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Bildquelle: Nivata

Rishikesh – geschäftstüchtige Yoga-Hauptstadt

Von Ralf Sturm

Ich kenne nicht viele Orte, die ich Indien-Reisenden so sehr ans Herz legen würde wie Rishikesh, diesen legendären Ort am Fuß des Himalaya. Still und kühl fließt hier der heilige Fluss Ganga, die Berge langsam verlassend, durch das Zentrum des Ortes, in dem sich seit einigen Jahren Yoga-Schule an Yoga-Schule reiht. Laut dem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag gilt Rishikesh als die „Yoga-Hauptstadt der Welt“. Mancher geschäftstüchtige Inder wird nicht müde, genau das zu betonen, was den Ort in der letzten Zeit leider einiges von seinem Zauber gekostet hat. Yoga zeigt sich dort mittlerweile auch von seiner weniger schönen (Business-)Seite. Und das liegt nicht nur am Wunsch vieler Menschen, an den Heilsversprechen des Yoga etwas mitzuverdienen – sondern auch an der Sehnsucht nach einfachen Lösungen.

Rishikesh früher: Startpunkt für Himalya-Pilger

Seit Jahrhunderten als Ausgangspunkt für Pilgerfahrten in den Himalaya bekannt zog Rishikesh tatsächlich immer viele Menschen an. In den Meditationshöhlen und -Klausen entlang des Ganges verwirklichten Yogis durch jahrzehntelange Praxis ihr Selbst. Um manche von ihnen entstanden Ashrams, die sich primär als Klöster verstanden. Heute noch gibt es etwa die von Swami Sivananda gegründete Divine Life Society, in die man auch jetzt nur mit Anmeldung aufgenommen wird. Sivanandas Popularität beruhte bis zu seinem Tod in den sechziger Jahren auf seiner Persönlichkeit, nicht auf dem Erfolg seiner Werbe-Plakate. Solche Plakate hielten erst Einzug in Rishikesh, als 1967 die Beatles mit Maharishi Mahesh Yogi in Rishikesh Meditation übten und der Ort Ströme westlicher Touristen anzuziehen begann. Denn viele der Einheimischen merkten, dass mit der Suche nach Erlösung auch die eine oder andere Rupie zu verdienen war.

Rishikesh heute: Werbeplakate und Heilsversprechen

Das Paradox von Rishikesh ist: Viele Yoga-Meister sind Yoga-Meister geworden, weil sie sich von der Außenwelt zurückgezogen hatten. Und nur wenige von ihnen sprachen dann über sich. Trotzdem gab es in den letzten Jahrzehnten ein stetig steigendes Heer von Suchenden, die einen Lehrer brauchten. Und während der kühle Fluss weiterhin durch die Schluchten des Ortes zog - unberührt vom Alltag und den jährlich zunehmenden Rafting-Booten mit reichen Geschäftsleuten aus Delhi -, erklärten sich monatlich mehr junge Menschen bereit den Beruf des Yogalehrers anzunehmen, und großformatige Plakate mit Slogans wie „Yoga School“ und „4 Week Yoga Teacher Training“ aufzuhängen. Man sieht von ihnen – den Lehrern und den Plakaten – mittlerweile mehr als vom Panorama der geduldigen grünen Berge um den Ort herum.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Rudra Dev

Einer der nie zu diesem Trupp von PR-erfahrenen Yogalehrern dazugehören wollte ist Rudra Dev. Sein Yoga Study Center ist die einzige langjährige Institution des Ortes, die alle Einheimischen – selbst die Riksha-Fahrer – kennen (auch wenn er ganz am Rande von Rishikesh in Koyalgati wohnt). Früher war Rudra Mönch in der Divine Life Society und damit im Herzen ein Verehrer von Swami Sivananda. Er musste aber den Ashram verlassen, weil er als Yogalehrer lieber in der Tradition von B.K.S. Iyengar, den er ebenso als seinen Guruji gewählt hatte, unterrichtete. Es sprach sich herum, dass er jeden Tag drei Stunden Asanas übte, und jetzt zählen spirituelle Reiseführer Rudra zu den größten Hatha-Yoga-Lehrern des Landes. Die große Zahl von interessierten Schülern aus dem Westen wurde nur deshalb stetig kleiner, weil von Rudra lernen auch bedeutete, in seinem Stolz verletzt zu werden. „Du bist der Schwächste, der Steifste...“, solche Töne hörten nicht wenige von Rudra Dev - bis einige Jahre nach seinem fünfzigsten Geburtstag ein wenig Altersmilde in seinen Unterricht einzog, und ihn weniger gefährlich für das westliche Ego machte. Doch bis dahin war es den meisten Touristen sowieso zu unbequem geworden in die außerhalb liegende Schule zu fahren. Denn eine German Bakery gibt es dort nicht - in den Cafes und Restaurants neben den Yogaschulen in den beiden Touristenzentren des Ortes allerdings ist es kein Problem Schokoladenkuchen zu finden.

Am Ufer des Ganges

Vielleicht ist die majestätische, grüne Ganga der Grund, weshalb sich trotz der vielen lauten Yogaschulen immer noch viele in Rishikesh verlieben. Denn beim Betrachten der Berge um den Ort vom Ufer des Flusses aus wird es spürbar stiller im Kopf. Plötzlich versteht man, warum Menschen aus allen Teilen der Welt sich hier niederlassen, um die Suche im Innen zu beginnen (oder zu vollenden). Dann tut es einem fast leid, wie viel geschickter die besten Geschäftsleute/Yogalehrer von Jahr zu Jahr werden, wie sie die Themen plakatieren bei denen die Münze in den Klingelbeutel springt. Waren es in den vergangenen Jahren vor allem die „4 Week Teacher Trainings“, die Touristen anzogen, nutzen die modernen Weisheitslehrer nun die Sehnsucht der Alleinreisenden nach Liebe. „Relationship Training“ und „Spiritual Love Classes“ füllen sich mit Menschen, denen die Verzweiflung anzumerken ist, wenn sie beim Chai über Tantra philosophieren. „Bitte heiraten Sie nicht unsere Yogalehrer! Wir bekommen nicht genug Nachschub.“ bat vor einigen Jahren ein Schild im mittlerweile geschlossenen Green Cafe am Flussufer.

Wer sucht, der findet

Doch Nachschub kommt. Ein stadtbekannter Geschäftsmann, der sich heute Swami Chidanand nennt (nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Präsidenten der Divine Life Society) organisiert nun jährlich das International Yoga Festival und wird von der lokalen Politik hofiert. Schlecht muss das ja nicht sein, dass Rishikesh so jedes Jahr noch etwas prominenter auf der Landkarte wird. Wer sich auf den Weg dorthin macht hat jedenfalls immer noch gute Karten wirklich vom Yoga begeisterte Menschen zu finden. Und selbst wenn man von manchem Angebot in der „Yoga capital of the world“ enttäuscht sein mag - allein am Fluss zu sitzen und dem Leben darum herum zuzuschauen kann einen schon ganz schön glücklich machen. Ohne dass einem jemand erklärt, wie man das mit nach Hause nehmen kann.

 

Authentisches Yoga gibt es glücklicherweise nicht nur in Indien: Ralf Sturm und Katharina Middendorf bieten auch 2018 die Ausbildung zum Meditationsleiter an.