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Bildquelle: Istockphoto.com

Wie du der perfekte Yogaschüler wirst...

Von Kristin Rübesamen

Egal, aus welchem Grund du angefangen hast, Yoga zu üben, irgendwann, es kann Jahre dauern, wahrscheinlich nur ein halbes, wirst du ihn plötzlich spüren, den Ehrgeiz, gut sein zu wollen im Yoga: der perfekte Yogaschüler.

Schluss damit, in letzter Minute zu kommen und sich raschelnd noch einen Platz am Fenster zu suchen, ein halbes Croissant im Mund und schon wieder keinen Sport-BH an. Schluss mit dem doppelten Espresso vor der Stunde, Schluss mit Fastfood. Weg mit der Angewohnheit, vor Savasana zu gehen, weil dann die Dusche garantiert frei ist.

Nein.

Neuerdings bist du die Erste, sitzt eine Viertelstunde vor Beginn der Stunde auf der Matte und meditierst.

Neuerdings flattern deine Augenlider auch nicht mehr so auffällig von all dem Koffein, weil du nämlich auf grünen Tee umgestiegen bist und statt Tiefkühlpizza brav Quinoa isst. 

Neuerdings flippst du auch nicht mehr aus, wenn jemand über deine Yogamatte läuft, oder der Nachbar sein Handy angelassen hat, oder deine Lieblingslehrerin einfach nicht erscheint und stattdessen ein feindselig lächelnder Psychopath, der nicht erlaubt, dass du nur ein kleines bisschen das Fenster öffnest (dabei sieht doch jeder, dass du gleich in Ohnmacht fällst!).

Neuerdings übst du morgens gleich nach dem Aufstehen und abends gleich nochmal. Dazwischen musst du ein bisschen Geld verdienen, aber weil dir Geld egal ist, kündigst du irgendwann deinen Job und verschenkst deine Sachen. 

Neuerdings gibst du auch nicht Ruhe, bevor du nicht jede Haltung perfekt beherrschst. Gott sei Dank gibt es Abbildungen, denen du nacheifern kannst, und manchmal machst du auch Fotos von dir, um zu kontrollieren, ob alles schick ist. Du vergisst im Eifer ein wenig, dass es wichtiger ist, wie sich eine Haltung anfühlt, als wie sie ausschaut, aber hey, dafür siehst du toll aus.

Neuerdings gehst du gerne zu Lehrern, die mit Fitnesscenter-Vokabular um sich werfen: „pressen“, „ziehen“, „höher“, „tiefer“ – jedes Adjektiv im Komperativ, denn es geht immer noch höher und weiter und besser. Und tatsächlich, der Lehrer bemerkt deine Leistung und gibt dir zu verstehen, wie tüchtig du bist. Und beide vergesst ihr, dass du nicht in der Grundschule bist und das Klassenziel erreichen sollst...

Neuerdings bist du erleuchtet und damit es alle wissen, postest du sicherheitshalber ein Foto von dir im Sonnenuntergang im perfekten Lotussitz.

Kurz: Du bist der perfekte Yogaschüler.

Komisch nur, dass du keine Freunde mehr hast. Plötzlich, während du deine Nasendusche auswäscht, verstehst du, was du falsch gemacht hast. Du wolltest perfekt sein, weil du dachtest, wenn du perfekt bist, wird die Welt um dich herum perfekt. Wenn du nur der perfekte Yogi wirst, dann kann dir niemand vorwerfen, nicht dein Bestes gegeben zu haben, wenn die Dinge da draußen schief laufen. Es ist nur so: Die Dinge laufen andauernd schief, die Welt ist bedrohlich, steckt voller Widersprüche und wenn du im perfekten Paradiesvogel glänzt, änderst du nichts daran.

Es ist bitter. Anstatt die Einheit nicht nur von Körper und Geist, sondern auch die Einheit unter dem Menschen und damit auch der Respekt vor ihrer Vielfalt zu stärken, bist du zum Streber geworden, zum Einzelgänger, mit dem sich niemand verabreden will.

Aber, und jetzt kommt die gute Nachricht: Um ein perfekter Yogi zu werden, musst du nicht jeden Tag meditieren. Ein perfekter Yogi wäre derjenige, der es einem anderen ermöglicht, Ruhe, Kraft und inneren Frieden zu finden. Derjenige, der für seine Nachbarin einkauft, anstatt noch eine Power-Stunde abzureißen. Ich weiß, es ist hart, denn kaum etwas ist so befriedigend, als eine Stunde richtig zu schwitzen und hinterher einen klaren Kopf zu haben. Aber vielleicht könnten wir alle, nur dann und wann, anstatt auf dem Weg zum Yogastudio alle wegzuzhupen dieses andere Konzept verfolgen und der Nachbarin ihre Weißweinflaschen in den 4. Stock tragen, ohne ihr zur Detox-Kur zu raten.

Denn egal, wie perfekt du im Kopfstand stehen wirst, egal, wie perfekt du bist als Yogi, du kannst dich nicht aus der Affäre ziehen. Egal, wie oft du dich auf deine Matte zurückziehst, irgendwann kommt der Moment, wo du wieder auf die Welt triffst, und dann entscheidet sich, wie gut dein Yoga ist. Hast Du in aller Härte geübt, ohne Hilfsmittel, ohne auf deine Schmerzgrenze zu achten, ohne Erbarmen für deine Gelenke und deine Knochen, dann stehen die Chancen schlecht, dass Du das Mitgefühl, das du dir selbst gegenüber nicht zeigen konntest, für andere aufbringst.

Wenn es aber darum geht, zu definieren, was ein perfekter Yogi ist, wollen wir an die fünf Hindernisse erinnern, die uns laut Patanjali, dem wichtigsten Yogaphilosophen, den Weg zu einem glücklichen Leben erschweren: Das sind Unwissenheit (avidya), Anhaftung (raga), Abneigung (dvesa), die Angst vor dem Tod (abhinivesah) und ganz wesentlich: das Ego (asmita).

अविद्यास्मितारागद्वेषाभिनिवेशाः क्लेशाः || 2.3 ||

avidyāsmitā-rāga-dveṣābhiniveśāḥ kleśāḥ || 2.3 ||

Die Kleshas (störenden Kräfte) sind Avidy (Verwechslung), Asmita (Selbstbezogenheit), Raga (blinde Zuneigung), Dresha (blinde Abneigung), Abhinivesha (unbegründete Angst)

Übersetzung: Sriram

Verzeih' uns, wenn wir hier gerade etwas pathetisch werden, aber in einer Welt, in der die Schwachen, die Nichtperfekten, die Kranken, die Alten, und alle, die einfach nur anders sind, gefährdet sind, wollen wir Yogis nicht auf Perfektion drängen, sondern daran erinnern, dass wir alle eins sind. Und darauf eine „Quattro stagione“.

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