiben.